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Unerträgliche Dummheiten: zwei Beispiele, zum Beispiel

Zur Einstimmung ein Witz:

Die Ebola, der Isis und das Internet setzen sich in der Kneipe zusammen. Die Ebola sagt: „Ich bin mächtiger als ihr. Nicht nur kann ich tausende Menschen töten, ich kann auch Millionen in Panik versetzen.“

Der Isis sagt: „Ha. Ich bin noch viel mächtiger. Ich kann nicht nur tausende Menschen töten und Millionen verängstigen. Ich kann ebenfalls eine große Länderstrecke erobern.“

„Ha“, sagt das Internet. „Ihr zwei seid beide von gestern. Ich töte niemanden, und trotzdem bin ich in der Lage eine noch größere Panik auszulösen als ihr. Und dann werde ich durch Werbeeinnahmen so reich, dass ich alle Länder erobere – auch eure.“

Soviel zur Einstimmung, und jetzt zwei unerträgliche Dummheiten, die mich momentan beschäftigen…

Erste Dummheit

Am 24. September 2014 starb der Iraner Mohsen Amir Aslani, ein „Gewissensgefangener“, wie ihn die Presse bezeichnete, am Strang kurz nach Sonnenaufgang im Radschaei Schahr Gefängnis. Er habe Gott „beleidigt“, hieß es. Genauer gesagt: Der aufklärerische Aslani hat die Jonasgeschichte, im Koran Yunis genannt, psychologisch – sprich ketzerisch – gedeutet. Er verbrachte bereits neun Jahre im Gefängnis, bevor sie ihn hinrichteten. In jüngster Zeit rechtfertigte der iranische Staat das Todesurteil, indem er dem Angeklagten zusätzlich ein sexuelles Verbrechen ankreidete.

Ich gebe zu: Ich kenne die Version der Jonasgeschichte im Koran nicht. Dafür bin ich mit der Vorlage im Alten Testament bestens vertraut.

Dieses kurze Buch im AT hat mich schon immer sehr beeindruckt. Es erzählt die Geschichte eines widerspenstigen Propheten, Jonas, der seine prophetische Aufgabe entfliehen will: Gott hat ihn nämlich befohlen, nach Ninive zu gehen, um den Bewohnern dieser Stadt mit ernsten Konsequenzen zu drohen, falls sie nicht aufhörten zu sündigen.

Jonas will aber nicht nach Ninive. Stattdessen flüchtet er, besteigt ein Schiff und versteckt sich im Frachtraum. Auf dem hohen See aber gerät das Schiff plötzlich in einen gefährlichen Sturm. Jonas weiß, dass er die Ursache für das Unwetter ist und bittet die Matrosen ihn ins Meer zu werfen – was sie dann tun, wenn auch ungern. Das Wasser beruhigt sich sofort. Das Schiff ist gerettet, und Jonas wird von einem „großen Fisch“ verschlungen, in dessen Bauch er drei Tage verharrt und wo er schließlich Buße tut. Daraufhin spuckt ihn der große Fisch wieder raus. Jonas geht nun endlich nach Ninive und fordert die Bevölkerung auf, Buße zu tun, und siehe da. Alle hören auf ihn und zwar sofort. Ende der Geschichte? Nein. Im Gegenteil. Nun wird’s erst recht interessant. Denn Jonas schmorrt unentwegt wegen Gottes Barmherzigkeit Ninive gegenüber. Gott bemüht sich nun seinem Propheten Jonas, die Barmherzigkeit anschaulich zu machen und erklärt dem Grantler schließlich, dem Sinne nach, dass die Menschen in Ninive Hilfe brauchten – weil sie nur Menschen sind, Menschen, die kaum zwischen links und rechts zu unterscheiden vermögen.

Eine Geschichte über die Toleranz also.

Ich kenne, wie gesagt, nur die AT-Version und nicht die im Koran. 1980 verfasste ich (in englischer Sprache) eine Nacherzählung dieses schönen biblischen Buches mit dem Titel „Commentary on Jonah“. Vielleicht werde ich sie mal – entweder auf Englisch oder auf Deutsch – auf dieser Seite veröffentlichen. Wäre ich Iraner gewesen und hätte meinen „Kommentar“ auf den Text im Koran bezogen, wäre auch ich wohl Mohsen Amir Aslanis Schicksal erlegen. Das gefällt mir nicht.

Zweite Dummheit

Mich beschäftigt ebenfalls die lebenslängliche Freiheitsstrafe, die ein chinesisches Gericht dem milden, versöhnlichen uigurischen Professor Ilham Tohti verhängt hat. Tohtis Verbrechen: Er hatte sich auf sanfte, friedliche Weise für die Rechte der Uiguren eingesetzt. Die chinesische Regierung – stets den Zerfall des eigenen Machtanspruchs befürchtend – , betrachtete ihn aber als Separatisten und Staatsfeind. Man kann heutzutage vieles kaufen, das made in China ist – nur nicht die Rede- und die Gedankenfreiheit. Fazit: China ist ein Ideenfriedhof geworden.

Gute Besserung.

Ja, und was ist mit dem Witz am Anfang des Textes? Was hat er mit Dummheiten zu tun? Ja, gute Frage.

PS und in eigener Sache: Bin nächste Woche auf Weltreise. Nächster Beitrag in zwei Wochen. Bis Januar wird es einige Erscheinungsunregelmäßigkeiten geben. Bin öfters unterwegs. Nur so erfährt man Neues aus der Welt.

Halsabschneider aller Länder vereinigt euch!

(Wir befinden uns in der Mojavewüste – sprich: mo-ha-we – in Kalifornien: roter Sand, Steine und Kiesel, endlose Öde und Dünen. Der Wind wippt nonstop über die Landschaft, ist trocken und heiß, wie im Umluftherd.)

