Unehrliche Politiker und Beamte aufgepasst. Der Pechsee droht.
Wir befinden uns– nach Dante – im fünften Ring der Hölle.
Alles, was einem zu Lebzeiten an den Fingern geklebt hat, mutiert hier zu einem schwarzen Gebräu, in dem man meistens kopfunter befestigt bleibt. Pech gehabt (haha). Wer es wagt, die Oberfläche zu erstreben, wird von äußerst unfreundlichen Dämonen, die mit großen Mistgabeln ausgerüstet sind, traktiert und wieder nach unten gedrängt.
Doch kein Weilen bei den Gequälten heute. Vielleicht ein anderes Mal. Mich geht es um die Übersetzer. (Auch sie riskieren die Hölle).
Erst Folgendes: Dantes „Göttliche Komödie“ ist ein unterhaltsames und zum Teil sehr lustiges Werk. Das merkt man nicht immer, weil die Witze aus einem fernen Zeitalter stammen. Nur der Klamauk springt einem noch in die Augen.
Kurz zur Handlung unserer Stelle: Der Erzähler (Dante) und sein Führer durch das Inferno, Vergil, brauchen die Hilfe der oben erwähnten Quälgeister, die im fünften Ring das Sagen haben, um weiter in den sechsten Ring zu kommen. Die Teufel bieten schier begeistert ihre Hilfe an, und geben ihrem Kommandanten das Signal ihrer Bereitschaft.
So klingt es im Italienischen des Spätmittelalters, wenn ein jeder Teufel dem Hauptmann gegenüber den Marsch bläst:
Ed elli avea del cul fatto trombetta. Wörtlich: “Und er machte aus seinem Arsch eine Trompete.”
Schön derb für unsere Ohren. Doch was machen diverse Übersetzer daraus?
Wir fangen mit einer deutschen Übersetzung aus der Mitte des 19. Jahrhundert an, von „Philalethes“ (Liebender des Vergessens). Hinter diesem Pseudonym steckt übrigens Johannes, König von Sachsen (1801-1873), der es neben seiner uferlosen Verwaltungsarbeit schaffte, eine großartige Übersetzung dieses Werkes anzufertigen. Hier seine Handhabung des Arsches, der Trompete wird:
Und der gebraucht den Hintern als Trompete.
Schön schlicht, meine ich. Dazu hat es seine Hoheit geschafft – wie Dante – die Betonung dieses Satzes auf „Trompete“, zu setzen. Allerdings macht Philalethes „cul“ (im heutigen Italienischen „culo“) zu einem „Hintern“. Geht das? Oder war er zu prüde „Arsch“ zu schreiben? Vielleicht. Andererseits: Wie klang „Hintern“ mitten im 19. Jahrhundert in den Ohren der Leser? Derb? Oder grenzwertig? Und wie klang „cul“ im 14. Jt. besonders grob oder nur ein bisschen unflätig? Ich weiß die Antwort nicht.
Aber weiter. Hier nun eine Übersetzung von August Vezin (1879-1963), seinerzeit einem angesehenen dt. Philosophen und Literaten. Seine „Göttliche Komödie“ erschien 1926. Vezin hat sich sogar die Mühe gemacht, das Werk in „terza rima“, ins Versformat also, das auch Dante verwendete, zu übertragen. Hier nun die letzten vier Zeilen vom Canto XXI:
Nun steckten sie aus breitem Maul die Zungen
Dem Hauptmann zwinkernd zu, zum Fürdermarsche
Bereit. Und Jener rief: „Linksum, ihr Jungen!“
Und gab das Marschsignal mit seinem…
Clever, das mit dem punktpunktpunkt. So kommt jeder auf seine Kosten – auch die Zensur.
Aber weiter: Als Kontrast nun eine neue, wortwörtliche Prosaübersetzung des bekannten Mediävisten Kurt Flasch (geb. 1930). Zum besseren Verstehen der ganze Satz:
Aber vorher hatte jeder zum Abschied von ihrem Führer die Zunge herausgestreckt, die Zähne gefletscht und aus seinem Hintern eine Trompete gemacht.
Nüchtern und genau – und der Akzent bleibt wie bei Dante (und Philalethes) auf „Trompete“. Nur wieder die Frage: Ist ein „Hintern“ ein „cul“?
Letztes Angebot: aus einer (meiner Meinung nach) sehr schönen englischsprachigen Übersetzung (1983) des amerikanischen Romanisten und Lyrikers Allen Mandelbaum (1926-2011):
And he had made a trumpet of his ass.
Ausgesprochen derb fürs englische Ohr. Bloß: Mandelbaum betont den „ass“ und nicht – wie bei Dante die „Trompete“. Vielleicht aus sprachrhythmischen Gründen (obwohl: „and he made his ass into a trumpet“ hätte, meine ich, auch funktioniert). Immerhin hat der Satz die Schlichtheit des Originals.
Tja, ich bleibe letztendlich sprachlos. Daher mein Fazit: Man liest etwas im Original oder man nimmt lauter Kompromisse in Kauf.
Aufgepasst unehrliche Politiker und Beamte…etc.
Wissen Sie, was der Unterschied ist zwischen einer Komödie und einer Tragödie?
Die Antwort ist eigentlich ganz easy. Eine Komödie ist eine düstere Geschichte, die gut ausgeht. Zum Beispiel Dantes „Göttliche Komödie“. Der Erzähler beginnt seine Reise in der Hölle, wo alle in Pech, Scheiße und im ewigen Eis völlig ohne Hoffnung ausharren. Am Schluss führt er uns Leser ins Paradies. Ende gut, also, alles gut.
Eine Tragödie hingegen ist genau das Gegenteil. Die Geschichte kann durchaus hoffnungsvoll beginnen. Man lernt einen glücklichen Menschen mitten im Leben kennen und zack! Auf einmal sackt das Lügengebäude zusammen und alles artet in die unaufhaltbare Katastrophe aus. Ödipus, zum Beispiel, ist ein glücklicher Tyrann. Doch dann fängt die Kacke zu dampfen an. Am Schluss hat er alles verloren – auch sein Augenlicht.
Diese paar Brocken aus meiner humanistischen Erziehung teile ich Ihnen gerne mit, weil ich selber zum wiederholten Mal überlege, ob mein eigenes Leben eher tragisch oder komisch verlaufen ist.
