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Mohr oder Weniger?

Vielleicht kann mir jemand helfen. Ich suche eine patente Person (M,W,D) der/die/das in der Lage wäre, mich weiterführend zu beraten. Es geht um Folgendes: Gestern habe ich einen Brief von der „Language Systems Division“ (LSD) der UNO bekommen. Ich weiß, Sie ahnen wahrscheinlich nicht, dass es so etwas gibt! Glauben Sie mir: Auf der Ebene der geheimen internationalen Bürokratie, gibt es Ausschüsse und Komitees, von denen Sie nicht einmal träumen. So spezialisiert sind sie, so sehr vom Fingerspitzengefühl ihrer geheim gehaltenen Experten (wie meiner Wenigkeit, wenn ich’s sagen darf).

Ein Beispiel wird genügen, um das Ausmaß spezialisierter Hilfeleistung zu veranschaulichen: Seit zwei Jahren wird nach ein/er/em Designer(in) gesucht, der/die in der Lage wäre, ein für manche „intimes“ Problem zu lösen: Tampons für Transsexuelle zu entwerfen. Ja, Sie haben richtig gelesen. Diese müssen a) einfach zu handhaben und b) sich im Laufe eines Tages zuverlässig rot verfärben, so dass sie täglich einmal – besser noch – zwei- oder dreimal täglich auszuwechseln wären.

Kein Witz, denn der Grund ist ein ernster: Umsteigerinnen mit der Festigung der neuen Identität zu verhelfen. Sogar im Iran pochen die Mullas darauf. Jeder weiß, dass in der. Isl. Rep. Iran homosexuelle Männer auf laufenden Band hingerichtet werden. Was wenige wissen: Es gibt einen Ausweg für die zu Tode Verurteilten: Sollten sie erklären, dass sie im falschen Körper geboren wurden und sich dann operieren lassen, werden sie begnadigt und offiziell zu Frauen erklärt – mit allen Pflichten und Rechten, versteht sich. Kein Witz. Das mit dem Kinderkriegen wird ihnen momentan nicht auferlegt. Aber wer weiß? Vielleicht eines Tages! Das „Tamponisieren“ (so ungefähr klingt das Wort verdeutscht) wäre quasi ein erster Schritt in diese Richtung. Übung macht die Meisterin usw.

Aber zurück zum oben erwähnten Brief – notabene Brief und keine Mail oder „WhatsApp-Mitteilung“ – den ich von der LSD erhalten habe.

„Lieber Herr Sprachbloggeur“, hieß es. „Sie haben als Münchener gewiss erfahren, dass nach 200 Jahren die sog. ‚Mohren-Apotheke‘ umbenannt wurde und fortan ‚Apotheke im Tal‘ heißen wird. Wir freuen uns über diese Entscheidung und halten sie für eine vernünftige Alternative zur nicht mehr zeitgemäßen ‚Mohren-Apotheke‘. Schließlich soll man nicht auf die Gefühle anderer herumtrampeln. Keine Traditionen rechtfertigen dies…usw.“

Der Brief war ziemlich lang, aber lange Rede kurzer Sinn. Meine Kollegen der LSD haben sich an diverse Experten gewendet, um Meinungen und Vorschläge zu sammeln…

Und jetzt werde ich Sie in etwas einweihen, was Sie sonst vielleicht erst in etlichen Monaten (möglicherweise Jahren) erfahren werden: Man sucht nämlich dringend nach Alternativen für zwei Landesnamen, die der Öffentlichkeit nicht länger zuzumuten sind: „Marokko“ und „Mauretanien“.

Vielleicht ist Ihnen nie aufgefallen; doch im Namen beider Länder steckt das Wort „Mohr“ – wie in der ehemaligen Mohren-Apotheke. Marokko ist gleichsam „Mohr-okko“. Mauretanien „Mohr-etanien“.

Man bat nach meinem Rat, weil ich nicht nur Sprachenfachmann bin, sondern auch „Wahl-Münchner“. Ich kenne mich also in den hiesigen Debatten aus.

Tja. Einerseits eine große Ehre; andererseits fühle ich mich – ganz ehrlich – nicht ausreichend kompetent, um dieser Verantwortung Rechnung zu tragen.

Immerhin handelt es sich um eine sehr heikle Angelegenheit. Spontan habe ich als Ersatz für Marokko an „Tingitania“ gedacht. So haben es nämlich die Römer genannt. Aber leider klingt „Tingitania“ zu sehr nach „Tingeltangel“. ‚Ich glaube, das käme nicht in Frage. Eine Lösung fürs Mauretanien’sche Problem wäre noch mühsamer. Denn Mauretanien trägt seinen Namen seit der Antike.

Sie sehen: Ich war ziemlich schnell mit meinem Latein am Ende (haha). Dann habe ich an „Talland“ oder „Land im Tal“ gedacht (wie „Apotheke im Tal“) – oder das Gleiche auf Arabisch, Englisch oder Französisch. Fakt ist aber: Ich weiß nicht, ob es in diesen Ländern richtige Täler gibt!

Sie sehen. Ich bin ratlos. Und deshalb wende ich mich an Sie, liebe LeserI**Innen. Sicherlich gibt es jemandIn mit etwas Feingefühl auf diesem Gebiet. Die Sache ist arg schwierig. Einen Namen sucht man! Einen Namen sucht man, der niemandemInnen wehtun kann oder wird! Wie könnte er denn ja klingen?!!

Kommentare

Anders als bei der Mohrenapotheke ist mir bei Marokko zwar noch nicht in den Sinn gekommen, dass da Mohr drinsteckt, aber wenn es denn unbedingt sein soll, soll es so sein. Warum dann nicht einfach dass "M" durch ein "N" ersetzen. Dann ist der Name noch erkennbar aber Nohren sind soweit ich weiß nicht negativ besetzt. Talland wäre mir zu unspezifisch, dafür gibt es zuviele Länder die Täler haben.

Danke Esperantistino. Meinen ersten Recherchen zufolge scheint das Wort "Nohren" weit in die Vergangenheit zurückzugehen. Mehr dazu kann ich leider nicht sagen. Hoffentlich handelt es sich nicht bloß um eine Nasalisierung von "Mohren". Aber "Narokko" und "Nauretanien"? Ist so etwas durchzusetzen? Wäre immerhin ein Thema für eine UNO-Vollversammlung. Viele schöne Grüße P.J. Blumenthal

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