Interviewer: Grüß Gott, Herr Sprachbloggeur.
Sprachbloggeur: Grüß Gott
Interviewer: Sie sind Amerikaner, aber Sie bedienen sich gern eines bayerischen Wortschatzes…
Sprachbloggeur: …na freilich. Schließlich hab ich Deutsch in München gelernt. Man redet die Sprache, die man um sich herum aufnimmt. Ganz am Anfang meines Aufenthalts in München hatte meine derzeitige Lebensabschnittspartnerin einen VW-Käfer. Als der Akku mal hops machte, ging ich zur Tankstelle um die Ecke – meine Deutschkenntnisse waren noch sehr begrenzt – und erkundigte mich. „Meine Batterie ist leer“, sagte ich (und mein Wörterbuch), oder so ähnlich. „Oiso, do miaßma ihn afflodn“, antwortete der Mechaniker. „wennst herbringst.“ Ich kehrte mit dem abgebauten Akku zurück und sagte: „So, jetzt können Sie es afflodn.“ Ich war überzeugt, dass „afflodn“ ein normales, deutsches Wort war.
Interviewer: Trotzdem, wie man hört, reden Sie, wenn auch mit Akzent, Hochdeutsch. Wie kommt das?
Sprachbloggeur: So redeten die Leute, mit denen ich damals zu tun hatte. Aber schade. Ich habe meine einzige Chance verpasst, waschechter Wahlbayer zu werden.
Interviewer: Jetzt was anders: Sie betreiben Ihre Webseite seit ca. zehn Jahren. Warum bleiben Sie dabei? Reich werden Sie davon nicht.
Sprachbloggeur: Weil ich das Bedürfnis habe, mich in geschriebenen Worten auszudrücken. Wäre dies nicht der Fall, würde ich diese Seite lieber heute als morgen einstellen. Aus diesem Grund trägt mein Blog den – zugegeben – etwas kitschigen Untertitel „Schriftsteller aus Leidenschaft“. Heute darf man so was von sich gar nicht behaupten, ohne dass die Leute einen für weich im Hirn halten.
Interviewer: Sind Sie mit Ihren Leserzahlen zufrieden?
Sprachbloggeur: Durchaus, ich meine, insofern es sich tatsächlich um Leser handelt. Das weiß man heute nicht so ganz.
Interviewer: Sie meinen…die Bots…?
Sprachbloggeur: Ja, genau, die Bots. Wenn Sie meine Texte lesen, dann wissen Sie, dass ich für ihre Erzeuger einen besonderen Platz in der Hölle reserviert habe. Doch, um die Wahrheit zu sagen, versteh ich die Motivation nicht, eine Webseite kaputt machen zu wollen, nur weil es da ist.
Interviewer: Von so einem Angriff können Sie auch ein Lied singen...
Sprachbloggeur: Und wie. Es war das Allerschmerzlichste, was ich auf dieser Seite erlebt habe. Die Sache liegt inzwischen zweiundhalb Jahre zurück. Zwei Stück digitale Ungeziefer hatten sich irgendwo und irgendwie auf der Seite eingeigelt: vermutlich waren sie in einem Kommentar versteckt. Wie das passiert ist, weiß ich bis heute nicht. Fest steht nur: Ganz plötzlich landete ich bei Google, Firefox und anderen Prüfstellen auf der schwarzen Liste. Ich musste die Seite für sechs Wochen einstellen. „Der Sprachbloggeur“ wurde zum verseuchten Sperrgebiet. Meinem Provider war es zum Glück gelungen, einen der digitalen Angreifer zu isolieren und vernichten. Der Andere wurde nie gefunden. Und weil wir vermuteten, dass er sich unter den Kommentaren befand, wurden alle Kommentare entfernt. Ein Jahr lang gab es sogar keine Möglichkeit mehr, beim Sprachbloggeur einen Kommentar zu hinterlassen. Erst seit einigen Monaten wurde die Kommentarfunktion wieder eingeschaltet. Wenn ich ehrlich bin, nehme ich es den Idioten, die diese willkürliche Verseuchung ausgeübt haben, sehr übel. Somit haben sie eine mir sehr wichtige Funktion kaputt gemacht.
Interviewer: Ich verstehe. Der Austausch mit den Lesern ist eine wichtige Feedbackquelle.
Sprachbloggeur: In der Tat. Denn nur durch Kommentare hat man die Bestätigung, dass die Klicks, die man bekommt, tatsächlich von einer menschlichen und keiner Roboter-Leserschaft herkommen. Zugegeben: Ich bekam nie besonders viele Kommentare. Meine Glossen verleiten nicht dazu. Aber trotzdem.
Interviewer: Also sind Ihnen Kommentare doch nicht so wichtig.
Sprachbloggeur: Im Gegenteil. Ich freue mich, wenn ich sie erhalte.
Interviewer: Wie sehen Sie die Zukunft des Internets.
Sprachbloggeur: Das Internet wäre ein perfektes Kommunikationsvehikel in einer perfekten Welt. In unserer Welt aber wird sie als Machtinstrument großer Firmen und diverser Regierungen und als Spielplatz Krimineller und Geisteskranker missbraucht. Und es wird vorerst nur noch schlimmer. Ich sehe momentan keine Lösung…außer der Rückkehr zum Printmedium.
Interviewer: Sie haben schon immer Ihre Leser gesiezt. Warum?
Sprachbloggeur: Das Internet verleitet zum illusionären Gedanken, dass die Menschheit eine große Familie ist. Das stimmt nicht ganz. Es herrscht ein Chaos von Meinungen. Das Siezen ist ein Realitätscheck, hilft den Kontakt zumindest ein bisschen ziviler zu halten.
Interviewer: Danke, Herr Sprachbloggeur.
Sprachbloggeur: Ich habe, wie immer, zu danken.
Interviewer: Grüß Gott, Herr Sprachbloggeur.
