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Ist Liebe proaktiv?

Erinnern Sie sich, als Sie das erste Mal jemandem, den Sie besonders gerne hatte, “Ich liebe dich“ deklarierten? Ich schon. Es war auch das letzte Mal.

Meine Erfahrung mit der Floskel „ich liebe dich“ war im Grunde eine Ausgeburt eines verflossenen Zeitgeists. Will sagen: Es gehörte damals in den USA zum guten Ton dem Schatz – Neudeutsch „der Schatzin“ – „ich liebe dich“ zu sagen.

Ich gehe davon aus, dass es diese Sitte nur deshalb gegeben hatte, weil wir mit Hollywood-Filmen gefüttert wurden. Ein Film zu produzieren, in dem einer seinem Schatzerl „ich liebe dich“ nicht zuhauchte, war damals undenkbar.

Anders gesagt: Ein Mann hatte die Pflicht, seinem Haserl „ich liebe dich“ expressis verbis auszuposaunen.

Notabene: Ich schreibe hier „Mann“. Denn damals oblag es dem Mann, diese Erklärung in Worten zu fassen. Nur dann durfte die geliebte Frau „ich liebe dich auch“ antworten. Hätte sie die Prozedere initiiert, hätte sie als vorlaut bzw. anmaßend gegolten. Der so überrumpelte Mann hätte sich gleichsam als Fliege im Spinnennetz erachtet. By the way: Damals gab es noch keine Diverse. Sie spielen hier folglich keine Rolle.

Aber zurück zu „meiner Wenigkeit“, wie man auf Deutsch über sich zu reden pflegt. Ich war damals vielleicht 19 und bereits einige Monate mit IHR zusammen. Täglich wurde mir klarer, dass ich bald meiner Pflicht nachgehen musste. Zusehends wuchs der Druck. Mit Sicherheit wartete meine junge Freundin darauf. Auch sie war ein Geschöpf dieses Zeitalters.

Wir fuhren in meinem Wagen zu ihrer Wohnung. Nein, nicht ihre eigene Wohnung. Sie lebte selbstverständlich mit Vater, Mutter und Bruder. Dann hielten wir vor der Tür an und kuschelten im Vordersitz ein wenig, wie damals üblich. Nun ahnte ich, dass der Augenblick gekommen sei…

„Ich…ich…ich…ich…“, stammelte ich. Ihre Augen wurden immer größer, ihr Blick voll Neugier. „Ich…ich…ich…ich…“ stammelte ich weiter. Doch ich stellte fest: Die Zunge wollte partout nicht mitmachen. Es herrschte Widerstand in mir. „Ich…ich…ich…ich…“, sagte ich. Derweil schaute sie mich immer erwartungsvoller an. „Ich…ich…ich…“ Die Worte stockten irgendwo in der Tiefe, und ich wusste nicht, warum. „Ich…ich…ich…“ Und dann geschah es. Ich riss mich kräftig zusammen…und: „Ich…ich…ich…LIEBE…dich.“

Irgendwie peinlich, aber ich war auch erleichtert. Ihr Blick blieb unterdessen ruhig, und sie antwortete…was sonst? „Ich liebe dich auch.“

Ein Jahr später wollten wir uns verloben. Am Tag nach der Verkündigung packte mich, erst 20 Jahre alt, der Horror. Mir war auf einmal klar, dass ich mit dieser Verlobung dabei war, mein junges Leben ganz zu verspielen. Nach einer Woche war es aus mit uns. Jeder ging seinen Weg.

Seitdem sage ich NIE „ich liebe dich“ – und wenn ich auch durchaus in der Lage bin zu lieben. Ich mag diesen Satz einfach nicht.

Als ich im letzten Jahrtausend in Deutschland ankam, erfuhr ich, dass man hierzulande so etwas nie sagt. „So reden nur die Amis“, wurde mir allerseits weisgemacht.

„Was sagt ihr?“

„Wir sagen, ‚Ich hab dich lieb‘.“

Das war damals. Längst ist „ich-liebe-dich“ im Deutschtum beheimatet. Wer Netflix glotzt, kann dies besser bestätigen als ich, da ich netflixlos bin.

Nebenbei. Ich bin auf dieses Thema nur deshalb gekommen, weil ich neulich über den Begriff „proaktiv“ nachgedacht habe. So heißt es auf Neudeutsch, wenn man (oder frau) die Initiative nimmt. Die „Proaktivität“ hat Deutschland längst im Griff.

Diese Vokabel wurde aber glatt aus dem Neuenglischen aufgeschnappt. Das ahnt aber jeder. Auf Englisch sagt man „proactive“. Doch auch „proactive“ ist ein Neuling. Ich habe diesen Begriff zum ersten Mal während eines Amerikabesuchs 1997 wahrgenommen und war nicht sicher, dass ich verstand, was damit gemeint war. Ich mochte das Wort aber auf Anhieb nicht.

Inzwischen weiß ich, dass es sich hier um einen Terminus aus dem psychologischen Wortschatz handelt. Er wurde zum ersten Mal ca. 1933 aus der Taufe gehoben – und zwar als Gegensatz zu „reaktiv“.

In meinem Webster’s Dictionary von 1996 sucht man nach diesem Wort vergeblich. Gleiches gilt für „proaktiv“ als dt. Begriff. In meinem alten Duden „Großes Wörterbuch der deutschen Sprache“ steht er ebenso nirgends.

Heute leben wir in einer proaktiven Zeit. Aber wissen Sie was: Es gab schon immer diese Proaktivität, auch damals, als es noch kein gängiges Wort dafür gab. Nein. Stimmt nicht. Früher sagte man ganz einfach, wenn man die Initiative ergreifen wollte: „ich liebe dich“.

Im Lande der Xenobots

Nur eine Frage der Zeit, liebe Lesende, bis auch Sie ihr Chip-Implantat bekommen. Manche vermuten, dass es mit dem mRNA-Impfstoff bereits geschehen ist. Gegner und Fürwörter schlagen sich gegenseitig den Kopf ein oder schwadronieren (Stichwort „Shitstorm“) in den Sozialen Medien über dieses Thema. Freilich alles – noch – Fantasie.

Auch Elon Musk hat sich schon ob des Chip-Implantats zu Wort gemeldet. Er möchte bereits nächstes Jahr mit solchen Implantaten ans Werk gehen. Nein, er will Sie nicht in einen Roboter umwandeln. Zumindest behauptet er dies. Es handelt vom „Neuralink Chip“, der in der Lage sei, das Menschenhirn mit einem Computer zu verlinken. Das Verfahren heißt „Brain-Computer-Interface“ (BCI).

Doch wer weiß? Vielleicht will Musk Sie als Implantat-Träger tatsächlich dazu bewegen, ein Tesla zu kaufen? Oder Ihnen vielleicht eine Fahrkarte in einem Touristenraumschiff andrehen…?

