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Vorsicht! Datenschwundzone! (oder: Die Horrorwolke)

Hilfe! Ich bin in einer Wolke gefangen!

Augenblicklich könnte dieser Text verschwinden, wenn er nicht schon jetzt verschwunden ist. Paff! Und dennoch: Für den Fall, dass diese Worte doch noch sichtbar sind, hier meine dringliche Warnung vor der Wolke:

Ja, die Wolke. „Clouding“ heißt das bei den Techies: das Speichern von Daten auf großen Servers. Haben Sie gemerkt, wie die Wolke eine immer größere Rolle als Speichermedium einnimmt? Festplatte, USB-Sticks ade, wird es bald heißen. Alles Wissen wird in der Wolke schweben. Nur: Was passiert, wenn einer den (oder die) Stecker zieht? Oder wenn ein Trojaner alles vernichtet oder die Neutronbombe einschlägt?

(Hmmm. Sind diese Worte überhaupt sichtbar? Oder schreibe ich schon jetzt für den Katz? Miaaauu?)

Ich stelle diese Fragen aus persönlichen Gründen. Fakt ist: Die Existenz dieser Webseite hängt im Augenblick an einem dünnen Stromkabel. Vielleicht ist Ihnen das Problem bereits aufgefallen: Seit beinahe zwei Wochen stimmt beim Sprachbloggeur etwas mit der Technik nicht. Ein Knacks rumort durch den Server, und ich kann ihn nicht einmal annäherend sachlich erläutern.

Einzig weiß ich: Die Programmuhr meiner Seite ist außer Betrieb, ist folglich irgendwo in der Vergangenheit stehen geblieben. Das Resultat: Wenn ich einen Beitrag hochzulade, erscheint er gar nicht auf dem Bildschirm. Für den Server werde die Gegenwart als Zukunft gedeutet, wurde mir erklärt. Meine Beiträge existieren für den Server also nur in der Zukunft, seien de fakto nicht aufrufbar. Alles klar? Mir nicht. Nur durch ein Kunststück ist es jedes Mal möglich, einen neuen Beitrag hochzuladen. So war es schon letzte Woche. Und weil ich dieses Kunststück selbst nicht beherrsche, muss ich warten, bis einer vom Server mich durch diese Zeitlupe führt.

Der verkorkste Server verhindert nicht nur die Veröffentlichung meiner Beiträge. Auch Ihre Kommentare kommen nicht zum Vorschein. Mittlerweile erhalte ich böse Post sogar von meinen Spammern. Sie beschweren sich, weil sie erhebliche Schwierigkeiten haben, ihre Werbung für Potenzmittel, Kasinos, polnische Ferienwohnungen usw. mir aufzuzwingen. Die Situation ist also sehr ernst.

Immerhin ist die Lage nicht ganz hoffnungslos. Mein Provider hat mir versichert, dass er dabei ist, etwas, wovon ich keine Ahnung habe, zu richten. Hoffen wir das Beste.

Und was, wenn der Sprachbloggeur digital erstirbt? Wissen Sie, dass es fast nirgends (so weit ich weiß) papierne Ausdrücke der vielen Sprachbloggeur-Beiträge gibt? Das heißt: Sollte der Server tatsächlich hopps machen, wird diese Seite nur noch in der Erinnerung seiner Leser existieren.

In der Wolke lauert große Gefahr.

Und es kann noch schlimmer werden. Nun will Facebook Ihr ganzes Leben (Bilder, Tagebucheinträge, Erinnerungen usw.) in der Wolke speichern, damit Sie jederzeit im Jahr 2072 die Dummheiten von 2011 aufrufen können (gähn). Amazon bietet seinen Kindle-Kunden die Wolke als private Bibliothek für gekaufte E-Bücher an.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin kein Technikfeind. Im Gegenteil. Ich habe selbst mal erwägt, ein E-Buchlesergerät oder ein Tablett zu erwerben. Nur: Was passiert, wenn einer den – bzw. die – Stecker wirklich zieht? Und was geschieht, wenn der raffinierte Trojaner eines Geltungsgetriebenen alle Daten aller Menschen mit einem Mal doch vernichtet?

Als Kind hat mir der Film „The Incredible Shrinking Man“ („der unglaubliche schrumpfende Mann“), deutsche Titel „Die unglaubliche Geschichte von Mister C.“, Angst gemacht. Er erzählte von einem Mann, Mister C., der sich an einem sonnigen Sommertag auf dem Bug eines Motorbootes aalte. Plötzlich verschwand das Boot – nur kurz – in einer tiefhängenden Wolke. Mister C. dachte sich nichts dabei – bis er feststellte, dass er zu schrumpfen begann. Zuerst waren es nur Kleinigkeiten. Seine Hose schienen ihm zu lang geworden zu sein. Doch bald musste er auf Stühle klettern. Dann war er so groß wie sein Hund. Er wurde immer kleiner – bis er winziger als eine Stubenfliege wurde. Am Schluss konnte er durch ein Nadelöhr schlüpfen. Ein erschreckender Film für ein Kind, das sich freut, mal größer zu werden. Lange hatte ich wegen dieses Films Angst vor Wolken. Und nun verspüre ich die alte Angst schon wieder.