Bei mir geht es – wie immer – um die Sprache.
Wie manche Leser bereits wissen, wurde mir die deutsche Sprache nicht in die Wiege gelegt. Ich war bereits 28 Jahre alt, als ich mich mit ihr ernsthaft auseinanderzusetzen begann. Inzwischen sind es ca. 40 Jahre. O Gott, hab ich mein Alter verraten!? Und Fakt ist: Ich stelle nach 40 Jahren zu meinem Verdruss fest, dass ich diese deutsche Fremdsprache nie hundertprozentig beherrschen werde. Ich gebe zu: Keiner würde behaupten, dass ich mich nicht fließend (und manchmal auch differenziert) in der Fremdsprache ausdrücken kann. Doch der letzte Schliff – das unerforschliche bisschen Pfeffer und Salz – wird mir immer fehlen. Wenn das nicht wie der Stoff einer Tragödie klingt.
Für dieses Scheitern gibt es freilich Gründe:
Erstens: Ich war zu alt, als ich in diese Sprache hineingestolpert bin. (Diese lange Geschichte werde ich Ihnen an dieser Stelle ersparen). Dass ich die Fremdsprache überhaupt so (beinahe) vollständig zu erlernen vermochte, liegt lediglich daran, dass ich mit 28 Jahren noch ziemlich unreif war. Ein gutmütiger Tölpel halt, was mir wiederum Gelegenheit gab, mit vielen Deutschen zu verkehren, die jünger waren als ich. Von daher war es möglich, das ich die Umgangssprache – in allen Facetten –erforschen konnte. Ein letzter Rest Kindheit also.
Zweitens: Ich war nie bereit, meine englische (viele sagen hier lieber „amerikanische“) Muttersprache aufzugeben. Warum denn auch? Ich liebe meine Sprache. Obendrein hatte ich viele englischsprachige Freunde. Dazu: Als ich meine Frau (mit der ich seit 35 Jahren zusammen bin) kennenlernte, wollte sie unbedingt mit mir Englisch reden. Warum nicht, hab ich gedacht. Sie kann es auch sehr gut. Jetzt ein Gegenbeispiel: Neulich hab ich einen Tontechniker kennengelernt, den ich eigentlich für einen deutschen Muttersprachler gehalten habe, bis er mir verriet, er sei Türke. Darüber hinaus: Er ist mit 29 Jahren nach Deutschland gekommen. „Wieso sprechen Sie Deutsch besser als ich?“ fragte ich sehr neugierig. Seine Antwort liegt auf der Hand: Er war damals ausschließlich mit Deutschen zusammen und hat kaum mehr Türkisch gesprochen – obwohl er mir mit Stolz berichtete, seine Kenntnisse seiner Muttersprache seien immer noch auf sehr hoher Ebene.
Drittens: Hmmm. Nein, es gibt nur die obigen zwei Gründe.
Die Erkenntnis, dass ich die äußersten Grenzen meiner Möglichkeiten in dieser Fremdsprache erreicht habe, hat mich verständlicherweise hart getroffen und ist für mich natürlich nicht ohne Folgen. Ich gedenke daher – mit Ausnahme dieses Blogs (oder vielleicht wenn ich mal einen Auftrag bekomme) – fortan nur noch in englischer Sprache zu schreiben. Gut möglich, dass ich beim Sprachbloggeur auch englischsprachige Seiten anbringen werde. Das weiß ich aber noch nicht.
Die wichtigste Frage lautet natürlich: Komödie oder Tragödie das Leben des Sprachbloggeurs?
Komödie natürlich! So ernst nehme ich mich auch wiederum nicht, dass ich zu jammern anfangen möchte.
Nein, liebe Lesende des Sprachbloggeurs: The best is yet to come…
Ja, auch der Sprachbloggeur will sich die Finger an dieser heißen Sudelstelle verbrennen. Naja, nicht wirklich. Ich trage heute meine ofen-und-odelfesten Handschuhe.
Eine Sache bei dieser „Schmähgedichtaffäre“ macht mich besonders konfus. Bitte, liebe juristisch Versierte: Hab ich es nur geträumt, oder sind in Deutschland doch mit saftigen Geldstrafen zu rechnen, wenn jemand im Straßenverkehr ungeduldig wird und beim Überholen eines langsamen Fahrenden, diesen den „Vogel“ zeigt?
Vielleicht gilt diese Paragraphen aber nicht mehr. Ich bilde mir ein, dass ich früher solche Geschichten in der Boulevardpresse ständig gelesen habe. Und: dass es sogar einen richtigen Bußgeldkatalog gab, insbesondere wenn einer, z.B., einen Polizisten beleidigte. Leider hab ich die Fakten nur noch diffus im Kopf. Ich glaube „Arschloch“ lag bei 1000DM, „Arschgeiger“ bei…waren es 750DM oder 1500? Hab vergessen, ob ein „Arschloch“ billiger oder teurer war als ein „Arschgeiger“.
So viel weiß ich: Ein Bekannter musste mal 8000 Euro bezahlen, weil er einen Beamten mit „Nazi“ beschimpft hat. 8000 Euro? Das kommt mir irgendwie sehr hoch vor. Das hat er jedenfalls behauptet.
Ich fand solche Geschichten stets exotisch, weil in Amerika jeder jeden nach Belieben kostenlos beleidigt.
Aber falls es diese Gesetze doch noch gibt, geh ich davon aus, dass auch der türkische Präsident – als Privatmensch versteht sich – das Recht hat, seinen ZDF-Widersacher Herrn Böhmermann wegen Beleidigung zu verklagen.
Da ich nur selten fernsehe, hab ich die ereignisvolle Sendung verpasst, in der das „Schmähgedicht“ erstmalig ausgestrahlt wurde. Erst im Nachhinein habe den Text (nicht aber das Video) im Internet entdeckt und auch mehrmals gelesen.