Sprachbloggeur: Grüß Gott
Interviewer: Sie sind Amerikaner, aber Sie bedienen sich gern eines bayerischen Wortschatzes…
Sprachbloggeur: …na freilich. Schließlich hab ich Deutsch in München gelernt. Man redet die Sprache, die man um sich herum aufnimmt. Ganz am Anfang meines Aufenthalts in München hatte meine derzeitige Lebensabschnittspartnerin einen VW-Käfer. Als der Akku mal hops machte, ging ich zur Tankstelle um die Ecke – meine Deutschkenntnisse waren noch sehr begrenzt – und erkundigte mich. „Meine Batterie ist leer“, sagte ich (und mein Wörterbuch), oder so ähnlich. „Oiso, do miaßma ihn afflodn“, antwortete der Mechaniker. „wennst herbringst.“ Ich kehrte mit dem abgebauten Akku zurück und sagte: „So, jetzt können Sie es afflodn.“ Ich war überzeugt, dass „afflodn“ ein normales, deutsches Wort war.
Interviewer: Trotzdem, wie man hört, reden Sie, wenn auch mit Akzent, Hochdeutsch. Wie kommt das?
Sprachbloggeur: So redeten die Leute, mit denen ich damals zu tun hatte. Aber schade. Ich habe meine einzige Chance verpasst, waschechter Wahlbayer zu werden.
Interviewer: Jetzt was anders: Sie betreiben Ihre Webseite seit ca. zehn Jahren. Warum bleiben Sie dabei? Reich werden Sie davon nicht.
Sprachbloggeur: Weil ich das Bedürfnis habe, mich in geschriebenen Worten auszudrücken. Wäre dies nicht der Fall, würde ich diese Seite lieber heute als morgen einstellen. Aus diesem Grund trägt mein Blog den – zugegeben – etwas kitschigen Untertitel „Schriftsteller aus Leidenschaft“. Heute darf man so was von sich gar nicht behaupten, ohne dass die Leute einen für weich im Hirn halten.
Interviewer: Sind Sie mit Ihren Leserzahlen zufrieden?
Sprachbloggeur: Durchaus, ich meine, insofern es sich tatsächlich um Leser handelt. Das weiß man heute nicht so ganz.
Interviewer: Sie meinen…die Bots…?
Sprachbloggeur: Ja, genau, die Bots. Wenn Sie meine Texte lesen, dann wissen Sie, dass ich für ihre Erzeuger einen besonderen Platz in der Hölle reserviert habe. Doch, um die Wahrheit zu sagen, versteh ich die Motivation nicht, eine Webseite kaputt machen zu wollen, nur weil es da ist.
Interviewer: Von so einem Angriff können Sie auch ein Lied singen...
Sprachbloggeur: Und wie. Es war das Allerschmerzlichste, was ich auf dieser Seite erlebt habe. Die Sache liegt inzwischen zweiundhalb Jahre zurück. Zwei Stück digitale Ungeziefer hatten sich irgendwo und irgendwie auf der Seite eingeigelt: vermutlich waren sie in einem Kommentar versteckt. Wie das passiert ist, weiß ich bis heute nicht. Fest steht nur: Ganz plötzlich landete ich bei Google, Firefox und anderen Prüfstellen auf der schwarzen Liste. Ich musste die Seite für sechs Wochen einstellen. „Der Sprachbloggeur“ wurde zum verseuchten Sperrgebiet. Meinem Provider war es zum Glück gelungen, einen der digitalen Angreifer zu isolieren und vernichten. Der Andere wurde nie gefunden. Und weil wir vermuteten, dass er sich unter den Kommentaren befand, wurden alle Kommentare entfernt. Ein Jahr lang gab es sogar keine Möglichkeit mehr, beim Sprachbloggeur einen Kommentar zu hinterlassen. Erst seit einigen Monaten wurde die Kommentarfunktion wieder eingeschaltet. Wenn ich ehrlich bin, nehme ich es den Idioten, die diese willkürliche Verseuchung ausgeübt haben, sehr übel. Somit haben sie eine mir sehr wichtige Funktion kaputt gemacht.
Interviewer: Ich verstehe. Der Austausch mit den Lesern ist eine wichtige Feedbackquelle.
Sprachbloggeur: In der Tat. Denn nur durch Kommentare hat man die Bestätigung, dass die Klicks, die man bekommt, tatsächlich von einer menschlichen und keiner Roboter-Leserschaft herkommen. Zugegeben: Ich bekam nie besonders viele Kommentare. Meine Glossen verleiten nicht dazu. Aber trotzdem.
Interviewer: Also sind Ihnen Kommentare doch nicht so wichtig.
Sprachbloggeur: Im Gegenteil. Ich freue mich, wenn ich sie erhalte.
Interviewer: Wie sehen Sie die Zukunft des Internets.
Sprachbloggeur: Das Internet wäre ein perfektes Kommunikationsvehikel in einer perfekten Welt. In unserer Welt aber wird sie als Machtinstrument großer Firmen und diverser Regierungen und als Spielplatz Krimineller und Geisteskranker missbraucht. Und es wird vorerst nur noch schlimmer. Ich sehe momentan keine Lösung…außer der Rückkehr zum Printmedium.
Interviewer: Sie haben schon immer Ihre Leser gesiezt. Warum?
Sprachbloggeur: Das Internet verleitet zum illusionären Gedanken, dass die Menschheit eine große Familie ist. Das stimmt nicht ganz. Es herrscht ein Chaos von Meinungen. Das Siezen ist ein Realitätscheck, hilft den Kontakt zumindest ein bisschen ziviler zu halten.
Interviewer: Danke, Herr Sprachbloggeur.
Sprachbloggeur: Ich habe, wie immer, zu danken.
