Es wird eng um die Enge – ich meine die englische Enge.
Vielleicht erinnern Sie sich noch an das Hickhack um David Miranda, den Lebensgefährten des Glenn Greenwald, des Mitwirkenden von Edward Snowdon.
David Miranda, ein Brasilianer, war nach einem Aufenthalt in Berlin bei der US-Filmemacherin Laura Poitras (selbst Mitwirkende von E. Snowdon) auf dem Heimweg nach Brasil. Wenn ich mich richtig entsinne, nahm Miranda von Ms Poitras ein USB-Stick oder sonst einen Informationsträger entgegen und steckte es ein.
Dann passierte es: Im Londoner Heathrow wurde David Miranda festgesetzt und neun Stunden lang von der Polizei verhört. Bevor Miranda weiterfliegen durfte, musste er all seine elektronischen Geräte zurücklassen. Darunter – ich zitiere aus einem Interview mit Glenn Greenwald im “Guardian”: “seinen Laptop, sein Handy, diverse Videospielkonsole, DVDs, USB-Sticks, und andere Datenträger (materials)“.
Wer wie David Miranda ein solches Arsenal an E-Geräteschaften besitzt, passt eigentlich ins Profil des ganz normalen abendländischen Endzwanzigers. Ob er außerdem ein Tablett und ein E-Buch-Lesegerät im Gepäck hatte, weiß ich nicht auswendig.
David Miranda ist aber – jedenfalls im deutschem Sinn – kein ganz „normaler“ Endzwanziger. Denn „normal“ bezieht sich im Deutschen auch auf „heterosexuelle“ Menschen. Der Homosexueller Miranda ist, so gesehen, nicht normal.
Und daher meine Behauptung, dass es um die Enge eng werden wird.
Als die Miranda-Geschichte noch „breaking news“ war, hieß es in fast allen deutschen Medien, dass David M. der „Partner“ von Glenn Greenwald sei.
Diese Bezeichnung „Partner“ stammt wohl von Glenn Greenwald selbst. Er teilte dem Guardian nämlich mit, “that my partner David Miranda had been ‘detained’ at the London airport " (dass mein Partner David Miranda am Londoner Flughafen ‘festgesetzt’ wurde).
Aber: „Partner“ bedeutet auf Englisch im normalen Sprachgebrauch normalerweise „Sozius“, „Gesellschaftler“, „Teilhaber“. Kein Wunder, dass ich zunächst an eine geschäftliche Beziehung zwischen den Zweien dachte. Anders das Deutsche, wo „Partner“ doppeldeutig sein kann. Wenn man nur die private Beziehung hervorzuheben will, greift man auf „Lebensgefährten“ zurück.
Nur: Greenwald bezeichnete Miranda aus einem ganz einfachen Grund als „partner“: Weil das Englische noch immer keinen allgemein gültigen Begriff für einen gleichgeschlechtlichen Lebensgefährten hat.
Ich persönlich finde, dass er mit „partner“ eine gute Wahl getroffen hat. Im Zeitalter der homosexuellen Ehe braucht man einen Begriff, um den geliebten gleichgeschlechtlichen Anderen zu kennzeichnen. Wenn ein Mann einen anderen Mann als „husband“ also „Ehemann“ oder eine Frau eine andere Frau als „wife“ („Ehefrau“) bezeichnet, klingt das zu sehr nach Karikatur. „Partner“ hat was Bodenständiges.
Ich bin deshalb überzeugt, dass sich dieser englische Begriff für die „bessere Hälfte“ einer dauerhaften homosexuellen Beziehung durchsetzen wird.
Das wird aber Folgen haben – zumindest für Geschäftsleute. Welcher Englisch sprechende heterosexuelle Geschäftsmann/frau möchte es riskieren seinen/ihre Sozius/ Sozia als „partner“ vorzustellen, wenn das vielleicht in die falsche Kehle gehen könnte? Man wird sich hüten und nach Alternativen suchen – vielleicht „Business partner“. Aber wer weiß.
Typisch: Kaum ist Sex im Spiel, und nichts wird wieder wie früher. Welcher Englisch sprechende sagt noch heute, wenn es ihm lustig zumute ist, dass er sich „gay“ fühlt, es sei denn, dass er wirklich gay ist?
Und Deutsch Lernende achtet auf eure Umlaute – vor allem, wenn ihr eine hohe Luftfeuchtigkeit genießt. Hier Folgendes zum Üben: „Ich mag es schwül.“
Liebe Prominenten: Heute spreche ich Sie an. Ja, Sie wissen, wer sie sind.
Ob ich einen Termin habe? Wie ich an der Sekretärin vorbei kam? Tja, mein kleines Geheimnischen.
Bitte nicht weggucken. Denn ich habe Ihre besten Interessen im Sinn. Ich soll Ihnen über das Promi-Jenseits berichten. Noch nie davon gehört? Warte nur. Denn ich habe meine Info von einer sicheren Quelle.
Ich bekam den Auftrag erst heute – gleich nach dem Gespräch mit G. Kennen Sie ihn? Er ist Schauspieler, ein alter Freund. Er erzählte mir, dass er endlich wieder Arbeit hat. Das hat mich gefreut. Eine schöne Rolle sogar, wie er meinte. „Ich hoffe jedenfalls, dass es klappt“, fügte er hinzu, „Aber ich lerne bereits fleißig Text.“
„Was heißt, du hoffst, dass es klappt?“ fragte ich.
„Früher haben wir zeitgleich die Rolle und den Vertrag bekommen. Heute bekommt man erst die Rolle und am Schluss den Vertrag.“
„Wieso das?“
„Wenn sie’s sich anders überlegen, können sie dich ohne juristisches Nachspiel loswerden. Außerdem bekomme ich nur halb so viel Gage wie früher. Denn sie haben sich noch einen cleveren Dreh ausgedacht: Sie bezeichnen den Film als ‚Dokudrama‘ und dürfen von daher die Gagen pauschal halbieren. Das wurmt mich aber massiv. Weil sie in Geld schwimmen.“
„Ja, aber wer bekommt das viele Geld?“
„Die paar Prominenten, die mitspielen.“
„Und warum setzen diese sich nicht mit euch solidarisch zusammen, damit ihr mehr verdient?“
„Aber woher! Sie bestehen lieber auf einen eigenen Wohnwagen als Garderobe und an eine Sonderspeisekarte.“
„Das klingt wie die Lage der Fotografen, der Journalisten und der ‚Minijobber‘“, sagte ich spontan.