Was mich besonders beeindruckte: Ich habe durch die Lektüre des „Schmähgedichts“ meinen dt. Wortschatz um drei neue Wörter vergrößert. Das passiert mir nach so vielen Jahren in Deutschland äußerst selten. Und zwar: „sackdoof“, „Gelöt“ und „Schrumpelklöten“. Die ersten zwei waren nicht einmal in „Küppers – Wörterbuch der deutschen Umgangssprache“ zu finden. Bei „sackdoof“ kann man sich freilich selbst ein Bild vom Sinn machen – ein ungewöhnliches Bild, aber immerhin. Was „Gelöt“ betrifft, da bin ich mir immer noch nicht sicher, dass ich die Bedeutung dieser Vokabel in diesem Zusammenhang verstehe. Vielleicht hab ich etwas Wichtiges übersehen. „Schrumpelklöten“ ist hingegen easy – auch wenn mir „Klöten“ bis dahin kein Begriff war. Kein Wunder aber. Das Wort ist Niederdeutsch, und ich lebe in Bayern. Es ist jedenfalls mit „Kloß“ verwandt. Man braucht nicht allzu viel Fantasie, um das resultierende Bild zu verstehen.
Tja, was gibt es sonst über dieses „Schmähgedicht“ zu sagen? Nur folgende Beobachtungen:
Als erstes fiel mir ein Aufsatz ein, den ich vor vielen, vielen Jahren gelesen hatte. Es ging um ein altes Brauchtum aus der ländlichen Türkei. Vielleicht war das in Anatolien. Das weiß ich nicht mehr. Zwei rivalisierende Jugendliche begegneten sich zu einem Schmähgedicht-Wettstreit. Wer das deftigste, witzigste und unter der Gürtellinie treffendste Gedicht improvisierte, galt als Sieger. Der Inhalt dieser Gedichte war nicht von dem Böhmermanns zu unterscheiden. Ich wollte mich wieder über diese uralte türkische Gepflogenheit genauer informieren, doch unter Stichwort „türkisches Schmähgedicht“ fand ich im Netz nur unzählige Seiten über die Rivalität Böhmermanns/Erdogans. Google ist wohl eine Mode-Suchmaschine.
Zweite Beobachtung: Ich kannte das Phänomen des Schmähgedichts ohnehin aus der römischen Lyrik. Bekannteste Vertreter dieses Genres waren Catullus und Martial. Ihre Beleidigungen hinkten mitnichten hinter derer Herrn Böhmermanns her.
Catullus hat, z.B., Julius Cäsar mit derart schrumpelklötelschen und auch sackdoofen Beleidigungen überhäuft, dass wir Heutigen meinen könnten, der Diktator hätte den Dichter einen Kopf kleiner machen können. Fehlanzeige. Cäsar hat des Dichters gehässige Beleidigungen gelassen hingenommen. Weil es damals in Rom üblich war, die Obrigkeit derb auf die Schippe zu nehmen.
Heißt das, dass die Römer mehr Humor hatten als manche heutige Politiker in der Türkei? Oder dass die Bewohner türkischer Dörfer humorvoller waren als diese Politiker?
Dritte Beobachtung: Ich, um ehrlich zu sein, fand Böhmermanns Gedicht sackdoof. Mir fiel bald Charlie Chaplins grandiosen Coup gegen Hitler („The Great Dictator“) als Vergleich ein – auch Billy Wilders geistreicher Angriff auf A.H. und Co. in „To Be or Not to Be“. Das ist aber eine ganz andere Klasse von Humor – und obendrein langlebiger.
Vierte Beobachtung: Nun ging mir ein Bonmot von Winston Churchill durch den Kopf: „German humor is no laughing matter“, sagte er. Doch dann dachte ich: Armer Churchill hat wohl Wilhelm Busch und Heinrich Heine nie gelesen.
Ende meiner Beobachtungen zum Thema „Schmähgedicht“.
Ich war fest überzeugt, dass ich „Spiegel-Online“ bei einem Deutschfehler ertappt hatte. Mei, war ich stolz. Besagte Textstelle, eine Überschrift, lautete: „VW Vorstände bestehen auf hohen Bonuszahlungen“.
Ha! Gotcha! (got you) dachte ich. Es müsste eigentlich „auf hohe Bonuszahlungen“ heißen. Wie ein triumphierender Kreuzzügler marschierte ich nun, um etwas Brokkoli, Zucchini und Schwammerln zu kaufen, ins Paradies. Ich glaube, die guten Erdbeeren kamen auch auf die Theke.
Ich war am Zahlen und Eintüten und bestens gelaunt, als ich mich entschloss, meinen Sieg über Spiegel-Online Frau M., Chefin des Paradieses, mitzuteilen.
„Eine Frage über Sprache“, trillerte ich heiter.
Nun schaute mich Frau M. erwartungsvoll an. Vielleicht hat sie gedacht: Hmm. Welche Überraschung zaubert der Sprachbloggeur heute aus dem Hut?
„Klingt in Ihren Ohren folgender Satz richtig?“ Daraufhin trug ich den Spiegel-Online-Text vor.
Doch bevor Frau M. Zeit hatte, darauf zu antworten, funkte eine Kundin, die zufällig gegenüber von mir da stand, dazwischen: „Der Satz ist einwandfrei.“
Liebe Leser: Ich möchte an dieser Stelle auf die gängigsten Klischees über enttäuschte Hoffnungen verzichten, aber ich weiß nicht, wie ich das Auszischen der Luft, mit der ich mich aufgeblasen hatte, sonst schildern sollte. „Nein, das darf nicht sein“ war alles, was ich hervorbringen konnte.
„Doch, doch“, legte die Dame, ihrer Sache sicher, nach. „Es ist aber so. Nach ‚bestehen auf‘ steht auf Deutsch der Dativ.“
Das musste sie mehrmals wiederholen. Und jedesmal quittierte ich die Antwort mit einem verzweifelten „Wie soll man diese Sprache jemals lernen?“
Kaum zuhause konsultierte ich Dr. Google, da er alles weiß, um die Sache auf den Grund zu gehen. Jetzt wurde es spannend. Bald erfuhr ich, dass sich auch „Zwiebelfisch“, (bürgerlich Bastian Sick), ein leidenschaftlicher Kenner der dt. Sprache, mal mit diesem Thema befasst hatte. Sein Fazit:
„Bei ‚auf etwas bestehen‘ geht…beides [d.h. Dativ und Akkusativ - Anm. d. SB], man kann ‚auf seinem Recht bestehen‘ (wenn man darauf beharrt), und man kann ‚auf sein Recht bestehen‘ (wenn man es einfordert).“
Aha! dachte ich. Vielleicht hab ich ja doch recht. Eins irritierte mich dennoch: Wo liegt denn der große Unterschied zwischen „auf meinem Recht beharren“ und „mein Recht einfordern“?