Eine theoretische Frage: Wenn Ihr Team gegen Gott und sein Team Volleyball spielt– ja, Sie haben richtig verstanden: Gott selbst ist dabei, sieht aus wie ein richtiger Mensch – würden Sie Gott (aus Gründen der Ehrfurcht, versteht sich) gewinnen lassen…auch wenn Sie die Chance hätten, ihm einen so intensiv hinzupfeffern, dass er zackbums! auf den göttlichen Hintern runterplumpsen würde?
Hier ist die Frage theoretisch, aber es gibt Menschen, die tatsächlich Volleyball mit und gegen Gott gespielt haben. Kein Witz.
Darüber hab ich mal in einem Bericht gelesen, leider den Titel vergessen.
Zu den Fakten: Die Rede ist eigentlich von einem gewissen Meher Baba, einem Inder, (1894-1969). Er behauptete, er sei ein (oder der?) Avatar…
Das Wort stammt aus der Sanskritsprache und bedeutet „Herabgestiegener“. Gemeint ist eine Gottheit – oder Gott selbst, wenn er eine Menschenform einnimmt…
was Meher Baba von sich behauptet hat. Er hat auch mehrere Bücher zu diesem Thema geschrieben. Nein, keine Autobiografien Gottes („Ich wurde im Himmel geboren…“ usw). Seine Bücher waren quasi Wegführer für diejenigen, die nach einem Sinn im Leben suchten. Eins seiner Bücher trug den Titel „I am God“. Ich habe es mal gelesen, den Inhalt leider vergessen. Nebenbei: Ab 1925 schwieg Meher Baba, hat nie wieder ein Wort über die Lippen gebracht, hat nur geschrieben oder mit Gesten kommuniziert…und manchmal hat er Volleyball gespielt.
Vor ca. zehn Jahren kehrte der „Avatar“ brav zurück, doch diesmal als Kinofilm „Avatar“ (zu Deutsch „Avatar – Aufbruch nach Pandora“) des kanadischen Filmemachers James Cameron. Ich kenne den Film nicht.
Cameron hat sich wohl von einer amer. Zeichentrickfilmserie, „Avatar – the Legend of Aang“, inspirieren lassen, die 2005-2008 im US-Fernsehen lief. Noch früher, also in den 1990er Jahren, wurde der Begriff in einem Sci-Fi-Roman bekannt. Alles zahme Erscheinungen…bis jetzt…
Denn nun ist der „Avatar“ wieder hinabgestiegen, aber wie. Ab jetzt, liebe Mitbeteiligte, geht es um in die virtuelle Realität, ja die virtuelle Realität. Hier einige Beispiele:
Erstens: Wenn Sie an einem Internet-Rollenspiel teilnehmen, bekommen Sie eine Spielidentität. Diese Identität ist Ihr „Avatar“.
Zweitens: In solchen Spielen gibt es auch virtuelle Führer. Auch diese werden „Avatar“ genannt.
Drittens: Ihre Helfer(innen?) Alexa, Siri usw. werden auch als Avatare bezeichnet. Neuerdings hat Google einen Dienst, „Smart Compose“, aus der Taufe gehoben. Mit momentan ca. 20.000 Formulierungen, antwortet dieser G-Mail-Avatar Ihre Mails (hauptsächlich die geschäftlichen), so dass der Empfänger denkt, er bekomme eine Rückmeldung von einem echten Menschen. Soll Zeit – und Geld – sparen.
Viertens: der „Gravatar“, ein Kürzel für „globally recognized Avatar“. Es gibt Internetdienste, die Sie mit einer Gravatar-Identität ausstatten, damit Sie global auf Foren, Blogs etc. umherspringen können, ohne dass Sie Ihre wahre Identität preisgeben. Ausgezeichnet für Pädophilen, Nazis und Verschwörungstheoretiker – aber auch für Otto-Normalverbraucher, wenn er die Datenhaie entschlüpfen will.
Alles klar, liebe Avatare? Ich gehe davon aus, dass die Fake-Kommentare und die Mails, die ich von „Lola“ und „Maria“ und „Dorothea“ usw. erhalte, die meine Nächte versüßen wollen, auch von Avataren stammen.
Meher Baba war keine virtuelle Figur. Gegen ihn konnte man sogar Volleyball spielen – und ihn auch schlagen. So ist es ja mit der göttlichen Liebe. Virtuelle Avatare sind hingegen gnadenlos und nur auf Sieg programmiert…caveat emptor…
Ich kenne Matthias Horx nicht, bin aber überzeugt, dass er ein aufrichtiger Mensch ist. Ich bin heute auf seinen Namen gestoßen, weil ich vor ein paar Tagen auf eine mir neue von ihm erfundene Vokabel gestoßen bin: Selfness.
„Was soll es bedeuten?“ fragte ich meine Frau, die mir darauf aufmerksam gemacht hat.
„Es ist ein neues Angebot der Hotels…so was wie ‚wellness‘.“
„Ein dummes Wort“, sagte ich.
„Warum musst du immer alles schlechtmachen?“
„Und was soll es bedeuten?“ fragte ich.
„Dass man im Urlaub Gelegenheit hat, in Kontakt mit seinem Selbst zu kommen. Was ist dabei schlimm?“
Klar. Sie hat recht. Was ist dabei schlimm, das eigene Selbst zu entdecken? Traum eines jeden halbwegs bewussten Menschen…oder? Aber Selfness?
Obiges Gespräch war der Anlass für meine Internetrecherche. Welch Segnung das Googeln! Früher hätte ich in die Bibliothek fahren müssen, durch endlose Katalogen wühlen, und womöglich hätte ich trotzdem nix gefunden, weil der Begriff zu neu wäre. Google sei dank vermag man innerhalb Sekunden von Ahnungslosen zum Experten zu mutieren.
Folgendes hab ich herausgekriegt:
Publizist Horx hat den Begriff 2002 aus dem Boden gestampft…und es hat offenbar Feuer gefangen, wohl aber nicht in meiner Nähe…zumindest bis jetzt nicht.
Aber warum stößt dieses Selbstnis bei mir so sauer auf?