Bisher heißt es, dass das BCI allerdings ein medizinisches Gerät sei, dessen Aufgabe es sei, unterbrochene neurologische Signale – wie im Fall einer Lähmung – wiederherzustellen.

Warten wir’s ab.

Die Fantasie, andere Menschen mittels eines Implantats unter fremdem Einfluss zu bringen, hat jedenfalls Tradition. Keine sehr lange allerdings. 1951 erschien der Science-Fiction-Roman „The Puppet Masters“ des amer. Autors Robert Heinlein. (Die deutsche Version erschien 1957 unter dem Titel „Die Invasion“). Das Buch erzählt von einer Invasion Außerirdischer. Diese Geschöpfe (Waren sie von Mars? Hab leider vergessen) ähnelten im Aussehen Nacktschnecken und vermochten sich am Nacken eines Menschen zu befestigen, um ihr Opfer dann als Roboter zu missbrauchen. War ein lustiges Buch.

Oder der 1955 gedrehte „Invasion of the Body Snatchers“. (auf Deutsch “Invasion der Körperfresser”, manchmal auch die “Dämonischen“). In diesem Film haben Außerirdische ihre Sprösslinge (sie ähnelten bleichen Wassermelonen) in einer Kleinstadt reingeschmuggelt. Diese Schoten wuchsen heran und konnten sich durch irgendeinen nicht näher beschriebenen Prozess Erdmenschen bemächtigen. Gewöhnliche Menschen wurden zu Außerirdischen. Ein richtiger Horrorfilm. Man langte kaum mehr in die Popcorntüte, so spannend war die Handlung.

Und bitte den Roman von Kurt Vonnegut, „Slapstick, lonesome no more“ (zu Deutsch „Slapstick, nie wieder einsam“) nicht vergessen. Ein amüsantes Buch, dessen Handlung ich leider nicht mehr im Kopf habe Nur folgendes Handlungselement hat sich eingeprägt: Auf der Suche nach einer Lösung fürs Problem der Überbevölkerung stoßen die Chinesen auf eine geniale Idee (Notabene: Das Buch wurde vor dem „Ein-Kind-Debakel“ geschrieben): Sie schrumpfen ihre Bürger ein! Jawohl! Bis die Menschen die Größe eines Staubpartikels haben (oder waren sie noch kleiner?). Diese Nano-Chinesen schweben dann mit dem Wind in Richtung USA und siedeln sich in den Leibern von Amerikanern. Somit wird Amerika von Innen erobert! Leider habe ich die restlichen Details vergessen.

All diese Beispiele nur zur Einführung. Denn bald schreiben wir das Jahr 2022. Und dann beginnt das Zeitalter der Xenobots“ (oder wird man auf Deutsch in der Mehrzahl „Xenobote“ sagen?). Ist Ihnen dieses Wort ein Begriff? Falls nicht, ist es höchste Zeit.

Sprachgewandte werden sagen: „Aha! Hier haben wir es mit einem sog. Kofferwort zu tun. In diesem Fall mit einer Mischung aus dem griechischen „xeno“, d.h., „fremd“, und „Bot“. Inzwischen weiß jeder, was ein „Bot“ ist. Auch der Sprachbloggeur wurde des Öfteren von „Bots“ heimgesucht und lahmgelegt. „Bot“ ist jedenfalls eine Verkürzung der Vokabel „Roboter“.

Leider ist obige Etymologie falsch. Im Begriff „Xenobot“ wird „xeno“ in Wirklichkeit von einer afrikanischen Froschart namens „Xenopus laevis“, zu Deutsch „Krallenfrosch“, abgeleitet.

Was ist also ein „Xenobot“?

Nun wird es kompliziert: Wissenschaftler haben Stammzellen besagten afrikanischen Frosches isoliert, um diese in diverse Organe umzuwandeln. Es stellte sich allerdings heraus, dass diese Stammzellen plötzlich ein Eigenleben entwickelten. Und: Sie sind lernfähig, sprich programmierbar! Will sagen, man kann sie in fremde Körper als Boten schicken, wo sie ein „Programm“ ausführen…all dies natürlich zu medizinischen Zwecken.

Es wird aber noch spannender: Diese Viecher – sie sind weder männlich noch weiblich, eher divers – sind in der Lage, sich zu vermehren! Im Internet kann man diesen Vorgang in Filmaufnahmen sehen.

Sie sehen, was uns bevorsteht. Schauen Sie selbst unter Stichwort Xenobot. Sie werden gleich mit den Ohren wackeln…es sei denn, Sie sind selbst bereits ein Bot…

Reif fürs Metaversum?

Wissen Sie warum, „Metaphysik“ so heißt? „Meta“ auf Altgriechisch bedeutet „neben“. Der Erfinder dieses Wortes „Metaphysik“, ein gewisser Aristoteles – vielleicht kennen Sie den Namen – hatte mal ein Buch mit dem Titel „Physik“ geschrieben, zu Deutsch „die Natur“.

Und dann hatte er wieder ein Buch verfasst. Diese nannte er „ta meta ta physika“, wörtlich: „dasjenige neben (oder nach) der Physik“. Eigentlich schön logisch vom Autor, der auch über die Logik geschrieben hatte. Damals gab es noch keine Verlage, die mit reißerischen Titeln das Publikum zu packen gedachten.

Dies ist keine erfundene Geschichte, dafür aber passend, wenn man Mark Zuckerbergs „Metaverse“ – zu Deutsch „Metaversum“ – verstehen will.

Mit diesem „Kofferwort“ wollte Zuckerberg (oder jemand aus seinem Umfeld) zwei Konzepte vereinen: „Metaphysik“ und „Universum“. Und wie bei Aristoteles ist das Metaversum eine Art „Werk“, das nach dem Universum produziert wurde. Neben dem Universum soll gleichsam ein „Nebenuniversum“ aus dem Boden gestampft werden.

Hab ich gerade „aus dem Boden“ geschrieben? Somit läge ich falsch. Denn Zuckerbergs „Metaversum“ ist nicht bodenfest, sondern vielmehr eine Art…virtuelles Universum.

Alles klar? Mir nicht…ganz…

Wenn ich‘s richtig verstanden habe, möchte Zs Firma Sie animieren, an einem von ihr ausgedachten digitalen Universum teilzunehmen. Dazu brauchen Sie freilich die passende Ausrüstung. Zum Beispiel: eine sog. „Virtual-Reality-Brille“ auch „VR-Brille“ genannt und ein digitales Gerät, z.B., Rechner, Phone, Tablett usw. Ach ja und auch die passende Software, die Sie ermöglicht, jene virtuelle Welt zu betreten.

