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Gebärväter und die neue Dudenin

Haben Sie gehört? Die Dudenin schafft Fakten. Ab sofort heißt die weibliche Person, die Sie zum Essen oder zum Kaffee und Kuchen einladen, eine Gästin. Und sollte sie sich als Ekelin entpuppen, dürfen Sie sie als „Bösewichtin“ bezeichnen. Die Dudenin hat die Botschaft verstanden: Entweder mit der Zeit fließen oder aus der Zeit fallen!

Was die meisten Menschen – die Dudenin inklusiv – sicherlich nicht ahnen: Ich habe das Wort „Gästin“ vor Jahrzehnten erfunden! Doch leider zu früh. Mir erschien es als Sprachneuling in diesem Land geradezu logisch, dass, wo es „Gäste“ gibt, die „Gästinnen“ auch da sein müssten.

„No no no“, wurde mir gütig eingeschärft. „Das sagen wir nicht. Es gibt in unserer Sprache nur den Gast und die Gäste.“

Wenn es so ist, ist es ebenso, hab ich damals gedacht und die Info dankend entgegengenommen.

Auch „Bösewichtin“ stand damals auf meiner Liste der Möglichkeiten in der Fremdsprache. Doch auch diese Vokabel, so ließ ich mich erklären, existiere nicht.

Und hier noch ein Beispiel meiner zukunftsweisenden Sprachinstinkte. In einem Text, den ich einst für die Münchener Abendzeitung geschrieben hatte, ging es um die britische Königin, die mit etwas nicht einverstanden war. Leider habe ich den Zusammenhang vergessen. Spielerisch habe ich geschrieben: „Die Queen war nicht amüsiert“.

„No no, Herr Blumenthal. Das sagen wir nicht so. ‚Amüsieren‘ hat nämlich eine ganz andere Bedeutung in unserer Sprache. Man amüsiere sich, z.B., wenn man ins Theater geht. Sie möchten vielmehr ‚Die Queen war nicht erfreut‘ sagen.“

Jahre lang habe ich deshalb, wenn es um den Missmut der Queen ging, sie als unerfreut darstellte.

Das war ja damals. Inzwischen schreibt jeder, dass die Queen, wenn ihr eine Laus über die Leber läuft, nicht „amüsiert“ ist.

Was lernen wir daraus?

Ganz einfach: Wehe, wenn der Quotenausländer versucht, die Adoptivsprache mit Neuem zu bereichern. Um es auf den Punkt zu bringen: Einmal rügte ein Textchef, als ich für eine Sprachformulierung in meinem Text argumentierte, „Na na na, Herr Blumenthal, so geht es nicht. Schließlich ist es unsere Sprache nicht Ihre.“

Erst letzte Woche habe ich das gleiche erlebt. Ich hatte in einem – bisher unveröffentlichten – literarischen Werk über einen „formschönen Indianer“ geschrieben. Damit meinte ich einen gutaussehenden Menschen, der als Gegenstand und nicht als Person betrachtet wird. Ja klar, es steckte ein Häppchen Ironie in der Formulierung. „Nein, dass darfst Du auf Deutsch nicht so sagen“, tadelte eine liebe Freundin. „‘formschön‘ bezieht sich nur auf Dinge nicht auf Menschen.“

Vergebliche Liebesmühe dagegen zu argumentieren. Dennoch habe ich meine formschöne Formulierung nicht fallenlassen.

Eigentlich wollte ich heute gar nicht jammern. Komisch aber, wie man so leicht abgelenkt wird, wenn man über sich selbst nachdenkt. Heute wollte ich vielmehr darüber schwadronieren, wie sehr die Sache mit der Gendergleichheit von Sprache zu Sprache rein willkürlich gehandhabt wird.

Während dt. Genderrechtler ins Feld ziehen, um die Ebenbürtigkeit der „Gästin“ mit dem „Gast“, die „Schauspielerin“ mit dem „Schauspieler“, die „Journalistin“ mit dem „Journalist“ durchzusetzen, verlangen die angelsächsischen Kameraden genau das Gegenteil. Nur ein paar Beispiele: Früher unterschieden Anglophonen zwischen „actor“ und „actress“ – wie eben Deutschsprachige. Heute gibt es nur noch den „actor“. Gleiches gilt für den „poet“. Die „actress“, die „poetess“ sind out. Allein die männliche Form ist in. Das wäre, als wollte der dt. Genderist „dier SchauspielerIn“ zugunsten „der Schauspieler“ entsorgen!

Aber zum Schluss eine besonders knifflige Frage: Wie nennt man das Organ, in dem ein Fötus heranwächst? Ja, jeder weiß, dass das „Gebärmutter“ heißt. Aber was ist, wenn die Mutter als Transsexual zum Mann migriert ist und trotzdem schwanger wird? (ist schon geschehen). Wie bezeichnet man dieses Organ unter solchen Umständen? Ganz klar: Gebärvater!

Kommentare

Über die vielen Anglophonen auf unserem Globus und die wenigen auf der ISS wage ich keine zusammenfassende Aussage. Was aber den Feminismus englischer Prägung angeht, fehlt mir auf dieser Seite ein Baustein, dessen Erwähnung ich als den Schlüssel zum Verständnis ansehe:

Dort ist es inzwischen verpönt, Männer, Frauen und diverse Andere als solche zu bezeichnen, wenn nicht das Geschlecht in den Vordergrund gerückt werden soll. Den deutschen Sätzen „Sie sind ein netter Mann“ und „Sie sind eine nette Frau“ entspricht also nach den aktuell empfohlenen Sprachregelungen fast immer „You’re a nice person.“ Übersetzungen mit „man“ oder „woman“ werden leicht als Anspielung auf die geschlechtlichen Qualitäten verstanden und können geradezu anzüglich wirken.