Wahrscheinlich, weil ich Englisch Muttersprachler bin. Fakt ist: Kein Mitmuttersprachler wäre je auf die Idee gekommen, dieses Wort im obigen Sinn aus der unerschöpflichen Vokabelsuppe der engl. Sprache aufzukochen. Denn er (sie) wüsste, dass der Begriff nicht gut ankommen würde. Warum nicht? Weil der Muttersprachler im Wort „selfness“ andere, bereits existierende Vokabeln mitschwingen hört. Zum Beispiel „selfishness“, also „Selbstsucht“.
Noch tückischer: „selflessness“. Zu Deutsch etwa: „Selbstaufgabe“.
Tückisch, weil, angesichts des bereits existierenden „selflessness“ müsste „Selfness“ dessen Gegenteil sein! müsste also „Selbstsucht“ bedeuten... gleichbedeutend also mit „selfishness“.
Oder noch ein Problem: „Self“ auf Griechisch (notabene: aus dem Griechischen kreiert man die vornehmsten Vokabeln in den europ. Sprachen wie z.B. Synkope, Epidemie usw.), lautet „autos“. Ein „Automobil“ ist ein sich selbst-bewegender Gegenstand“. Überträgt man „selfness“ wörtlich in griechische Wortelemente, so entsteht …“autismos“. Sie kennen dieses Wort in der Form „Autismus“.
Ist das(?) „Selfness also eine Art Autismus? Das ist bestimmt nicht im Sinne der Selfisten.
Nebenbei: Das lateinische Wort für „selbst“ lautet „ipse“. Will man daraus ein lateinisches Abstraktum konfigurieren, entsteht die Vokabel „Solipsismus“. Auch das wäre nicht im Sinn der Selfisten. Denn der Solipsismus ist ein „Auf-sich-bezogen sein“.
Klar: Herr Horx hat sicherlich an „Wellness“ gedacht, als er „selfness“ aus der Taufe gehoben hat. Und sein Neologismus klingt auf Deutsch beim ersten Blick in der Tat pfiffig.
Ich frage mich aber, ob das Wort im anglosächsischen Bereich jemals zum Schlager werden könnte.
Heute ist alles möglich. Oder?
Oder vielleicht nicht. „Handy“ hat es nicht geschafft, die Sprachgrenze zu überschreiten – auch wenn es aussieht wie ein engl. Wort. Ebensowenig „Shitstorm“. Letzteres bedeutet für Muttersprachler eine heftige Rüge unter vier Augen. (Darüber hab ich mal eine Glosse geschrieben). Auf Englisch sagt man „firestorm“, um das auszudrücken, was mit dem dt. „Shitstorm“ gemeint ist.
Wellness und Selfness wünsche ich dennoch alles Gute. Gleiches gilt für die Hotels, die diese interessanten Dienste anbieten.
PS: Zum Glück hab ich vergessen über die "Selfies" zu schreiben!
(Wir befinden uns in der Hölle, dort, wo die Seelen der Bonzen und Macher neben einem Schwimmbecken an Liegestühlen angekettet sind. Im Schwimmbecken ist aber kein Wasser, sondern ein Magmapfuhl, der Münzen und Geldscheine an die Oberfläche mit einem regen Blubbern befördert und hochsprudeln lässt. Einmal täglich werden die Bonzen und Macher losgekettet und müssen vom Dreimeterbrett ins Schwimmbecken springen. Ein Teufelchen erklärt dies in diesem Moment dem einstigen Vorstandsvorsitzenden eines großen Medienkonzerns …)
Vorstandsvorsitzender: Einmal am Tag, sagen Sie…
Teufelchen: Du darfst mich duzen, musst mich sogar. Hier sind wir alle gleich.
Vorstandsvorsitzender: Verzeihung. Man muss sich an solche Gepflogenheiten erst gewöhnen, wissen…ähhm…weißt du. Man hat mal Probleme, die alten Routinen plötzlich fallen zu lassen. Ich wollte aber fragen: Ist ein Tag hier ebenso lang wie die Tage…ähm…dort, wo ich herkomme, wenn S…ähm wenn du verstehst, was ich meine.
Teufelchen: Nein, hier sind die Tage viel länger…
Vorstandsvorsitzender: Na, also. Gott sei dank…ähm…ähh…darf man das hier sagen?
Teufelchen: Was sagen?
Vorstandsvorsitzender: Ich meine „Gott sei dank“ – oder gilt das hier…ähm…irgendwie wie ein Fluch oder blasphem, wenn Sie…Verzeihung…du verstehst, wie ich das meine.
Teufelchen: Hier darfst du alles sagen, alles denken, alles tun…
Vorstandsvorsitzender: He, das klingt gar nicht so übel. Und das nennst du die Hölle? Mir kommt das vor wie das Paradies!
Teufelchen: Ich werde dich jetzt losketten, damit du vom Dreimeterbrett springst…
Vorstandsvorsitzender: Aber du hast gerade gesagt, dass ich alles sagen, denken und tun darf, was ich will. Was passiert, wenn ich nein sage?
Teufelchen: Das wirst du nicht.
Vorstandsvorsitzender: Wieso nicht?
Teufelchen: Weil du willst vom Dreimeterbrett in den Geldpfuhl springen.
Vorstandsvorsitzender: Im Ernst? Das möchte ich mal erleben…
(Man vernimmt Gelächter. Es kommt von den anderen, unsichtbaren Liegestühlen, die um das Schwimmbecken stehen. Derweil entkettet das Teufelchen den Vorstandsvorsitzenden, der schnurstracks aufsteht, zum Dreimeterbrett eilt, hinaufsteigt und in den glühend heißen Geldpfuhl springt. Man hört ein grauenhaftes Stöhnen, ein Kreischen, ein Jaulen. All dies ist so schauderhaft, dass man es kaum in einer Menschensprache auszudrücken vermag. Der Vorstandsvorsitzende kehrt zu seinem Liegestuhl zurück. Er zittert, wirkt sehr niedergeschlagen, traurig, richtig zerknirscht und lässt sich anstandslos wieder anketten.)