Es ist keine dumme Frage, und ich war nicht der einzige, wie ich bald feststellte, der sie gestellt hatte. Am 26. Januar 2015, z.B., schrieb ein gewisser Julian auf der Webseite „Korrekturen.de“ über genau dieses Thema. Julian hatte damals im Duden gelesen, dass „bestehen auf“ mit Dativ im Sinne von „beharren auf“ und mit Akkusativ im Sinne von „einfordern“ gebraucht werden kann (wohl auch Bastian Sicks Quelle). Wozu Julian allerdings bemerkte: „Wobei man diesem Kriterium eine gewisse Schwammigkeit nicht absprechen kann.“
So ist es! stimmte ich erleichtert zu. Die Sache ist ja schwammig!
Auch eine gewisse Karla hatte sich am 23. April 2013 auf derselben Webseite zum Thema geäußert. „Ich würde keines von beidem als falsch bezeichnen“, meinte sie, „und also auch nicht nur eines als richtig, obwohl ich auch nur den Dativ gewöhnt bin.“
Hurra! jauchzte ich wieder erleichtert…doch eigentlich meinte ich „hurra für die Muttersprachler“. Denn für einen wie mich, den Dazugekommenen, gilt diese Entscheidungsfreiheit – dieses Infrage stellen der Sprache – nicht. Für mich, den Nichtmuttersprachler, darf in diesem Fall nur der Dativ als richtig gelten. Das ganze Rundherum bleibt für mich…auf ewig…nur edle Theorie – gut genug vielleicht für eine Glosse.
Ich denke manchmal an etwas, das mir ein Textchef antwortete, als ich vor vielen Jahren vor ihm eine Formulierung in meinem deutschen Text in Schutz nehmen wollte: „Schließlich ist es unsere Sprache, Herr Blumenthal.“
Dagegen hatte (und habe) ich nichts einzuwenden. (Achtung Flüchtlinge!)
PS Ich verstehe immer noch nicht, warum hier der Dativ korrekt ist.
Ich war fest überzeugt, dass ich „Spiegel-Online“ bei einem Deutschfehler ertappt hatte. Mei, war ich stolz. Besagte Textstelle, eine Überschrift, lautete: „VW Vorstände bestehen auf hohen Bonuszahlungen“.
Ha! Gotcha! (got you) dachte ich. Es müsste eigentlich „auf hohe Bonuszahlungen“ heißen. Wie ein triumphierender Kreuzzügler marschierte ich nun, um etwas Brokkoli, Zucchini und Schwammerln zu kaufen, ins Paradies. Ich glaube, die guten Erdbeeren kamen auch auf die Theke.
Ich war am Zahlen und Eintüten und bestens gelaunt, als ich mich entschloss, meinen Sieg über Spiegel-Online Frau M., Chefin des Paradieses, mitzuteilen.
„Eine Frage über Sprache“, trillerte ich heiter.
Nun schaute mich Frau M. erwartungsvoll an. Vielleicht hat sie gedacht: Hmm. Welche Überraschung zaubert der Sprachbloggeur heute aus dem Hut?
„Klingt in Ihren Ohren folgender Satz richtig?“ Daraufhin trug ich den Spiegel-Online-Text vor.
Doch bevor Frau M. Zeit hatte, darauf zu antworten, funkte eine Kundin, die zufällig gegenüber von mir da stand, dazwischen: „Der Satz ist einwandfrei.“
Liebe Leser: Ich möchte an dieser Stelle auf die gängigsten Klischees über enttäuschte Hoffnungen verzichten, aber ich weiß nicht, wie ich das Auszischen der Luft, mit der ich mich aufgeblasen hatte, sonst schildern sollte. „Nein, das darf nicht sein“ war alles, was ich hervorbringen konnte.
„Doch, doch“, legte die Dame, ihrer Sache sicher, nach. „Es ist aber so. Nach ‚bestehen auf‘ steht auf Deutsch der Dativ.“
Das musste sie mehrmals wiederholen. Und jedesmal quittierte ich die Antwort mit einem verzweifelten „Wie soll man diese Sprache jemals lernen?“
Kaum zuhause konsultierte ich Dr. Google, da er alles weiß, um die Sache auf den Grund zu gehen. Jetzt wurde es spannend. Bald erfuhr ich, dass sich auch „Zwiebelfisch“, (bürgerlich Bastian Sick), ein leidenschaftlicher Kenner der dt. Sprache, mal mit diesem Thema befasst hatte. Sein Fazit:
„Bei ‚auf etwas bestehen‘ geht…beides [d.h. Dativ und Akkusativ - Anm. d. SB], man kann ‚auf seinem Recht bestehen‘ (wenn man darauf beharrt), und man kann ‚auf sein Recht bestehen‘ (wenn man es einfordert).“
Aha! dachte ich. Vielleicht hab ich ja doch recht. Eins irritierte mich dennoch: Wo liegt denn der große Unterschied zwischen „auf meinem Recht beharren“ und „mein Recht einfordern“?
Es ist keine dumme Frage, und ich war nicht der einzige, wie ich bald feststellte, der sie gestellt hatte. Am 26. Januar 2015, z.B., schrieb ein gewisser Julian auf der Webseite „Korrekturen.de“ über genau dieses Thema. Julian hatte damals im Duden gelesen, dass „bestehen auf“ mit Dativ im Sinne von „beharren auf“ und mit Akkusativ im Sinne von „einfordern“ gebraucht werden kann (wohl auch Bastian Sicks Quelle). Wozu Julian allerdings bemerkte: „Wobei man diesem Kriterium eine gewisse Schwammigkeit nicht absprechen kann.“
So ist es! stimmte ich erleichtert zu. Die Sache ist ja schwammig!
Auch eine gewisse Karla hatte sich am 23. April 2013 auf derselben Webseite zum Thema geäußert. „Ich würde keines von beidem als falsch bezeichnen“, meinte sie, „und also auch nicht nur eines als richtig, obwohl ich auch nur den Dativ gewöhnt bin.“
Hurra! jauchzte ich wieder erleichtert…doch eigentlich meinte ich „hurra für die Muttersprachler“. Denn für einen wie mich, den Dazugekommenen, gilt diese Entscheidungsfreiheit – dieses Infrage stellen der Sprache – nicht. Für mich, den Nichtmuttersprachler, darf in diesem Fall nur der Dativ als richtig gelten. Das ganze Rundherum bleibt für mich…auf ewig…nur edle Theorie – gut genug vielleicht für eine Glosse.