Das macht auch Beidnennungen wie „poet/ess“ sexistisch. Sie zielen nicht auf die vollständige Nennung aller ab, sondern betonen in erster Linie das Vorhandensein unterschiedlicher Gruppen. Und die permanente sprachliche Einteilung in Geschlechtsgruppen hätte die Macht, zur psychologischen Grundlage geschlechtsspezifischer Behandlung zu werden, wie zum Beispiel unterschiedlicher Beurteilung und Bezahlung.

Man könnte auch sagen: Beidnennungen spalten die Gesellschaft. So, als würden wir ständig zur Überwindung der „Westdeutschnormativität“ „Ost- und Westdeutsche“ sagen, selbst dann, wenn alle Deutschen als in einem Boot sitzend gemeint sind. Denn es gilt: Gut gemeint heißt nicht gut gemacht. Der Bumerang ist schon in der Luft.

Danke, lieber Charlie, für den ausführlichen Kommentar. Stimmt. Sie finden des Rätsels Lösung in diesem Beitrag nicht. Vielleicht in einem anderen. Fest steht: Die dt. und die engl. Sprachen gehen unterschiedliche Wege, bei der Suche nach der kompromisslosen Gleichberechtigung. Die Fans freuen sich jedenfalls. Lediglich die Sprachen haben unter dem eifernden ideologischen Rausch zu leiden, weshalb man davon ausgehen kann, dass uns ein "reality check" bevorsteht...hoffentlich auf sanfte Weise. Das meinen Sie wohl auch, wenn Sie schreiben, "Der Bumerang ist schon in der Luft." (schöne Formulierung). Viele schöne Grüße P.J. Blumenthal

Im Nachschlag will ich noch anmerken, dass die westdeutsche Frauenbewegung unbestreitbar eine großartige Sprachänderung angestoßen hat, die durchschlagend erfolgreich war und für die ich aufrichtig dankbar bin. Die 68er-Bewegung war erst vier Jahre alt, da wurde sie amtlich.

Als ich noch blutjung war, war es stets dringend herauszufinden, ob die Gesprächspartnerin verheiratet ist. Meistens nahm man das Vorhandensein oder Fehlen eines Eherings als Signal dafür, jemanden als Frau oder als Fräulein zu titulieren. Griff man daneben, konnte man die sozial inakzeptable Anrede dann wenigstens mit der Beachtung des Ringkriteriums rechtfertigen.

Nach der Ächtung der sprachlich-gesellschaftlichen Sonderstellung der Unverheirateten und der Einführung des generischen Ehestandes in der Sprache dauerte es dann nur wenige Jahre bis auch in den letzten Winkeln der Westrepublik niemand mehr bei einer Frau Schmidt meinte, das müsse bestimmt oder doch eher eine Verheiratete sein.

Notiere also: Wörter, die eine Teilbedeutung ihrer generischen Bedeutung bevorzugen, verlieren diese Bevorzugung rasend schnell und vollständig, sobald man das Gegenwort als ungehörig aussondernd außer Gebrauch geraten lässt. Sich nicht mehr um den Unterschied kümmern zu müssen ist natürlich auch bequemer und räumt Fettnäpfchen aus dem Weg. Das kommt gut an.

Gegenwärtig sieht es danach aus, dass die Enkelinnen der damaligen Frauenrechtsstreiter das Erbe ihrer Wegbereiter ausschlagen und lieber unerprobte Methoden testen. Und im Land der Angeln und Sachsen schlagen die Frauenbewegten die Hände überm Kopf zusammen darüber, wie die Schwestern deutscher Zunge dagegen protestieren, das generische Maskulinum zum reinen semantischen Utrum zu machen um die sprachliche, psychologische und soziale Trennung zu überwinden und zur Gruppe derer zählen zu können, die noch privilegiert sind.

Hier lautet die Parole: Macht uns sichtbar! Und dort: Beseitigt alle Unterscheidung! Die zwischen den Geschlechtern, den Hautfarben, den Ethnien, den Generationen. Vielleicht liegt es an der Grundbedeutung des englischen „discrimination“. Das Wort heißt: Unterscheidung.

So ist es, lieber Charlie. Die 68er Omas haben feinfühlig im Sprachfleisch operiert. "Ms" war eine geniale - und wichtige - Erfindung, ebenso die Verbannung des Fräuleins in die Kinderstube ("Fräulein, leg dein Handy weg! Du hast Hausaufgaben zu erledigen!"). Die jetzige der Identity Culture gehörige Generation nimmt sich Sprachamputationen vor. Aua. Und die ÄrztInnen schauen hilflos hin, ohne Einfluss auf die Studierendenschaft nehmen zu können. In den USA bestimmt jeder (hauptsächlich junge) Mensch, das bevorzugte Pronomen. Schon jetzt freut man sich auf die Literatur dieser Generation - so wohl hüben wie drüben. Viele schöne Grüße P.J. Blumenthal

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