Einmal angekommen, sollen Sie sich in dieser virtuellen Realität so heimisch wie möglich fühlen. Sie kaufen sich, z.B., ein Haus, richten es mit diversem Hausrat ein. Vielleicht brauchen Sie auch einen virtuellen Rechner, oder Sie bewerben sich für eine virtuelle Arbeit bei einer virtuellen Firma, wo Sie VR-Geld verdienen. Sie haben vielleicht ein Auto (ohne CO2-Fußabdruck versteht sich!), ein Radl, E-Scooter etc.…und…jetzt wird es noch spannender: Sie haben auch Freunde (wohl Geliebte auch?), Nachbarn etc. etc. Das sind übrigens andere echte Menschen, vielleicht die eigene Familie und die eigenen Freunde, die sich ebenfalls im Metaversum aufhalten. Das offenkundige Ziel sei es, im Metaversum die Menschen zusammenzubringen.

Süß. Na? Sind Sie dabei?

Vielleicht fragen Sie sich, was die Firma „Meta“ davon hat, wenn Sie sich in einer Traumwelt mitten in der wahren Welt etablieren. Ganz einfach: Die Produkte, die Sie im Metaversum konsumieren würden, entsprechen wahren Produkten aus unserer nichtvirtuellen Welt. Will sagen: Wenn Sie sich in dieser Metawelt einrichten, stehen Ihnen Produkte und Dienstleistungen von Firmen zur Verfügung, die der Firma „Meta“ einen Haufen Geld bezahlt haben. Anders gesagt: Das Metaversum lebt von der Werbung.

Irgendwie eine geniale Idee.

Neulich bin ich auf einen Kommentar in der New York Times gestoßen mit dem Titel: „The one thing the metaverse can’t give us: Touch“ (Eins kann uns das Metaversum nicht geben: den Tastsinn). Die Autorin, eine gewisse JoAnna Novak, outet sich als Mensch, der seit 20 Jahren von der Magersucht geplagt ist. „Das letzte was ich brauche“, schreibt sie, „ist eine Technologie, die mich weiter von meinem Körper entfremdet.“

Ich persönlich denke, dass es eine einfachere – und zugleich altbewahrte – Alternative zum Metaversum für diejenigen gibt, die lieber eine Welt neben unserer Welt bewohnen möchten. Sie heißt Opiumkonsum.

Momentan ist der Konsum dieser Droge, die eifrig in Afghanistan angebaut wird, illegal. Wahrscheinlich wäre die Anschaffung des „Stoffs“ im Augenblick teurer für Konsumanten als in Zuckerbergs Luftschloss zu ziehen.

Eins steht aber fest: Willkommen, liebe Erdbürger und -bürgerinnen, im 21. Metajahrhundert.

Na na na du du du!

Schauen Sie, ob Sie den Fehler im folgenden Satz finden. Ich habe ihn von „Google-Support“ abgeschrieben:

„In diesem Hilfeartikel [Anm. des Sprachbloggeurs: Diese ersten drei Wörter erscheinen im Original in Hypertext, damit man gleich linken kann] findest du weitere Informationen zu YouTube Premium und unseren kostenpflichtigen Mitgliedschaften.“

Haben Sie den Fehler entdeckt? Aber klar! Vorsitzender Google hat Sie geduzt!
Finden Sie das in Ordnung? Oder zucken Sie mit den Achseln und sagen: „So what!“, beziehungsweise „Na, und?“.

Ich weiß nicht, wie alt Sie sind, liebe Leser, liebe Leserin. Wenn aber Ihnen die intime Anredeform des obigen Zitats nicht stört, dann haben Sie Ihre Stimme bereits abgegeben, eine Kostbarkeit der deutschen Sprache wie das sprichwörtliche Tafelsilber zu verscherbeln. Damit meine ich das „Sie“, bzw. das Siezen.

O je. Nun fürchte ich, dass ich hier in Polemikmodus reingerutscht bin. Nein, so einer bin ich nicht. Ich schäume im Augenblick nicht. Im Ernst. Ich möchte lediglich auf eine Entwicklung hindeuten, die meiner Meinung nach die schöne deutsche Sprache langfristig verärmt.

Denn: Wenn Deutsch Sprechende nicht mehr zwischen „du“ und „Sie“ zu unterscheiden vermögen, verlieren sie eine nützliche sprachliche Einrichtung (d.h. zwischen Nahe und Weit zu unterscheiden), sondern ebenfalls ein Werkzeug für feinfühlige Beziehungseinstellungen.

Beispiel. Ich kenne meinen Steuerberater seit über 40 Jahren. Wir besprechen, wenn wir uns sehen (schon immer im Herbst), alles Mögliche. Wir duzen uns aber nicht. Einmal – es war 1990 – kamen wir beinahe dazu. Wir sind aber doch beim „Sie“ geblieben. Warum? Weil die unsere letztendlich eine geschäftliche Beziehung ist. Don’t mix business and friendship heißt es in meiner amer. Muttersprache.

Ha! Wie man gerade beim Amerikanischen ist: Die Amerikaner (und mittlerweile die Briten) sprechen sich meistens mit Vornamen an – egal wie die Beziehung ausgelegt ist. D.h. auch zwischen Chef und Untertan. Vor Jahren habe ich eine Glosse zu diesem Thema geschrieben. Sie hieß: „Bob, du bist gefeuert“).

Aber zurück zum Deutschen: Das Siezen kann u.U. äußerst intim wirken, und wenn es zugleich für einen gewissen Abstand sorgt.

Manche sprechen sich mit Vornamen an und bleiben trotzdem bei Sie. Gleiches kennt man auch in anderen siezenden Sprachen. Berühmtes Beispiel auf Französisch: Sartre und Simone de Beauvoir. Ähnliches tun die Ungarn, um das letzte Quäntchen Distanz aufrechtzuerhalten.

Die Dänen hingegen haben während des Aufruhrs der Hippiezeit ihr „Sie“ beinahe ganz entsorgt. Man strebte damals wohl das Gefühl einer Großfamilie an. Wenn ich mich nicht täusche, werden heute nur noch die Royals und Touristen gesiezt. Immerhin. Wie sagt man auf Dansk, „Du, Bob, du bist gefeuert“?

Englisch unterscheidet nicht zw. „Du“ und „Sie“. Haben Sie aber gewusst, dass das engl. „you“ eigentlich ein „Sie“ ist? Vor ca. zwei oder dreihundert Jahren hat man in der englischsprachigen Welt aufgehört, sich mit „du“ anzusprechen, genauer gesagt, mit „thou“. Damals war es das vornehme „you“, das sich durchgesetzt hatte. Ich weiß leider nicht genau, was der Grund dafür war. Vielleicht wollte das Fußvolk, die Royals nachmachen? Dennoch wird noch heute im United Kingdom das „thou“ gebraucht. Nur aber in Dialekt. So zum Beispiel in Yorkshire, wo man „tha“ sagt. Das klingt für den Außenstehenden wie das „enk“ im Niederbayerischen.

Aber bitte: Warum wird heute – mehr denn je zuvor – so eifrig geduzt auf Deutsch?

