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Prolog

Wer kann sich noch erinnern, wie es war, als er seine Muttersprache zu sprechen begann? Niemand, nehme ich an. Denn das Gedächtnis ist unabdingbar sprachabhängig. Wer anderes behauptet, fantasiert nur über eine Zeit, die er nie bewusst erlebt hat. Man erntet letztlich nur so viel Vergangenheit wie man mit dem Saatgut der Sprache gesät hat.

Ich hingegen, mit meiner amerikanischen Muttersprache, kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, Deutsch sprechen zu lernen. Und weil es so ist, will ich hier versuchen, eine Frage, die mir oft gestellt wird, woher ich so gut Deutsch könne, ausführlich zu beantworten. Meistens erwidere ich, wenn jemand danach fragt, dass ich es bei den „drei B‘s“ gelernt habe: Betten, Bars und Bücher. Das ist nicht nur ein Witz.

Es war ein langer Prozess, und ich werde ihn Schritt für Schritt darlegen. Nein, Schritte waren es nicht. Es war ein Kampf. Denn eine Sprache zu lernen, erfordert mehr als nur Vokabeln und etwas Grammatik zu pauken. Das ist das Einfachste, und nach und nach fließen Wörter ohnehin beinahe nebenbei ins Ohr wie durch Osmose. Viel schwieriger ist es, dass man ständig im Clinch liegt mit der eigenen Muttersprache. Man bleibt zwischen zwei unterschiedlichen Sprachcodes hängen. Syntaktische Widersprüche zu überwinden, ist nur durch stete Achtsamkeit möglich.

Am liebsten hätte ich diese Sprachmemoiren „Mein Kampf mit der deutschen Sprache“ genannt, was leider nicht geht, denn wenn ein Begriff unter Gebrauchsquarantäne steht, darf auch nicht der Unbeteiligte, der Dazugekommene, damit spaßen. Menschen und ihre Sprachen sind Gefangene der Geschichte.

Doch es war ein Kampf, dieser Spracherwerb, der jedem Muttersprachler mühelos gelingt, und ich war bestrebt, das Militärische meiner Bemühungen dennoch irgendwie hervorzuheben. Deshalb kam ich auf den Titel, „Wie ich die deutsche Sprache eroberte“, eine Behauptung, die mir nur diejenigen übel nehmen werden, die diese Eroberung in Frage stellen.

Manche werden während der Lektüre ohnehin meinen, dass mein Titel besser zu einem anderen Buch gepasst hätte als zu diesem. Und dafür habe ich volles Verständnis. Denn es schwingt, um die Frage, wie ich die deutsche Sprache eroberte, auch vieles mit, das auf den ersten Blick nicht unbedingt mit dem Erlernen einer Sprache in Verbindung zu stehen scheint.

Ich schwöre aber. Es ist alles relevant. Man kommt nämlich zu einer Sprache nie im luftleeren Raum, und deshalb bin ich überzeugt, dass ich hier kein überflüssiges Wort geschrieben habe. Privates bleibt allerdings Privates, und ich habe viele Namen und Ereignisse zum Schutz der Privatsphäre und der Identität Dritter getarnt oder gelegentlich verfremdet. Wenn sehr Intimes zum Ausdruck kommt, habe ich außerdem stets darauf geachtet, die jeweiligen Situationen so dezent wie möglich wiederzugeben. Ich bitte im Voraus um Verzeihung, wenn mein Gedächtnis ab und zu unzulänglich war.

Fast hätte ich dieses Unterfangen, noch bevor ich ein einziges Wort geschrieben hatte, im Sande verlaufen lassen. Der Grund dafür liegt an meiner gestörten Beziehung zu Franz Kafkas „Bericht für eine Akademie“, seiner Geschichte von einem Affen, der eine Rede vor einer namenlosen Akademie hält über seine Verwandlung vom ungehobelten Tierwesen zum einigermaßen menschengleichen (oder –ähnlichen) Lebewesen. Einer ganz persönlichen Marotte zufolge, fürchte ich, dass auch meine Geschichte von manchen als ein Bericht für eine Akademie missverstanden werden könnte.
Denn wer schreibt über eine solche Errungenschaft, wenn er kein dressierter Affe ist? Ganz so extrem war meine Phobie glücklicherweise nie. Und ich habe nur selten ernsthaft geglaubt, dass mich jemand mit einem dressierten Affen verwechseln könnte. Umso weniger, weil ich zu einer Zeit in Deutschland eintraf, als Amerikaner noch immer eine Sonderstellung einnahmen: Wir galten nämlich damals im öffentlichen Bewusstsein noch immer als gütige Besatzungsmacht, die Deutschland vor den Nationalsozialisten gerettet hatte – ein Privileg, das ich selbst schnell auszunutzen verstand. Hier ein Beispiel: Ich war vor vielen Jahren auf der Suche nach einer Wohnung in München und wählte eine Telefonnummer aus einem Wohnungsinserat. „Ja, bitte?“ erklang eine weibliche Stimme aus dem Telefonhörer.