Haben Sie gewusst, dass wir heute besser informiert sind über das tägliche Leben der Babylonier als über das der uns zeitlich näher liegenden Römer? Warum? Weil die Babylonier ihre Briefe, Schulbücher, Verträge, Gerichtsurteile, Literatur usw. auf Tontafeln schrieben. Diese Tafeln sind beinahe unverwüstlich. Die Römer hingegen speicherten ihre Archiven auf Papyrus oder Pergament. Diese Unterlagen halten zwar einige Jahrhunderte lang, nicht aber Jahrtausende. Wenn sie nicht kopiert werden, sind sie weg.Was können wir uns von den Digitalspeichern erhoffen?

Noch immer weiß ich nicht, wer diese Warnung zu Augen bekommt. Vielleicht ist es schon zu spät. Vielleicht habe ich schon jetzt nur für die Katz geschrieben. Miaaauu.

Ein Wort bekommt lebenslänglich

Es ist mir peinlich, folgende Begebenheit zu schildern, aber jeder liest gerne Peinlichkeiten. Oder?

Eine Zufallsbegegnung mit Frau F. am Samstag vor dem Haus. Sie ist ein liebenswürdiger Mensch und eine gute Nachbarin. Es war gegen halb eins. Die Sonne schenkte letzte Herbstwärme. Man freut sich über das schöne Wetter, und man redet gerne mit den Nachbarn übers Wetter. Was auch nicht schlimm ist. Im Gegenteil. Über das Wetter zu reden ist Metasprache und bedeutet: „Sie sind in Ordnung, es herrscht Friede zwischen uns.“ Man darf nicht alles wörtlich nehmen.

Aber nun fragte mich Frau F., ob ich heute zur Großdemo ginge. Gemeint war die Demonstration in München gegen die Verlängerung des Atomkraftwerkevertrags. Man wollte an diesem Tag eine Menschenkette durch ganz München formieren.

„Nein, habe ich nicht vor“, antwortete ich. „Wozu auch? Die paar Jahre Atommüll werden eh nicht viel an der Sache ändern. Es besteht ohnehin  Konsens, dass es mit der Atomenergie nicht so weiter gehen kann. Mittlerweile ist jedem klar, dass die Atomenergie eine vorübergehende Lösung ist.“ (Achtung: Das Wort „Lösung“ ist hier zu beachten).

„Ja, sicher“, antwortete Frau F. „Die Endlagerung des Atommülls bleibt nach wie vor ein unlösbares Problem.“ (Achtung: Das Wort „Endlagerung“ ist hier zu beachten).

„Genau“, erwiderte ich, „bis man auf eine Endlösung der Atommüllagerung kommt…“

Upps. Haben Sie es gemerkt? Es rutschte aus mir einfach so heraus. Ich wollte nur „bis man auf eine Lösung der Endlagerung“ sagen. Daraus wurde eine „Endlösung der Atommülllagerung“.

Mir war sofort klar, wie sehr ich gegen die Gepflogenheiten der deutschen Sprache gesündigt hatte. Schade. „Endlösung“ wäre wirklich das passende Wort dafür gewesen. Nur: Diese Vokabel ist nicht weniger vergiftet als die Stadt Tschernobyl oder das von roten Erdmassen überschwemmten Koluntar und Umgebung in Ungarn.

Ich bin wahrlich nicht zimperlich, was Sprache betrifft. Einmal habe ich über „Jedem das Seine“ geschrieben und für dessen Freilassung aus dem Sprachgefängnis plädiert. „Jedem das Seine“ habe, so meinte ich, lange genug gesessen, sei ohnehin in anderen Sprachen gebräuchlich („chacqu’un son goût“, „to each his own“) usw.

„Endlösung“ ist aber anders. Erheblich anders. Eine Erfindung des Obernazis Reinhard Heydrich, glaube ich. Dieses Wort kann und will man nicht aus dem Sprachgefängnis entlassen. Es nimmt seine Mahlzeiten mit anderen hartgesottenen Knastis wie „Arbeit macht frei“ und „unwertes Leben“ ein. Allen wurde die Sicherungsverwahrung aus guten Gründen auferlegt.

Dennoch gibt der große Duden (Jahrgang 1976) „Endlösung“ als „normale“ Vokabel im Sinne von „endgültige Lösung“ an, allerdings mit dem Hinweis „selten“. Sonst heißt es nach Duden „Plan zur Ausrottung der europäischen Juden“.

Ich weiß nicht, wie viele Wörter und Begriffe heute im Sprachgefängnis noch sitzen. Ich glaube nicht, dass es viele sind. Es muss eine gemütliche Großanlage sein. Wie einst Spandau. Lebenslänglich haben ohnehin nur die wenigsten Wörter bekommen. Vielleicht sitzen auch dort die einen oder anderen politisch unkorrekten Sprüche mit. Die meisten von ihnen dürfen aber am Wochenende nach Hause gehen.