Vorstandsvorsitzender: (Er ist angezogen wie Dschihadi John, d.h., mit schwarzer Pluderhose, schwarzem Hemd und ebenfalls schwarzer Gesichtsmaske. In seiner rechten Hand trägt er ein Messer) Ich gebe zu. Es wäre realistischer gewesen, wenn wir diese Szene in Syrien oder im Irak hätten drehen können. Man gibt sich trotzdem Mühe, gell? Fangen wir also an. Verflucht, Wurm, Ihre Hände sind nicht gefesselt!

Wurm: (Er trägt einen orangefarbenen Kittel und kniet im Sand) Aber wie soll ich mit gefesselten Händen das Video tätigen, o Herr des Universums?

Vorstandsvorsitzender: Sorry, das hab ich vergessen. Tja, vielleicht war es keine so gute Idee, die Mitarbeiterzahl so drastisch zu reduzieren. Nun bleiben nur Du – ich meine Sie – und ich und müssen alles allein machen. Schade, dass wir keinen Kameramann dabei haben. Ich hätte den DHL-Zusteller bitten sollen mitzumachen.

Wurm: Aber er hätte Geld verlangt – und vergessen Sie die Flugkosten nicht, o Herr.

Vorstandsvorsitzender: Auch ein Argument. Trotzdem, Wurm, die Sache ist verdammt wichtig. Manchmal muss man was investieren, um Resultate zu kriegen. Oder? Schließlich geht es um die Zukunft der Firma! Ach, waren wir mal groß! Können Sie sich noch erinnern?

Wurm:Sie haben aber keine Firma mehr. Sie haben sie verkauft! Genauer gesagt, Sie haben den Namen verkauft. Denn viel mehr blieb nicht übrig.

Vorstandsvorsitzender: Das weiß ich, Sie Blödmann! Und für einen mickrigen Euro obendrein. Unverschämt! Die haben mich regelrecht über den Tisch gezogen! Mich, eine der einflussreichsten Personen im ganzen Geschäft. Fünfundvierzig Objekte hatten wir, Millionen von unseren Zeitschriften und Zeitungen kursierten täglich durchs Land. Wir produzierten mehr Altpapier als alle anderen zusammen. Erinnern Sie sich? Wenn das nicht umweltfreundlich ist!

Wurm:Und nun gibt es nur noch uns zwei – und eine Handykamera.

Vorstandsvorsitzender:Jawohl das Kameraauge als unsichtbares Dritte! Ha! Also, fangen wir an. Es ist unsere letzte Chance, die Geschäfte zu retten. Ist die Kamera auf uns gerichtet?

Wurm:Jawohl, o Herr!

Vorstandsvorsitzender:Dann schalten Sie das Ding mit der Blu-tuß-Fernbedienung ein und auf Los geht’s los!

Wurm: (Sein Gesichtsausdruck wird auf einmal sehr ernst. Er schaut in die Kamera. Der orangefarbene Kittel wippt um seine Schultern im Wind) Sie, Leser in Deutschland. Wegen Ihrer Untreue muss ich jetzt durch diesen Halsabschneider den äußersten Preis be…

Vorstandsvorsitzender:Halt! Stopp!

Wurm:Wieso halten? Ich war gerade in Stimmung gekommen…

Vorstandsvorsitzender: Ich mag es nicht, wenn Sie „Halsabschneider“ sagen und damit mich meinen. Das klingt äääm disrespektierlich. Wir wollen der untreuen Leserschaft ein schlechtes Gewissen einjagen, damit sie wieder nach unseren Zeitschriften und Zeitungen rufen. Wenn Sie mich als „Halsabschneider“ bezeichnen, tun wir das Gegenteil.

Wurm:: Was soll ich denn sagen? Und schauen Sie! Sie umklammern das Messer mit der falschen Hand! Die machen es, wenn ich mich entsinne, immer mit der linken Hand.

Vorstandsvorsitzender: Ich bin aber Rechtshänder. Ich kann Hälse nur mit der schönen Hand abschneiden.

Wurm:O Herr, jetzt mach ich mir ernsthaft Sorgen. Es hat mir mein letztes Geld gekostet, um uns herfliegen zu lassen…

Vorstandsvorsitzender: Tüchtig tüchtig. Sehen Sie. Der Hungerlohn, den ich Ihnen bezahlte, hat doch sein Positives. Er lehrte Sie Sparsamkeit.

Wurm: O Herr, ich fürchte, wir müssen uns die Sache nochmals überlegen. So kommen wir nie auf einen grünen Zweig.

Vorstandsvorsitzender: In der Wüste gibt es ohnehin keine grünen Zweige. Haha. Nicht verzagen, mein lieber Befehlsempfänger, wozu bezahle ich Sie? Sprich nur weiter. Es wird schon klappen…

Enthaupten: grammatikalische Überlegungen

Was? Noch nie jemanden enthauptet?

Höchste Zeit, sich zu informieren. Schon jetzt wittern die gewieftesten Zeitgeistbeobachter eine neue Megamode. Intimrasur, Tattoos, Selfies ade! Das Enthaupten könnte geiler werden als World of Warcraft (WoW), Netflix und Phablets zusammen. Und obendrein verdammt einfach. Um Tony Abbot, Premierminister Australiens, zu zitieren: Man brauche lediglich „ein Messer, ein iPhone und ein Opfer“. Und zack! ist man dabei.

Schon jetzt ist diese scharfe Sache ein weltweiter Event geworden. Nicht nur in Syrien oder Irak, sondern auf den Philippinen, in Australien, in Mexiko, in England, sogar in den prüden USA.

Von mir freilich keine Gebrauchsanweisungen, nur ein bisschen Sprachliches zum Thema.

Englischsprachige nennen es „beheading“. Wer ein Gefühl für die Etymologie hat, erkennt sofort, dass das englische „behead“ haargenau dem deutschen „behaupten“ entspricht – wenn auch die zwei Cousins völlig unterschiedliche Bedeutungen haben.

