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Papier oder Pixel?

Wo sind Sie, liebe Lesende? Ich meine i n d i e s e m A u g e n b l i c k. Sitzen (oder stehen) Sie im Bus oder Bahn? Fläzen Sie sich auf dem Sofa oder auf einem bequemen Sessel mit den Beinen (oder mit einem Bein) lässig über die Armlehne geworfen?

Oder vielleicht entspannen Sie sich in der Badewanne mit wasserfestem Handy zu Hand hoch über dem duftenden weißen Schaum, Augen auf diesen Text fokussiert?

Diese Liste lässt sich freilich beliebig ergänzen. Sie ist aber letztendlich nicht mein Thema.

Heute geht es um die Frage: E-Buch oder Papier? Es ist lange her, dass ich mich zu diesem Thema geäußert habe. Inzwischen ist mein damaliger Sony-E-Reader eine Antiquität, und ich bin schon beim zweiten Kindle.

Achtung: Hier keine Zombiewerbung für ein besonderes Software-System – auch nicht für eine besondere Firma. E-Pub oder Mobi, Kindle oder Kobo oder Tolino usw. Mir egal.

Fakt ist: Ich mag das Lesen auf meinem E-Buch-Lesegerät. Manchmal ist es sehr praktisch – vor allem, wenn ich unterwegs bin oder wenn ich einen ganz normalen Roman (oder Kurzgeschichten) lese. Im Grunde ist das Lesen auf so einem Gerät selbst irgendwie eine Reise. Man bewegt sich praktisch von A bis B.

Fährt man in Urlaub, kann man mühelos das Gesamtwerk von Goethe, Schelling, Lessing, Kafka, E.T.A. Hoffmann, Adelbert Stifter und und und mitnehmen. Welch Luxus!

Soweit so gut. Doch jetzt zu den Problemen:

1.) Was ist, wenn die Lektüre eines Buches nicht eine einfache „Reise“ von A bis B ist? Sie lesen, z.B., Kapitel Fünf in Ihrem spannenden Roman. Es fällt Ihnen plötzlich ein, dass Sie etwas Wesentliches über die Hauptfigur vergessen haben, etwas, was in Kapitel drei (oder war es Kapitel zwei?) bereits erwähnt wurde. Nun möchten Sie zu der Stelle kurz zurück. Können Sie auch! Dafür gibt es eine „Such-Funktion“. Genauer gesagt, Sie geben den Namen der gesuchten Person ein… doch jetzt wird’s haarig. Die „Such-Funktion“ bietet Ihnen jedes Vorkommen des gesuchten Begriffs oder der gesuchten Person im ganzen Buch! Nun müssen Sie sich Zeit nehmen, um die Suchergebnisse selbst abzusuchen.

2.) Sie lesen ein sehr komplexes Buch – zum Beispiel „Die Geschichte vom Prinzen Genji“ – einen japanischen Roman aus dem elften Jahrhundert. (Notabene: Das Buch hat mehr als tausend – gedruckte – Seiten). Die Version, die ich gelesen habe, war auf Englisch und hatte am Schluss als Lesehilfe a) ein Glossar mit allen Namen (und es gab sehr viele Figuren, manche sogar mit verschiedenen Namen) und b) ein Verzeichnis der diversen Sitten usw. aus dem alten Japan. Das Problem: All dies zu navigieren war… um es höfflich auszudrücken… wahnsinnig umständlich.

3.) Noch ein Beispiel: Für meinen neuen Fotoapparat (nein ich verrate die Marke nicht – hier keine Schleichwerbung) hätte ich für ca. 70 Euro das Buch zum Thema (mit vielen Farbfotos) kaufen können oder das E-Buch (mit lauen s/w Fotos) für 12 Euro. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Nur: Will ich mich über die Feinheiten eines Fotoapparats informieren, springe ich normalerweise hin- und her in einem Handbuch, um bestimmte Themen auszusuchen. Das kann man mit dem E-Buch auch. Doch dafür muss man zum Verzeichnis zurück, um dort nach dem zuständigen Stichwort weiter zu suchen. Ist einfach mühsam – vor allem, wenn man hinterher zum Kapitel zurückkehren will, wo man zuletzt gelesen hat.