Teufelchen: Na, wie war es?
Vorstandvorsitzender: O! O! Ich kann es kaum in Worten beschreiben! …aber das Erlebnis kam mir irgendwie…vertraut vor. Aber sag mal, hab ich Knochen dadrinnen gesehen? Man merkt sie an der Oberfläche nicht.
Teufelchen: Ja, doch. Knochen. So kann man sie auch beschreiben.
Vorstandsvorsitzender: Nur, sie lagen nicht nur einfach rum. Sie sind mir regelrecht an die Kehle gesprungen. Das fand ich wiederum…ähm… unheimlich, alles anders als angenehm. Ich hab sie angeschnauzt und bestand darauf, dass sie aufhören. Aber sie gehorchten nicht. Je lauter ich schrie, umso aggressiver wurden sie.
Teufelchen: Natürlich hören sie auf dich nicht! Auch sie dürfen alles sagen, denken und tun, was sie wollen…
Vorstandsvorsitzender: Aha! So ist es. Nicht übel. Aber vielleicht kann ich sie morgen umstimmen. Ich bin nämlich ziemlich ideenreich. War schon immer.
(Das Teufelchen kettet den Vorstandsvorsitzenden wieder los, der gleich wieder aufspringt und zum Dreimeterbrett rennt.)
Teufelchen: Es ist schon morgen, O Herr…
(Fortsetzung folgt…irgendwann mal wieder)
Zu Beginn ein geschmackloser Witz, ein sehr geschmackloser Witz sogar. Halten Sie es aus?
Gahh! Beinahe schäme ich mich ihn hier preiszugeben. Sie sehen: Ich kämpfe mit mir…Okay okay, aber nur dieses eine Mal und zwar aus guten Gründen…
Der Witz: Was haben die Saudi-Schlapphüte mit Jamal Khashoggi gemacht?
Die Antwort: Sie haben ihn…gehackt.
Aua! Tut mir leid. Geschmackloser kann kein Witz sein. Vielleicht wirkt er auf Englisch noch grausamer.
Eigentlich gibt es aber Schlimmeres als meinen geschmacklosen Witz. Zum Beispiel die „deep-fake“ Technologie. Mal davon gehört?
Aber der Reihe nach. Zuerst ein Beispiel der alten Fake-Technologie, als sie noch nicht „deep“ war:
Bis 1927 waren J. Stalin und L. Trotzki die wichtigsten Figuren der jungen Bolschewiki-Revolution. In diesem Jahr kam es dann zum Showdown. Stalin siegte, Trotzki ging ins Exil (um dann später in Mexiko „gehackt“ zu werden – siehe die Geschichtsbücher).
Vor vielen Jahren erzählte mir D., dass seine zwei Onkel leidenschaftliche Kommunisten waren. Einer stand auf Trotzki, der andere war Stalin-Fanboy. Seit 1927 sprachen sie miteinander nie wieder. So wirkt die Politik auf Normalsterbliche.
Aber zurück zur Fake-Technologie: Stalin ließ damals alle Fotos von Trotzki aus dem Verkehr ziehen. Auf Fotos, wo beide zu sehen waren – und jetzt endlich die Fake-Technologie – veranlasste er, dass das Konterfei Trotzkis ausgemerzt wurde, was damals richtiges Retuschier-Know-how erforderte.
Heute eine Figur auf einem Foto verschwinden zu lassen ist ein Kinderspiel, erst recht, wenn man am Rechner arbeitet.
Aber nun endlich zur „Deep-Fake“-Technologie. Wie der Name schon sagt geht diese Technologie in die Tiefe.
Dank einem neuen – wie man heute schön sagt – „Algorithmus“, vermag ein Techniker nicht nur die Darstellung eines Menschen nach Gutdünken zu verändern – bzw. verfälschen. Er kann jemandem in einem Video-Auftritt richtige, Ton-echte Worte in den Mund legen, und zwar so überzeugend, dass man meint, der Mensch in Frage hat die Worte tatsächlich gesagt.
Die New York Times hat in jüngster Zeit ausführlich über dieses Thema berichtet.
Beispiel: Man nimmt ein Video von Barack Obama und lässt ihm – s e h r überzeugend – deklarieren: „Ja, eigentlich finde ich Donald Trump sehr sympathisch. Er hat recht. Ich habe als Präsident nur dummes Zeug gemacht.“
Dank der „Deep-Fake“-Technologie kann man jeden so reden lassen, wie man es für die jeweiligen Propagandazwecke nötig hat, und es wirkt immer überzeugend.
Ich bin mir nicht sicher, ob diese ultimative Desinformationstechnique bereits ernsthaft in Usus gekommen ist. Aber warten Sie nur. Das Ergebnis wird sein, dass keiner mehr weiß, was wahr und was eine Fiktion ist.
Und so komme ich dazu, noch ein letztes Mal vom Schicksal des ermordeten Khashoggi zu sprechen. Stellen Sie sich vor: Es taucht irgendwann mal ein Interview mit ihm auf, indem er Meinungen äußert, die man bisher von ihm nicht gekannt hat: zum Beispiel über seine Treue und Liebe zum Saudi Herrschergeschlecht. Vielleicht könnte man sogar durch die „Deep-Fake“-Technologie seine „Hacker“ entlasten.
Nur ein Gedankenspiel. Erwähnte Technologie ist jedenfalls äußerst zukunftsträchtig. Falls Sie bisher noch nichts davon erfahren haben, vergessen Sie nicht: Sie haben es erst beim Sprachbloggeur gelesen…
Eins steht fest. Meghan und Harry bekommen ein Baby. Da freut sich das neugierige Herz, vor allem, weil man davon ausgehen kann, dass es sich hier nicht um fake news handelt.