Oder vielleicht nicht! Immerhin: Wenn man einen anderen „einen Kopf kleiner“ macht, hat man sich gewissermaßen behauptet.
Deutschsprachige kennen – neben „behaupten“ – auch das „köpfen“. Übersetzt man diese Vokabel wörtlich ins Englische, wird es „to head“. Achtung Sprachenfans! Dringende Warnung vor„falschen Freunden“! „To head“ bedeutet „führen“. Ist man „the head“ ist er nicht nur ein Kopf, sondern ein „Führer“. Wird aber das „head“ „beheaded“, dann hört es auf zu führen.

Soweit so gut. Doch jetzt wird’s ein bisschen kniffliger. Lesen Sie also sorgfältig. Fakt ist: Wer jemanden „enthauptet“, spielt in der Sache stets die aktive Rolle. Ist doch logisch. Denn „enthaupten“ ist ein transitives Verb, und es verfügt über ein direktes Objekt, einen „Akkusativ“. Beispiel: „Der vermummte Mann enthauptete sein Opfer“.

Umgekehrt ist das „Opfer“ vom Standpunkt der Grammatik das Objekt des Verbs „enthaupten“. Aber: Das Opfer sähe die Situation vielleicht anders. Es würde behaupten, dass es Subjekt sei, weil es einem Anderen, dem Enthaupter, volkommen passiv ausgeliefert ist.

Damit will ich nur sagen, dass das Objekt beim Enthaupten zum Subjekt und das Aktive zum Passivum werden kann. Ist auch logisch.

Das Enthaupten verfügt aber nicht nur über ein Subjekt und ein Objekt, sondern ebenfalls spielt bei der Sache ein indirektes Objekt, ein Dativ also, eine erhebliche Rolle.

Denn die Enthauptung (zumindest in der momentanen Form) erfordert stets einen Zuschauer, der zwar nicht unbedingt direkt involviert, trotzdem aber dabei ist – meistens vermittels der Social Medien.

Damit will ich sagen: Das Verb „enthaupten“ ergibt einen Sinn nur, wenn Subjekt, Objekt und Dativ in Einklang stehen.

Ist das grammatikalische Gebilde unvollständig, dann verliert das Verb jegliche Bedeutung – ähnlich dem Verb „geben“. Überlegen Sie: Ohne Subjekt, Objekt und Dativ wer will noch geben?

Noch Fragen?

Briefe schreiben – kurze Einleitung für Unschlüssige

Sprachbloggeur: Was darf’s sein: Ebola oder ISIS?

Leser: Nein, lieber Sprachbloggeur, heute möchte ich erfahren, wie man einen Brief schreibt.

Sprachbloggeur: Einen Brief? Oder meinen Sie eine Mail?

So in etwa verlief der innere Monolog, der dieser Glosse vorausging. (Der kreative Prozess ist immer sehr verzwickt. Man kann nie wissen, woher die Impulse kommen wird).

Doch bevor ich dieses knifflige Thema angehe, zuerst ein paar Worte über meine Dauerfrust: die deutsche Sprache. Helfen Sie mir, liebe Muttersprachler: Heißt es die oder das Mail?

Seit Jahren bilde ich mir ein, dass es „die“ Mail lautet. Außer man ist Schweizer. Die sagen „das“ Mail – ebenso manche Österreicher. Doch neuerdings höre ich auch von manchen Deutschen „das“-Mail. Hilfe!
Aber zurück zum Thema: der Brief.

Es gab einmal eine Zeit, als man in der Grundschule lernte, wie man Briefe gestaltet: Oben links der Absender (in Amerika oben rechts), darunter Name und Anschrift des Angeschriebenen, darunter weit rechts Ort und Datum und darunter weit links die Ansprache. Beim geschäftlichen Brief sprach man den Angeschriebenen mit „sehr geehrter“ – die Angeschriebene mit „sehr verehrte – an. Am Schluss hieß es „Mit freundlichen Grüßen“ oder noch feudaler: „hochachtungsvoll!“. War der Brief für eine/n Freund/in, so hieß es „liebe/r soundso“. Am Schluss schrieb man: „herzliche Grüße“, „schöne Grüße“, “liebe Grüße“ oder noch inniger „Alles Liebe“ oder „herzlichst“.

(Auf Englisch: „Dear soundso“. Bei privaten Briefen durfte man Anschrift und Absender weglassen. Am Ende des Briefes empfahl man sich mit „sincerely“, „sincerely yours“ oder „with best wishes“ – und an Freunde „cheers“, „love“ oder „affectionately“). Fertig.

Ja, die Welt war viel einfacher. Es gab weder Ebola noch ISIS, dafür aber feststehende Formen beim Briefeschreiben.

Das war damals. Heute schreibt kaum jemand noch Briefe– außer an Behörden, wo die alten Formen (zumindest von älteren Beamten) noch immer verlangt werden. Heute schickt man lieber Mails. Menschen aus dem Briefzeitalter schreiben freilich – auch in ihren Mails – weiterhin „liebe/r soundso“ oder geschäftlich „sehr geehrte/r soundso“ (auf Englisch „dear so and so“). Man kann sich das alles verständlicherweise schwer abgewöhnen.

Am Schluss die übliche: „liebe Grüße“, „herzliche Grüße“, „freundliche Grüße“, „mit freundlichen Grüßen“, „Grüße“, „Gruß, usw.

Eine Regel muss man allerdings im Emailzeitalter strengsten einhalten: Man Antwortet eine Mail niemals mit dem gleichen Abschiedsfloskel der empfangenen Mail. Schreibt der andere „herzliche Grüße“, dann obliegt es einem, mit „schöne Grüße“, „einen herzlichen Gruß o.ä. zu antworten.