Ich denke manchmal an etwas, das mir ein Textchef antwortete, als ich vor vielen Jahren vor ihm eine Formulierung in meinem deutschen Text in Schutz nehmen wollte: „Schließlich ist es unsere Sprache, Herr Blumenthal.“
Dagegen hatte (und habe) ich nichts einzuwenden. (Achtung Flüchtlinge!)
PS Ich verstehe immer noch nicht, warum hier der Dativ korrekt ist.
Ich war fest überzeugt, dass ich „Spiegel-Online“ bei einem Deutschfehler ertappt hatte. Mei, war ich stolz. Besagte Textstelle, eine Überschrift, lautete: „VW Vorstände bestehen auf hohen Bonuszahlungen“.
Ha! Gotcha! (got you) dachte ich. Es müsste eigentlich „auf hohe Bonuszahlungen“ heißen. Wie ein triumphierender Kreuzzügler marschierte ich nun, um etwas Brokkoli, Zucchini und Schwammerln zu kaufen, ins Paradies. Ich glaube, die guten Erdbeeren kamen auch auf die Theke.
Ich war am Zahlen und Eintüten und bestens gelaunt, als ich mich entschloss, meinen Sieg über Spiegel-Online Frau M., Chefin des Paradieses, mitzuteilen.
„Eine Frage über Sprache“, trillerte ich heiter.
Nun schaute mich Frau M. erwartungsvoll an. Vielleicht hat sie gedacht: Hmm. Welche Überraschung zaubert der Sprachbloggeur heute aus dem Hut?
„Klingt in Ihren Ohren folgender Satz richtig?“ Daraufhin trug ich den Spiegel-Online-Text vor.
Doch bevor Frau M. Zeit hatte, darauf zu antworten, funkte eine Kundin, die zufällig gegenüber von mir da stand, dazwischen: „Der Satz ist einwandfrei.“
Liebe Leser: Ich möchte an dieser Stelle auf die gängigsten Klischees über enttäuschte Hoffnungen verzichten, aber ich weiß nicht, wie ich das Auszischen der Luft, mit der ich mich aufgeblasen hatte, sonst schildern sollte. „Nein, das darf nicht sein“ war alles, was ich hervorbringen konnte.
„Doch, doch“, legte die Dame, ihrer Sache sicher, nach. „Es ist aber so. Nach ‚bestehen auf‘ steht auf Deutsch der Dativ.“
Das musste sie mehrmals wiederholen. Und jedesmal quittierte ich die Antwort mit einem verzweifelten „Wie soll man diese Sprache jemals lernen?“
Kaum zuhause konsultierte ich Dr. Google, da er alles weiß, um die Sache auf den Grund zu gehen. Jetzt wurde es spannend. Bald erfuhr ich, dass sich auch „Zwiebelfisch“, (bürgerlich Bastian Sick), ein leidenschaftlicher Kenner der dt. Sprache, mal mit diesem Thema befasst hatte. Sein Fazit:
„Bei ‚auf etwas bestehen‘ geht…beides [d.h. Dativ und Akkusativ - Anm. d. SB], man kann ‚auf seinem Recht bestehen‘ (wenn man darauf beharrt), und man kann ‚auf sein Recht bestehen‘ (wenn man es einfordert).“
Aha! dachte ich. Vielleicht hab ich ja doch recht. Eins irritierte mich dennoch: Wo liegt denn der große Unterschied zwischen „auf meinem Recht beharren“ und „mein Recht einfordern“?
Es ist keine dumme Frage, und ich war nicht der einzige, wie ich bald feststellte, der sie gestellt hatte. Am 26. Januar 2015, z.B., schrieb ein gewisser Julian auf der Webseite „Korrekturen.de“ über genau dieses Thema. Julian hatte damals im Duden gelesen, dass „bestehen auf“ mit Dativ im Sinne von „beharren auf“ und mit Akkusativ im Sinne von „einfordern“ gebraucht werden kann (wohl auch Bastian Sicks Quelle). Wozu Julian allerdings bemerkte: „Wobei man diesem Kriterium eine gewisse Schwammigkeit nicht absprechen kann.“
So ist es! stimmte ich erleichtert zu. Die Sache ist ja schwammig!
Auch eine gewisse Karla hatte sich am 23. April 2013 auf derselben Webseite zum Thema geäußert. „Ich würde keines von beidem als falsch bezeichnen“, meinte sie, „und also auch nicht nur eines als richtig, obwohl ich auch nur den Dativ gewöhnt bin.“
Hurra! jauchzte ich wieder erleichtert…doch eigentlich meinte ich „hurra für die Muttersprachler“. Denn für einen wie mich, den Dazugekommenen, gilt diese Entscheidungsfreiheit – dieses Infrage stellen der Sprache – nicht. Für mich, den Nichtmuttersprachler, darf in diesem Fall nur der Dativ als richtig gelten. Das ganze Rundherum bleibt für mich…auf ewig…nur edle Theorie – gut genug vielleicht für eine Glosse.
Ich denke manchmal an etwas, das mir ein Textchef antwortete, als ich vor vielen Jahren vor ihm eine Formulierung in meinem deutschen Text in Schutz nehmen wollte: „Schließlich ist es unsere Sprache, Herr Blumenthal.“
Dagegen hatte (und habe) ich nichts einzuwenden. (Achtung Flüchtlinge!)
PS Ich verstehe immer noch nicht, warum hier der Dativ korrekt ist.
Ich war fest überzeugt, dass ich „Spiegel-Online“ bei einem Deutschfehler ertappt hatte. Mei, war ich stolz. Besagte Textstelle, eine Überschrift, lautete: „VW Vorstände bestehen auf hohen Bonuszahlungen“.
Ha! Gotcha! (got you) dachte ich. Es müsste eigentlich „auf hohe Bonuszahlungen“ heißen. Wie ein triumphierender Kreuzzügler marschierte ich nun, um etwas Brokkoli, Zucchini und Schwammerln zu kaufen, ins Paradies. Ich glaube, die guten Erdbeeren kamen auch auf die Theke.
