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Interview mit dem Sprachbloggeur

Interviewer: Grüß Gott, Herr Sprachbloggeur.

Sprachbloggeur: Grüß Gott

Interviewer: Sie sind Amerikaner, aber Sie bedienen sich gern eines bayerischen Wortschatzes…

Sprachbloggeur: …na freilich. Schließlich hab ich Deutsch in München gelernt. Man redet die Sprache, die man um sich herum aufnimmt. Ganz am Anfang meines Aufenthalts in München hatte meine derzeitige Lebensabschnittspartnerin einen VW-Käfer. Als der Akku mal hops machte, ging ich zur Tankstelle um die Ecke – meine Deutschkenntnisse waren noch sehr begrenzt – und erkundigte mich. „Meine Batterie ist leer“, sagte ich (und mein Wörterbuch), oder so ähnlich. „Oiso, do miaßma ihn afflodn“, antwortete der Mechaniker. „wennst herbringst.“ Ich kehrte mit dem abgebauten Akku zurück und sagte: „So, jetzt können Sie es afflodn.“ Ich war überzeugt, dass „afflodn“ ein normales, deutsches Wort war.

Interviewer: Trotzdem, wie man hört, reden Sie, wenn auch mit Akzent, Hochdeutsch. Wie kommt das?

Sprachbloggeur: So redeten die Leute, mit denen ich damals zu tun hatte. Aber schade. Ich habe meine einzige Chance verpasst, waschechter Wahlbayer zu werden.

Interviewer: Jetzt was anders: Sie betreiben Ihre Webseite seit ca. zehn Jahren. Warum bleiben Sie dabei? Reich werden Sie davon nicht.

Sprachbloggeur: Weil ich das Bedürfnis habe, mich in geschriebenen Worten auszudrücken. Wäre dies nicht der Fall, würde ich diese Seite lieber heute als morgen einstellen. Aus diesem Grund trägt mein Blog den – zugegeben – etwas kitschigen Untertitel „Schriftsteller aus Leidenschaft“. Heute darf man so was von sich gar nicht behaupten, ohne dass die Leute einen für weich im Hirn halten.

Interviewer: Sind Sie mit Ihren Leserzahlen zufrieden?

Sprachbloggeur: Durchaus, ich meine, insofern es sich tatsächlich um Leser handelt. Das weiß man heute nicht so ganz.

Interviewer: Sie meinen…die Bots…?

Sprachbloggeur: Ja, genau, die Bots. Wenn Sie meine Texte lesen, dann wissen Sie, dass ich für ihre Erzeuger einen besonderen Platz in der Hölle reserviert habe. Doch, um die Wahrheit zu sagen, versteh ich die Motivation nicht, eine Webseite kaputt machen zu wollen, nur weil es da ist.

Interviewer: Von so einem Angriff können Sie auch ein Lied singen...

Sprachbloggeur: Und wie. Es war das Allerschmerzlichste, was ich auf dieser Seite erlebt habe. Die Sache liegt inzwischen zweiundhalb Jahre zurück. Zwei Stück digitale Ungeziefer hatten sich irgendwo und irgendwie auf der Seite eingeigelt: vermutlich waren sie in einem Kommentar versteckt. Wie das passiert ist, weiß ich bis heute nicht. Fest steht nur: Ganz plötzlich landete ich bei Google, Firefox und anderen Prüfstellen auf der schwarzen Liste. Ich musste die Seite für sechs Wochen einstellen. „Der Sprachbloggeur“ wurde zum verseuchten Sperrgebiet. Meinem Provider war es zum Glück gelungen, einen der digitalen Angreifer zu isolieren und vernichten. Der Andere wurde nie gefunden. Und weil wir vermuteten, dass er sich unter den Kommentaren befand, wurden alle Kommentare entfernt. Ein Jahr lang gab es sogar keine Möglichkeit mehr, beim Sprachbloggeur einen Kommentar zu hinterlassen. Erst seit einigen Monaten wurde die Kommentarfunktion wieder eingeschaltet. Wenn ich ehrlich bin, nehme ich es den Idioten, die diese willkürliche Verseuchung ausgeübt haben, sehr übel. Somit haben sie eine mir sehr wichtige Funktion kaputt gemacht.

Interviewer: Ich verstehe. Der Austausch mit den Lesern ist eine wichtige Feedbackquelle.

Sprachbloggeur: In der Tat. Denn nur durch Kommentare hat man die Bestätigung, dass die Klicks, die man bekommt, tatsächlich von einer menschlichen und keiner Roboter-Leserschaft herkommen. Zugegeben: Ich bekam nie besonders viele Kommentare. Meine Glossen verleiten nicht dazu. Aber trotzdem.

Interviewer: Also sind Ihnen Kommentare doch nicht so wichtig.

Sprachbloggeur: Im Gegenteil. Ich freue mich, wenn ich sie erhalte.

Interviewer: Wie sehen Sie die Zukunft des Internets.

Sprachbloggeur: Das Internet wäre ein perfektes Kommunikationsvehikel in einer perfekten Welt. In unserer Welt aber wird sie als Machtinstrument großer Firmen und diverser Regierungen und als Spielplatz Krimineller und Geisteskranker missbraucht. Und es wird vorerst nur noch schlimmer. Ich sehe momentan keine Lösung…außer der Rückkehr zum Printmedium.

Interviewer: Sie haben schon immer Ihre Leser gesiezt. Warum?

Sprachbloggeur: Das Internet verleitet zum illusionären Gedanken, dass die Menschheit eine große Familie ist. Das stimmt nicht ganz. Es herrscht ein Chaos von Meinungen. Das Siezen ist ein Realitätscheck, hilft den Kontakt zumindest ein bisschen ziviler zu halten.

Interviewer: Danke, Herr Sprachbloggeur.

Sprachbloggeur: Ich habe, wie immer, zu danken.

Kommentare

Lieber Herr Blumenthal, Sie waren einer meiner Lieblingspatienten und jetzt sind Sie auch einer meiner Lieblingsblogger geworden. Sandra

Liebe Sandra,
vielleicht kein Bot, dafür aber Schleichwerbungsversuch. Den Link zu Ihrer Seite hab ich gelöscht. Würde gern wissen, wann ich Patient war und wie ich von Ihnen behandelt wurde. Beste Grüße PJB
PS Danke für die netten Worte

Es tut mir leid daß mein Kommentar als Werbungsversuch ausgesehen hat :( Das war wirklich nicht meine Absicht. Ich habe jahrelang in der Zahnarztpraxis gearbeitet und habe mich immer sehr gerne mit Ihnen unterhaltet.

tut mir auch leid. Bin halt, was das Internet betrifft, ein gebranntes Kind und neige dazu, wie die Amerikaner sagen, erst zu schießen und dann Fragen zu stellen. Umso mehr freu ich mich über die schöne Worte. Ich danke für die Blumen. Viele herzliche Grüße, PJB

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