„Grüß Gott“, sagte ich. „Ich habe Ihr Inserat gelesen. Ist die Wohnung noch zu haben?“ Ich weiß nicht, ob ich den Satz damals so grammatisch und idiomatisch perfekt formuliert habe wie hier dargestellt. Aber egal. Wichtig ist, was die Dame am anderen Ende antwortete.

„Ja, die gibt es noch. Es tut mir aber leid, ich vermiete nicht an Ausländer.”

„Aber ich bin kein Ausländer“, erwiderte ich mit Entschiedenheit. „Ich bin Amerikaner!“ Man kann sich denken, wie verwundert die Dame war. Sie stammelte etwas von einem Schwager oder Cousin oder Onkel in Brooklyn. Woraufhin ich, der geborene New Yorker, das Thema Brooklyn freundlicherweise aufgriff. Ich bekam die Wohnung trotzdem nicht. Ich glaube, sie war zu klein. Der Grund ist jedenfalls unwichtig. Ich will mit dieser Geschichte lediglich darauf hinweisen, dass ich nicht Kafkas Affe bin.

Es gäbe noch einen Grund, warum diese Memoiren beinahe im Keim erstickt wären. Nachdem ich mir meinen schönen Titel ausgedacht hatte, begann ich dummerweise, meine Absicht, dieses Buch zu schreiben, überall hinauszuposaunen, obwohl ich noch kein einziges Wort geschrieben hatte.

Vielleicht habe ich das so oft herumerzählt, um auszuloten, ob das Thema auch andere Leute interessieren könnte. Möglich wäre ebenso, dass ich ein bisschen angeben wollte. Es war mir jedenfalls nach kurzer Zeit klar, dass ich schon zu viel ausgeplaudert hatte und das geplante Vorhaben womöglich doch noch scheitern könnte, und ich bis in aller Ewigkeit nichts weiter als meinen kecken Titel vorzuweisen hätte. Kaum hatte ich den Mund aufgemacht, so hatte ich Angst, die Erwartungen anderer nicht erfüllen zu können. Zum Glück konnte ich diesen bangen Gemütszustand nach und nach überwinden. Fortan schwieg ich eisern über das Projekt. Ich hielt mich lieber an den guten Rat des amerikanischen Generals George Patton. Er hat einmal behauptet: „Die Zeit, sich mit seinen Ängsten zu befassen, muss vor der wichtigen Schlachtentscheidung sein. Während dieser Zeit sollst du jede nur vorstellbare Angst zur Kenntnis nehmen, die du dir vorstellen kannst.

Hast du alle Fakten und Ängste eingesammelt und deine Entscheidung getroffen, schalte alle deine Ängste ab und geh voran!“ So bin auch ich vorgegangen. Deshalb kann jeder jetzt erfahren, wie ich die deutsche Sprache eroberte.

*

Nein, ich bin mit diesen einführenden Worten noch nicht ganz fertig. Denn mir fällt gerade eben ein anderer mir wichtiger Punkt ein, auf den ich im Buch nur wenig eingehen werde: und zwar, dass ich diese Memoiren, hätte mich das Schicksal anders an die Hand genommen, auf Bayrisch geschrieben hätte. Im Ernst.

Für die meisten Zugereisten bleibt das Bayrische, wie man weiß, ein Buch mit sieben Siegeln. Denn die Bayern reagieren allergisch, wenn „Preißen“ versuchen, sich sprachlich anzupassen. Ein Bayer findet diese Bemühungen gestelzt, geradezu lächerlich. Sie empfinden es als einen unangemessenen Anbiederungsversuch. Nicht so, wenn derjenige, der sich anschickt, Bayrisch zu lernen, ohne Deutschkenntnisse ist. Auch ich hätte also die Möglichkeit gehabt, ein Bayrisch Sprechender zu werden. Der Bayer geht nämlich mit dem nicht Deutsch sprechenden um, als wäre er ein Kind, das das Sprechen erst erlernen muss.

