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In eigener Sache

Welcher Schriftsteller ist verfluchter als der, der seine Muttersprache verloren hat? Er ist der blinde Maler, der beinamputierte Läufer. Das Einfachste wird für ihn zum Schwierigsten. Die Architektur des Ausdrucks, die Schönheit einer Wendung und die geliebte Würze des schreibenden Menschen, sie bleiben ihm weitgehend verschlossen. Und doch schreibt er weiter. Denn er weiß nicht, wie er sonst die übliche Bürde ungebührender Empfindungen eines der Schrift verfallenen Menschen loswerden soll.

Ich rede natürlich vom eigenen Schicksal. Ich bin der Schriftsteller, der im Dunkel einer Sprachbehinderung mit Sehstützen umhertappt, um von Wort zu Wort, von Satz zu Satz weiterzukommen. Ich bin der Schriftsteller, der sich der Fremdsprache bedient, um seine Geschichte zu erzählen, weil er seine Muttersprache eingebüßt hat. Doch keine Angst. Ich bemühe mich, die Kongruenzen, Beugungen und sonstigen Gepflogenheiten des Sprachgebrauchs zu beachten. Fremd hier ist lediglich die Seele, die diese Worte verwebt, um ihre Geschichte in einen geschmeidigen Stoff zu verwandeln.

Schon seit dreißig Jahren lebe ich unter Ihnen als Fremder. Nach und nach werden die eigenen Wurzeln, ja die eigene Sprache, fremd, und plötzlich steht man ganz ohne Heimat da. Man merkt den Verlust zunächst kaum. Man kokettiert mit den Lücken im eigenen Redefluss und nimmt die Komplimente aus dem anderen Lager gerne entgegen: „Ja, du sprichst gut Deutsch…für einen Ausländer.“ Doch der Verlust wird zu einer schleichenden und heimtückischen Krankheit, die einen immer gründlicher schwächt. Wenn man den Verfall bemerkt, ist es schon zu spät, die Schärfe der Muttersprache zu retten. Sie ist dem Fremden bereits fremd geworden. Schriftsteller, du hast keine Wahl mehr. Du bewertest die Sprache neu oder gehst an ihrem Verlust zugrunde.

Anfänglich drückte ich mich noch gerne in der Muttersprache aus, verfasste Lyrik und Prosa, schickte viele mit der Maschine geschriebene Blätter an Freunde in New York und San Francisco, berichtete in langen Briefen mit den Augen eines Durchgangspassagiers über die exotische Umwelt, fühlte mich allerdings stets außerstande, Verbindliches über die Fremde zu berichten. Ich habe die fremde Welt zu wenig verstanden, um sie in ein paar saloppen Sätzen zusammenfassen zu können.

Mittlerweile fällt es mir leicht, in der Fremdsprache zu schreiben – leichter manchmal als in der Muttersprache. Ich habe mich mit meiner Situation längst schon abgefunden. Ich habe mir ohnehin stets eingebildet, ein Fremder in dieser Welt zu sein. Das war schon immer so. Ich habe davon geträumt, ein Fremder zu sein und bin deswegen einer geworden. Doch so sehr ich gerne Fremder bin, dennoch beneide ich zuweilen diejenigen, die sich irgendwo noch heimisch fühlen – Menschen, die in der Lage sind, ihre Sätze in einer heimischen Sprache spontan zu formulieren; denen es nicht wie mir schwer fallen kann, auch nur das Einfachste angemessen zum Ausdruck zu bringen. Ich beneide die Beheimateten, weil sie dastehen wie die Tiere, wie die Bäume und nur dem Rhythmus der Jahreszeiten ausgesetzt sind, sie fühlen sich wohl in ihrer Haut, weil sie sich keine andere Haut vorstellen können. Sie flanieren auf den Boulevards, ohne von einer Alternative zu träumen. Meine Heimat habe ich dagegen längst in eine Legende verwandelt.

Ich weise nur deshalb auf meine Fremdheit hin, weil ich sonst Angst haben müsste, von Ihnen missverstanden oder gar mit Kafkas Affen verwechselt zu werden, jener dressierten Figur, die sich die Sprache einer fremden Welt beflissen angeeignet hat, weil sie sich danach sehnt, in diese fremde Welt aufgenommen zu werden. Ich müsste dann Angst haben, Sie könnten diese Seiten als meinen Bericht vor der Akademie fehldeuten, wenn ich nicht sogleich klar mache, dass die Fremdsprache mir auch als Vehikel dient, noch überzeugender über die Heimatlosigkeit zu schreiben. Denn die Heimatlosigkeit ist in diesem Werk eins meiner wichtigsten Themen. Die Hauptfigur meiner Geschichte war selbst gewissermaßen ein Heimatloser.

Ich will nämlich über Otto W. erzählen. Wird eine Münze nur wenige Male geprägt, ist sie eine Kostbarkeit. Man will sie besitzen und gewinnt viel, wenn man sie weiter verkauft. Die meisten Geldstücke fallen aber kaum auf. Auch die meisten Menschen nicht. Sie hinterlassen nicht einmal den Schatten ihres Daseins, wenn sie aus dieser Welt verschwinden. Kaum ein Mensch gedenkt ihrer. Otto W. war, an seinem Erfolg, beziehungsweise den sichtbaren Spuren seines Wirkens gemessen, keine Glücksmünze. Er war nur einer von vielen Durchschnittsmenschen, nur „ein kleiner Mann“, wie er selbst über sich geschrieben hat. Nicht einmal im Telefonbuch war er ein Unikat, denn er trug einen Alltagsnamen. Ich will über ihn, einen Heimatlosen im eigenen Land, schreiben, weil er mir, als ich ihn einmal fragte, wie man sich mit zweiundneunzig Jahren fühle, zur Antwort gab: „Man hat keine Illusionen mehr.“ Ich will über Otto W. erzählen, um seine damalige Antwort auf meine Frage besser verstehen zu können.

Ich gehöre zu den wenigen, die sich heute noch an ihn erinnern. Für die meisten, die ihn gekannt haben, ist er nur noch ein Schatten, als hätte er nie gelebt, nie eine Heimat gehabt. Seine Asche liegt auf einem Friedhof in München. Keinen interessiert sie, und bald wird sie samt Urne nach Vorschrift in ein Sammelgrab geschüttet, um Platz für andere verwaiste Tote zu machen.

Ich habe vor, ihn aus der ewigen Ruhe beziehungsweise Unruhe zu beschwören und mit einer irdischen Gestalt zu versehen. Otto, erscheine, rufe ich aus wie die Hexe von Endor. Er antwortet – doch erst nach mehreren Minuten und dann auch nur zaghaft, bilde ich mir ein: „Ja, aber in welchem Alter soll ich mich sichtbar machen, damit du mich wieder erkennst?“ Eine gute Frage eigentlich. Ich habe ihn nämlich nur im Greisenalter gekannt. Deshalb fange ich lieber mit dem an, was ich am besten kenne: mit dem Ende der Geschichte. Aus:Gedanken um Otto W.

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