Ja, ich gebe zu, dass ich etwas empört war als ich all dies erfuhr. Und in dem Augenblick fiel mir mein einstiger Kollege Fritz Thorgesson ein. Bist du noch da Fritz? Lange von dir nichts mehr gehört!
Vor Jahren erzählte er mir, dass er in den 1950er Jahren einem Interview mit dem damaligen Siemens-Chef beigewohnt hatte. Der Siemens-Chef – leider weiß ich nicht, wie er hieß – sagte in etwa Folgendes: „Na klar, dulden wir einige unproduktive Arbeitskräfte in der Firma. Aber stellen Sie sich vor, was wäre, wenn all diese Leute arbeitslos wären. Das würde noch mehr kosten. So lange sie bei uns Geld verdienen, können sie ihr Geld ausgeben. Davon profitieren wir alle.“
Nun kam mir Henry Ford in den Sinn: „Ich baue Automobile, die auch meine Mitarbeiter kaufen könnten“, sagte er.
Aber Entschuldigung. Ich wollte Ihnen vom Promi-Jenseits erzählen und Ihnen keine dämliche Polemik über die Probleme anderer nützlicher Idioten vorlabbern. Zuerst die gute Nachricht. Sie dürfen im Promi-Jenseits alle zusammen wohnen – wie en famille, wie auf einer Party. Egal welchen Beruf sie mal hatten: Politik, Sport, Unterhaltungsindustrie, Business, Terrorismus, Mafia. One big happy family.
Man lebt dort, wissenS‘, in einer Art „gated community“. Das heißt: eine umzäunte Gemeinde mit einem Wachposten am Eingang. Klingt gar nicht so schlecht, oder? Und so hält man leichter die Krethi und Plethi fern.
Die schlechte Nachricht – wenn sie überhaupt eine ist: Zahnbürsten sind verboten. Nein, sonst keine Überraschungen. Is‘ nicht so schlimm, oder? Wer allerdings die Zähne putzen will, der muss die „gated community“ verlassen, um eine Zahnbürste zu holen. Nur: Wer die „gated community“ einmal verlässt, der vergisst sofort seinen Namen und wo er wohnt, und er findet nie wieder ein…
Keine Ahnung, was das alles bedeutet. Ich sollte es ihnen nur berichten. Dem Boten bitte nicht den Kopf abschlagen. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Sprachbloggeur
Hallo, liebe deutsche Muttersprachler. Ich bin’s, der migrierte Jammerlappen, der schon wieder feststellen muss, dass er diese Fremdsprache, die für die meisten von Ihnen Muttersprache ist, niemals perfektionieren wird.
Im Gegenteil. Immer wieder die Überraschungen…
Zum Beispiel das schöne Wort „mitunter“.
Jahrzehnte lang benutze ich es im Sinn von „unter anderem“ oder„darunter“. „Mitunter“ erschien mir wie ein „Darunter“, das man zu einem besonders vornehmen Anlass verwendet.
Hier meine Fantasie:
1.) Die schnöde Art: „Wisst ihr: Ich war letzte Woche in einem tollen all-you-can-eat-Restaurant und habe echt zugeschlagen. Die Auswahl war wahnsinnig, darunter gab es auch leckere Chicken Wings. Mampfmampf “
2.) Die vornehme Art: „Wissen Sie: Ich besuchte letzte Woche ein vorzügliches à-discrétion-Restaurant und habe köstlich gespeist. Die Auswahl erschien mir uferlos, mitunter fand man auch vitello tonnato. Ausgezeichnet!“.
Ja, ich war fest davon überzeugt, dass „mitunter“ ein „darunter“ mit edlem Stammbaum war. Keine Ahnung, wie ich auf diese Idee gekommen bin. Und so habe ich dieses Wort jahrelang gebraucht – sicherlich des Öfteren auch in den Beiträgen dieser Glosse…bis mich neulich jemand endlich korrigierte.
Diese Ignoranz verfolgt mich seit der Anfangszeit meiner Auseinandersetzung mit dieser mir fremden Sprache. Einst, zum Beispiel, war ich aus Gründen, die mir heute unerklärlich sind, überzeugt, dass „kassieren“ ein besonders schickes Synonym für „zahlen“ war.
Ich saß mit meiner damaligen Lebensabschnittspartnerin in einem Restaurant. Wir wollten zahlen und konnten die Aufmerksamkeit des Kellners nicht bekommen. „Sag ihm, dass wir zahlen wollen“, sagte meine Lebensabschnittspartnerin zu mir.
Ich erhob mich und zwang mich durch das Gedränge, bis ich unseren gestressten Ober endlich festsetzte. „Ummm. Ich möchte kassieren, bitte“, sagte ich und war besonders stolz auf mich, dass ich so einen feinen Satz formuliert hatte.
Er wiederum schaute mich skeptisch an und antwortete: „So so. Sie möchten kassieren, aber sie dürfen‘s nicht. Sie dürfen nur zahlen.“
Wenn man eine Fremdsprache lernt, wird man irgendwie wieder zum Kind. Nur: Kinder erleiden keine Schmach, wenn sie Sprachfehler machen. Im Gegenteil. Sie vergessen das Erlebnis alsbald und meistern ihre Muttersprache wie auf Autopilot. Ich hingegen, der ich diese Sprache erst als Erwachsener lernte, trage meine sprachlichen Unzulänglichkeiten wie Narben mit mir herum. Sie bleiben, so denke ich in Augenblicken des Selbstmitleides, jedem sichtbar.
Heute, zum Beispiel, war im Supermarkt und begutachtete die Wassermelonen. Bei einer Melone visierte eine weiche Stelle, in deren Mitte ein dunkles, kleines Loch in der Rinde sichtbar war. Ich sah, wie die Obstfliegen an diesem Loch rein und raus drängten wie Menschen in der U-Bahn zur Stoßzeit. Es war nicht gerade appetitlich.