Ich war am Zahlen und Eintüten und bestens gelaunt, als ich mich entschloss, meinen Sieg über Spiegel-Online Frau M., Chefin des Paradieses, mitzuteilen.
„Eine Frage über Sprache“, trillerte ich heiter.
Nun schaute mich Frau M. erwartungsvoll an. Vielleicht hat sie gedacht: Hmm. Welche Überraschung zaubert der Sprachbloggeur heute aus dem Hut?
„Klingt in Ihren Ohren folgender Satz richtig?“ Daraufhin trug ich den Spiegel-Online-Text vor.
Doch bevor Frau M. Zeit hatte, darauf zu antworten, funkte eine Kundin, die zufällig gegenüber von mir da stand, dazwischen: „Der Satz ist einwandfrei.“
Liebe Leser: Ich möchte an dieser Stelle auf die gängigsten Klischees über enttäuschte Hoffnungen verzichten, aber ich weiß nicht, wie ich das Auszischen der Luft, mit der ich mich aufgeblasen hatte, sonst schildern sollte. „Nein, das darf nicht sein“ war alles, was ich hervorbringen konnte.
„Doch, doch“, legte die Dame, ihrer Sache sicher, nach. „Es ist aber so. Nach ‚bestehen auf‘ steht auf Deutsch der Dativ.“
Das musste sie mehrmals wiederholen. Und jedesmal quittierte ich die Antwort mit einem verzweifelten „Wie soll man diese Sprache jemals lernen?“
Kaum zuhause konsultierte ich Dr. Google, da er alles weiß, um die Sache auf den Grund zu gehen. Jetzt wurde es spannend. Bald erfuhr ich, dass sich auch „Zwiebelfisch“, (bürgerlich Bastian Sick), ein leidenschaftlicher Kenner der dt. Sprache, mal mit diesem Thema befasst hatte. Sein Fazit:
„Bei ‚auf etwas bestehen‘ geht…beides [d.h. Dativ und Akkusativ - Anm. d. SB], man kann ‚auf seinem Recht bestehen‘ (wenn man darauf beharrt), und man kann ‚auf sein Recht bestehen‘ (wenn man es einfordert).“
Aha! dachte ich. Vielleicht hab ich ja doch recht. Eins irritierte mich dennoch: Wo liegt denn der große Unterschied zwischen „auf meinem Recht beharren“ und „mein Recht einfordern“?
Es ist keine dumme Frage, und ich war nicht der einzige, wie ich bald feststellte, der sie gestellt hatte. Am 26. Januar 2015, z.B., schrieb ein gewisser Julian auf der Webseite „Korrekturen.de“ über genau dieses Thema. Julian hatte damals im Duden gelesen, dass „bestehen auf“ mit Dativ im Sinne von „beharren auf“ und mit Akkusativ im Sinne von „einfordern“ gebraucht werden kann (wohl auch Bastian Sicks Quelle). Wozu Julian allerdings bemerkte: „Wobei man diesem Kriterium eine gewisse Schwammigkeit nicht absprechen kann.“
So ist es! stimmte ich erleichtert zu. Die Sache ist ja schwammig!
Auch eine gewisse Karla hatte sich am 23. April 2013 auf derselben Webseite zum Thema geäußert. „Ich würde keines von beidem als falsch bezeichnen“, meinte sie, „und also auch nicht nur eines als richtig, obwohl ich auch nur den Dativ gewöhnt bin.“
Hurra! jauchzte ich wieder erleichtert…doch eigentlich meinte ich „hurra für die Muttersprachler“. Denn für einen wie mich, den Dazugekommenen, gilt diese Entscheidungsfreiheit – dieses Infrage stellen der Sprache – nicht. Für mich, den Nichtmuttersprachler, darf in diesem Fall nur der Dativ als richtig gelten. Das ganze Rundherum bleibt für mich…auf ewig…nur edle Theorie – gut genug vielleicht für eine Glosse.
Ich denke manchmal an etwas, das mir ein Textchef antwortete, als ich vor vielen Jahren vor ihm eine Formulierung in meinem deutschen Text in Schutz nehmen wollte: „Schließlich ist es unsere Sprache, Herr Blumenthal.“
Dagegen hatte (und habe) ich nichts einzuwenden. (Achtung Flüchtlinge!)
PS Ich verstehe immer noch nicht, warum hier der Dativ korrekt ist.
Sorry. Hier kein aufgebrachtes Entsetzen über die „Panama Papers“. Nicht bei mir. Falls Sie so etwas suchen, finden Sie alles, was Ihnen diesbezüglich eine Freude macht, bei den Kollegen der diversen Nachrichtenseiten.
Dieser Cyberschuster bleibt bei seinen digitalen Leisten. Heute möchte ich viel lieber über die deutsche Sprache lästern – wie gewohnt vom Standpunkt des Migrantlers.
Die heutigen Überlegungen beziehen sich auf meine Unfähigkeit, „in die Gänge“ zu kommen, ein Bild, das seinen Ursprung sicherlich im KFZ-Bereich hatte. In meinem Fall ist die Müdigkeit einem hartnäckigen „Jetlag“ verschuldet.
„In die Gänge kommen“. Als ich an obiges Idiom dachte, fiel mir ein, dass ich ebenso gut hätte schreiben können: „Heute komme ich nicht in die Puschen“.
Das sagt meine Frau nämlich, weil ihre Mutter in Berlin groß wurde.
Dann überlegte ich: Hmm, meine Frau sagt „Puschen“ mit kurzem „U“. Aber warum?
„Weil“, antwortet der deutsche Besserwisser, „der Vokal von drei Konsonanten („sch“) gefolgt wird. „Denken Sie, Herr Sprachbloggeur an ‚Busch‘. Auch kurz oder an ‚Wuschel‘ oder ‚nuscheln‘. Alles mit kurzem ‚U‘.“
„Ja, aber was ist mit ‚Dusche‘? Da wird das ‚U‘ lang gesprochen.“
„Nö, nö, nö“, Herr Sprachbloggeur. ‚Dusche‘ ist ein Fremdwort – wurde vom französischen ‚Douche‘ übernommen. Nur deshalb ist es lang.“
„Mag sein, lieber deutscher Besserwisser. Aber auch ‚Puschen‘ ist ein Fremdwort. Ich habe nämlich irgendwo gelesen, dass es vom slawischen ‚babuschka‘ hergeleitet wird und dass dieses Wort mit langem ‚U‘ gesprochen wird. Meine Frage: Wie soll ich wissen, ob eine Silbe lang oder kurz ist?“
Stillschweigen.