Wer jünger als dreißig ist, kennt das Briefeschreiben vielleicht gar nicht. Er weiß womöglich nicht, wo man wohl auf einem Briefumschlag die Anschrift platziert oder wohin mit der Briefmarke. Diese Menschen gestalten ihre Mails – wen wundert’s – nach anderen Regeln. Zum Beispiel ohne Ansprache, oder mit einem „Hallo“ oder „Hi“ – dies auch bei geschäftlichen Mails: “Hallo Herr Sprachbloggeur“. Und wenn es formell klingen soll, dann schließt man mit „mfg“ – manchmal auch mit „liebe Grüße“. Wenn es ein bisschen freundlicher (und geschäftlich) klingen soll, fügt man einen Wetterbericht hinzu: „Liebe Grüße aus dem nebligen Aachen“.

Übrigens: Auch in englischsprachigen Mails verschwindet das altgediegene „dear“. Die meisten schreiben: „Hi Sprachbloggeur“. Und am Schluss heißt es „happy trails“ (einst der Titel eines Cowboylieds).

Wie es bei Whatsapp, Facebook usw. aussieht, kann ich leider nicht sagen. Bin nicht dabei. Vielleicht wie beim Simsen, also äußerst knapp und reichlich mit Emotikönen und Kürzeln versehen. SMS- und Twitterdienste haben uns ohnehin beigebracht, dass man fast alles in weniger als 150 Zeichen erzählen kann.

Auch ernste Dinge, z.B., Ebola und ISIS – und vielleicht auch die Ukraine.

Uber über alles – oder ein Lob des Siezens

Ja, ich will mich über Uber – den „sharing economy“ Taxidienst – äußern, aber zunächst Folgendes:

In letzter Zeit wache ich – unvermittelt – mitten in der Nacht auf und kann nicht wieder einschlafen. Das Alter wohl oder die üblichen Sorgen.

Was tue ich? Ich höre Radionachrichten, ARD-Infonacht, bis ich’s nicht mehr aushalte. Während einer solchen schlaflosen Episode erfuhr ich, dass in Flensburg nur noch geduzt wird. Das Siezen sei out.

Zugegeben: Journalisten übertreiben gern, um einen Bericht interessanter zu machen. Vielleicht wird in Flensburg doch noch gelegentlich gesiezt. Ich kann’s aber nicht wissen. Ich war nur einmal dort, und ich erinnere mich an nichts – außer dass es ziemlich flach ist.

Dem Bericht zufolge aber spielt beim Flensburger Duzen die Nähe zu Dänemark die zentrale Rolle.

Vielleicht wissen Sie’s nicht: Seit den 1960er Jahren duzen sich die Dänen nur. Auch Königin, Lehrer, Beamten werden geduzt. Gesiezt werden nur noch Touristen, um sie nicht zu sehr zu verunsichern. Wie es zu dieser sprachlichen Metamorphose kam? Schuld tragen die 68er. Ulkig, gell?

Ich bin Gegner dieses Duzens. Ja, ich weiß, was Sie denken: Herr Sprachbloggeur, Sie sind Amerikaner. Im Englischen heißen alle „you“. Meine Antwort: Das ist aber kein Duzen. Die Du-Form im Englischen heißt „thou“. Englisch Sprechende sagen „you“, und damit siezen wir uns gegenseitig nur.

Muss ich Ihnen die Vorteile des Siezens erklären? Ihm zu dank kann man manche Leute auf Distanz halten – was gar nicht zu verschmähen ist.

Das Siezen ist gleichsam das Gegenteil vom „frienden“ oder wie auch immer diese ungebührliche Nähe bei Facebook heißt.

Das Du-anbieten, ist stets ein Wagnis, eine Streicheleinheit, die man vertrauten Seelen schenkt.

Dieses wichtige Unterscheiden aufzugeben, ist m.E. ein verhängnisvoller Fehler. Damit wird eine aus der frühen Menschenzeit sinnvolle und gewiss hart erarbeitete Sitte jäh über den Haufen geworfen. Und zwar im Namen des Fortschritts. Ha.

Und jetzt komme ich auf „Uber“ zu sprechen. Achtung! Man darf dieses Wort mit dem germinglischen Wort „uber“, das „sehr“ oder „absolut“ bedeutet, nicht verwechseln. Letzteres wird „ju-ber“, Ersteres „u-ber“ ausgesprochen.

Wenn ich an „Uber“ denke, fällt mir der alte Witz über Christian Schwarz-Schilling ein. Sagt Ihnen diesen Namen noch etwas? Er war vom 1982-1992 Bundesminister für Post- und Fernmeldewesen und war maßgebend für die Privatisierung der Post verantwortlich. In seiner Amtszeit kursierte der Witz: „Was Macht Schwarz-Schilling jeden Morgen?“ Antwort: „Er erledigt die Post.“

Was macht Uber? Es überrollt die Taxi-Industrie. Okay, ich gebe zu. Ich schwärme nicht für alle Taxifahrer. Aber ich weiß, dass sie krankenversichert sind, dass sie Urlaub bekommen, dass sie haftpflichtversichert sind, dass sie in Gewerkschaften organisiert sind etc. etc. – alles Errungenschaften einer langen, schweren gesellschaftlichen Entwicklung.

Der Uberfahrer hingegen hat nichts. Er ist wie der Rickshafahrer in Kalkutta. Wird er krank, verdient er nichts. Geht sein Wagen kaputt, muss er selbst für die Reparatur aufkommen. Fährt er jemanden über den Haufen, haftet nur er.

Befürworter von Uber betrachten dieses billige Menschenbeförderungssystem als Sieg der „sharing-economy“. Was heißt „share“? Zu Deutsch „sich an etwas beteiligen“. Genauer gesagt: Der Erfinder der Uber-App und seine betuchten Investoren „sharen“ 20% dessen, was der Uberflieger verdient.