Klare Sache: wegen des Einflusses der „Social Media“: sprich Google, Facebook, Microsoft und Co. Es sind alle amer. Firmen, stammen also aus dem Land, wo man „Du Bob, du bist gefeuert“ sagt. Diese Mediengiganten wenden sich vor allem an junge Menschen. Klar, dass alle geduzt werden. Mit einer Ausnahme allerdings: Amazon. Amazon siezt noch immer. Das hat aber auch eine Erklärung. Die Firma begann als online Buchhandlung. Klar, dass man in der Buchhandlung gesiezt wird.

„Stimmt“, meint meine Frau. „aber mit einer Ausnahme. ‚Audible‘. Sie ist aber neu in der Amazon-Familie. Bei Audible wird geduzt.“

Achtung liebe DuzerInnen: Die Duzifierung der dt. Sprache hat Konsequenzen. Sie führt peu à peu zu einer Infantilisierung der deutschen Sprache – und ebenfalls zu dieser Verdummung in der Kultur schlechthin. Ja, so schlimm ist es. Falls Sie nach einem lebendigen Vorbild für dieses Phänomen suchen: Schauen Sie sich in die USA an. Die gesellschaftliche Verkindlichung ist längst Realität geworden.

Nun haben Sie die Fakten. Der Rest ist Ihre Entscheidung. Ja, Sie sind gefragt…

Na na na du du du!

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Finden Sie das in Ordnung? Oder zucken Sie mit den Achseln und sagen: „So what!“, beziehungsweise „Na, und?“.

Ich weiß nicht, wie alt Sie sind, liebe Leser, liebe Leserin. Wenn aber Ihnen die intime Anredeform des obigen Zitats nicht stört, dann haben Sie Ihre Stimme bereits abgegeben, eine Kostbarkeit der deutschen Sprache wie das sprichwörtliche Tafelsilber zu verscherbeln. Damit meine ich das „Sie“, bzw. das Siezen.

O je. Nun fürchte ich, dass ich hier in Polemikmodus reingerutscht bin. Nein, so einer bin ich nicht. Ich schäume im Augenblick nicht. Im Ernst. Ich möchte lediglich auf eine Entwicklung hindeuten, die meiner Meinung nach die schöne deutsche Sprache langfristig verärmt.

Denn: Wenn Deutsch Sprechende nicht mehr zwischen „du“ und „Sie“ zu unterscheiden vermögen, verlieren sie eine nützliche sprachliche Einrichtung (d.h. zwischen Nahe und Weit zu unterscheiden), sondern ebenfalls ein Werkzeug für feinfühlige Beziehungseinstellungen.

Beispiel. Ich kenne meinen Steuerberater seit über 40 Jahren. Wir besprechen, wenn wir uns sehen (schon immer im Herbst), alles Mögliche. Wir duzen uns aber nicht. Einmal – es war 1990 – kamen wir beinahe dazu. Wir sind aber doch beim „Sie“ geblieben. Warum? Weil die unsere letztendlich eine geschäftliche Beziehung ist. Don’t mix business and friendship heißt es in meiner amer. Muttersprache.

Ha! Wie man gerade beim Amerikanischen ist: Die Amerikaner (und mittlerweile die Briten) sprechen sich meistens mit Vornamen an – egal wie die Beziehung ausgelegt ist. D.h. auch zwischen Chef und Untertan. Vor Jahren habe ich eine Glosse zu diesem Thema geschrieben. Sie hieß: „Bob, du bist gefeuert“).

Aber zurück zum Deutschen: Das Siezen kann u.U. äußerst intim wirken, und wenn es zugleich für einen gewissen Abstand sorgt.

Manche sprechen sich mit Vornamen an und bleiben trotzdem bei Sie. Gleiches kennt man auch in anderen siezenden Sprachen. Berühmtes Beispiel auf Französisch: Sartre und Simone de Beauvoir. Ähnliches tun die Ungarn, um das letzte Quäntchen Distanz aufrechtzuerhalten.

Die Dänen hingegen haben während des Aufruhrs der Hippiezeit ihr „Sie“ beinahe ganz entsorgt. Man strebte damals wohl das Gefühl einer Großfamilie an. Wenn ich mich nicht täusche, werden heute nur noch die Royals und Touristen gesiezt. Immerhin. Wie sagt man auf Dansk, „Du, Bob, du bist gefeuert“?

Englisch unterscheidet nicht zw. „Du“ und „Sie“. Haben Sie aber gewusst, dass das engl. „you“ eigentlich ein „Sie“ ist? Vor ca. zwei oder dreihundert Jahren hat man in der englischsprachigen Welt aufgehört, sich mit „du“ anzusprechen, genauer gesagt, mit „thou“. Damals war es das vornehme „you“, das sich durchgesetzt hatte. Ich weiß leider nicht genau, was der Grund dafür war. Vielleicht wollte das Fußvolk, die Royals nachmachen? Dennoch wird noch heute im United Kingdom das „thou“ gebraucht. Nur aber in Dialekt. So zum Beispiel in Yorkshire, wo man „tha“ sagt. Das klingt für den Außenstehenden wie das „enk“ im Niederbayerischen.

Aber bitte: Warum wird heute – mehr denn je zuvor – so eifrig geduzt auf Deutsch?

Klare Sache: wegen des Einflusses der „Social Media“: sprich Google, Facebook, Microsoft und Co. Es sind alle amer. Firmen, stammen also aus dem Land, wo man „Du Bob, du bist gefeuert“ sagt. Diese Mediengiganten wenden sich vor allem an junge Menschen. Klar, dass alle geduzt werden. Mit einer Ausnahme allerdings: Amazon. Amazon siezt noch immer. Das hat aber auch eine Erklärung. Die Firma begann als online Buchhandlung. Klar, dass man in der Buchhandlung gesiezt wird.

„Stimmt“, meint meine Frau. „aber mit einer Ausnahme. ‚Audible‘. Sie ist aber neu in der Amazon-Familie. Bei Audible wird geduzt.“

Achtung liebe DuzerInnen: Die Duzifierung der dt. Sprache hat Konsequenzen. Sie führt peu à peu zu einer Infantilisierung der deutschen Sprache – und ebenfalls zu dieser Verdummung in der Kultur schlechthin. Ja, so schlimm ist es. Falls Sie nach einem lebendigen Vorbild für dieses Phänomen suchen: Schauen Sie sich in die USA an. Die gesellschaftliche Verkindlichung ist längst Realität geworden.

Nun haben Sie die Fakten. Der Rest ist Ihre Entscheidung. Ja, Sie sind gefragt…

Link(s) und recht(s)

Bin ich froh, dass ich nicht als Araber geboren wurde. Nein, hier kein billiges verallgemeinerndes Abwatschen einer Kultur bzw. Bevölkerung.

Vielleicht drücke ich mich zu ungenau aus. Was ich meine: Ein Glück, dass ich nicht unter den Beduinen geboren wurde.