Nicht die „Endlösung“. Armes Wörtchen. Eigentlich selbst das Opfer. Es waren Menschenzungen und kranke Hirne, die es zum Delinquenten machten. Aber was heißt „lebenslang?“ Wenn ich noch hundert oder noch besser zweihundert Jahre lebe, kann ich diese Frage genauer beantworten. Vielleicht werden eines Tages auch Tschernobyl und Koluntar wieder bewohnbar sein. Alles ist möglich.

Die gute Nachricht: Meine kleine Indiskretion ist Frau F. wohl nicht aufgefallen. Wenn ja, hat sie nichts verlautbaren lassen. So ist es bei guten Nachbarn. Man überhört ganz unauffällig vieles.

Grantelrede über die drei Fs

„Ich würde dir vorschlagen, am Schluss ein paar Fußnoten anzulegen. Kein Mensch kennt Beda heutzutage“, sagte Carl.

„Aber wozu haben wir denn Wikipedia? Jeder kann alles schnell nachschlagen.“

„Trotzdem.“

Ein Fragment aus einer Unterhaltung, die ich letzte Woche mit Freund Carl führte. Er war der Meinung, dass ich den Lesern meines neuen Lyrikzyklus, „The Caedmon Songs“ etwas Lesehilfe bieten müsste.

Hintergrund: Im August habe ich zum ersten Mal seit 25 Jahren englischsprachige Lyrik geschrieben. Hier nur das Wesentlichste: Ganz plötzlich hat es mich überwältigt – manchmal mehrere Stücke pro Tag, manchmal stand ich mitten in der Nacht auf, um zu schreiben. Alles sehr unerwartet. Sie haben wahrscheinlich nicht gewusst, dass mein eigentlicher Beruf der des Lyrikers ist – und zwar in englischer Sprache. Der Sprachbloggeur ist bloß eine von vielen Personae, d.h. Masken, des Lyrikers P.J. Blumenthal.

Zugegeben: Die Lyrik ist das nützloseste Unterfangen der Welt. Aber so einer bin ich halt. Ein befriedigendes finanzielles Auskommen ist von der Lyrik kaum zu erwarten. Mein ehemaliger Chef witzelte einst, als ich ihm mal meine wahre Identität verriet: „Dann müssen Sie sich ja eine reiche Gräfin als Gönnerin finden.“ Über das Thema Poesie und Wirtschaft habe ich ein ganzes Buch – und zwar in deutscher Sprache – geschrieben: „Hierons Gastmahl – oder das Wort als Ware“. Dieses Buch ist noch nicht erschienen, aber jeder Leser des Sprachbloggeurs kann auf dieser Webseite zumindest den Anfang unter Rubrik „Wer bin ich“ lesen. Der Auszug aus diesem Buch heißt „Prolog auf dem Olymp“.

Fußnoten für meinen Lyrikzyklus? Ich war entsetzt, als mir dies Carl vorschlug. „Wie steht es heute mit der Allgemeinbildung?“ fragte ich entrüstet.

„Deine Lyrik braucht Fußnoten, weil die Leute sonst keine Ahnung haben, wer Beda und Caedmon sind. Außerdem musst du unbedingt schreiben, wann sie gelebt haben oder dass Caedmon der erste uns bekannte Dichter in der englischen Sprache war.“

„Ich verstehe die Welt nicht mehr. Es ist nicht, als hätte ich eine Doktorarbeit geschrieben. Ich habe lediglich Lyrik verfasst. Und dass mit Caedmon und Beda soll die Lektüre meines Zyklus nachvollziehbar machen, weil konkret.

„Du findest aber heute kaum einen, der ein Gefühl für die Geschichte hat.“

Ich war baff. Und dann kam prompt eine Mail von Freund D. (so nennen wir ihn heute) aus Amerika, der mein Prosagedicht, „Kommentar über das Buch Jonas“ (die englische Version) neulich gelesen hat: „Ich bin gar nicht richtig bibelfest“, schrieb er an mich. „Zunächst habe ich Jonas und Josua verwechselt.“

Kann es sein, dass das historische Bewusstsein heute wirklich so geringgeschätzt wird? Prompt fiel mir der Spruch des Philosophen George Santayana ein: „Wer die Vergangenheit vergisst, ist verurteilt, sie zu wiederholen.“

An einem Elternabend sagte ich der Französischlehrerin meines ältesten Sohns einmal: „Das Lehrbuch kommt mir irgendwie seichte vor – als lernten die Kinder nur französische Umgangsprache. Wissen Sie, als ich Französisch in der Schule hatte, war ich in der Lage, mich stundenlang über Descartes und Voltaire zu unterhalten. Dafür wäre ich vielleicht unfähig, eine Mahlzeit im Restaurant zu bestellen. Aber so was holt man schnell nach.“

„Heute ist es ganz anders“, erwiderte sie. „Die Kinder haben keine Ahnung, wer Descartes und Voltaire sind. In den Lehrbüchern wird ihnen nur die drei Fs beigebracht.“

„Die drei Fs?“

„Ficken, Fressen und Freizeit.“

Oje. Jetzt grantele ich wie ein Opa, dem die Nieren zwicken. Trotzdem bleibe ich dabei: Man darf den Blick auf die Vergangenheit nicht verlieren. Das muss ich gar nicht rechtfertigen. Jeder weiß, was es heißt, wenn man sich nicht mehr an die Vergangenheit erinnern kann: Amnesie – man wird zu Ray dem Waldjungen (der womöglich kein echter Waldjunge war – so der neueste Stand der Dinge). Soll ich Santayana nochmals zitieren?