Mit Sicherheit ein gutes Geschäft für den Shareholder. Deshalb mein Vorschlag: Halten Sie am Siezen fest.

Der Fluch der Zweisprachigkeit

Eine kurze Anekdote über einen Menschen, der zwischen den Sprachen lebt. Damit meine ich natürlich mich.

Wollte ich jemanden verfluchen, würde ich ihm wünschen, er möge zwischen den Sprachen leben.

Es passierte vielleicht vor etwa zwei Wochen. Ich hatte zwei kurze Romane von Philip Roth gelesen: auf Englisch, meine Muttersprache.

Nebenbei: Ich gehe davon aus, dass die meisten Leser den Namen „Roth“ wie die gleichlautende Farbe aussprechen, obwohl der Vokal „o“ in diesem Namen auf Englisch eher dem deutschen Doppellaut „ou“ – wenn man ihn besonders kurz spricht – ähnelt, zu dem man dann ein stimmloses „th“ wie in „think“ anhängt.

Das mit den Vokalen ist eine knifflige Sache, und manches lässt sich mithin von Sprache zu Sprache nicht 100prozentig übertragen. So fangen die Probleme an.

Ich hatte, „Everyman“ und „The Dying Animal“ gelesen. Ich kenne die deutschen Titel nicht.

Ich halte Roth für einen sehr kompetenten Schriftsteller. Er beherrscht sein Handwerk ausgezeichnet, und ich lese ihn deshalb gern. Lediglich sein Bedürfnis, das Aussehen der primären Geschlechtsteile von jungen Frauen zu schildern und die sexuelle Gymnastik eines 60jährigen Mann mit einer blutjungen Frau zu huldigen, finde ich überflüssig. Aber jedes Tierchen…

Eines Samstagmorgens teilte ich meiner Frau meine Eindrücke über Philip Roth mit. Ich sollte vielleicht erklären: Meine deutsche Frau und ich reden miteinander Englisch. Das hat sich vor vielen Jahren einfach so ergeben. Auch mit meinen Söhnen spreche ich Englisch. Ich sagte zu meiner Frau, nachdem ich ihr gegenüber Philip Roths Schweinkram in Frage gestellt hatte: „Still, I think he writes good.“

Kurze Pause. „Soll das nicht heißen“, fragte meine Frau, „he writes well?“

Hoppla dachte ich. Natürlich muss es heißen „he writes well“. „Well“ ist Adverb und antwortet die Frage: Wie schreibt er?, während „Good“ Adjektiv ist und einen Nomen beschreiben muss. Etwa: „He is a good writer“.

Doch schnell suchte ich nach einem Grund, mein falsches Englisch zu rechtfertigen. So sind die Menschen, wenn sie Fehler nicht zugeben. „Ja schon“, antwortete ich mit einem Ton der leichten Überheblichkeit. „In der Umgangssprache sagt man auch ‚good‘, weil es überzeugender klingt als ‚well‘. Außerdem: So redeten wir in New York als Kinder auf der Straße.“

Das stimmt auch. In der New Yorker Umgangssprache wäre eine derartige Konstruktion durchaus passend gewesen.

Mir war aber klar, dass ich nur schummelte. Später stellte ich Google die Frage: „well“ oder „good“? Das digitale Orakel antwortete sofort: „Well“. Problem gelöst? Natürlich nicht.

Denn nun überlegte ich: Englisch und Deutsch sind beide germanische Sprachen. Auf Deutsch heißt es „er schreibt gut“ und nie „er schreibt wohl“ (ha ha). Kann es sein, dass man auch im alten Englischen „he writes good“ und nicht „he writes well“ sagte? Denn das heutige Englisch ist seit der Invasion der Normanen 1066 eine Mischsprache, teils Angelsächsisch, teils Französisch. Und jeder weiß: Der Franzose, im Gegensatz zum Germanen unterscheidet streng zwischen Adverbien und Adjektiven. „Il écrit bien“ und nie „il écrit bon“. Wäre es also möglich, zumindest theoretisch, dass die Formulierung „he writes good“ ein Überbleibsel des angelsächsischen Instinkts ist?

Ja, so wollte ich meinen Fehler rechtfertigen.

Alles Quatsch. Fakt ist: Ich habe, als ich über Philip Roth lästerte, falsches Englisch gesprochen und das wiederum nur, weil ich zwischen den Sprachen lebe. Ich habe nämlich einen deutschen Satz mit englischen Vokabeln wiedergeben. Sprachwissenschaftler nennen dieses Phänomen „Interferenz“.

Ich lebe zwischen den Sprachen, und allmählich beherrsche ich, so denk ich, keine Sprache mehr.

So wirkt der Fluch der Zweisprachigkeit.

Vorsicht Baby-Talk!

Ich ging aus der Bäckerei, das gekaufte Brot in meiner Einkaufstasche verstaut, die üblichen Gedanken in den Sinn: Wird es bald wieder, also genau 75 Jahre nach dem Anfang des Zweiten und 100 Jahre nach dem Anfang des Ersten Weltkriegs, Krieg geben? Wird die Nato die Ukrainer bewaffnen, sodass die Russen, um das Gesicht zu bewahren, eine unkluge Gegenoffensive in Angriff nehmen werden? Oder: Werden die Wirrköpfe des sog. Islamischen Staates, um ihren Dschihad gegen die Ungläubigen auf die Spitze zu treiben, mit Pest infizierte Mäuse in die U-Bahnschächte diverser Großstädte Europas und in Fußballstadien entsenden?

Die üblichen Gedanken eines nachdenklichen Menschen im heutigen Europa.

Vor der Bäckerei sah ich plötzlich ein Kinderbuggy. Ein Knabe, er durfte vielleicht anderthalb Jahre alt sein, schaute mich mit großen Augen an, riss mit einer einzigen forschen Bewegung seinen Schnuller aus dem Mund und zeigte nachdrücklich auf einen Dackel, der neben dem Buggy hockte.