Sie wissen, wer die Beduinen sind, oder? Es sind Arabisch sprechende Stämme, die seit der Antike in Karawanen durch die Wüsten Nordafrikas und des Nahen Osten als Händler (und Schmuggler) ziehen. Karl May und andere haben sie idealisiert – wie die Rothäute Amerikas. Auf Arabisch bedeutet der Name „Staatenlose“.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Als Großstädter sehnt man mitunter nach so einem Nomadenleben. Zum Beispiel, wenn die klimarettenden Radler kreuz und quer auf dem Bürgersteig vorbeihuschen und mit Drohrufen lärmen „Ich habe recht!“ oder „Ich habe Vorfahrt!“.

Für mich aber wäre ein Leben unter den Beduinen aus einem besonderen Grund unvorstellbar: Ich bin nämlich Linkshänder. Und nun muss ich ein leider etwas unappetitliches Thema thematisieren.

Beduinen leben in engen Familiengemeinschaften. Wüstenromantik pur. Zu Mahlzeiten hocken sie um eine große Decke, und jeder langt in die Töpfe und Schüssel, um ein Häppchen von Hand zu Mund zu befördern. Ob das auch heute noch so ist, weiß ich nicht.

Eins darf man in dieser intimen Runde nicht tun: mit der linken Hand in die Töpfe greifen. Tut man dies, gilt man als unrein.

Wieso?

Weil bei den Beduinen die linke Hand eine gewisse dedizierte Funktion innehat: Man benutzt sie, um nach dem Stuhlgang den Allerwertesten sauber zu bekommen. Tut mir leid, wenn ich jemanden eventuell in Verlegenheit bringe. Nebenbei: Als althergebrachtes Reinigungsmittel für diese Tätigkeit galt…der Wüstensand. Ob dies immer noch der Brauch ist, vermag ich nicht zu sagen. Immerhin: Ich war einmal in einer Wohnung in einer Wüstenstadt in Tunesien. Dort entdeckte ich, dass das WC lediglich ein mit Fliesen ausgelegtes Loch war. Daneben stand eine mit Wasser gefüllte Gießkanne. Den Rest muss ich Ihnen nicht ausmalen.

Über dieses Thema gäbe es sicherlich genügend Stoff, um eine dicke Doktorarbeit oder ein spannendes ethnologisches Werk zu schreiben. Ich erwähne all dies aber, um zum Thema zurückzukehren, lediglich darum, weil ich Linkshänder bin.

Meine Frage: Was tut ein Linkshänder in einer solchen Wüstengesellschaft? Er ist anders als die anderen. Ich kenne die Antwort nicht. Würde ich mich in einer solchen Gesellschaft befinden, würde ich instinktiv mit der linken Hand in den Fleischtopf langen. Doch was passiert dann? Keine Ahnung.

Linkshänder bildeten zu jeder Zeit in der Geschichte eine Minderheit – aber es hat sie immer gegeben. Man wird einfach als Linkshänder geboren. Punktum. Nicht anders ist es bei Menschen, die zur gleichgeschlechtlichen Liebe neigen. So ist man halt. Die Zahl derer liegt bei ca. 5 % der Gesamtbevölkerung. Vorsitzendem Google zufolge, ist hingegen jeder zehnte Mensch ein Linkshänder.

Doch: Anders als die LGBTQ+ Community oder die „People of Color“ (wie sagt man das auf Deutsch?) oder sonstige Minderheiten, die sich gern als verfolgt darstellen, haben wir Linkshänder keine Lobby! Nirgends!

Und wir bräuchten eine dringend! Dunkelhäutige Menschen gehen auf die Barrikaden, weil eine Apotheke „Mohrenapotheke“ heißt, was nicht einmal abschätzig gemeint ist. Linkshänder werden täglich in unzähligen Sprachen automatisch negativ thematisiert. Auf Deutsch, z.B., darf man unbestraft ein Schlitzohr oder Halunken als „link“ bezeichnen. Oder man sagt, einer hat „zwei linke Hände“. Auf Englisch heißt es, wenn einer „ungelenk“ ist, dass er „two left thumbs“ habe. Sagt man „He’s out in left field“ (ein Baseball-Idiom), bedeutet das, er befindet sich irgendwo, wo wenig los ist. Er habe also nichts zu tun und sei obendrein ahnungslos.

Oder das französische „gauche“. „Es bedeutet nicht nur „links“, sondern auch „unbeholfen“. Auch im Englischen wird es so verwendet.

Oder „sinister“ auf Lateinisch. Sie verstehen, worauf ich hinauswill.

Und die Rechtshänder? Tja. Das Wort „recht“ brauche ich gar nicht zu erläutern. Fakt ist: Ich habe recht! Ich habe Ihnen alles perfekt zurechtgestellt. Und Sie können mit der Richtigkeit meines gerechten Berechnens rechnen. Ich meine Sie, der mit der „schönen Hand“ schreibt.

Ein kurzes Postskriptum über Herrn R., einen alten Gentleman, den ich einst kannte: Wenn er sich mit jemanden unterhielt, und sein Gesprächspartner sich aufregte und darauf pochte, „Ja, aber ich habe recht!!“, so antwortete Herr R. „Haben Sie gesagt, dass Sie recht haben?“

„Ja!“

„O meine Güte. Das ist besonders schlimm. Es gibt für Sie keine Hoffnung mehr.“

Postpostskriptum: Auf Arabisch heißt es: „Ich küsse die Hand, die ich nicht abhacken kann.“

Blah blah blah

„Lieber Herr Sprachbloggeur, wie kommen Sie auf Ideen für Ihre Glossen?“

Gute Frage. Fakt ist: Manchmal weiß ich selber nicht. Zum Beispiel, dieser heutige Text. Vor etlichen Tagen dachte ich daran, wie oft Greta Thunberg mit dem Ausruf „Blablabla“ zitiert wird. Auch jüngst in Zusammenhang mit der COP26 (26. Conference Of the Parties) in Glasgow. Dort trat G. auf und meinte, die Politik rede nur „Blablabla“, anstatt die „Klimakrise“ (manchmal „Klimakatastrophe“ genannt) radikal anzupacken. Vielleicht haben Sie all dies mitbekommen.

Dann knöpfte ein Politiker – leider vergesse ich den Namen – die Lippenbekenntnisse der Politik zum Thema „Klimawandel“ (bzw. „Klimakrise“) als „Blablabla“ vor. Ich hatte das Gefühl, er wollte sich mit Greta solidarisieren, bzw. mit fremden Federn schmücken.

By the way: Greta zählt zu den wenigen Menschen auf Erden, die so bekannt sind, dass Milliarden von Mitmenschen sie sofort identifizieren können: lediglich vermittels des Vornamens. Wunschtraum aller, die gern Mittelpunkt wären. Elon und Donald schaffen es auch. Harrys Meghan platzt sicherlich vor Neid.

Aber was ist mit dem armen Justin? Welcher Justin?, fragen Sie. Justin Bieber? Justin Timberlake? Justin Trudeau? Sie sehen: Die Sache kann manchmal problematisch sein.