Wissen Sie, was mich ärgert? Wenn man Deutsch lernt (Achtung, Flüchtlinge!), bekommt man den Eindruck, dass es für beinahe alles (mit Ausnahme des Genus) handfeste Regeln gibt. Es wird einem, z.B., eingeschärft, dass ein Vokal lang ist, wenn es vor einem einzigen Konsonant und kurz wenn vor – mindestens – zwei Konsonanten steht: „Bote“, „Bottich“, „rot“, „Rotte“ usw. Da die Vokallänge im Deutschen sinnverändernd ist, muss der Fremde auf diese Längen genau achten. Ein „Staat“ ist keine „Stadt“. Wer diesen Regeln nicht folgt, gerät manchmal unfreiwillig in manche peinliche Situation. Er verwechselt „Ire“ und “Irre“, bezahlt „Ratten“ anstatt „Raten“ usw.
Die meisten Ausländer möchten sich gern anpassen, aber Fehler sind praktisch vorprogrammiert. Arme Ausländer. Zum Beispiel: Man fährt nach „Osten“. Natürlich ist das „O“ kurz – so will es die Regel. Doch dann kommt „Ostern“. Bis heute habe ich noch keine befriedigende Antwort auf die Frage gefunden, warum das „O“ in „Ostern“ lang und in „Osten“ kurz ist.
Okay, ich gebe zu. Es gibt wichtigere Probleme. Die Sache mit den „Panama Papers“ wird mit Sicherheit immer spannender. Doch Kleinvieh macht auch Mist und außerdem komme ich wegen des Jetlags ohnehin nicht in die Puschen.
Deshalb lasse ich‘s für heute. Schon jetzt geht mir die Puste aus.
„Puste“? Warum reimt sich „Puste“ nicht mit „Buste“? Wenn ich nur wüsste.
Über die Panama Papers zu schreiben, wäre bestimmt weniger anstrengend gewesen.
Wie bezeichnet man es in der öffentlichen Sprache, wenn ein Terrorist (bzw. ein Lieblingsfeind) getötet wird?
Ich meine einen richtig bösen Terroristen (oder Lieblingsfeind), für den niemand großes Mitgefühl übrig hat: einen „Dschihadi John“, z.B., oder einen Abd al-Rachman Mustafa al-Qaduli, der als Finanzminister „second in command“ für den IS war und jüngst durch amerikanische Bomben…ähm…totgemacht wurde.
Ich stelle hier die – momentan – gängigsten Vokabeln aus den Medien und dem öffentlichen Leben fürs „Killing“ vor: „ausgeschaltet“, „liquidiert“, „neutralisiert“, „getötet“ – selten, sehr selten,„umgelegt“.
Also der Reihe nach…
„Getötet“ ist freilich ein langweiliges Wort – Geschmackrichtung biedere Vanille, würde ich sagen. Wenn einer wie Abd al-Rachman Mustafa al-Qaduli…ähm…ins Jenseits befördert wird, will der Medienkonsument oder der Kommentator im Wohnzimmersessel durch die passende Wortwahl eine gewisse Genugtuung verspüren. „Getötet“? Nein. Zu larifari.
Vielfach höre ich in letzter Zeit die Vokabel „neutralisieren“, wenn es darum geht, in knappe Worte das Ende eines besonders fiesen Bösewichts zu fassen. Für meinen Geschmack ein komisches Wort. Denn ein „Neutrum“ ist letztendlich ein Wesen ohne Eigenschaften: weder männlich noch weiblich, weder Fisch noch Fleisch. Es ist das dritte Genus in der Grammatik: die Versächlichung einer Existenz. Irgendwie seltsam, dass ausgerechnet dieses Wort einen so gefährlichen Sinn bekommen hat.
Und „Liquidieren“? Keine Ahnung, wie es dazu kommt, dass dieses Wort heute als Synonym für „abmurksen“ (viel zu vulgär für den öffentlichen Dialog) gebraucht wird. Eigentlich ist das „Liquidieren“ ein „Flüssigmachen“, ein „Verflüssigen“. Man macht einen Menschen zu einer Flüssigkeit, und dann fließt er ab.
Wenn ich mich richtig erinnere, hat man früher die „Beseitigung“ (auch ein schönes Wort, leider zu vornehm oder mal zu ironisch für den Massengebrauch) von in Ungnade gefallenen Mitstreitern Stalins als eine „Liquidierung“ bezeichnet. So war es jedenfalls im angelsächsischen Sprachraum („liquidate“).
Kann ein Abd al-Rachman Mustafa al-Qaduli liquidiert werden? Ich denke nicht. Nach meinem Sprachgefühl wird ein Mensch „liquidiert“ wenn der Kontakt zwischen Täter und Opfer direkter ist: am liebsten mit Augenkontakt. Eine Bombe abwerfen ist zu unpersönlich.
Mein Lieblingswort für diese Handlung ist auf Deutsch „ausschalten“. Es klingt so harmlos, als würde man lediglich den Stromfluss unterbrechen, um einen Raum zu verdunkeln. Wenn etwas (bzw. jemanden) „ausgeschaltet“ wird, hört man beinahe einen „Klick!“. Längst haben wir vergessen, dass das „Ein- und Ausschalten“ relativ neue Konzepte des elektrischen Zeitalters sind. Früher war das Schalten etwas anders. Denken Sie ans „Schalten und Walten“.
Abd al-Rachman Mustafa al-Qaduli „umzulegen“ mutet – mir zumindest – zu sehr nach Gangstersprache an. Ich meine „Gangster“ im früheren Sinn natürlich, als sich das Wort nur auf die organisierte Kriminalität bezog und nicht auf die Popmusik. Komische Vorstellung, jemanden umzulegen, als hätte man ihn woandershin platziert. Dieses Wort ist aber meines Erachtens viel zu plump für die öffentliche Diskussion. „Umbringen“ und „um die Ecke bringen“ gehören selbstverständig in die gleiche Kategorie.