„A Wauwau!“, deklarierte das Kleinkind, das eines Tages, wenn es groß wird, vielleicht Ihr Vermieter sein wird und Sie wegen Eigenbedarfs auf die Straße setzen wird.

Jetzt aber war der Bub noch sehr klein und interessierte sich, wie es mir schien, ausschließlich für die spannenden Möglichkeiten der verbalen Kommunikation.

Was will er mit der Aussage, „A Wauwau!“, mitteilen? überlegte ich.

Ganz einfach: „Schau! Ich bin da. Du bist da. Wir beide sind Menschen und können, wie ich feststelle, anhand von bestimmten beidseitig verstandenen Lauten miteinander kommunizieren. Ist das nicht großartig?“ Dass er ausgerechnet auf den Hund neben seinem Buggy zeigte, war unwesentlich. Wäre kein Hund dabei gewesen, hätte er vielleicht auf einen Wagen gezeigt und „Auto!“ gerufen oder mir seinen Schnuller mit den passenden Lauten präsentiert.

Doch warum sagte er „Wauwau“ und nicht „Hund“? Natürlich weiß ich die Antwort. Weil seine Eltern oder Großeltern mit ihm „Baby-Talk“ reden. „Gib Wauwau Küßi…“ usw.

„A Wauwau“, deklarierte das forsche Kind.

„Ja“, antwortete der pedantische Pädagoge, „ein Hund.“

Mit Sicherheit hat ein kleiner Knirps am Anfang seiner Karriere als Redender Probleme, „Hund“ zu sagen. Die richtige Aussprache dieses Wortes erfordert nämlich einen komplexen Bewegungsablauf von Lippen und Zunge. „Wauwau“ kann ein unerfahrener Mund viel leichter über die Lippen bringen.

Babys und Kleinkinder müssen nämlich lang üben, bis sie bestimmte Lautfolgen auf die Reihe bekommen.

Mein ältester Sohn sagte, z.B., „Nana“ und meinte damit „Mama“. Das „N“ beherrschte er, bevor er „M“ sagen konnte. Er war aber zweifellos überzeugt, dass sein „Nana“ korrekt war. Sein Bruder wiederum hatte Schwierigkeiten mit der Aussprache des englischen „L“. Aus „little“ machte er „uittle“, auch er überzeugt, dass er das Wort richtig artikuliert hatte. Es wäre für meine Frau und mich einfach gewesen, die falsche Aussprache der Kinder nachzumachen, um daraus eine „Familiensprache“ zu gründen. Somit hätten wir Baby-Talk zur Standardsprache gemacht. Wir blieben aber stur und sagten weiterhin „Mama“ und „little“. Bis zur Abitur werden die Kinder diese Wörter meistern, dachten wir.

Vielleicht deshalb werden unsere Kinder niemals der Vermieter werden, der Sie wegen Eigenbedarfs aus der Wohnung, in der Sie 30 Jahre lebten, rausschmeißen.

Und vielleicht deshalb werden unsere Söhne niemals, um das Gesicht zu bewahren, einen großen Krieg vom Zaun brechen oder verpestete Mäuse in die U-Bahn loslassen.

Was ich sagen will: Wer mit seinen Kindern Baby-Talk spricht, bringt ihnen eine falsche Vorstellung von der Realität bei. Jeder weiß, wohin falsche Vorstellungen führen können.

Das „Selfie“ – ein Nachruf (und anschließend ein Wort zu Ebola)

Die Erkenntnis kam im Lauf eines ausgesprochen unanständigen Gedanken: Hat der durchgeknallte „Dschihadi John“ die Hinrichtung des Fotografen James Foley als „Selfie“ inszeniert?

Ich glaube es nicht. Trotzdem: Dieser ungebührliche Gedanke wurde mir zum Anlass, über das sich rasant ausbreitende Modewort „Selfie“ zu sinnen.

Mit dem Resultat, dass ich Ihnen heute, so sehr es mich grämt, eine (für manche) schlechte Nachricht überbringen werde:

Das Wort „Selfie“ ist ein Auslaufmodell. Schon jetzt ist es totkrank.

Wie schlecht es um das „Selfie“ bestellt ist, merken Sie vielleicht noch nicht. Denn der Bremsweg eines viral gegangenen Modewortes ist lang – ähnlich wie wenn man am offenen See die Bremse zieht, um ein mehrere-Stockwerke-höhes Kreuzfahrtschiff zum Stillstand zu bringen.

Das „Selfie“ wird bald so sehr von gestern sein wie die glatt rasierte Leistengegend oder wie die einst allgegenwärtigen Baggy-Pants oder wie die bunten Tätowierungen am männlichen und weiblichen Gesäß, Arm,Bauch, Rücken usw.

Zu bemerken: Die Rede ist nur vom Modewort. Das Selbstporträt selbst („Selfie“ ist bloß eine Abkürzung des englischen „self-portrait“) wird nie verschwinden. Kann nicht. Auch die anzüglichen Selbstaufnahmen bleiben uns erhalten. Wer will, darf weiterhin lustige Selbstbildnisse von feuchtfröhlichen Abenden, von primären und sekundären Geschlechtsmerkmale etc. ungehindert an Freunde und Fremde über die soziale Netzwerke verschicken.

Why not?

Man wird lediglich aufhören, solche Aufnahmen „Selfies“ zu nennen. Schon jetzt klingt das Wort ein bisschen altbacken: das Schicksal aller Modewörter halt. Das Phänomen des Selbstporträts (in allen Formen) hat’s hingegen schon immer gegeben. Denken Sie an Dürer, Van Gogh, Cindy Sherman, oder daran, was Jugendliche früher in Fotoautomaten ablichteten.