Doch zurück zum Blablabla.

Die englische Schreibart lautet „blah blah blah“ und wird in drei Begriffseinheiten eingeteilt: „blah“ und „blah“ und „blah“. Viel einfacher auf Deutsch. Da hat man „Blablabla“. Ich glaube, dass Greta die englische Variante verwendet. Wie das „Blablabla“ auf Schwedisch (Muttersprache von Greta) lautet, vermag ich nicht zu sagen.

Fest steht jedenfalls: Blah blah blah ist lautmalerisch und wird im Sinne von „Geplapper“ gebraucht. Aber Vorsicht: Die dreifache Wiederholung im Englischen bildet eigentlich kein Wort. Man muss diese Dreierreihe als Ausruf erfassen.

Beispiel: Einer sagt: „Mein Salat ist ein CO2-Fresser, und ich bin Salatfresser. Wessen CO2-Fußabdruck ist größer?“

Greta (oder ähn.) antwortet: Blah blah blah. Will sagen: Du redest nur Nonsens.

Will man auf Englisch aus „blah blah blah“ ein Hauptwort bilden, muss man ein „blah“ abziehen. So bleibt dann nur „blah blah“ übrig. Z.B.: „He’s just speaking blah blah.“ Auch auf Deutsch machbar: „Er redet lauter Blabla.“

Schnippt man – zumindest auf Englisch –ein weiteres „Blah“ ab, bleibt nur noch „Blah“ übrig. Doch auch „Blah“ hat eine Bedeutung auf Englisch. Mehrere sogar. Es wird nämlich sowohl als Adjektiv wie auch als Nomen verwendet. Als Nomen benutzt man es allerdings nur in der Mehrzahl.

Man fragt: „How are you?“ Antwort: “I feel blah.” D.h., „Unwohl“. Oder man sagt: „I’ve got the blahs.“ Sprich: Ich fühle mich niedergeschlagen. Notabene: Der Vokal wird ausgedehnt artikuliert. Eigentlich ähneln die „Blahs“ den „blues“. Ob es diesbezüglich eine sprachhistorische Beziehung zwischen diesen Termini gibt, vermag ich aus dem Stehgreif nicht zu sagen. Vielleicht weiß es Vorsitzender Google.

Auch wichtig: Das dt. „Blablabla“, sagt Vorsitzender Google, ist kein Lehnbegriff aus dem Englischen. Es sei seit dem 14. Jahrhundert – in Form von „Blabla“ belegt. Das haben Sie bestimmt nicht gewusst.

Dem Vorsitzendem Google zufolge kann man Blabla vom lateinischen „blatare“ („plappern“) ableiten.

Sie sehen: Man kann sich in der Materie sehr vertiefen.

Doch nun nach diesem kurzen Exkurs zurück zur Frage, woher ich die Ideen für meine Texte habe.

Die einfachste Antwort: Ich fange jedes Mal, wenn ich schreibe, mit irgendeinem Blablabla an…und suche dann fleißig nach dessen Sinn.

Ein Schwerkrankes Mobilphone

Während ich diese Zeilen schreibe, lausche ich dem Gedudel der Warteschlangemusik. Früher sagte man dazu „elevator music“ (Aufzugsmusik), weil es vor der Inforevolution keine Warteschlangen am Telefon gab. Ich müsse jedenfalls mit einer Wartezeit von zehn Minuten rechnen, meinte die Roboterstimme des „Providers“.

Grund für meinen Anruf: Ich hatte seit ca. drei Wochen ein Problem, das viele sicherlich als unerträglich erachten würden: Mein Mobiltelefon war nicht mehr in der Lage, Telefonate zu tätigen.

Ich weiß, dass das für viele wie der Albtraum (früher „Alptraum“) schlechthin klingt. Es hätte aber schlimmer kommen können. Zum Beispiel, wenn ich einen Totalschaden erlebt hätte. Tatsache ist: Ich konnte immer noch SMSe empfangen und verschicken und im WehWehWeh bis zum Vergessen surfen. Nur das Telefonieren (Neudeutsch: „die Telefonie“) war urplötzlich unmöglich geworden. Man stellt in dem Augenblick fest, wie abhängig wir von diesen tragbaren Walkie-Talkies sind.

Es gab allerdings eine Ungereimtheit: Während dieser Zeit war ich mit meiner Frau in einem fremden Land, um unbekannte Straßenzüge und Menschen auszuspionieren bzw. zu studieren. Das mache ich manchmal gern.

Ich ging freilich davon aus, dass auch in der Fremde es unmöglich sein würde, Telefonate zu tätigen. Allmählich war ich resigniert, den Rest meines Lebens ohne Handy auskommen zu müssen.

Zugegeben: Ich hätte die Möglichkeit, ein neues Phone zu kaufen. Würde das aber das Problem lösen?, erwägte ich.

Aber dann – einfach aus Jux und Gaudi – hab ich in der Fremde am Tag vor unserer Abreise eine Taxi-Firma angerufen, um ein Taxi zu bestellen. O Wunder! Ich kam plötzlich durch! Mein Phone hat seine Stimme wieder gefunden! Hoppla, dachte ich, Spontanheilung.

Leider nicht. Kaum waren wir wieder zuhause, ging das Spielchen wieder von vorne los. Sehr schmerzhaft war die Enttäuschung.

Die nächsten paar Tage hing ich endlos an der Strippe beim Kundendienst meines Providers. Nette Menschen, und jeder wollte aufrichtig helfen. Jeder hatte auch Ideen: Dreimal, z.B., schaltete ich das Telefon für 15 Minuten aus, während der Kundendienst Fernzauber mit meiner SIM-Karte zu treiben beabsichtigte. Einmal habe ich die SIM-Karte aus dem Phone entfernt, um ganz von neuem anzufangen. Nix aber hat geholfen. Gar nix. Dann wurde mir mitgeteilt, dass Techniker inzwischen die Ursache entdeckt hätten und dabei waren, sie zu beseitigen. Freudenschrei. Fehlanzeige. Nix ist geschehen. Als letzter Versuch wollte die Firma mir eine neue SIM-Karte zuschicken. Neue Karte, neues Glück wohl.

Eine Mitarbeiterin meinte besänftigend, ich müsse mich einfach gedulden, bis die Techniker ihre Arbeit beendet haben. Hilfe sei auf dem Weg.

So nun haben Sie den Hintergrund.

Und dann ist es geschehen…die Heilung! Ich, ja ich habe die Ursache des Problems entdeckt und beseitigt. Ja! Ich! Wie habe ich das getan? Aus Jux und Gaudi schaute ich – ein letztes Mal, wie ich dachte – in die Telefonnetzeinstellungen. Und siehe da! Ich stieß auf eine Einstellung, bei der ich zwischen 4G/3G, 4G/3G/2G oder lediglich 2G als Verbindungsweg für die Telefonie habe entscheiden müssen.