Nächste Woche etwas weniger Pathos.

Grantelrede über die drei Fs

„Ich würde dir vorschlagen, am Schluss ein paar Fußnoten anzulegen. Kein Mensch kennt Beda heutzutage“, sagte Carl.

„Aber wozu haben wir denn Wikipedia? Jeder kann alles schnell nachschlagen.“

„Trotzdem.“

Ein Fragment aus einer Unterhaltung, die ich letzte Woche mit Freund Carl führte. Er war der Meinung, dass ich den Lesern meines neuen Lyrikzyklus, „The Caedmon Songs“ etwas Lesehilfe bieten müsste.

Hintergrund: Im August habe ich zum ersten Mal seit 25 Jahren englischsprachige Lyrik geschrieben. Hier nur das Wesentlichste: Ganz plötzlich hat es mich überwältigt – manchmal mehrere Stücke pro Tag, manchmal stand ich mitten in der Nacht auf, um zu schreiben. Alles sehr unerwartet. Sie haben wahrscheinlich nicht gewusst, dass mein eigentlicher Beruf der des Lyrikers ist – und zwar in englischer Sprache. Der Sprachbloggeur ist bloß eine von vielen Personae, d.h. Masken, des Lyrikers P.J. Blumenthal.

Zugegeben: Die Lyrik ist das nützloseste Unterfangen der Welt. Aber so einer bin ich halt. Ein befriedigendes finanzielles Auskommen ist von der Lyrik kaum zu erwarten. Mein ehemaliger Chef witzelte einst, als ich ihm mal meine wahre Identität verriet: „Dann müssen Sie sich ja eine reiche Gräfin als Gönnerin finden.“ Über das Thema Poesie und Wirtschaft habe ich ein ganzes Buch – und zwar in deutscher Sprache – geschrieben: „Hierons Gastmahl – oder das Wort als Ware“. Dieses Buch ist noch nicht erschienen, aber jeder Leser des Sprachbloggeurs kann auf dieser Webseite zumindest den Anfang unter Rubrik „Wer bin ich“ lesen. Der Auszug aus diesem Buch heißt „Prolog auf dem Olymp“.

Fußnoten für meinen Lyrikzyklus? Ich war entsetzt, als mir dies Carl vorschlug. „Wie steht es heute mit der Allgemeinbildung?“ fragte ich entrüstet.

„Deine Lyrik braucht Fußnoten, weil die Leute sonst keine Ahnung haben, wer Beda und Caedmon sind. Außerdem musst du unbedingt schreiben, wann sie gelebt haben oder dass Caedmon der erste uns bekannte Dichter in der englischen Sprache war.“

„Ich verstehe die Welt nicht mehr. Es ist nicht, als hätte ich eine Doktorarbeit geschrieben. Ich habe lediglich Lyrik verfasst. Und dass mit Caedmon und Beda soll die Lektüre meines Zyklus nachvollziehbar machen, weil konkret.

„Du findest aber heute kaum einen, der ein Gefühl für die Geschichte hat.“

Ich war baff. Und dann kam prompt eine Mail von Freund D. (so nennen wir ihn heute) aus Amerika, der mein Prosagedicht, „Kommentar über das Buch Jonas“ (die englische Version) neulich gelesen hat: „Ich bin gar nicht richtig bibelfest“, schrieb er an mich. „Zunächst habe ich Jonas und Josua verwechselt.“

Kann es sein, dass das historische Bewusstsein heute wirklich so geringgeschätzt wird? Prompt fiel mir der Spruch des Philosophen George Santayana ein: „Wer die Vergangenheit vergisst, ist verurteilt, sie zu wiederholen.“

An einem Elternabend sagte ich der Französischlehrerin meines ältesten Sohns einmal: „Das Lehrbuch kommt mir irgendwie seichte vor – als lernten die Kinder nur französische Umgangsprache. Wissen Sie, als ich Französisch in der Schule hatte, war ich in der Lage, mich stundenlang über Descartes und Voltaire zu unterhalten. Dafür wäre ich vielleicht unfähig, eine Mahlzeit im Restaurant zu bestellen. Aber so was holt man schnell nach.“

„Heute ist es ganz anders“, erwiderte sie. „Die Kinder haben keine Ahnung, wer Descartes und Voltaire sind. In den Lehrbüchern wird ihnen nur die drei Fs beigebracht.“

„Die drei Fs?“

„Ficken, Fressen und Freizeit.“

Oje. Jetzt grantele ich wie ein Opa, dem die Nieren zwicken. Trotzdem bleibe ich dabei: Man darf den Blick auf die Vergangenheit nicht verlieren. Das muss ich gar nicht rechtfertigen. Jeder weiß, was es heißt, wenn man sich nicht mehr an die Vergangenheit erinnern kann: Amnesie – man wird zu Ray dem Waldjungen (der womöglich kein echter Waldjunge war – so der neueste Stand der Dinge). Soll ich Santayana nochmals zitieren?

