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"Mohammed" oder "der Prophet"?

Wie soll ich anfangen, ohne gleich ins Fettnäpfchen zu treten?

 Mit einer Geschichte natürlich! Vor dreißig Jahren saß ich mit Kamal in einem Münchner Café. „Weißt du eigentlich, dass das Alte Testament die Ankunft des Propheten vorraussagt?“ sagte er mir.

 „Das glaube ich nicht“, antwortete ich.

 „Doch“, und nun zeigte er mir ein Zitat – ich habe leider vergessen, wo das im Alten Testament war – , in dem der hebräische Wortstamm „hamad“ zu lesen ist. Diese Vokabel bedeutet in der biblischen Sprache „begehren“, „Gefallen finden“ und als Partizip „Liebling“.

 Sie müssen wissen: Hebräisch und Arabisch sind beinahe so eng verwandt wie das Schwäbische und das Bayrische – ich übertreibe ein bisschen. Sie haben jedenfalls viele Wortstämme gemeinsam, und auch grammatisch haben sie viele Ähnlichkeiten. Nur: Manche Wortstämme haben in diesen beiden Sprachen unterschiedliche Bedeutungen. Das kennt man auch, wenn man deutsche und englische Wörter vergleicht. Das deutsche „Tier“ ist, z.B., mit dem englischen „deer“ verwandt. Im Englischen ist „deer“ aber kein pauschaler Begriff, es bezeichnet eine einzige Tierart, nämlich das Reh.

  Das arabische Verb „hamida“, auch wenn es mit dem hebräischen „hamad“ fast identisch ist, hat den Sinn „loben“. „Mohammed“ auf Arabisch bedeutet, genau genommen, „der Gepriesene“.

 So weit so gut. Doch oben war von einem „Fettnäpfchen“ die Rede. Eigentlich habe ich nicht vor, in eins zu treten. Dennoch scheint mir, dass man heute kaum mehr in der Lage ist, ein Thema im Bereich des Islam anzusprechen, ohne gleich an eins zu denken.

 Das war eindeutig nicht der Fall, als Kamal und ich vor dreißig Jahren über das Vorkommen des Namens „Mohammed“ im Alten Testament diskutierten. Wir hatten beide unsere Meinung, und, wie man auf Englisch sagt: „We agreed to disagree.“

 Ich bin überzeugt, dass Kamal und ich dieses Thema auch heute unter gleichen Voraussetzungen problemlos aufgreifen könnten. Schließlich ist Religion ja Glaubenssache.

 Und nun komme ich zu meiner Frage: „Mohammed“ oder „der Prophet“? Ich stelle diese Frage, weil ich in den letzten Jahren Merkwürdiges konstatiere: Manche Journalisten – vor allem in der angelsächsischen Presse doch gelegentlich auch in der deutschsprachigen – scheinen Probleme mit dem Unterschied zu haben. Muslime schreiben auch in einem säkularen Text gerne „der Prophet“, wenn sie ihren Religionsstifter thematisieren. Das ist verständlich, so wie wenn ein gläubiger Christ in einem sonst säkularen Text vom „Heiland“ erzählt.

 Wenn aber Nichtmuslime in ihrem Texten „der Prophet“ anstatt „Mohammed“, bzw., „der islamische Prophet Mohammed“ schreiben, wittere ich seitens des Autors eine tiefe Verunsicherung – als hätte er Angst, muslimische Leser zu kränken oder sich sonst in Gefahr zu begeben.

 Trotzdem bin ich überzeugt, dass man als Nichtmuslim keinen Fehler begeht, wenn man , Mohammed in einem Text als „Mohammed“ und nicht als „der Prophet“ figurieren lässt. Dass ich diese Sache zu einem Thema gemacht habe, zeigt, wie sehr sich eine unterschwellige Nervosität ausgebreitet hat. Heutzutage fühlen sich manche Muslime misverstanden; manche Nichtmuslime sehen Dschihadisten hingegen hinter jedem Baum.

 Normalität ist mir lieber.

Nein, Kamal, du hast mich immer noch nicht überzeugt, dass der Name Mohammed im Alten Testament zu finden ist. Wie geht’s der Familie?

Kommentare

“Mohammed” oder “Der Profet” ist eine interessante hinzufügung auf das schon alte Artikel im PM Magazin “We ist das eigentlich mit Mekka, Allah und Mohammed”. Die zetten haben sich geändert, aber das Problem zwischen das Christentum und die Islam leider nicht. Ich zitiere die letzten Zeile dieses alten Artikels im PM “Wird es wieder Regionalkriege gebed? Oder gelinkt es diesmal, die grossen Weltregionen zur Besinnung zu bringen - zur Besinnung auf das gemeinsame Erbe”

Danke Joachim. Besagten SB-Text habe ich vor beinahe 11 (!) Jahren geschrieben. Die Frage ist aber, wie Sie bestätigen, auch heute noch gültig. Andere Religionen und Kulturen soll man unbedingt respektieren, aber sich vor ihnen kuschen? Muss nicht sein. Danke, dass Sie diesen Text aus dem Winterschlaf geweckt haben. Ihr P.J. Blumenthal

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