Nachher stand ich an der Kasse und wollte der Kassiererin diesen Anblick mitteilen. Ich sagte ihr, während ich mit dem Finger zeigte: „Da drüben ist eine ziemlich lädierte Wassermelone. Die Obstfliegen schwärmen da rum. Es sieht wirklich ekelhaft aus.“
Sie hielt kurz inne, bevor sie antwortete: „Sie meinen, dass eine Wassermelone kaputt ist?“
„Ja“, sagte ich, „es sieht sehr unappetitlich aus.
Sie bedankte sich für die Info. Erst dann fiel mir auf, dass sie Schwierigkeiten mit meiner Mitteilung hatte, weil ich „lädiert“ anstatt „kaputt“ sagte. Sie musste meine Aussage erst „übersetzen“. Doch mir wollte das Wort „kaputt“ in dem Augenblick partout nicht einfallen. Nur „lädiert“ bot sich als Möglichkeit an, was in der Situation wohl irgendwie komisch klang.
Muttersprachler suchen stets nach dem einfachsten Weg, wenn sie etwas ausdrücken. Migrantler sind froh, wenn sie überhaupt einen Weg finden.
Also: Keine Fremdsprachen lernen? Das Smartphone oder Google-Übersetzer alles erledigen lassen, wenn man sich in einer Fremdsprache verständigen will?
Natürlich nicht, liebe Muttersprachler. Heimatlich in einer Fremdsprache zu werden, ist eine wahre Herausforderung. Ein Abenteuer. Und irgendwie ist der Ausblick, wenn man zwischen den Sprachenstühlen sitzt, einmalig, wirklich einmalig. Und noch dazu: Man lernt in der Zweitsprache jedes Wort ganz persönlich kennen…eins nach dem anderen…
Eigentlich müsste ich heute noch in Deckung bleiben. Ich meine wegen der Terrorwarnung. Sie wissen schon: die weltweite Terrorwarnung für Amerikaner (und diverse Andere - in meiner Gegend sieht man seit Tagen kaum einen auf der Straße).
Wir Amerikaner bekamen nämlich – ausgenommen öffentliche Figuren – Hausarrest. Ja wirklich. Kein Witz. In Deckung gehen, hieß es. Man befürchtete das Schlimmste: al Kaida: 1 – USA: 0.
Schon letzte Woche erhielten wir den ominösen Befehl – wie gewöhnlich über den implantierten Mikrochip (befindet sich subkutan in der linken Achselhöhle – empfohlen im Sommer: keine Achselhöhlenrasur; die Narbe soll unsichtbar bleiben). Bei der neuerlichen Hitze aber juckt die Stelle wie wahnsinnig. Kratzen ist aber ein no no .
„Mayday Mayday“, lautete es auf einmal. Ich denke, es war am letzten Mittwoch. Oh-oh, habe ich gedacht. Im Bauch ein ungutes Gefühl. Fakt ist: Wir erhalten „Mayday“-Meldungen äußerst selten. Der Chip dient hauptsächlich, um uns an den Abgabetermin für unsere amer. Steuererklärung zu erinnern. Vielleicht wissen Sie es nicht: Amer. Staatsbürger (auch wenn sie noch nie in Amerika gelebt haben und der amer. Sprache gar nicht mächtig sind) sind weltweit verpflichtet, jährlich eine Steuererklärung abzugeben. Darüber hinaus müssen wir bis Ende Juni jedes Jahr unseren FBAR einschicken. Das heißt: „foreign bank account report“, einen Bericht über die laufenden Beträge in unseren ausländischen Bankkonten. Zuwiderhandlungen werden mit einer Gefängnisstrafe oder einem sehr dicken Bußgeld geahndet. A word to the wise. Nebenbei: Man kann mit dem Chip auch Fox-TV empfangen – selbstverständlich mit Werbung.
Falls Sie den Begriff „Mayday“ nicht kennen, biete ich folgende sprachhistorische Erklärung: Das Wort hat mit einem Tag im Mai nichts zu tun, ist vielmehr eine Verballhornung des französischen: m’aidez: helft mir!
Meine Frau steht als Deutsche nicht unter Hausarrest (soweit ich weiß), ist sogar auf die Auer Dult gegangen. Ich habe ihr gesagt: „Warte nur. Auch ihr bekommt mal eure Chips!“ Sie hatte aber mit mir Mitleid und kaufte mir Beeren und Haferflocken für mein Müsli und eine Foto-Zeitschrift, um mir eine kleine Freude zu machen. Ja, so was tröstet auch. Den Hausarrest vertrage ich, die Hitze aber nicht, denn die Wärme staut sich in der Wohnung. Trotzdem wollte ich keine Risiken eingehen. Man weiß nie, wer da draußen auf der Straße steht – und damit meine ich nicht unbedingt al Kaida. Heutzutage weiß man nie, wer einen (be)schattet*. Vielleicht trägt er eine Google-Brille und macht ganz unauffällig Fotos von mir. Damit kann er beweisen, dass ich das Haus trotz Verbot verließ. Das wäre mir zu riskant.
Aber ich schreibe all dies nicht nur, um mich über meine momentane Lage zu beklagen. Schließlich sollte man alles mit Fassung tragen. Und ich weiß, dass meine Regierung es mit mir gut meint. Außerdem: Heutzutage scheut man gern das Restrisiko – auch aus Kostengründen. Würde mir tatsächlich was zustoßen, könnte ich nämlich verklagen. Und dass könnte der Regierung echt was kosten, mein lieber Scholli.
Wahrscheinlich ist es ohnehin erlaubt, ins Internet zu gehen. Wahrscheinlich darf ich auch diese Glosse schreiben. Schließlich herrscht bei uns free speech.Wenn es im Netz Funkstille gäbe, würden die „Social Networks“ auf die Decke gehen, und schließlich haben sie ein mächtiges Lobby.
Außerdem habe ich einen besonderen Grund heute, diese Glosse schreiben zu wollen. Ich will nämlich etwas mitteilen, worauf ich besonders stolz bin: Ich habe nämlich während des Hausarrests ein neues deutsches Wort erfunden. Ja. Ein nagelneues deutsches Wort, das – meiner Meinung nach – so schön ist, dass ich mich frage, warum es nicht schon längst erfunden wurde: verhasslieben. Es klingt so, als hätte es diese Vokabel schon immer gegeben. Gell?
Es gibt übrigens in der gesamten deutschen Sprache kein einziges Wort, das den Sinn meines Wortes so knapp zusammenfasst wie „verhasslieben“. (Ich habe es gegoogelt: Sprachbloggeur 1: Google 0).