Auch ich mache seit vielen Jahren Selbstbildnisse – meistens wenn ich auf langer Reise bin – oft im Flugzeug-WC oder im fremden Hotelzimmer – Selbstaufnahmen als Ausdruck einer gefühlten Einsamkeit oder Verfremdung.

Als ich Anfang dieses Jahres mittels des Schwenkmonitors meiner neuen Kompaktkamera Freund A. und mich porträtierte, zeigte ich die Bilder hinterher der lieben E.

„Ach, du hast Selfies gemacht!“ sagte sie.

„Was hab ich gemacht?“

Okay, ich gebe zu. Ich bin nicht mehr der Jüngste. Ich halte meinen Finger nicht mehr an den Puls der Zeit.

2013 wurde „Selfie“, so habe ich gelesen, vom Oxford English Dictionary zum Wort des Jahres erklärt. Ein schlechtes Zeichen. Wenn sich ein ehemals ernst zu nehmendes Wörterbuch derart einschleimt, kann es nie Gutes heißen, zumal der Begriff erst 2012 viral gegangen war. Der Einfluss der sozialen Netzwerke. Ein Konsumwort halt.

Die Zeichen des Verfalls werden aber immer offensichtlicher. Beispiel: Der US-Fotograf David Slater reichte einem Affen einen Fotoapparat (oder war es ein Handy?). Und siehe da! Der smarte Affe machte von sich bald „Selfies“. Slater zeigte diese Affen-Bilder anschließend im Internet. Doch bald wurden sie gekapert und landeten in den sozialen Netzwerken, wo sie viral gingen. Um seine Rechte über die Veröffentlichung der Bilder zu schützen, zog der Fotograf nun vors Gericht. Das Gericht aber widerlegte seinen Anspruch mit der Begründung: Es gibt kein Copyright auf von Tieren angefertigten Selbstporträts.

Auch die Kulturkritiker machen sich inzwischen Gedanken über das „Selfie“. Martin Meyer, zum Beispiel, Feuilletonchef der NZZ kommentierte über diese „Darstellung des Selbst“: „Dieses Selbst ist in der Regel substanzmäßig von atemberaubender Durchschnittlichkeit.“ Clever, nicht wahr?

Inzwischen sind auch diverse Trittbrettfahrerbegriffe aufgetaucht: das „ussie“ (vom englischen „us“), z.B., und das „wefie“ (sprich uiefie – von „we“).

So viel bemühte Aufmerksamkeit der Medien war schon immer Gift für Modeerscheinungen, ein sicheres Zeichen, meine ich, dass das Wort bald nur noch lahm und peinlich klingen kann. Ein Wort, das nur Alternde noch wagen werden, über die Lippen zu bringen.

Ja, so ist es, wenn etwas viral geht. Wie Ebola halt. Here today, gone tomorrow.

Wie der Schatz den Würgeengel fand (oder: Gamescom ist geil)

„Schatz, reichst du mir bitte das ‚Wohlfühlen‘.“

„Was für Fühlen, bitte?“

„Den SZ-Sonderteil, der neben dir auf dem Sofatisch liegt. Der mit der hübschen Badenixe auf dem Titelblatt. Ist sie nicht süß? So sah ich aus, als du mich heiratetest. Kannst du dich noch erinnern?“

„Hier, dein Heft.“

„Sieht sie nicht aus wie ich damals?“

„Ja, ja.“

„Ich merke schon. Du bist mit den Gedanken ganz wo anders.“

„Bitte, Mäuschen, wir können später reden. Okay? Ich will jetzt meine neue Spielkonsole ausprobieren, weißt du. So was Geiles hast du noch nie gesehen. Schau: Ich setze die Virtual-Reality-Brille auf die Augen, den Kopfhörer über die Ohren, halte die Griffe fest und zack! Bin ich ganz woanders.“

„Wo dann? Hallo? Hörst du mich nicht? Nein, der hört mich nicht mehr. Ach, Männer, immer müssen sie spielen. Sie sind wie Kinder.“ (Sie blättert in ihrem „Wohlfühlen“ und vergisst die Welt).

Aber wo ist ihr Schatz? Antwort: Er ist, um einen Vertreter der Branche zu zitieren, den ich im Fernsehen auf der Gamescom-Messe sprechen hörte, „abgekoppelt von der Wirklichkeit“.

Noch präziser: Er befindet sich momentan auf einer Anhöhe, die in der Abenddämmerung dunkelgrün leuchtet. Unten wütet der Krieg. Zwei Armeen, die der Guten und die der Bösen, liefern sich eine heftige Schlacht.
Der Schatz gehört zu der obersten Heeresleitung der Guten und ist eigens für die Kampfstrategie zuständig. Was er befiehlt, wird gleichsam per Fingerdruck ausgeführt.

Hier wird keine Schlacht ausgeführt wie bei einem uns bekannten heutigen Krieg. Das, was hier auf dem Schlachtfeld geschieht, mutet vielmehr altertümlich an. Als kämpften römische Soldaten gegen Barbaren. Wir befinden uns aber in der Zukunft. Die Soldaten, zumindest die guten, tragen eine goldfarbige Rüstung und fliegen durch die Luft – scheinbar mittels Willenskraft. Denn nirgends erblickt man einen Antriebsmotor, der sie befördert. Im Übrigen sind alle Krieger maskiert wie Gladiatoren. Ihre Waffen scheinen eine Art Laserpistole zu sein. Gelbe Strahlen blitzen im Zwielicht.

Im Moment sieht es aber so aus, als würden die Barbaren die Oberhand gewinnen. Kann es sein, dass in dieser unbekannten Welt das Böse übers Gute siegen wird? Das will der Schatz natürlich nicht zulassen. Aber was tun?