Mein Häkchen war bereits auf 4G/3G. Doch nun – einfach so – stellte ich das Häkchen auf 4G/3G/2G. Und o Wunder! Ich konnte plötzlich wieder telefonieren!

Und nun zurück zur oben erwähnten Warteschlange samt Gedudel.

Der nette Mitarbeiter, den ich nach einer Wartezeit von ca. 10 Minuten am Apparat hatte, freute sich mit mir und erklärte, dass man üblicherweise mit 2G telefoniert. Die höheren Einstellungen seien hauptsächlich fürs Surfen und Gaming.

Wir waren jedenfalls beide froh, dass das Problem eine so einfache Lösung gefunden hatte. Er meinte, ich sollte die neue SIM-Karte, die mir verschickt wurde, einfach sicher aufbewahren – falls ich sie mal brauche. Sie sei für ein Jahr gültig. Und so sind wir verblieben.

Fazit: Es gibt auch im Infozeitalter die Menschlichkeit. Man muss bloß nach ihr rufen.

Bekenntnisse eines alten, weißen Manns

Ich will hier zu einer Jugendsünde Stellung nehmen. Was heißt Jugendsünde? Vielmehr wohl eine Erbsünde. Damit meine ich: Ich wurde als männliches, weißes Menschenwesen geboren.

Und nun ist aus mir – weil ich so lang gelebt habe – o Schreck, o Schande: ein alter, weißer Mann geworden!

Unterwegs in München bin ich neulich auf eine große Kundgebung gestoßen. Friday for Future – zu Deutsch „freier Tag für wenige Tours“ – war en masse auf der Straße. Oben auf einem riesigen SUV oder Laster erblickte ich eine junge, weiße Frau. Sie schien eine Art LeaderIn zu sein und plärrte laut ins Mikrofon: „What do we want? What do we want?“

Notabene: Englisch ist die Fachsprache dieser Bewegung.

Leider habe ich die Antwort vergessen. Ich bilde mir jedenfalls ein, die Menge habe etwas über mehr Fahrräder, mehr E-Scooters und Kühe, die weniger furzen skandiert. Doch leider ist mein Gedächtnis nicht so top fit wie früher. Wahrscheinlich deshalb, weil ich, wie schon gesagt, ein alter, weißer Mann bin!

Ja genau. Jetzt erinnere ich mich wieder, wieso ich auf diese Großkundgebung zu sprechen komme: Weil mir dort eine junge, weiße Frau – nein, nicht diejenige, die oben auf dem riesigen SUV stand – aufgefallen war. Sie marschierte mit dem Fußvolk mit und wedelte mit einem – wahrscheinlich selbstgemachten – Transparent, worauf folgender Text zu lesen war: „Alte, weiße Männer vergewaltigen die Erde.“ Oder vielleicht war das „vergewaltigen Muttererde“. Ich habe ein Foto von der jungen, weißen Frau mit Transparent geknipst.

Sogleich bin ich ins Grübeln geraten. Hmm, hab ich gedacht, meint sie etwa, mich? Immerhin bin ich sowohl alt wie auch weiß und obendrein Mann. Nur: Ich kann mich nicht mehr erinnern, die Erde bzw. Muttererde jemals vergewaltigt zu haben. Im Gegenteil. Einmal wollten zwei Frauen mich vergewaltigen! Ich bin abgehauen. War alles sehr unerfreulich.

Doch vielleicht meinte die junge, weiße Frau mit dem Transparent etwas anders. Vielleicht meinte sie, dass alle alte, weiße Männer dazu beitragen, die Erde unbewohnbar zu machen. Könnte das sein? Immerhin hatte Ich lange Jahre als Wissenschaftsjournalist gearbeitet. Bestimmt habe ich dabei Böses getan – ich meine Muttererde gegenüber (Strom, Tinte, Bücher lesen, Bibliothek aufsuchen, Interviews etc.). Darüber hinaus gehe ich seit Jahren in den Supermarkt, um Müsli, Milch und andere Dinge einzukaufen, Produkte also, die nicht immer vegan sind. Noch dazu: Als ich jünger war, hab ich gern und oft Fleisch gegessen, was dazu führte, dass noch mehr Kühe in die Welt gesetzt wurden, um geschlachtet und gegessen zu werden. Und dass sie, solange sie lebten, furzten. Und nicht zu vergessen: Manchmal bin ich auch gereist – und zwar häufig auch mit dem Flugzeug. Allerdings meistens, um meine Mutter in den USA zu besuchen. Da sie mit 102 gestorben ist, musste ich sehr viele Jahre in die USA fliegen. Glauben Sie mir aber: Dies hat mir nie Spaß gemacht. Verzeihung. Ich rede nicht von meiner Mutter – obschon auch diese Geschichte kompliziert ist –, sondern vom Fliegen. Ich habe das Fliegen immer gehasst. Sie auch? Meine Mutter allerdings nicht. Sie liebte es – insbesondere bei Turbulenz. Während ich kurz davor war, mein Mittagessen in die Kotztüte zu recyclen, hat sie nur gejauchzt, wie ein Kind auf der Achterbahn. Je wilder die Erschütterungen, desto lustiger für sie die Reise.

Meine Mutter war natürlich eine alte, weiße Frau als sie gestorben ist. Tatsache ist: Alle weißen Menschen, falls sie lang leben, werden alt. Auch Sie, liebe junge, weiße, Männer und Frauen bzw. LeserInnen.

Als ich die junge, weiße Frau mit dem Transparent neulich erblickt habe, habe ich nachgedacht. Stimmt das? Sind es wirklich alte, weiße Männer, die die Erde vergewaltigen?

Doch prompt fiel mir Queen Victoria ein. Erinnern Sie sich an sie? Sie hat in England geherrscht, als der brit. Kolonialismus sehr profitabel war. Oder Queen Elisabeth I., die ebenfalls diese Rolle im 16. und am Anfang des 17. Jh. gespielt hat. Könnte man nicht sagen, dass auch die zwei Queens die Erde…ja…vergewaltigt haben? Dann fielen mir Mao ein und auch Xi. Beide sind mitnichten als alte, weiße Männer zu bezeichnen. Oder? Und beide haben, wie man sagt, viel Dreck am Stecken. Mir fielen dann noch die Azteken ein, deren Kultur von Eroberungen Plünderungen abhängig war, und zwar lange bevor die spanischen Plünderer vor Ort waren. Mir fielen auch diverse afrikanische Diktatoren ein, die ihre Länder reichlich ausbeuten, um sich Macht und Reichtum zu sichern.

Diese Liste der multikulti und multigender VergewaltigerInnen der Erde lässt sich beliebig ergänzen. Dafür müsste man aber ein bisschen Geschichte gelernt haben. Geschichte lernt man nicht bei TikTok, Facebook, Twitter, Instagram usw.