Nächste Woche etwas weniger Pathos.

Grantelrede über die drei Fs

„Ich würde dir vorschlagen, am Schluss ein paar Fußnoten anzulegen. Kein Mensch kennt Beda heutzutage“, sagte Carl.

„Aber wozu haben wir denn Wikipedia? Jeder kann alles schnell nachschlagen.“

„Trotzdem.“

Ein Fragment aus einer Unterhaltung, die ich letzte Woche mit Freund Carl führte. Er war der Meinung, dass ich den Lesern meines neuen Lyrikzyklus, „The Caedmon Songs“ etwas Lesehilfe bieten müsste.

Hintergrund: Im August habe ich zum ersten Mal seit 25 Jahren englischsprachige Lyrik geschrieben. Hier nur das Wesentlichste: Ganz plötzlich hat es mich überwältigt – manchmal mehrere Stücke pro Tag, manchmal stand ich mitten in der Nacht auf, um zu schreiben. Alles sehr unerwartet. Sie haben wahrscheinlich nicht gewusst, dass mein eigentlicher Beruf der des Lyrikers ist – und zwar in englischer Sprache. Der Sprachbloggeur ist bloß eine von vielen Personae, d.h. Masken, des Lyrikers P.J. Blumenthal.

Zugegeben: Die Lyrik ist das nützloseste Unterfangen der Welt. Aber so einer bin ich halt. Ein befriedigendes finanzielles Auskommen ist von der Lyrik kaum zu erwarten. Mein ehemaliger Chef witzelte einst, als ich ihm mal meine wahre Identität verriet: „Dann müssen Sie sich ja eine reiche Gräfin als Gönnerin finden.“ Über das Thema Poesie und Wirtschaft habe ich ein ganzes Buch – und zwar in deutscher Sprache – geschrieben: „Hierons Gastmahl – oder das Wort als Ware“. Dieses Buch ist noch nicht erschienen, aber jeder Leser des Sprachbloggeurs kann auf dieser Webseite zumindest den Anfang unter Rubrik „Wer bin ich“ lesen. Der Auszug aus diesem Buch heißt „Prolog auf dem Olymp“.

Fußnoten für meinen Lyrikzyklus? Ich war entsetzt, als mir dies Carl vorschlug. „Wie steht es heute mit der Allgemeinbildung?“ fragte ich entrüstet.

„Deine Lyrik braucht Fußnoten, weil die Leute sonst keine Ahnung haben, wer Beda und Caedmon sind. Außerdem musst du unbedingt schreiben, wann sie gelebt haben oder dass Caedmon der erste uns bekannte Dichter in der englischen Sprache war.“

„Ich verstehe die Welt nicht mehr. Es ist nicht, als hätte ich eine Doktorarbeit geschrieben. Ich habe lediglich Lyrik verfasst. Und dass mit Caedmon und Beda soll die Lektüre meines Zyklus nachvollziehbar machen, weil konkret.

„Du findest aber heute kaum einen, der ein Gefühl für die Geschichte hat.“

Ich war baff. Und dann kam prompt eine Mail von Freund D. (so nennen wir ihn heute) aus Amerika, der mein Prosagedicht, „Kommentar über das Buch Jonas“ (die englische Version) neulich gelesen hat: „Ich bin gar nicht richtig bibelfest“, schrieb er an mich. „Zunächst habe ich Jonas und Josua verwechselt.“

Kann es sein, dass das historische Bewusstsein heute wirklich so geringgeschätzt wird? Prompt fiel mir der Spruch des Philosophen George Santayana ein: „Wer die Vergangenheit vergisst, ist verurteilt, sie zu wiederholen.“

An einem Elternabend sagte ich der Französischlehrerin meines ältesten Sohns einmal: „Das Lehrbuch kommt mir irgendwie seichte vor – als lernten die Kinder nur französische Umgangsprache. Wissen Sie, als ich Französisch in der Schule hatte, war ich in der Lage, mich stundenlang über Descartes und Voltaire zu unterhalten. Dafür wäre ich vielleicht unfähig, eine Mahlzeit im Restaurant zu bestellen. Aber so was holt man schnell nach.“

„Heute ist es ganz anders“, erwiderte sie. „Die Kinder haben keine Ahnung, wer Descartes und Voltaire sind. In den Lehrbüchern wird ihnen nur die drei Fs beigebracht.“ 

„Die drei Fs?“

„Ficken, Fressen und Freizeit.“

Oje. Jetzt grantele ich wie ein Opa, dem die Nieren zwicken. Trotzdem bleibe ich dabei: Man darf den Blick auf die Vergangenheit nicht verlieren. Das muss ich gar nicht rechtfertigen. Jeder weiß, was es heißt, wenn man sich nicht mehr an die Vergangenheit erinnern kann: Amnesie – man wird zu Ray dem Waldjungen (der womöglich kein echter Waldjunge war – so der neueste Stand der Dinge). Soll ich Santayana nochmals zitieren?