„General, es ist Zeit“, sagt ein maskierter Offizier, der neben ihm steht. Auch dieser trägt eine Rüstung, sein Gesicht steckt unter einer Maske. „Sie müssen unbedingt den Würgeengel aufrufen.“

„Den Würgeengel? Aber wie mache ich das?“ fragt der Schatz. Es irritiert ihn, dass er seine Unerfahrenheit preisgegeben hat.

Ohnehin eine dumme Frage. Er schaut nach links, oben im grauen Himmel, und schon erspäht er in der Ferne ein fahles Licht. Instinktiv drückt er mit der linken Hand auf den Griff. Und siehe da! Neben ihm steht schon eine große, schattige Figur, sie ist in einem dunklen Gewand eingehüllt, das Gesicht verschleiert.

„Du hast mich gerufen?“ sagt der Würgeengel.

„O Würgeengel, der Feind gewinnt allmählich die Oberhand, und ich fürchte bereits das Schlimmste.“

„Das Schlimmste? Was ist dir denn schlimmer“, fragt der Würgeengel, „die Niederlage deines Heeres oder eine Reise in die dunkle Welt?“

Die anderen Offiziere der Heeresleitung richten ihre Aufmerksamkeit auf den Schatz und warten neugierig auf seine Antwort. Es ist klar, wie er zu entscheiden hat. „Schlimmer ist die Niederlage meines Heeres“, sagt er pflichtbewusst, und gleich bereut er, dass er diesen Satz über die Lippen gebracht hat. Denn unversehens wirft der Würgeengel sein Gewand um den Schatz, und der Schatz erlebt auf einmal eine Finsternis, die schwärzer ist, als die schwärzeste Nacht seines Lebens. „Geil, diese Brille“, denkt er.

Aber wo ist er jetzt? Das Spiel scheint aus zu sein, er sieht jedenfalls nichts und weiß nicht, wie er diese Finsternis, in der er sich befindet, entkommen soll. Er drückt auf die Griffe. Sie scheinen blockiert zu sein. „Würgeengel?“, ruft er. Doch keine Antwort. „Mäuschen?“ ruft er. Keine Antwort. „Wo bin ich?“ fragt der Schatz. Wieder keine Antwort.

Auch ich habe keine Antwort auf diese letzte Frage.

He, Cyberkriminellen! Kommt bald wieder! Ihr fehlt uns!

Wer hat die Glasfaserkabel in Berlin durchschnitten – mit dem Ergebnis, dass 160.000-Haushalte urplötzlich ohne Internet – und Telefon – waren?

Ich weiß es.

Es war Al Kaida, der ISIS oder so was Ähnliches.

Ich bin so sicher, weil ich ungefähr zur gleichen Zeit folgenden Kommentar auf einen Sprachbloggeur-Beitrag im Verwaltungsabteil dieser Webseite vorfand. Ich zitiere: „Ich denke nicht, dass Al Kaida nur die Amerikaner bedroht. Ihre Reichweite ist weltweit, und sie greifen viele Städte an, die sich außerhalb Amerika befindet. Die anderen Länder werden angegriffen freilich, weil sie Unterstützung von Amerika bekommen. Hüttenkäse.“

Habe ich vielleicht eine Geheimbotschaft erhalten? Eine Warnung? Das war mein erster Gedanke.

Erst recht wegen des Wortes Hüttenkäse.

Alles der Reihe nach. Hier jetzt die Fakten, wie ich sie bisher erlebte:

1.) Oben zitierte Kommentar war eigentlich englischsprachig und hatte die Überschrift: „I don’t think that Al Qaeda is a threat…“ Ich habe den Text selbst ins Deutsch übersetzt.

2.) Wenn ich solche genehmigungspflichtige Kommentare bekomme (erst recht, wenn sie in englischer Sprache sind), lösche ich sie normalerweise umgehend. Denn die Erfahrung lehrt mich: Es handelt sich immer um Schleichwerbung, „Phishing“-Angebote, virtuelles Ungeziefer usw.

Im obigen erwähnten Fall war das Wort „Hüttenkäse“ (auf Englisch „curd cheese“) der klarer Hinweis, dass ich einen Phisher etc. geangelt hatte. Nicht nur wegen der verkorksten Textlogik, sondern weil der Begriff „curd cheese“ als Hypertextlink leuchtete. Hätte jemand absichtlich oder versehentlich auf den Link geklickt, ist es denkbar, dass der eigene Rechner in die Luft gegangen wäre – oder noch Schlimmeres. Wer weiß?

Es handelte sich zwar eindeutig um Phishing etc. Trotzdem war ich überzeugt, dass ich eine geheime Botschaft erhalten hatte – und zwar von den Cyberkriminellen selbst. Sie wollten nämlich vor einer drohenden Katastrophe warnen.

Wie kam ich auf diese Idee? Ganz einfach:

Wenn unbekannte „Vandalen“ so mühelos in der Lage sind, 160.000 Haushalte in Berlin vom Netz abzutrennen, was würde passieren, wenn zeitgleich in verschiedenen Städte lauter unbekannte „Vandalen“ Glasfaserkabel durchtrennten?

Ich kann Ihnen sagen, was passieren würde: Die Cyberkriminellen, die gerne meine und andere Webseiten mit Scheinkommentaren vermüllen, wären auf der Stelle arbeitslos.

Denn die Cyberkriminalität ist von einer gutfunktionierenden elektronischen Infrastruktur abhängig. Cyberkriminellen sind im Grunde Wohlstandsparasiten.

Wer die Glasfaserkabel in Berlin durchschnitt, drohte also ein gutes Geschäft zu killen.

Vielleicht waren die Täter nicht von Al Kaida, ISIS usw. Doch wer auch immer es waren, sie meinten es mit Sicherheit nicht gut mit uns.

Ja, eines Tages werden uns unsere Cyberkriminellen fehlen – ich meine: solange es so einfach ist, Glasfaserkabel zu durchtrennen.

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