4.) Ach! Noch ein Problem: Manche E-Bücher werden auf der Grundlage eines richtigen Buches gescannt. Doch leider ist das Scannen kein unfehlbares Verfahren, um Analog zu digitalisieren. Fehler sind gleichsam vorprogrammiert. (Ein Scanner kann, z.B., das Wort „Fehler“ als „Foblor“ lesen).

5.) Diesen kritischen Punkt teilte mir meine Frau mit. Sie behauptet, dass man sich den Inhalt eines gedruckten Buches besser merkt als den eines E-Buches. Ich weiß nicht, warum das so sein soll. Meine Frau vermutet, dass Pixel lediglich eine Scheinexistenz fristen, weil sie virtuell sind. Wir nehmen sie nicht so ernst wie das gedruckte Wort.

Vielleicht wissen Sie, dass die ersten Texte in Griechenland und Rom als Schriftrollen veröffentlicht wurden. Das ging folgendermaßen vonstatten: Ein Sklave diktierte, während die anderen die Worte auf Pergament- oder Papyrusstücke kopierten. Schließlich wurden die Teile zusammengenäht und um ein Holzstäbchen umgewickelt und in einer Hülle verkauft. Wenn man so eine Schriftrolle las, wickelte man sie ab.

Erst vor ca. 2000 Jahren kam einer (keine Ahnung, wie er hieß) auf die Idee, Texte auf Blättchen (aus Pergament oder Papyrus) zu schreiben. Diese Seiten (lateinisch „pagina“) stapelten die Sklaven aufeinander, um sie dann an der Seite zusammenzunähen. Die Idee war genial. Man konnte nämlich das „Buch“ („codex“ auf Lateinisch) an jeder beliebigen „Seite“ öffnen. Das nennen wir „durchblättern“. Das war viel bequemer (und schneller), wenn man nach etwas suchte, als eine ganze Rolle abwickeln zu müssen.

Die heutigen E-Bücher sind im Grunde Schriftrollen mit einer Suchfunktion.

Mein Fazit: Das Buch aus Papier ist lange kein Auslaufmodell!

Keine Sorge aber: Auch die E-Bücher bleiben uns wohl erhalten. Schön, wenn man auf einer positiven Note enden kann.

Kommentare

Lieber Sprachbloggeurist, vielen Dank für diese Aufzählung der vielen Vorteile unserer Welt der "echten" Dinge, das gibt es viel zu selten. Seltsam: Die Vorteile der digitalen Welt scheinen heute auf der Hand zu liegen, über die der, wie soll ich es nennen, realen (?) muß man erstmal nachdenken. Und: Es stimmt, dass man Buchstaben auf Papier besser erinnert, das geht mir genauso. Es lebe also das Buch aus Papier! Was haben Sie gerade geschrieben?

lieber Rossologe, und nun revanchiere ich mich mit einem esoterischen Spruch des amer. Lyrikers William Carlos Williams, der in seinem Epos "Patterson" erklärte: "No ideas but in things". Sicherlich war er nicht der erste, der so etwas behauptete. Vielleicht findet man Ähnliches bei Aquin, Aristoteles, Platon, Lao Tse usw. Sind Pixel dann keine Dinge? könnte man fragen. Die Antwort ist easy. Nein, sie sind keine Dinge. Sie vertreten Dinge - aber nur auf Zeit. So kann man verstehen, dass man keine E-Bücher (oder Bilder) im Antiquariat findet. Man kann sie nicht gebraucht weitergeben bzw. verkaufen. Sie bleiben nicht nur ewig neu, sondern repetierbar. Man kann sie gleichzeitig abgeben und behalten. Was ich gerade geschrieben habe? Ich übersetze ins Deutsch meinen Prosagedichtzyklus "Program Music for a Coming War". Eine unverpixelte Höllenarbeit. Wenn ich mit der Übersetzung fertig bin (Programmmusik für einen künftigen Krieg), kehre ich ins Englische zurück (mit Ausnahme dieser Webseite - selbstredend). Viele schöne Grüße PJB

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