Nächste Woche etwas weniger Pathos.

Grantelrede über die drei Fs

Grantelrede über die drei Fs

„Ich würde dir vorschlagen, am Schluss ein paar Fußnoten anzulegen. Kein Mensch kennt Beda heutzutage“, sagte Carl.

„Aber wozu haben wir denn Wikipedia? Jeder kann alles schnell nachschlagen.“

„Trotzdem.“

Ein Fragment aus einer Unterhaltung, die ich letzte Woche mit Freund Carl führte. Er war der Meinung, dass ich den Lesern meines neuen Lyrikzyklus, „The Caedmon Songs“ etwas Lesehilfe bieten müsste.

Hintergrund: Im August habe ich zum ersten Mal seit 25 Jahren englischsprachige Lyrik geschrieben. Hier nur das Wesentlichste: Ganz plötzlich hat es mich überwältigt – manchmal mehrere Stücke pro Tag, manchmal stand ich mitten in der Nacht auf, um zu schreiben. Alles sehr unerwartet. Sie haben wahrscheinlich nicht gewusst, dass mein eigentlicher Beruf der des Lyrikers ist – und zwar in englischer Sprache. Der Sprachbloggeur ist bloß eine von vielen Personae, d.h. Masken, des Lyrikers P.J. Blumenthal.

Zugegeben: Die Lyrik ist das nützloseste Unterfangen der Welt. Aber so einer bin ich halt. Ein befriedigendes finanzielles Auskommen ist von der Lyrik kaum zu erwarten. Mein ehemaliger Chef witzelte einst, als ich ihm mal meine wahre Identität verriet: „Dann müssen Sie sich ja eine reiche Gräfin als Gönnerin finden.“ Über das Thema Poesie und Wirtschaft habe ich ein ganzes Buch – und zwar in deutscher Sprache – geschrieben: „Hierons Gastmahl – oder das Wort als Ware“. Dieses Buch ist noch nicht erschienen, aber jeder Leser des Sprachbloggeurs kann auf dieser Webseite zumindest den Anfang unter Rubrik „Wer bin ich“ lesen. Der Auszug aus diesem Buch heißt „Prolog auf dem Olymp“.

Fußnoten für meinen Lyrikzyklus? Ich war entsetzt, als mir dies Carl vorschlug. „Wie steht es heute mit der Allgemeinbildung?“ fragte ich entrüstet.

„Deine Lyrik braucht Fußnoten, weil die Leute sonst keine Ahnung haben, wer Beda und Caedmon sind. Außerdem musst du unbedingt schreiben, wann sie gelebt haben oder dass Caedmon der erste uns bekannte Dichter in der englischen Sprache war.“

„Ich verstehe die Welt nicht mehr. Es ist nicht, als hätte ich eine Doktorarbeit geschrieben. Ich habe lediglich Lyrik verfasst. Und dass mit Caedmon und Beda soll die Lektüre meines Zyklus nachvollziehbar machen, weil konkret.

„Du findest aber heute kaum einen, der ein Gefühl für die Geschichte hat.“

Ich war baff. Und dann kam prompt eine Mail von Freund D. (so nennen wir ihn heute) aus Amerika, der mein Prosagedicht, „Kommentar über das Buch Jonas“ (die englische Version) neulich gelesen hat: „Ich bin gar nicht richtig bibelfest“, schrieb er an mich. „Zunächst habe ich Jonas und Josua verwechselt.“

Kann es sein, dass das historische Bewusstsein heute wirklich so geringgeschätzt wird? Prompt fiel mir der Spruch des Philosophen George Santayana ein: „Wer die Vergangenheit vergisst, ist verurteilt, sie zu wiederholen.“

An einem Elternabend sagte ich der Französischlehrerin meines ältesten Sohns einmal: „Das Lehrbuch kommt mir irgendwie seichte vor – als lernten die Kinder nur französische Umgangsprache. Wissen Sie, als ich Französisch in der Schule hatte, war ich in der Lage, mich stundenlang über Descartes und Voltaire zu unterhalten. Dafür wäre ich vielleicht unfähig, eine Mahlzeit im Restaurant zu bestellen. Aber so was holt man schnell nach.“

„Heute ist es ganz anders“, erwiderte sie. „Die Kinder haben keine Ahnung, wer Descartes und Voltaire sind. In den Lehrbüchern wird ihnen nur die drei Fs beigebracht.“

„Die drei Fs?“

„Ficken, Fressen und Freizeit.“

Oje. Jetzt grantele ich wie ein Opa, dem die Nieren zwicken. Trotzdem bleibe ich dabei: Man darf den Blick auf die Vergangenheit nicht verlieren. Das muss ich gar nicht rechtfertigen. Jeder weiß, was es heißt, wenn man sich nicht mehr an die Vergangenheit erinnern kann: Amnesie – man wird zu Ray dem Waldjungen (der womöglich kein echter Waldjunge war – so der neueste Stand der Dinge). Soll ich Santayana nochmals zitieren?