„Mag sein“, sagte meine Frau, „es gibt aber ‚Hassliebe‘. Dein Wort ist nicht so ganz neu.“
„Aber keiner hat daraus ein Verb gemacht“, entgegnete ich.
Ja, vielleicht hat ein Hausarrest tatsächlich seine gute Seite. Ohne diese Zeit in der stickigen Wohnung wäre ich vielleicht nie auf mein neues Wort gekommen. Man könnte sagen, dass ich meinen Hausarrest verhassliebe!
Aber alles ohnehin nur halbschlimm. Gerade eben hat es in der Achselhöhle vibriert. Nun ist es offiziell: Das Mayday wurde aufgehoben, und Ich darf weiterhin ganz normal leben.
*Siehe Kommentar
Vorstandsvorsitzender: Eureka! Ich hab’s! Wurm!! Wo sind Sie?! Wurm? Na wo ist er denn, dieser Wurm? Warum erscheint er nicht auf der Stelle, wenn ich ihn rufe? Wozu gibt man sonst gutes Geld für Handlager aus? Wurm!!! Wo sind Sie!? Mensch!!
Wurm: (etwas atemlos): Entschuldigung, O Herr, o Meister. Man hört so schlecht im Korridor, zumal der Staubsauger so laut ist …
Vorstandsvorsitzender: …keine faule Ausreden, Mann. Ich brauche Sie sofort. Sie haben stets da zu sein, wenn ich glänzende Einfälle habe. So steht es in Ihrem Vertrag. Oder?
Wurm: Ja, o Herr. Ummm, Entschuldigung, o Herr, Ihre Schuhe sind nicht mehr ganz sauber. Soll ich sie jetzt polieren? (er bückt sich).
Vorstandsvorsitzender: Aufstehen, Sie Idiot! Es gibt Wichteres im Moment! Alles verkaufen! Ja, alles verkaufen!
Wurm: Alles verkaufen?
Vorstandsvorsitzender: Sind Sie Papagei geworden?
Wurm: Aber, die Geschäfte laufen endlich wieder gut. Und seitdem ich auch die Putzarbeit übernommen habe, sparen noch mehr.
Vorstandsvorsitzender: Idiot! Sind Sie vielleicht von gestern? Wozu bezahle ich Sie? Haben Sie noch nie von der Digitalisierung gehört? Wir brauchen keine Printprodukte mehr. Das war ja mal.
Wurm: Aber wir haben noch viele Leser, o Herr. Und sie lesen meine Artikel. Und darauf bin ich besonders stolz, wenn ich’s sagen darf.
Vorstandsvorsitzender: Hornochse! Bei Ihnen ist der Groschen offensichtlich nicht gefallen! Nur Greise und Idioten lesen Ihre verdammten Artikel in unseren seichten Blättern. Und Greise sterben, falls Sie noch nie von der biologischen Auslese gehört haben.
Wurm: Ich habe viele Artikel über die Biologie geschrieben, und ich muss die Bücher immer abends lesen, um am nächsten Tag schreiben zu können – nach dem Putzen natürlich.
Vorstandsvorsitzender: Höre ich Nebentöne des Selbstmitleides in Ihrer elenden Stimme? Und ich? Meinen Sie, ich würde nicht arbeiten? Was wären Sie ohne mich? Die Zukunft heißt digital, Mann! Und falls Sie nicht nur die ganze Zeit geschlafen haben, haben Sie vielleicht festgestellt, dass auch die Konkurrenz (möge sie krepieren) am Digitalisieren ist.
Wurm: O mächtiger Herr, o Meister, ich, ich, ich verstehe noch nicht, wie…
Vorstandsvorsitzender: Was verstehen Sie nicht?
Wurm: Wie das denn aussehen soll, dieses Digitalisieren.
Vorstandsvorsitzender: Lassen Sie das meine Sorge sein. Zumindest einer muss hier die Denkarbeit leisten. Passen Sie auf: Wir fangen mit einer Werbekampagne an. Hmmm. Ja! Ich hab’s! Ich hab’s! Sie werden mir einen Poster entwerfen mit folgendem Text: „Go digital“. Ja, nur die zwei Worte.
Wurm: „Go didschi-tal“? Ohne Näheres – ohne unseren Firmennamen?
Vorstandsvorsitzender: Hornochse! Wir zielen auf ein junges Publikum. Junge Menschen finden Englisch „cool“. So machen wir sie erst neugierig…
Wurm: …kul?
Vorstandsvorsitzender: Ja, jung ist unser Publikum. Ihre Kinder, zum Beispiel.
Wurm: Ich habe aber keine Kinder…
Vorstandsvorsitzender: Fangen Sie ja nicht wieder bitte damit an, dass Sie nie Zeit und nie Geld genug hatten, um zu heiraten, weil ich Sie so abplage und zu wenig bezahle und so weiter. So machen Sie sich bei mir nicht beliebt. O nein. Außerdem, gibt es überall junge Leute. Machen Sie die Augen auf! Noch nie von YouTube und Facebook gehört? Von Twitter, MySpace? Eins davon kaufen wir uns mal. Nicht wahr? Go digital, Wurm. Go digital! Und alles Papier verkaufen. Sofort! Bald sind wir reich…Ja, und dann können Sie endlich heiraten.
Wurm: Ich bin aber achtundfünzig Jahre alt…
Vorstandsvorsitzender:Denken Sie endlich positiv, mein treuer Wurm. Aus Ihnen wird wohl nichts, fürchte ich, wenn Sie keine Mühe geben.
Wo ist die NSA, wenn man sie braucht?
Und warum sagen alle „enn ess ääääj“, wenn sie „enn ess aaaa“ meinen?
Komme ich aus den „u ess aaaa“ oder aus den „ju ess äääj“, liebe deutsche Muttersprachler?
Alle wichtige Fragen. Doch am wichtigsten die erste. Denn ich stelle sie wegen „Citadel“.
Noch nie gehört? „Citadel“ ist der Name einer fiesen Software. Mir war dieses Wort auch kein Begriff, bis ich letzte Woche einen Brief von der Deutschen Telekom erhielt. Hier der erste Satz:
„Wir haben festgestellt, dass über Ihren Internet-Zugang unerwünschte Zugriffe auf fremde Computer erfolgt sind (‚Hacking‘). Eventuell wurden auch Passwörter, Kreditkarten-, Bank- und sonstige Daten bereits ausgelesen.“ usw.
