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Flüchtlings-ABC

Lieber Flüchtling, liebe Flüchtlingin,

wie Sie sicherlich schon bemerkt haben, ist in Deutschland die geschlechtliche Gleichstellung ziemlich weit fortgeschritten. (Ich hätte Sie übrigens auch mit „liebe FlüchtlingInnen“ ansprechen können. Dies nur nebenbei).

Gestern hab ich mit R., einem alten Freund aus Amerika, telefoniert, den ich seit…sehr sehr langer Zeit nicht mehr gesehen habe. Ich verrate die genaue Zahl der Jahre lieber nicht. Es könnte nämlich passieren, dass sich unter meinen Lesern und Leserinnen (bzw. „Lesenden“ oder „LeserInnen“) ein/e Verleger(in) befindet. Dann hab ich die Chance einer Veröffentlichung meiner Bücher endgültig versaut – und zwar aus Altersgründen. (Notabene: Das Verb „versauen“ sagt man hier halt; ich hoffe, Sie verstehen es nicht als Dreistigkeit irgendwelchen Speisegesetzen gegenüber).

Freund R. spricht Englisch (bzw. Amerikanisch) mit demselben Akzent, den ich als Jugendlicher hatte, mit dem New Yorker Akzent also. Ich bin aber lange weg von der Heimat, und meine heimische Sprechweise hat nun sehr darunter gelitten. Ich stellte z.B. fest, dass R. gewisse Redewendungen verwendet, die mir gar nicht mehr eingefallen wären. Dafür klingt meine Sprache im Vergleich zu seiner sauber, dialektfrei und aufgeräumt…museumreif wie ein Fossil also.

Ja, das passiert, wenn man lange von der Heimat weg ist. Ihnen könnte es mal genauso ergehen, falls Sie sich entschlössen – nachdem der Wahnsinn daheim endlich vorbei ist – nicht nach Hause zurückzukehren.

Derweil werden Sie vielleicht mal die deutsche Sprache gut beherrschen. Ich gönne es Ihnen. Ich warne Sie aber: Manche werden zu Ihnen trotzdem sagen: „He, Sie sprechen ein sehr gutes Deutsch……für einen Ausländer.“ So etwas ist natürlich als Kompliment gemeint. Wenn man aber bestrebt ist, in die fremde Kultur einzugliedern, klingt es aber alles anders als ein Kompliment, erinnert bloß daran, dass man letztendlich doch fremd ist. Gleiches werden Sie feststellen, wenn einer (bzw. „eine“) sagt: „Ja, und wie ist es bei Euch?“ Notabene, dieses „bei Euch“ bedeutet immer: Es gibt ein Wir und ein Ihr. Sie bleiben stets das Ihr.

Immerhin werden Sie einige Vorteile haben, die mir bis heute nicht zustehen. Beispiel: Ein Verlag lehnte mein Buch „Wie ich die deutsche Sprache eroberte“ (notabene: Der Titel ist ironisch gemeint) aus folgendem Grund ab. Ich zitiere: „Als Amerikaner in Deutschland ist Ihre Geschichte naturgemäß sehr stark unterschieden von der von Migranten aus nicht-westlichen Ländern, und die machen das Gros aller Zuwanderer aus.“

Also los, liebe FlüchtlingInnen! Ihre Chance, SchriftstellerInnen in Deutschland zu werden (d.h.: einen Verlag zu finden), stehen viel besser als die meinen.

Ich gratuliere.

Trotzdem bitte ich um eins: Falls Sie ein Buch über Ihre Erlebnisse im fremden Deutschland schreiben, dann bitte: Jammern Sie nicht allzu viel über die schlechte Behandlung, die Ihnen bisweilen widerfahren ist. Meckern Sie nicht so arg viel über die Instinktlosigkeit der Deutschen, über den Mangel an Chancengleichheit, über die Tatsache, dass nicht jeder (jede) Sie herzlich empfangen werden usw.

Glauben Sie mir. Ich weiß, wovon ich rede. Nicht nur, weil ich selber Fremder in diesem Land bin, sondern weil meine Großeltern einst als Flüchtlinge in die USA einwanderten.

Ich sag es Ihnen gleich: Wenn Sie älter sind als zwölf, werden sie in der ersten Generation niemals zum Deutschen werden. Allein die Sprache wird Ihnen immer im Wege stehen. Erst die zweite Generation der Hiergeborenen könnte es schaffen. Die dritte Generation wird (wenn sie will) perfekt integriert sein. So erging es meiner Familie in den USA.

Nebenbei: Damals gab es kein Geld von der Regierung, keine Krankenkasse usw. Für meine Großeltern war es stets ein Kampf ums blanke Überleben. Bitte jammern Sie also nicht, liebe NeubürgerInnen, wenn alles nicht auf Anhieb klappt. Im Ernst.

Ihr Sprachbloggeur

PS in eigener Sache: Pause wegen Geheimstaatssache. Melde mich wieder am Ende des Monats.

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