Nächste Woche etwas weniger Pathos.

Grantelrede über die drei Fs

Grantelrede über die drei Fs

„Ich würde dir vorschlagen, am Schluss ein paar Fußnoten anzulegen. Kein Mensch kennt Beda heutzutage“, sagte Carl.

„Aber wozu haben wir denn Wikipedia? Jeder kann alles schnell nachschlagen.“

„Trotzdem.“

Ein Fragment aus einer Unterhaltung, die ich letzte Woche mit Freund Carl führte. Er war der Meinung, dass ich den Lesern meines neuen Lyrikzyklus, „The Caedmon Songs“ etwas Lesehilfe bieten müsste.

Hintergrund: Im August habe ich zum ersten Mal seit 25 Jahren englischsprachige Lyrik geschrieben. Hier nur das Wesentlichste: Ganz plötzlich hat es mich überwältigt – manchmal mehrere Stücke pro Tag, manchmal stand ich mitten in der Nacht auf, um zu schreiben. Alles sehr unerwartet. Sie haben wahrscheinlich nicht gewusst, dass mein eigentlicher Beruf der des Lyrikers ist – und zwar in englischer Sprache. Der Sprachbloggeur ist bloß eine von vielen Personae, d.h. Masken, des Lyrikers P.J. Blumenthal.

Zugegeben: Die Lyrik ist das nützloseste Unterfangen der Welt. Aber so einer bin ich halt. Ein befriedigendes finanzielles Auskommen ist von der Lyrik kaum zu erwarten. Mein ehemaliger Chef witzelte einst, als ich ihm mal meine wahre Identität verriet: „Dann müssen Sie sich ja eine reiche Gräfin als Gönnerin finden.“ Über das Thema Poesie und Wirtschaft habe ich ein ganzes Buch – und zwar in deutscher Sprache – geschrieben: „Hierons Gastmahl – oder das Wort als Ware“. Dieses Buch ist noch nicht erschienen, aber jeder Leser des Sprachbloggeurs kann auf dieser Webseite zumindest den Anfang unter Rubrik „Wer bin ich“ lesen. Der Auszug aus diesem Buch heißt „Prolog auf dem Olymp“.

Fußnoten für meinen Lyrikzyklus? Ich war entsetzt, als mir dies Carl vorschlug. „Wie steht es heute mit der Allgemeinbildung?“ fragte ich entrüstet.

„Deine Lyrik braucht Fußnoten, weil die Leute sonst keine Ahnung haben, wer Beda und Caedmon sind. Außerdem musst du unbedingt schreiben, wann sie gelebt haben oder dass Caedmon der erste uns bekannte Dichter in der englischen Sprache war.“

„Ich verstehe die Welt nicht mehr. Es ist nicht, als hätte ich eine Doktorarbeit geschrieben. Ich habe lediglich Lyrik verfasst. Und dass mit Caedmon und Beda soll die Lektüre meines Zyklus nachvollziehbar machen, weil konkret.

„Du findest aber heute kaum einen, der ein Gefühl für die Geschichte hat.“

Ich war baff. Und dann kam prompt eine Mail von Freund D. (so nennen wir ihn heute) aus Amerika, der mein Prosagedicht, „Kommentar über das Buch Jonas“ (die englische Version) neulich gelesen hat: „Ich bin gar nicht richtig bibelfest“, schrieb er an mich. „Zunächst habe ich Jonas und Josua verwechselt.“

Kann es sein, dass das historische Bewusstsein heute wirklich so geringgeschätzt wird? Prompt fiel mir der Spruch des Philosophen George Santayana ein: „Wer die Vergangenheit vergisst, ist verurteilt, sie zu wiederholen.“

An einem Elternabend sagte ich der Französischlehrerin meines ältesten Sohns einmal: „Das Lehrbuch kommt mir irgendwie seichte vor – als lernten die Kinder nur französische Umgangsprache. Wissen Sie, als ich Französisch in der Schule hatte, war ich in der Lage, mich stundenlang über Descartes und Voltaire zu unterhalten. Dafür wäre ich vielleicht unfähig, eine Mahlzeit im Restaurant zu bestellen. Aber so was holt man schnell nach.“

„Heute ist es ganz anders“, erwiderte sie. „Die Kinder haben keine Ahnung, wer Descartes und Voltaire sind. In den Lehrbüchern wird ihnen nur die drei Fs beigebracht.“

„Die drei Fs?“

„Ficken, Fressen und Freizeit.“

Oje. Jetzt grantele ich wie ein Opa, dem die Nieren zwicken. Trotzdem bleibe ich dabei: Man darf den Blick auf die Vergangenheit nicht verlieren. Das muss ich gar nicht rechtfertigen. Jeder weiß, was es heißt, wenn man sich nicht mehr an die Vergangenheit erinnern kann: Amnesie – man wird zu Ray dem Waldjungen (der womöglich kein echter Waldjunge war – so der neueste Stand der Dinge). Soll ich Santayana nochmals zitieren?