Natürlich will man zuerst gar nicht glauben, was man so eben gelesen hat. Dennoch wandte ich mich umgehend an die Telekom, um Näheres zu erfahren.
Die sehr ausführliche Antwort folgte am nächsten Tag, und nun fiel zum ersten Mal der Name „Citadel“.
Lange Rede, kurzer Sinn. Es stellte sich heraus, dass der Rechner meines Sohnes (mein Sohn war bei uns zu Besuch) mit diesem unappetitlichen Ungeziefer verseucht war. Wie kam es dazu? Ganz easy: Er hatte, weil nur selten da, die Software seines Computers (sprich: Anti-Virus, Java, Browser usw.) lange nicht mehr aktualisiert. Wir nahmen seinen Rechner sofort vom Netz, änderten das Passwort zum Browser, prüften meinen Rechner und den meiner Frau auf Malware – sie scheinen sauber zu sein. Weitere Passwörter werden geändert und…
Der Telekom zufolge residiert der Oberbonze der „Citadel“-Firma in Osteuropa und hat 81 Mitarbeiter. Da seine Identität noch immer unbekannt ist, wird er vom FBI als „John Doe“, Englisch für „Max Mustermann“, bezeichnet. Ach ja, und noch eine Kuriosität: Man kann seine Software jeder Zeit für 2400 Dollar (oder waren das Euro?) im WehWehWeh kaufen. Jeder kann sie kaufen. Sie. Ich…
Woher die Nachrichtendienste das Wissen haben – vor allem das mit den 81 Mitarbeitern – kann ich nicht ganz nachvollziehen. Osteuropäer? Meinetwegen ist Herr Citadel Amerikaner oder Chinese und beschäftigt 97 Mitarbeiter.
Ich stelle mir jedenfalls vor, dass Herr Citadel ein sehr feines Haus in einem Vorort von Moskau, Kiew, Warschau, Chicago, San Diego oder Schanghai bewohnt und eine reizende, heranwachsende Tochter namens Swetlana, Mimi, Chenguang („Morgenlicht“), Anuschka, Taylor usw. hat.
Es ist ein braves, intelligentes Mädchen. Vater Citadel, er heißt „Max“ „John“, „Ivan“, „Bo-gin“ („geachtet“) oder so, ist ein liebender, fürsorglicher Vater und nennt seine Tochter liebevoll „Schuschu“, „Muschka“, „Pumpkin“, „Princess“ oder so ähnlich. Wenn „Morgenlicht“ oder Mimi usw. ins Internet geht (darf sie überhaupt?), dann hat Herr Citadel dafür sorgt, dass die beste Anti-Virus-Software auf ihrem Rechner läuft, damit sie keinem Phisher oder Spammer (pfui Teufel) zum Opfer fällt. Natürlich weiß Swetlana oder Taylor nicht, was Papa für ein Beruf hat. Nein, stimmt nicht. Er hat ihr erklärt, dass er Informatiker sei und einen erfolgreichen Betrieb verwalte. Er ist ohnehin für seine Großzügigkeit bekannt und hat für „Pumpkins“ Privatschule ein großes Schwimmbecken gestiftet. Das kann jeder auf einer hübschen Messingtafel vor dem Eingang zur Schwimmhalle lesen.
Bezahlt wird „Schuschu“s Schulgeld freilich mit geplündertem Kapital, das von Bankkonten unvorsichtiger Surfer abgezweigt wird. Die Opfer sind jung und alt, viele nicht unbedingt wohlhabend – vielleicht mitunter der Bruder von Mimis bester Freundin Carla. Herr Citadel macht sich da aber keine Gedanken. Er weiß das mit Carlas Bruder gar nicht. Er will’s nicht wissen. Seine 81 Mitarbeiter möchten es auch nicht so genau wissen…
Ich hatte vor, diese Fantasie mit moralisierenden Farben zu übertunken. Ich dachte, zum Beispiel, daran, von einem Autounfall zu berichten, infolgedessen Mimi schwer verletzt wird. Der Unfallverursacher ist, so stellt es sich heraus, ein Beschädigter der Software des Herrn Citadel. Eigentlich hätte das Opfer seinen Wagen längst warten lassen müssen, doch das Geld war wegen des Malware-Überfalls plötzlich zu knapp. So eine Geschichte zu spinnen, hinterlässt aber einen falschen Eindruck – auch wenn sie durchaus vorstellbar sind. Herr Citadels Welt kennt nämlich keine Moral.
Ich kehre deshalb lieber zu meiner ersten Frage zurück: Die „enn ess äääj“ weiß sonst alles über mich und Sie und wird hellhörig, wenn einer in einer Email von einem „Bombenerfolg“ oder einer „Bombenstimmung“ schreibt. Wenn „Prism“, „XKeyscore“ usw. so informationsintensiv sind, warum können diese Geheimdienstinstrumente Gestalten wie Herrn Citadel nicht dingfest machen? Ja, das ist die Frage? Wäre schön, die Antwort zu erfahren. Hallo Washington! Do you read me?
Hmmm. Kann es sein, dass mein neuester Spammer – tut mir leid, ich habe seinen Namen schon vergessen – dem gleichen kriminellen Verein gehört, der das Konto meines Sohnes neulich geplündert hat?
Es passierte vermutlich in Marokko. Dort ging mein Sohn auf die Bank, um Geld mit seiner EC-Karte abzuheben.
„Vor der Tür stand ein Wächter, und die Bank machte einen seriösen Eindruck“, beteuerte er.
Meine Theorie: Die Bande hat den Wächter bestochen, damit er „ein Auge zudrückt“. (Das Idiom klingt hier ein bisschen zu niedlich). Verständlich aber, dass ein marokkanischer Wächter vor der Bank so was machen würde (gesetzt den Fall, ich habe recht). Die zusätzlichen Verdienste von der Bande sind wahrscheinlich höher als sein ganzes Monatsgehalt.
Unserer Bank in München zufolge wurde inzwischen Geld vom Konto meines Sohnes in Ekuador und in den USA abgehoben. Ja, so ist es mit der Globalisierung im digitalen Zeitalter. Al Capone würde vor Neid erblassen.