Übrigens: Für Freunde der englischen Sprache hier nun die Lieblingsvokabeln aus unserem heutigen öffentlichen Tötungswortschatz: „Kill“ ist immer noch sehr häufig und beliebt (aber Vanille halt). Auch „neutralize“. „Liquidate“ kommt seltener vor. Besonders populär ist im Augenblick das „phrasal verb“ (Verb mit getrennter Präposition) „take out“.
„Take out“ kennt man im Denglischen als Bezeichnung für eine Bestellung im Restaurant, die man abholt und mitnimmt. Es hat aber – wie viele phrasal verbs – verschiedene Bedeutungen. Ein junger Mann kann, z.B., eine junge Dame „take out“. Das heißt, dass er sie ins Kino oder ins Restaurant einlädt. Natürlich kann man auch den Müll „take out“, also austragen.
„Take out“ im Sinne von „ausschalten“, „umbringen“ usw. ist eine Redewendung aus dem US-Militär. Ich weiß nicht, wie lange es in Gebrauch ist. Ein amer. Soldat „takes out an enemy combatant“.
Der Begriff klingt jedenfalls sehr macho. Vielleicht deshalb wird es auch vom US-Präsidenten benutzt, wenn er mitteilen will, dass Abd al-Rachman Mustafa al-Qaduli neutralisiert wurde. Man denkt: Mei, der Präsident ist richtig tough.
Damit haben wir für heute dieses Thema erledigt…
Lieber Flüchtling, liebe Flüchtlingin,
wie Sie sicherlich schon bemerkt haben, ist in Deutschland die geschlechtliche Gleichstellung ziemlich weit fortgeschritten. (Ich hätte Sie übrigens auch mit „liebe FlüchtlingInnen“ ansprechen können. Dies nur nebenbei).
Gestern hab ich mit R., einem alten Freund aus Amerika, telefoniert, den ich seit…sehr sehr langer Zeit nicht mehr gesehen habe. Ich verrate die genaue Zahl der Jahre lieber nicht. Es könnte nämlich passieren, dass sich unter meinen Lesern und Leserinnen (bzw. „Lesenden“ oder „LeserInnen“) ein/e Verleger(in) befindet. Dann hab ich die Chance einer Veröffentlichung meiner Bücher endgültig versaut – und zwar aus Altersgründen. (Notabene: Das Verb „versauen“ sagt man hier halt; ich hoffe, Sie verstehen es nicht als Dreistigkeit irgendwelchen Speisegesetzen gegenüber).
Freund R. spricht Englisch (bzw. Amerikanisch) mit demselben Akzent, den ich als Jugendlicher hatte, mit dem New Yorker Akzent also. Ich bin aber lange weg von der Heimat, und meine heimische Sprechweise hat nun sehr darunter gelitten. Ich stellte z.B. fest, dass R. gewisse Redewendungen verwendet, die mir gar nicht mehr eingefallen wären. Dafür klingt meine Sprache im Vergleich zu seiner sauber, dialektfrei und aufgeräumt…museumreif wie ein Fossil also.
Ja, das passiert, wenn man lange von der Heimat weg ist. Ihnen könnte es mal genauso ergehen, falls Sie sich entschlössen – nachdem der Wahnsinn daheim endlich vorbei ist – nicht nach Hause zurückzukehren.
Derweil werden Sie vielleicht mal die deutsche Sprache gut beherrschen. Ich gönne es Ihnen. Ich warne Sie aber: Manche werden zu Ihnen trotzdem sagen: „He, Sie sprechen ein sehr gutes Deutsch……für einen Ausländer.“ So etwas ist natürlich als Kompliment gemeint. Wenn man aber bestrebt ist, in die fremde Kultur einzugliedern, klingt es aber alles anders als ein Kompliment, erinnert bloß daran, dass man letztendlich doch fremd ist. Gleiches werden Sie feststellen, wenn einer (bzw. „eine“) sagt: „Ja, und wie ist es bei Euch?“ Notabene, dieses „bei Euch“ bedeutet immer: Es gibt ein Wir und ein Ihr. Sie bleiben stets das Ihr.
Immerhin werden Sie einige Vorteile haben, die mir bis heute nicht zustehen. Beispiel: Ein Verlag lehnte mein Buch „Wie ich die deutsche Sprache eroberte“ (notabene: Der Titel ist ironisch gemeint) aus folgendem Grund ab. Ich zitiere: „Als Amerikaner in Deutschland ist Ihre Geschichte naturgemäß sehr stark unterschieden von der von Migranten aus nicht-westlichen Ländern, und die machen das Gros aller Zuwanderer aus.“
Also los, liebe FlüchtlingInnen! Ihre Chance, SchriftstellerInnen in Deutschland zu werden (d.h.: einen Verlag zu finden), stehen viel besser als die meinen.
Ich gratuliere.
Trotzdem bitte ich um eins: Falls Sie ein Buch über Ihre Erlebnisse im fremden Deutschland schreiben, dann bitte: Jammern Sie nicht allzu viel über die schlechte Behandlung, die Ihnen bisweilen widerfahren ist. Meckern Sie nicht so arg viel über die Instinktlosigkeit der Deutschen, über den Mangel an Chancengleichheit, über die Tatsache, dass nicht jeder (jede) Sie herzlich empfangen werden usw.
Glauben Sie mir. Ich weiß, wovon ich rede. Nicht nur, weil ich selber Fremder in diesem Land bin, sondern weil meine Großeltern einst als Flüchtlinge in die USA einwanderten.
Ich sag es Ihnen gleich: Wenn Sie älter sind als zwölf, werden sie in der ersten Generation niemals zum Deutschen werden. Allein die Sprache wird Ihnen immer im Wege stehen. Erst die zweite Generation der Hiergeborenen könnte es schaffen. Die dritte Generation wird (wenn sie will) perfekt integriert sein. So erging es meiner Familie in den USA.
Nebenbei: Damals gab es kein Geld von der Regierung, keine Krankenkasse usw. Für meine Großeltern war es stets ein Kampf ums blanke Überleben. Bitte jammern Sie also nicht, liebe NeubürgerInnen, wenn alles nicht auf Anhieb klappt. Im Ernst.
Ihr Sprachbloggeur
PS in eigener Sache: Pause wegen Geheimstaatssache. Melde mich wieder am Ende des Monats.
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