Nächste Woche etwas weniger Pathos.

Grantelrede über die drei Fs

„Ich würde dir vorschlagen, am Schluss ein paar Fußnoten anzulegen. Kein Mensch kennt Beda heutzutage“, sagte Carl.

„Aber wozu haben wir denn Wikipedia? Jeder kann alles schnell nachschlagen.“

„Trotzdem.“

Ein Fragment aus einer Unterhaltung, die ich letzte Woche mit Freund Carl führte. Er war der Meinung, dass ich den Lesern meines neuen Lyrikzyklus, „The Caedmon Songs“ etwas Lesehilfe bieten müsste.

Hintergrund: Im August habe ich zum ersten Mal seit 25 Jahren englischsprachige Lyrik geschrieben. Hier nur das Wesentlichste: Ganz plötzlich hat es mich überwältigt – manchmal mehrere Stücke pro Tag, manchmal stand ich mitten in der Nacht auf, um zu schreiben. Alles sehr unerwartet. Sie haben wahrscheinlich nicht gewusst, dass mein eigentlicher Beruf der des Lyrikers ist – und zwar in englischer Sprache. Der Sprachbloggeur ist bloß eine von vielen Personae, d.h. Masken, des Lyrikers P.J. Blumenthal.

Zugegeben: Die Lyrik ist das nützloseste Unterfangen der Welt. Aber so einer bin ich halt. Ein befriedigendes finanzielles Auskommen ist von der Lyrik kaum zu erwarten. Mein ehemaliger Chef witzelte einst, als ich ihm mal meine wahre Identität verriet: „Dann müssen Sie sich ja eine reiche Gräfin als Gönnerin finden.“ Über das Thema Poesie und Wirtschaft habe ich ein ganzes Buch – und zwar in deutscher Sprache – geschrieben: „Hierons Gastmahl – oder das Wort als Ware“. Dieses Buch ist noch nicht erschienen, aber jeder Leser des Sprachbloggeurs kann auf dieser Webseite zumindest den Anfang unter Rubrik „Wer bin ich“ lesen. Der Auszug aus diesem Buch heißt „Prolog auf dem Olymp“.

Fußnoten für meinen Lyrikzyklus? Ich war entsetzt, als mir dies Carl vorschlug. „Wie steht es heute mit der Allgemeinbildung?“ fragte ich entrüstet.

„Deine Lyrik braucht Fußnoten, weil die Leute sonst keine Ahnung haben, wer Beda und Caedmon sind. Außerdem musst du unbedingt schreiben, wann sie gelebt haben oder dass Caedmon der erste uns bekannte Dichter in der englischen Sprache war.“

„Ich verstehe die Welt nicht mehr. Es ist nicht, als hätte ich eine Doktorarbeit geschrieben. Ich habe lediglich Lyrik verfasst. Und dass mit Caedmon und Beda soll die Lektüre meines Zyklus nachvollziehbar machen, weil konkret.

„Du findest aber heute kaum einen, der ein Gefühl für die Geschichte hat.“

Ich war baff. Und dann kam prompt eine Mail von Freund D. (so nennen wir ihn heute) aus Amerika, der mein Prosagedicht, „Kommentar über das Buch Jonas“ (die englische Version) neulich gelesen hat: „Ich bin gar nicht richtig bibelfest“, schrieb er an mich. „Zunächst habe ich Jonas und Josua verwechselt.“

Kann es sein, dass das historische Bewusstsein heute wirklich so geringgeschätzt wird? Prompt fiel mir der Spruch des Philosophen George Santayana ein: „Wer die Vergangenheit vergisst, ist verurteilt, sie zu wiederholen.“

An einem Elternabend sagte ich der Französischlehrerin meines ältesten Sohns einmal: „Das Lehrbuch kommt mir irgendwie seichte vor – als lernten die Kinder nur französische Umgangsprache. Wissen Sie, als ich Französisch in der Schule hatte, war ich in der Lage, mich stundenlang über Descartes und Voltaire zu unterhalten. Dafür wäre ich vielleicht unfähig, eine Mahlzeit im Restaurant zu bestellen. Aber so was holt man schnell nach.“

„Heute ist es ganz anders“, erwiderte sie. „Die Kinder haben keine Ahnung, wer Descartes und Voltaire sind. In den Lehrbüchern wird ihnen nur die drei Fs beigebracht.“

„Die drei Fs?“

„Ficken, Fressen und Freizeit.“

Oje. Jetzt grantele ich wie ein Opa, dem die Nieren zwicken. Trotzdem bleibe ich dabei: Man darf den Blick auf die Vergangenheit nicht verlieren. Das muss ich gar nicht rechtfertigen. Jeder weiß, was es heißt, wenn man sich nicht mehr an die Vergangenheit erinnern kann: Amnesie – man wird zu Ray dem Waldjungen (der womöglich kein echter Waldjunge war – so der neueste Stand der Dinge). Soll ich Santayana nochmals zitieren?

Nächste Woche etwas weniger Pathos.

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