Aber nun eine sprachliche Frage: Wie drückt man diese unliebsame Situation meines Sohnes in englischer Sprache aus? Zu bemerken: Das Geld fehlt, er muss zur Polizei, zur Bank, lauter unangenehme Umständlichkeiten. Außerdem kann er, wie geplant, nicht mehr nach Wien fahren – weil ausgerechnet er, ein junger Mensch, der wohl noch bescheidener lebt als der Wächter in Marokko, ins Visier internationaler Kriminalität geraten ist. Antwort: Er könnte sagen: „That was a real Shitstorm“.
„Shitstorm“ bedeutet nämlich auf Englisch, um ein ähnlich fäkales deutschsprachiges Wortbild zu verwenden: „die große Scheiße“. Ein „shitstorm“ ist eine unangenehme und chaotische Situation.
Anders natürlich der Sinn des neuen deutschen Modewortes „Shitstorm“, ein Wort, das jeder auf Anhieb für ein Importprodukt aus der angelsächsischen Welt hält – wie „Computer“ und „Timing“. Diese neue Vokabel (es gibt sie seit ca. 2010) ist bereits so beliebt, dass sie in den neuen Duden („Die deutsche Rechtschreibung“) aufgenommen wurde. Dort wird sie folgendermaßen definiert: „Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht.“ Nebenbei: Es heißt „DER Shitstorm“ und wird in der Mehrzahl, weil angeblich Englisch, mit einem „S“ versehen. Ich persönlich fände „Shitstörmer“ viel hübscher.
Deutsches „Shitstorm“ ist also so Englisch wie „Handy“. Dennoch wurde es 2011 als „Anglizismus des Jahres“ ausgezeichnet – ohne einen Sturm der Entrüstung zu entfachen.
Wer Zeit und Lust hat, kann in der deutschsprachigen „Wikipedia“ einen langen Traktat über den Begriff „Shitstorm“ lesen. Hut ab für den Autor oder die Autoren, sog i. Man spürt welch wissenschaftlicher Drang hinter diesem Artikel steckt. Ich habe viel gelernt über den Werdegang des Wortes.
Es ist mir nur nicht ganz schlüssig, wie dieses Wort – urplötzlich – den Sinn von „Sturm der Entrüstung“ in den „sozialen“ Medien usw. bekam. (Nebenbei: Kennt jemand ein besseres Wort als „sozial“, um den Begriff „social media“ ins Deutsch zu übersetzen?)
Und noch eine Frage: Darf man das, was in Ägypten gerade geschieht als „Shitstorm“ bezeichen? Ich meine die Entrüstung der Mursi-Gegner und die der Muslimischen Brüder? Und sind die empörten Leserkommentare, die man in „Spiegel-Online“ oder „Zeit-Online“ usw. liest auch „Shitstörmer“?
Ich weiß es nicht. Und da der „Shitstorm“ ohnehin noch in den lexikalischen Windeln steckt, kann alles noch werden.
Es ist aber nett, zuzuschauen, wie ein frischgeborenes Wörtlein wächst, nicht wahr?
Wenn ich an den kriminellen Verein denke, der meinem Sohn einen englischen „Shitstorm“ bereitete, will ich den Oberbonzen dieses Vereins, falls sie über eigene Seiten im „sozialen“ Medien verfügen, viele eigene schöne deutsche „Shitstörmer“ wünschen.
Aber zurück zur Eingangsfrage: Wie sagt man „Shitstorm“ auf Englisch? Leider habe ich keine Ahnung.
Vorab ein paar unspektakuläre Zitate:
1.) Antonin Artaud, französischer Schriftsteller und Dramatiker, lebte neun Jahre im Irrenhaus. Einmal sagte er so etwas wie „La réalité me voûte“. Zu Deutsch: „Die Wirklichkeit drückt auf mich wie ein Gewölbe“.
2.) Ezra Pound, amerikanischer Dichter, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg – als Landesverräter – mehrere Jahre im amer. Irrenhaus St. Elisabeth untergebracht. Er meinte einmal: „Lebt man in Amerika, dann am besten im Irrenhaus.“
Mit obigen Zitaten will ich lediglich darauf hinweisen, dass die Zeiten schon wieder spruchreif geworden sind. Deshalb möchte ich diese Woche dem Wahnsinn kurz ausweichen. Ich möchte eine Pause einlegen. Daher diese süße Erinnerung aus einer Zeit der Unschuld. Wir schreiben das Jahr 1975. Ich bin mit meiner damaligen Lebensabschnittspartnerin auf dem Weg nach Europa – auf dem Weg in mein Schicksal…
Ein Bericht über The Thing: Irgendwo in den Längen New Mexicos tritt auf einmal am öden Straßenrand eine große Werbetafel in Erscheinung. Darauf ist zu lesen: The Thing?. Man fragt sich: Hmm, The Thing?. Etliche Meilen später, wieder eine Werbetafel: The Thing? – rv Parking, also Parkplätze für Wohnwagen (recreational vehicles). Dann wieder nach einigen Meilen: The Thing? – Desert Mystery – Wüstengeheimnis. Und so geht es immer weiter. Bald läuft der Countdown: „Zehn Meilen bis zu The Thing?“, „Fünf Meilen“, „Zwei Meilen“, „eine Meile“, „eine halbe Meile“ : Und dann The Thing? You’re almost there – Exit 322. Schließlich Open for Breakfast 7h täglich – the Thing?.
Wenn man Ausfahrt 322 erreicht, ist man schon außerordentlich neugierig. Auch wir, und wir nahmen diese Ausfahrt, die zum Ding führt. Man kommt nun auf eine kurvenreiche Straße in der Wüste und fährt immer weiter, bis man oben auf einer Anhöhe eine lange Holzbaracke, genauer gesagt, eine Erfrischungsstation, erreicht. Auf dem Dach des Hauses steht in großen bunten Buchstaben auf einer hauslangen Tafel: The Thing? What is it? Ja, eine Erfrischungsstation. Man kann hier tanken, essen, trinken, aufs Klo gehen, sich Andenken kaufen. Und selbstverständlich kann man the Thing? besichtigen.