Es freuen sich auch die Medien: ob print oder digital. Denn sie können die Geschichte bis zum letzten Tropfen Klatschinteresse ausquetschen.
„Meghan kaschiert ihren Babybauch“ – oder so ähnlich hieß es auf dem Extrablatt am Zeitungsverkaufskasten. Ach, süüüßß: Schöne Bilder vom glücklichen, jungen Ehepaar, beide im Heldenalter wie Mars und Venus.
Auch das mit Daniel Küblböck war keine Fake News. Tagelang Fotos, Reportagen, kluge Analysen über die Tragödie dieses kurzen Lebens, bis der Saft aus war und die Parasiten gesättigt. „Seine letzten bewussten Augenblicke auf dieser Welt: Hat er den Entschluss, sein Leben zu beenden bereut? Hat er im eisigen Meer gewusst, dass dieses Mal keiner kommt, um ihn aus der Patsche zu retten…“ usw. So ähnlich hieß es in einem Artikel zum Thema, den ich in einem sonst ernst zu nehmenden Wochenblatt vorfand.
Wenigstens keine fake news.
Ich kann mich noch erinnern, als man nicht „fake news“, sondern „Desinformation“ und „Propaganda“ sagte. Das war die Zeit vor Donald Trump, der, falls Sie es nicht wissen, den Begriff „fake news“ aus der Taufe gehoben hat.
Aber nun eine Fangfrage: Wer war der Urheber des folgenden Zitats: "Eine Lüge muss nur oft genug wiederholt werden. Dann wird sie geglaubt."
Eins: Homer Simpson
Zwei: Wladimir Lenin
Drei: Joseph Goebbels
Vier: Abraham Lincoln
Ping! Zeit ist um. Die Antwort lautet….keiner der oben Erwähnten!!
Warum fehlte „Keiner“ in der Auswahl, fragen Sie sich vielleicht? Ganz einfach! Ich wollte zeigen, wie das mit den fake news funktioniert. Bei den fake news gibt es nämlich nie ein „Keiner“. Man findet immer eine Antwort und behauptet, man wisse es ganz sicher.
Nebenbei: Die meisten Menschen hätten auf Goebbels…oder vielleicht auf Lenin getippt. Beide wären freilich durchaus in der Lage gewesen, so etwas formuliert zu haben; sie fanden aber andere Ausdrucksweisen, um das gleiche zu vermitteln.
Lincoln übrigens sagte mal: “You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time.” Auch dies ist aber nicht bewiesen.
Auch Wladimir Putin hätten wir auf die obige Liste setzen können.
Ja, liebe Sprachbloggeur-Leser der Zukunft, die eines Tages im Internet-Archiv auf diese Glosse stießen werden. Folgendes wollte ich mitteilen: wie es war in der Frühzeit der fake news, d.h., kurz bevor der wahre Terror einsetzte, zu leben, also bevor die Intrigen noch schlimmer wurde. Aus anderen Quellen können Sie (oder haben schon) die Details lesen.
Immerhin haben Meghan und Harry das Baby bekommen, ein Wonneproppen, nehm ich an. Und, ja, Daniel Kübelböck ist tot. Wäre nett, denke ich heute, wenn die Royals das Baby Daniel nannten. Das wissen Sie aber besser als ich…
Keine Ahnung, wie er hieß oder wann er lebte. Doch eines Tages war er mächtig böse auf jemanden. Auf wen? Seine Kinder? Seine Frau? Seine Knechte? Vielleicht seine Tiere?
Oder vielleicht war nicht er, sondern sie mächtig ungehalten! Wer weiß?
Jedenfalls er – oder sie – brüllte mit einem Mal: „Jetzt kriegst du Schmackes!“ (Hat es in den letzten Augenblicken im Leben des verschollenen Saudi Journalisten Jamal Kashoggi auch so erschollen?).
Schmackes? Das Wort war plötzlich da, frisch geboren. Vielleicht hat er (oder sie) an etwas wie „schmatzen“ gedacht. Oder er/sie hat einen dt. Dialekt gesprochen, wo das harte „K“ häufig vorkommt, so wie wenn Berliner usw. „ick“ für „ich“ sagen. Oder vielleicht spielt hier ein Wort wie das englische „smack“ eine Rolle. „Smack!“ So klingt – auf Englisch eine Ohrfeige…auch ein Kuss. „To smack someone“ bedeutet, jemanden mit offener Hand zu schlagen, also eine Ohrfeige austeilen.
Wie dem auch sei. Ein neues Wort machte Premiere. Vielleicht hat es ihm/ihr so gefallen, dass er/sie es bei jeder Gelegenheit benutzte. Auch den Nachbarn hat es vielleicht so gefallen, dass alle es ihm/ihr bald nachmachten: „Ja, unterstehe dich, mein lieber Kashoggi, sonst kriegst du Schmackes!“
Ich weiß nicht, ob all dies stimmt. Falls jemand einen besseren Vorschlag hat, melden Sie sich bitte. Ich lass mich, wenn ich Falsches behaupte, gern korrigieren.
Und dann gibt es auch als Idiom „mit Schmackes“. Ich gehe allerdings davon aus, dass der Erfinder dieser Redewendung, die etwas wie „mit Gusto“ bedeutet, ein anderer war als der/die andere. Ich weiß es natürlich nicht so genau.
Nebenbei: Heinz Küpper, Autor eines bekannten Wörterbuchs der deutschen Umgangssprache, rückt unser „Schmackes“ in die Nähe eines niederdeutschen Wortes „smakken“, das „laut werfen, prügeln, mit der Peitsche knallen“ bedeutet. Das würde bestätigen, dass der/die Erfinder(in) von „Schmackes kriegen“ ein verbales Vorbild bereits hatte. Einleuchtend, denn Nix entsteht aus dem Nix – auch nicht das, was sich wie nix anhört.
