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Idiomatisches Töten

Wie bezeichnet man es in der öffentlichen Sprache, wenn ein Terrorist (bzw. ein Lieblingsfeind) getötet wird?

Ich meine einen richtig bösen Terroristen (oder Lieblingsfeind), für den niemand großes Mitgefühl übrig hat: einen „Dschihadi John“, z.B., oder einen Abd al-Rachman Mustafa al-Qaduli, der als Finanzminister „second in command“ für den IS war und jüngst durch amerikanische Bomben…ähm…totgemacht wurde.

Ich stelle hier die – momentan – gängigsten Vokabeln aus den Medien und dem öffentlichen Leben fürs „Killing“ vor: „ausgeschaltet“, „liquidiert“, „neutralisiert“, „getötet“ – selten, sehr selten,„umgelegt“.

Also der Reihe nach…

„Getötet“ ist freilich ein langweiliges Wort – Geschmackrichtung biedere Vanille, würde ich sagen. Wenn einer wie Abd al-Rachman Mustafa al-Qaduli…ähm…ins Jenseits befördert wird, will der Medienkonsument oder der Kommentator im Wohnzimmersessel durch die passende Wortwahl eine gewisse Genugtuung verspüren. „Getötet“? Nein. Zu larifari.

Vielfach höre ich in letzter Zeit die Vokabel „neutralisieren“, wenn es darum geht, in knappe Worte das Ende eines besonders fiesen Bösewichts zu fassen. Für meinen Geschmack ein komisches Wort. Denn ein „Neutrum“ ist letztendlich ein Wesen ohne Eigenschaften: weder männlich noch weiblich, weder Fisch noch Fleisch. Es ist das dritte Genus in der Grammatik: die Versächlichung einer Existenz. Irgendwie seltsam, dass ausgerechnet dieses Wort einen so gefährlichen Sinn bekommen hat.

Und „Liquidieren“? Keine Ahnung, wie es dazu kommt, dass dieses Wort heute als Synonym für „abmurksen“ (viel zu vulgär für den öffentlichen Dialog) gebraucht wird. Eigentlich ist das „Liquidieren“ ein „Flüssigmachen“, ein „Verflüssigen“. Man macht einen Menschen zu einer Flüssigkeit, und dann fließt er ab.

Wenn ich mich richtig erinnere, hat man früher die „Beseitigung“ (auch ein schönes Wort, leider zu vornehm oder mal zu ironisch für den Massengebrauch) von in Ungnade gefallenen Mitstreitern Stalins als eine „Liquidierung“ bezeichnet. So war es jedenfalls im angelsächsischen Sprachraum („liquidate“).

Kann ein Abd al-Rachman Mustafa al-Qaduli liquidiert werden? Ich denke nicht. Nach meinem Sprachgefühl wird ein Mensch „liquidiert“ wenn der Kontakt zwischen Täter und Opfer direkter ist: am liebsten mit Augenkontakt. Eine Bombe abwerfen ist zu unpersönlich.

Mein Lieblingswort für diese Handlung ist auf Deutsch „ausschalten“. Es klingt so harmlos, als würde man lediglich den Stromfluss unterbrechen, um einen Raum zu verdunkeln. Wenn etwas (bzw. jemanden) „ausgeschaltet“ wird, hört man beinahe einen „Klick!“. Längst haben wir vergessen, dass das „Ein- und Ausschalten“ relativ neue Konzepte des elektrischen Zeitalters sind. Früher war das Schalten etwas anders. Denken Sie ans „Schalten und Walten“.

Abd al-Rachman Mustafa al-Qaduli „umzulegen“ mutet – mir zumindest – zu sehr nach Gangstersprache an. Ich meine „Gangster“ im früheren Sinn natürlich, als sich das Wort nur auf die organisierte Kriminalität bezog und nicht auf die Popmusik. Komische Vorstellung, jemanden umzulegen, als hätte man ihn woandershin platziert. Dieses Wort ist aber meines Erachtens viel zu plump für die öffentliche Diskussion. „Umbringen“ und „um die Ecke bringen“ gehören selbstverständig in die gleiche Kategorie.

Übrigens: Für Freunde der englischen Sprache hier nun die Lieblingsvokabeln aus unserem heutigen öffentlichen Tötungswortschatz: „Kill“ ist immer noch sehr häufig und beliebt (aber Vanille halt). Auch „neutralize“. „Liquidate“ kommt seltener vor. Besonders populär ist im Augenblick das „phrasal verb“ (Verb mit getrennter Präposition) „take out“.

„Take out“ kennt man im Denglischen als Bezeichnung für eine Bestellung im Restaurant, die man abholt und mitnimmt. Es hat aber – wie viele phrasal verbs – verschiedene Bedeutungen. Ein junger Mann kann, z.B., eine junge Dame „take out“. Das heißt, dass er sie ins Kino oder ins Restaurant einlädt. Natürlich kann man auch den Müll „take out“, also austragen.

„Take out“ im Sinne von „ausschalten“, „umbringen“ usw. ist eine Redewendung aus dem US-Militär. Ich weiß nicht, wie lange es in Gebrauch ist. Ein amer. Soldat „takes out an enemy combatant“.

Der Begriff klingt jedenfalls sehr macho. Vielleicht deshalb wird es auch vom US-Präsidenten benutzt, wenn er mitteilen will, dass Abd al-Rachman Mustafa al-Qaduli neutralisiert wurde. Man denkt: Mei, der Präsident ist richtig tough.

Damit haben wir für heute dieses Thema erledigt…

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