„Wir möchten zu the Thing“, gab ich ein bisschen verschämt zu erkennen, weil es mir längst klar war, dass ich mich über den Tisch ziehen lasse. Einen Dollar kostete das Ticket – damals nicht sonderlich billig. Wir bezahlten und betraten einen Raum, in dessen Mitte ein offener Sarg zu sehen war, der mit einer durchsichtigen Glasplatte zugedeckt wurde. Endlich das Ding. Und was für ein Ding. Im Sarg lag nämlich eine Art Frankensteinfigur, schön eingenistet wie ein Weihnachtsgeschenk auf lauter farbigen Kissen. Nur wirkte diese Figur irgendwie billig, dilettantisch hergestellt. „Ist the Thing echt?“ fragte ich. Zugegeben, eine dumme Frage, aber ich wollte zumindest etwas sagen.
„Wenn ich ehrlich bin“, antwortete die Aufseherin schön routiniert, „nein. Aber ich halte es für meine Pflicht, wahrhaftig zu antworten.“
„Es ist aus Pappmaschee, oder?“
„Ja.“
Wir schwiegen. Schließlich sagte ich: „Aber mein Kompliment. Ihre Werbung ist ausgezeichnet. Sie haben uns richtig neugierig gemacht.“
„Danke. Wenn man in dieser Gegend lebt, muss man sich was einfallen lassen.“
Nachtrag: Ich bin 2009 dieselbe Strecke gefahren. The Thing? war immer noch da. Diesmal hielt ich aber nicht an. Ich höre aber, dass es inzwischen mehrere Konzessionen im Südwesten der USA gibt, die diese Masche verwenden. Ist doch klar. Angebot und Nachfrage waren schon immer die Grundlage des Kapitalismus.
Nächste Woche wende ich mich den Grausamkeiten der Gegenwart wieder – selbstverständlich mit sprachlichem Bezug.
Als Amerikaner vermag ich selbstverständlich den Inhalt Ihrer Festplatte zu lesen, als wäre es das New Yorker Telefonbuch. Ich weiß alles – sogar, dass Sie Kaffee auf Ihre Tastatur verschüttet haben. Bitte aber künftig auf die Papierbecher dieser amerikanischen Kaffeemarke mit den vielen Geschmacksrichtungen verzichten – Sie wissen, wen ich meine (bei mir keine Schleichwerbung – wir bekommen unser Geld ausschließlich von der NSA). Der Geruch von bestimmten Geschmacksrichtungen, wenn sie auf eine Tastatur verschüttet werden, sickert nicht nur ins Innenwerk Ihrer Tastatur, sondern durch das ganze Internet und schließlich in mein IP-Informationszentrum. Igittigitt.
Ich bin sogar in der Lage das Zimmer meines neuesten Spammers zu schildern. Er nennt sich „Aliciakeyss“ und hinterlässt täglich ca. fünfzehn „Kommentare“ auf meiner Webseite, die ich, seiner Fantasie nach, veröffentlichen soll, um Werbung für Poker-Seiten zu machen. Dass ich nicht lache.
Natürlich lösche ich seine primitiven in englischer Sprache verfassten Texte umgehend. Was er (ja, er ist ein Er), aber nicht ahnt: ich weiß sehr viel über ihn. Mitunter: Sein Zimmer befindet sich in Minsk in Weißrussland. Wieso weiß ich das?
Ganz klar: Als Agent im Dienste der NSA (fast alle Amerikaner im Übersee arbeiten für die „Agency“, wie wir es nennen) kann ich mittels der in seinem Monitor eingebaute Kamera jede Ecke seines Zimmers sehen. Ich kann sogar zoomen! Das große Porträt von Aljaksandr Ryhorawitsch Lukaschenka, so der Name des Diktators in der weißrussischen Sprache, wäre nur in Weißrussland denkbar. Und nicht von ungefähr ist seine IP-Adresse in Minsk beheimatet.
Und ich weiß, wie „Aliciakeyss“ aussieht: Er dürfte Ende zwanzig sein, ist oft unrasiert, raucht selbstgemachte Zigaretten, ist Brillenträger und hat die Gewohnheit, sehr häufig in der Nase zu bohren. Hinzu: Er isst mit Vorliebe ganz fettige Wurst – mit den Fingern! Wenn ich seine Tastatur nur oberflächlich beschreiben würde!
Sie können sich vorstellen, wie unappetitlich meine Arbeit werden kann. Manches will man über andere Menschen einfach nicht wissen. Und die Berichte, die ich ans HQ, also „Headquarters“ schicke, sind voll mit Bemerkungen über die hygienischen Zustände bei den Bespitzelten. So will es das HQ. Nebenbei: „Aliciakeyss“ hat eine Freundin namens Swetlana. Sie trägt eine Tätowierung unter…nein, ich möchte hier nicht so sehr ins Detail gehen. Das erfährt nur das HQ. Sie werden dafür Verständnis haben.
Manchmal frage ich mich, wer am HQ meine Berichte liest? Ich weiß es wirklich nicht. Und ich schreibe meine Beobachtungen praktisch acht Stunden täglich auf. Also wirklich kein Zuckerlecken. Es sind bisweilen drei- oder vierhundert Momentaufnahmen täglich. Ja, wer liest das ohne dabei einzuschlafen? Denn ich bin, ehrlich gesagt, noch nie auf etwas richtig Verdächtiges gestoßen. Und ich mache diese Arbeit schon seit zwölf Jahren.
Mein Freund Lennie, der ist auch Amerikaner, ein Kollege also, hat mir mal erzählt, dass die Arbeit ihn so sehr langweilt, dass er inzwischen alles Mögliche erfindet, um seine Berichte ein bisschen zu würzen. Immer wieder legt er seinen „Dorks“ (so nennen wir unsere „Klienten“) Wörter wie „Dschihad“, „Osama“ und „Bombe“ in den Mund. Das hat freilich Konsequenzen: So, zum Beispiel, barsten eines Nachts Spezialeinheiten ins Haus einer 93jährigen ehemaligen Apothekerin in Düsseldorf rein. Die Frau ließ sich aber offensichtlich nicht einschüchtern. Als ehemalige Tai-Quan-Do-Lehrerin gelang es ihr innerhalb Sekunden, drei Agenten unschädlich zu machen. Einer kam anschließend ins Krankenhaus mit einem Bänderriss.