Zum Beispiel das Wort „Kodak“. Dieser Firmenname wurde ca. 1888 vom Firmengründer George Eastman nicht nur aus dem Boden gestampft. Denn es sollte nämlich ans Klicken des Auslösers seines neuen tragbaren Fotoapparats denken lassen. Seiner Wahrnehmung nach, klang dieses Klicken des Auslösers wie ein „ko—DAK!“. Hätte man mich damals gefragt, wie sich der Auslöser anhört, würde die Firma heute wahrscheinlich „K’Tok heißen. Ein Glück, dass ich damals noch nicht auf der Welt war.
Oder „Google“. Die zwei Gründer dieser beliebten Datenkrake, Larry Page und Sergey Brin, wollten mit dem Namen auf die unendliche Vielfalt der Suchmöglichkeiten hinweisen. Sie dachten an eine damals, wenig bekannte Wortschöpfung „googol“, die 1940 der US-Mathematiker Edward Kasner verwendet hatte, um die Zahl eins mit einhundert Nullen plastisch darzustellen. Kasner hatte seinen achtjährigen Neffen gebeten, ihm einen Namen für eine unendlich große Zahl zu nennen. Der Knabe schlug spontan „goo-gol“ vor.
Aber zurück zu „Schmackes“.
Bin ich der einzige, der neben „smakken“ als Ursprung dieses Wortes auch an „Geschmack“, „schmecken“ usw. denkt?
Könnte es sein, frage ich, dass „Schmackes“ und Geschmack auch irgendwie verwandt sind? Nicht zu vergessen: Uns stehen fünf Sinne zur Verfügung, um die Welt wahrzunehmen. Natürlich sind es mehr als fünf. Für den Anfang aber genügen diese.
Genau genommen, ist ein Hieb (Schmackes) eine Art Vorantasten (zugegeben ein etwas aggressives) in die Welt. Doch das ist auch das „Schmecken“. Auch hier tastet man– in diesem Fall mit der Zunge – in der Welt voran. Oder?
Na, sehen Sie. Gerade schreibe ich das Wort „tasten“, was auf Deutsch mit „berühren“ zu tun hat. Dann denke ich: Auf Englisch aber benutzt man die gleiche Vokabel „taste“, bloß im Sinne von „schmecken“!
Was will ich damit sagen? Ganz klar: Das Tasten ist ebenso wie Schmackes ein Berühren. Heftiger zwar als das Berühren der Zunge, wenn dieses Organ in Kontakt mit Essbarem gerät, aber immerhin ein Berühren.
Noch dazu: Auf Englisch gibt es den Begriff „tongue lashing“. Man peitscht mit der Zunge auf jemanden ein. Das Opfer erhält sozusagen verbale Schmackes.
Ein tongue lashing kann sehr schlimm sein. Schlimmer ist es aber echte Schmackes zu kriegen. Davon könnte Jamal Kashoggi ein Lied singen…wenn er nur leben würde…
„Selbstverlag, ich wollte es testen und hatte keine Lust, bei den Agenten und Verlagen zu antichambrieren. So ist man motivierter…“
Ein Zitat von Wolfgang Chr. Goede…
… mutiger Schriftsteller und Journalist (er würde diese Berufsbezeichnungen andersrum anordnen, d.h.: Journalist und Schriftsteller). Vor kurzem hat er sein Erstlingswerk als Romanschriftsteller an den Tag gelegt: Alpha Deus. Und was für ein Erstlingswerk! Schade, dass der Nobelpreis für Literatur dieses Jahr zwecks diverser Schweinereien nicht verliehen wird. „Alpha Deus“ wäre mein Vorschlag ans Komitee.
Nochmals betont: Er hat’s gewagt, sein Buch im Selbstverlag zu verlegen! Mutig mutig (siehe obiges Zitat).
Goede (man denkt ja beinahe automatisch an Goethe) bezeichnet sein Buch als „Science Thriller“. Doch Vorsicht. Man bekommt leicht den falschen Eindruck. Außer, man wäre willens, auch George Orwells „1984“ als „Science Thriller“ zu etikettieren.
Tatsache ist: W. Goede hat nicht nur einen äußerst unterhaltsamen und spannenden (Science) Thriller geschrieben. Ihm ist es auch gelungen, mit allen Künsten der Wortzauberei, unserer heutigen Welt einen bösen Spiegel vorzuhalten, der vermittels feinster Ironie und eines haarscharfen Analysevermögens alle Pickel und Falten sichtbar macht.
Vom ersten bis zum letzten Wort dieses Buches legt der Autor seinen Schreibfinger auf die Wunde namens Dasein 2018, stets, wie wir auf Englisch sagen „with tongue in cheek“. Stellen Sie sich vor: Goede hockt vor der Tastatur und schmettert in die Tasten. Indes drückt er die ganze Zeit seine Zunge gegen seine Wange, ein Zeichen, dass er bewusst die satirischen und ironischen Nebenbedeutungen seines Stoffes genießt.
Ja, sein Buch ist irgendwie doch ein „Thriller“. Denn es ist immer spannend, und er zieht gekonnt alle Register, um die Absurdität der Politik, der Technologie und der Erbärmlichkeit des Privatlebens im Zeitalter der Info-Revolution unter die Lupe zu nehmen.
Ach du lieber! Nun fällt‘s mir ein! Ich habe bisher NIX über den Inhalt des Buches erzählt. Hier also in aller Kürze eine Zusammenfassung (vom Umschlagtext) – von W.G. selbst geschrieben:
„Die Weltfieberkurve steigt. Ressourcen werden knapp. Freibeuterei greift um sich. Die kolumbianische Journalistin Lisa Joana entdeckt eine Verschwörung. Der ominöse Technologisch-Informationelle-Komplex TIK will sich das reiche Kolumbinen unter den Nagel reißen. Dagegen schmiedet die mutige, jedoch von Zweifeln zerfressene Frau eine Allianz aus Guerilla, Mafia, internationalen Freiwilligenarmeen. Es eskaliert, ein Weltkrieg droht. Das digitale Superhirn Alpha Deus soll Frieden stiften, nur: Ein anderes fühlt sich zur Gottesmaschine berufen….“
Wenn Sie sich vorstellen, dass George Orwell dieses Buch geschrieben hätte, werden Sie gleich erkennen, was die Lektüre verspricht. Ach ja: Die Story spielt irgendwann mal in der Mitte des 21. Jahrhunderts, ein paar Jährchen also in der Zukunft. Das genaue Datum verrät er nicht.