Ja, ich bin ein alter, weißer Mann…und ich gehe davon aus, dass ich dieses Schicksal mit ca. 45% der Deutschen teile. Denn auch junge, weiße Männer werden schließlich alt.

Muss ich jetzt Buße tun? Mea culpa usw. skandieren? Standbilder canceln? Ach du lieber! Jetzt werde ich polemisch. Hopp! Bremse ziehen!

PS Mein Bloggeur Kollege Gorg von der Webseite Lustwort hat bereits über „alte wei(s)se Männer“ geschrieben. Er hat mir einmal den Vorschlag gemacht, wir sollten beide mal ein und dasselbe Thema anpacken. Jeder freilich auf seine Art. Dies habe ich heute getan.

Achtung in eigener Sache: Ich tauche die nächsten paar Wochen in dem Untergrund. See you Anfang November.

Amer. Idioms…drei Stück! For free!!

Holen Sie Papier und was zum Schreiben. Heute wieder Englischunterricht beim Sprachbloggeur! Drei Redewendungen, um Ihre Kenntnisse der engl. Sprache zu vertiefen.

Zunächst aber ein paar Worte über den deutschen Phraseologismus „was zum Schreiben“. Das sagt jeder und meint damit Bleistift, Kugelschreiber oder Füllfeder (Letzteres sehr selten).

Man sagt es beinahe automatisch. Auch ich – obwohl Deutsch lediglich meine Schwiegermuttersprache ist. Wie kam es dazu? Vorsitzender Google bietet auf diese Frage keine Hilfe. Vielleicht weiß er die Antwort selber nicht.

Meine Theorie: Das Idiom entstand zu einer Zeit, als man nicht wusste, welches Schreibgerät das Gegenüber zücken würde, um sich etwas zu notieren. Eine Verlegenheitsfloskel quasi. Oder vielleicht wurde es erst dann gebräuchlich, als die Menschen miteinander übers Telefon zu kommunizieren begannen. Man wusste nie, da man nix sehen konnte, womit der andere schreiben würde.

Nur Theorien meinerseits. Dennoch hoffe ich, Sie haben Papier und was zum Schreiben geholt. Denn jetzt geht es los. Es folgen drei engl. Idiome, die Ihre Englischkenntnisse bereichern werden. By the way: Zwei davon waren mir fremd, da Jugendslang; und da ich so gut wie keinen Kontakt mit amer. Jugendlichen habe, musste ich selber die Bedeutung diese frechen Sprüche nachschlagen. Eine gute Quelle – meine Empfehlung – wäre die „Urban Dictionary“. Vorsitzender Google kann Ihnen zeigen, wo sie zu finden ist. Aber jetzt geht’s los:

Erstes Idiom: „to drink the kool-aid”. Zuerst eine kurze Geschichte. Dann erkläre ich den Sinn dieser Redewendung:

Vor ein paar Jahren hatte ich einen kurzen Roman – in englischer Sprache – geschrieben. Er ist noch nicht erschienen, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Kommt Zeit kommen Ratten, sagt man. Der Erzähler in dem Buch ist ein androgyner Jüngling namens Adrian, der sich manchmal als Mädchen (Adrianne), manchmal als Jungen (Adrian) fühlt und sich deshalb mal zum einem mal zum anderen Geschlecht angezogen fühlt. Er wohnt allerdings mit einer (scheinbar) verständnisvollen jungen Frau zusammen. Er behauptet allerdings, er sei weder homosexuell, transsexuell usw., sondern nur sich selbst. Die Geschichte spielt in der Zukunft während einer dystopischen Zeit. Ich würde sie als traurige Komödie bezeichnen.

Langer Eisen kurzes Zinn: Vor ein paar Jahren habe ich das Buch an eine Jugendfreundin in Kalifornien geschickt. Wir hatten zwar lange keinen Kontakt, aber so what. Ich wusste, dass sie ein paar „connections“ im „Verlagsgeschäft“ hatte.

Prompt kam die Antwort. Sie habe keine Zeit, mein Buch zu lesen. Sie versicherte mir allerdings, dass der Wortschatz, den ich meine Hauptfigur in den Mund gelegt hatte, total falsch sei, überhaupt nicht zeitgemäß.

Na ja. Ich hab es dabei belassen. Einige Wochen später erzählte ich diese Geschichte der Lebensabschnittspartnerin meiner Jugend, mit der ich in Kontakt geblieben bin. Sie hatte a) das Buch gelesen und b) war selbst mit der anderen Frau gut befreundet. „Kein Wunder, dass sie so ablehnend reagiert hatte“, schrieb sie mir. „She‘s drunk the kool-aid. Denn ihre Tochter Barbie ist längst ihr Sohn Bob.“

„To drink the kool-aid“? Was soll das bedeuten?

Wir schreiben das Jahr 1978. Damals lebte der US-amerikanische Sektenführer Jim Jones mit 900 Anhängern in einer von ihm gegründeten Kolonie namens „Jonestown“ in Guyana im Nordosten von Südamerika. Jim Jones, ein charismatischer Fanatiker, war überzeugt, dass der Weltuntergang kurz bevorstand. Seine Anhänger glaubten ihm. Eines schönen Tages im November – irgendein Unglück war passiert – schaffte es dieser Prediger, seine Anhänger derart aufzuwühlen, dass er sie zu überzeugen vermochte, nur ein freiwilliges Ausscheiden aus diesem Leben würde sie vor der Hölle auf Erden retten. Wilde Hysterie herrschte vor. Unterdessen bereitete Jones ihnen ein giftiges Gebräu zu, um sich und seine Leute ins Jenseits zu befördern. Dieses Getränk bestand aus einem damals allgemein (in den USA) billigen, süßen Tütenpulver namens „Kool-Aid“ mit Valium und Zyankali bereichert. Jeder bekam einen Becher. Bald lagen ca. 900 Leichen kunterbunt am Appellplatz der Sektenkolonie „Jonestown“. Ich habe die Story gekürzt erzählt. Fragen Sie den Vorsitzenden Google um die zusätzlichen Details zu bekommen.

Fakt ist aber: Wenn man heute sagt, dass jemand das „Kool-Aid“ getrunken hat, meint man damit, dass jemanden das Gift einer Ideologie mit Bauch und Bohnen geschluckt hat…

Ach! Ich wollte Ihnen noch zwei Idioms beibringen, die, wie gesagt, auch mir neu waren. Diese werde ich jetzt nur kurz ansprechen. Das sollte fürs Erste genügen:

Das eine heißt „for shizzle“ (sprich forr schisel) und bedeutet „ganz sicher“. Ist eigentlich eine Persiflage auf „for sure“. Das zweite: „to throw shade“. Wörtlich „Schatten werfen“. Es wird im Sinne von „respektlos mit jemandem umgehen“ gebraucht. Beide Idiome entstammen dem afro-amerikanischen Slang. Darüber hätte ich noch einiges zu sagen, doch vielleicht ein anderes Mal...

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