Es ist echt eine dröge Arbeit. Glauben Sie’s mir. Die Chinesen machen es längst viel raffinierter. Sie haben schon lange den Dreh raus, Menschen zu züchten, die kaum großer sind als ein paar Byte, ja Byte. Diese werden dann durch das Internet befördert, können überall auftauchen – auch bei Ihnen. Sie machen keine Fernberichte wie ich. Sie sehen vor Ort ALLES.
Nein, ich erfinde nichts. Außerdem sind die meisten dieser Byte-großen Mitarbeiter Tibetaner und Uiguren. Somit versuchen die Chinesen ihr Minderheitenproblem zu lösen.
Eigentlich darf ich Ihnen all dies nicht erzählen. Fakt ist aber: Wir bestreiken die NSA momentan, weil die Arbeitsbedingungen immer ungerechter werden. Und die Bezahlung ist auch nicht gerade lustig. Darüber hinaus kriegen wir nur zwei Wochen bezahlten Urlaub im Jahr und haben keine Krankenkasse. Allmählich denke ich, dass sie uns gar nicht ernst nehmen, die da im HQ.
Es gibt Wichtigeres zu thematisieren als Haare.
Ohnehin bin ich völlig verunsichert, ob ich in der heutigen Zeit „Haare“ oder „Haar“ zu sagen habe.
Als ich in den 1970er Deutsch täglich zu sprechen begann, hielt ich es für merkwürdig, dass alle sagten: „Mei, hat sie schöne Haare“ oder „Ach, ich muss mir die Haare schneiden lassen“ usw.
Das lag daran, dass das englische Substantiv „hair“ sowohl zählbar wie auch unzählbar sein kann. Wenn zählbar, dann unerbittlich so: „Damn! I found eight hairs on the carpet! That dog has to go.“
In allen anderen Fällen betrachten wir „hair“ als Kollektivum. „He has long hair“, „Her hair is blonde“ und dergleichen.
Einst bemerkte eine hübsche junge Frau: „Wow, hast du ja schöne lockige Haare.” Ich war völlig perplex. Einerseits lässt man sich gern ein Kompliment geben. Andererseits neigte ich dazu, weil ich einen starken Hang zur Ironie habe, zu antworten: „Danke, aber hast du die alle gezählt?“ So schnöselig war ich aber nicht.
Zugegeben: Es gibt momentan wichtigere Themen als Haare oder Haar. Zum Beispiel, dass die Welt – zumindest auf politischer und wirtschaftlicher Ebene – zusehends aus den Fugen gerät und FC Bayern einen neuen Trainer hat. Über diese Sachen kann man sich aber in jedem beliebigen Blatt informieren; über Haare (oder Haar?) wettert nur der Sprachbloggeur. Aber nun endlich zur Sache:
Ich stelle nämlich fest, dass es – was die Haare betrifft – genauer gesagt die Körperbehaarung – einen Paradigmenwechsel gegeben hat. Er tauchte wie aus dem Nichts auf. Doch ich verstehe immer noch nicht, weshalb es so ist.
Etwas Hintergrund: Ein betagter Gentleman aus meinem Bekanntenkreis, inzwischen verstorben, wollte mir vor fünf Jahren was Gutes tun: Eines Tages drückte er mir einen ramponierten alten Aktenkoffer in die Hand: „Hier, für dich“, sagte er. Ich machte auf und siehe! Lauter Münzen – zwar keine wertvolle – aber alte Münzen, die er im Lauf seines langen Lebens gesammelt hatte. Außerdem fand ich im Koffer ein paar pornografische Videos aus den 1970er Jahren. „Vielleicht gefällt dir das auch“, sagte er und kicherte bös.
Ich bin, um ehrlich zu sein, kein Prüder. Dennoch finde ich pornografische Filme normalerweise sehr langweilig, zumal sie darauf zielen, das hehre Geheimnis der körperlichen Liebe für alle sichtbar zu machen. Das geht natürlich nicht – erst recht nicht, wenn ein Darsteller, der sich wie ein Zombie bewegt, ständig „Hey, Baby, du hast tolle Titten“ sagt und eine Frau unentwegt mit der Zunge über die Lippen fährt und antwortet: „O ja, o ja.“
Ja, ich gebe zu. Ich habe mir die Filme angeschaut – zumindest Teile davon. Denn häufig drückte ich auf „fast forward“, um noch schneller zum lahmen Schluss zu kommen.
Ich teile diesen Sachverhalt aus der Privatsphäre mit Ihnen aus einem bestimmten Grund mit. Und zwar: wegen meiner Beobachtungen im Punkto Körperbehaarung. In besagten alten Videos ist nämlich viel davon, d.h. von der Körperbehaarung, zu sehen: Männer wie sexualisierte Teddybären ringen mit Frauen, die da unten wie der Urwald aussehen.
Aber jetzt zum Kern:
Wenn man die Pornodarstellungen der 1970er Jahre mit ihrem Gegenpart der 2010er Jahre vergleicht, fällt auf, dass es heute in diesem Beruf keine Teddybären und Urwälder mehr gibt. Im Gegenteil. Wir leben im Zeitalter der Intimrasur. Und nicht nur in der Pornografie. Auch im wirklichen Leben: Die Depilation ist – für beide Geschlechter – zu einer Großindustrie vergleichbar mit Smartphones geworden. Als ob in den letzten Jahren eine neue haarlose Menschenzüchtung angestrebt wird. Ich habe keine Erklärung für dieses Phänomen.
Und wann haben Sie das letzte Mal einen Fußballspieler mit Brusthaaren gesehen? Vielleicht noch nie, wenn Sie jung genug sind. Rückblick: In den 70er Jahre stürmten beinahe ausschließlich die Teddybären übers Spielfeld.
Es ist ein Leben wie in der Zeit der Renaissance. Schauen Sie sich mal die alten Bilder an. Sie werden zwar Männer mit Kopfhaaren und Bärten im Überfluss finden. Brusthaare? Beinhaare? Achselhaare? Schamhaare? Ob Jesus, Abraham, Mose oder der Heilige Sebastian. Mangelware. Alles intim rasiert.
Nur ein paar vereinzelte Beobachtungen. Ich schreibe hier keine Doktorarbeit und überlasse diese Aufgabe lieber einem (oder einer), der/die mehr Zeit für Haare hat. Oder meine ich „Haar“?
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