Wie einleitend erwähnt: Goede hat sich bewusst entschlossen, aufs Antichambrieren bei den Agenten und Verlagen zu verzichten. Er selbst ist eindeutig der Mensch – und der Schriftsteller – des 21. Jahrhunderts. Aufpassen Hanser, Rowohlt, Fischer und Freunde. Neues Geschäftsmodell bald fällig! Denn Wolfgang Chr. Goede und andere, ähnliche Wegweiser zeigen es uns vor und könnten Euch gefährlich werden. Goede und Co. gehen eigene Wege…forsch und zu jedem Risiko bereit.
Mein Vorschlag: Lesen Sie dieses Buch selber. Sie werden verstehen, was ich hier meine…
Leser: Was ist mit Ihnen, Sprachbloggeur? Sie wirken so missmutig, so in sich gekehrt? Haben Sie uns nix Unterhaltsames zu erzählen?
Sprachbloggeur: Missmutig? Haben Sie „missmutig“ gesagt?
Leser: Jaaa…
Sprachbloggeur: Da fällt mir gerade zu diesem Wort etwas ein. Vor vielen Jahren – damals gab es weder PCs, Handys noch Digicameras – auch keine Amazon, Google etc. Damals brachte ich meine Filme in die Fotoabteilung von Hertie…
Leser: Entschuldigung, was ist Hertie?
Sprachbloggeur: Hertie war ein Warenhaus, aber man konnte weder online noch telefonisch bestellen. Man musste immer hingehen.
Leser: Das heißt, man hatte keine zweiwöchige Bedenkzeit, um etwas ohne Gründe einfach zurückzugeben bei voller Wiedererstattung des bezahlten Geldes.
Sprachbloggeur: So ist es. Es war eine gefährliche Zeit.
Leser: Wieso hieß der Laden „Hertie“? Komischer Name.
Sprachbloggeur: Ja, eine deutschsprachige Eigenart: eine Abkürzung für „Hermann Tietz“. Er war ein deutscher Unternehmer, der, weil er Jude war, enteignet wurde…bzw. dazu gezwungen wurde, den Laden unter Wert zu verkaufen. Komisch. In der dt. Sprache wird diese Art Kürzel gern gebraucht: Groko, Stasi, Gestapo…Als ich vor langer Zeit in Santa Barbara, Kalifornien lebte, gab es eine VW-Werkstatt mit dem Namen „Heli“. Der Besitzer war Deutscher und hieß Heinz Lichtenstein oder ähnlich. Im Englischen kürzen wir nicht so ab. Bei uns werden Anfangsbuchstaben verwendet – etwa FBI, CIA, POTUS (President of the United States). Auch „PJ“, so wie ich mich nenne. Ein Deutscher namens „Hans Josef“ würde sich eher „Hajo“ nennen.
Leser: Was hat all dies mit Ihrem Missmut zu tun?
Sprachbloggeur: Ach ja. Mein Missmut. Ich wollte aber zuerst etwas zu dem Wort „missmutig“ erzählen…oder?
Leser: Beinahe vergessen. Ihren Glossen sind oft ziemlich ungrade. Aber erzählen Sie weiter…
Sprachbloggeur: Wo war ich stehengeblieben?
Leser: Sie haben Ihre Filme zu Hertie gebracht…und glauben Sie ja nicht, dass wir so dumm sind, dass wir nicht wissen, was ein Film ist!
Sprachbloggeur: Genau. Ich habe meine Filme zu Hertie gebracht, um sie entwickeln und Abzüge machen zu lassen. Die Frau hinter der Theke war immer unfreundlich, und das hat mich geärgert…
Leser: Warum sind Sie nicht woanders hingegangen?
Sprachbloggeur: Gute Frage. Wohl eine Schwäche von mir. Ich wollte nicht glauben, dass diese Frau immer so bleiben würde. Ich habe gehofft, dass sie irgendwann mal nett werden würde.
Leser: Und?
Sprachbloggeur: Nein, sie beharrte auf ihre sture Unfreundlichkeit. Manchmal dachte ich: Vielleicht bin ich daran schuld, weil ich mit einem Akzent spreche oder meine Sätze nicht immer perfekt formuliere.
Leser: Kein Grund unfreundlich zu sein…
Sprachbloggeur: Die Zeiten waren damals anders. Jedenfalls: Einmal brachte ich einen Film zu ihr. Und schon wieder murrte sie. Doch diesmal war bei mir das Fass voll. „Warum sind Sie so missmutig?“ fragte ich streng. Woher ich dieses Wort damals kannte, weiß ich nicht mehr. Die Frau aber stockte und antwortete plötzlich ganz kleinlaut und stotternd: „Missmutig?“ Und siehe. Auf einmal wurde sie ganz höflich.
Leser: Und dann?
Sprachbloggeur: Leider hab ich sie nie wieder gesehen. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist. Hoffentlich nix Schlimmes.
Leser: Und warum sind Sie so missmutig, Herr Sprachbloggeur?
Sprachbloggeur: Das ist einfach zu beantworten: Ich bange um den Status quo und komme wegen der blinden Lügner überall nicht aus dem Staunen. Allmählich nehmen sie die Oberhand, und auch das ist gefährlich…
In eigener Sache: Auf Geheimmission die nächsten paar Wochen. Nächste Glosse, voller Häme und Liebe, erst Anfang Oktober!
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