Als ich 1975 mit Ilse, meiner damaligen Lebensabschnittspartnerin (von ihr wird öfters die Rede sein), in München eintraf, bekam auch ich meine Chance. Wir kauften kurz nach unserer Ankunft einen uralten, mattblauen „VauWeh“. Eines Tages war die Batterie leer. Glücklicherweise gab es eine Tankstelle in der Nähe, die ich aufsuchte, um dem Mechaniker – so gut ich konnte – das Problem zu schildern. Wahrscheinlich sagte ich einfach „die Batterie ist tot“ oder Ähnliches. „Do miassnS‘ sie herbringa“, antwortete er langsam und geduldig, „do kon i sie Eahna afflodn. “

Ich habe mit Sicherheit nicht alles verstanden. Das Wort „afflodn“ schien dennoch zentral zu sein. „Afflodn“? fragte ich.

„Jawoi, bringnS‘ hi.“

Ich kehrte zum Wagen zurück und baute die Batterie aus. Denn ich habe verstanden, dass dieses Wort aus „auf“ und „laden“ zusammensetzt ist und dass „laden“ mit dem englischen „load“ verwandt war. Ein Jahr Deutsch auf der Uni (mehr darüber später) und sonstige Erfahrungen taten schon damals ihre Wirkung. Ob „aufladen“ oder „afflodn“: beide waren mir neue Vokabeln. Auf Englisch heißt das ohnehin nicht „load“, sondern „charge“. Wie dem auch sei: Ich baute die Batterie aus und trug sie zur Tankstelle. Gleich verkündete ich stolz: „Hier ist die Batterie. Sie wollten sie afflodn.“ Wahrscheinlich habe ich das viel unpräziser ausgedrückt. Wichtig ist nur: Ich sagte „afflodn“ und nicht „aufladen“. Der Mechaniker fühlte sich natürlich nicht veräppelt.

Wären die Umstände nach meiner Ankunft in Bayern anders gewesen, dann hätte ich womöglich nur Bayern kennengelernt, das heißt, nur Bayrisch sprechende, so dass auch ich zum Bayern geworden wäre. Ich kenne andere, denen es tatsächlich so ergangen ist: einem jungen Eritreer, zum Beispiel, mit dem ich am Anfang meines Aufenthalts in München zusammenkam und mit ihm manchmal Deutsch radebrechte. Wenn wir im Lokal saßen, sagte er ohne jegliche Befangenheit „no a Bier bittschee“. Das hat er so selbstverständlich über die Lippen gebracht wie der Sepp hinter der Theke. Oder die türkische Frau, die in der Bäckerei um die Ecke arbeitet: Sie ist ebenso lange in Deutschland wie ich. Sie spricht aber nur Bayrisch und sehr schön auch – weil sie in Kreisen verkehrte, wo Bayrisch die Umgangssprache war. Das Bayrische ist für sie heute so selbstverständlich wie die Luft, die sie atmet. Hinzu: Ihre bayrischen Gesprächspartner fühlen sich gar nicht mokiert, wenn sie sagt: „Semmi hamma nimma.“ Ich kam indes in einen Kreis, wo fast jeder Hochdeutsch sprach. Auch die paar Bayern, die man in diesem Kreis vorfand, hatten längst die eigene bayrische Muttersprache dem Hochdeutschen zuliebe abgelegt. Das Hochdeutsch wurde deshalb schnell zu meiner fremdsprachlichen Heimat. Bald hatte ich das sprachliche Los gezogen. Des Türl is zuganga. Ich hatte keine Möglichkeit mehr, „afflodn“ zu sagen, ohne ausgelacht zu werden.

Meine einzige Chance a Bayer zu werden hob i oiso verpasst. Und wenn ich’s doch mal gelegentlich forciere, da lachen sich meine bayrischen Bekannten immer schief: Schaug an Dark Ändschl o‘. Der redt Boarisch wiar a Preiß.

Ach, in einer anderen Welt dad i vuileich‘ a schä‘s Biacherl schrei’m kenna mi’m Titel: „Wiar i di deitsche Sproch eigsackelt hob“. Komisch. Auf Bayrisch klingt dieser Spracherwerb gar nicht militärisch. Ich bin sogar überzeugt, dass ich das Bayrische auch ohne großen Kampf hätte einsackeln können.

*

(aus: "Wie ich die deutsche Sprache eroberte")