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Ich träumte, dass mir träumte

Leider habe ich alles schon vergessen. Ich hatte in der Nacht den Inhalt einer neuen Glosse geträumt, aber dann summte der Wecker, und zack! wurde ich mit leerem Kopf jäh aus dem Schlaf gerissen. So was kennen Sie bestimmt auch.

Doch nun begann ich über das Wort "Traum“ nachzudenken, was allerdings nicht das Thema meiner Traumglosse war. Ich erinnerte mich plötzlich, dass ich wegen dieser Vokabel einst fest damit gerechnet hatte, dass ich die deutsche Sprache nie würde lernen können.

Nicht das Hauptwort "Traum“, sondern das Verb "träumen“ bereitete mir damals große Schwierigkeiten. Ein Scherzkeks aus meinem Bekanntschaftskreis hatte mir erklärt, dass man das Verb "träumen“ folgendermaßen konjugiere: "Mir träumte, dir träumte, ihm/ihr träumte. Nein, warte“, überlegte er, "du träumtest, müßte das heißen.“

"Wie kann das so kompliziert sein?“ fragte ich.

"Tja, willkommen in der deutschen Sprache.“

"Kann man nicht einfach 'ich träumte, du träumtest, er/sie träumte’ sagen?“ fragte ich sehr verunsichert.

"Ja, so reden viele“, antwortete er, "Wenn du mich fragst, ist das aber bestenfalls eine Verlegenheitslösung. Die meisten Menschen kennen sich in der eigenen Sprache nicht mehr aus.“

Ich jedenfalls war nach dieser Unterredung schlichtweg überfordert. Heute hingegen habe ich mit diesen Wortformen keine Probleme mehr. Denn ich habe längst verstanden, dass diese grammatische Konstruktion auch im Englischen nicht unbekannt ist. Als Shakespeare lebte, sagten alle "methinks“, was natürlich mit dem deutschen "mich dünkt“ verwandt ist.

Worauf will ich hinaus? "Mich dünkt“, "methinks“, "mir träumte“: Das sind allesamt sogenannte "unpersönliche“ Verben – und ihre Bedeutung hängt mit der geistigen Wahrnehmung zusammen. Doch nun wird es kompliziert:: Warum hat man früher das Denken und das Träumen durch unpersönliche Verben ausdrücken wollen?

Nein, ich formuliere es ganz anders: Dank dieser altertümlichen Vokabeln bekommen wir Einblick in die letzten Reste einer längst untergegangenen Weise die Welt zu verstehen.

Wer früher (und ich denke hier in Jahrtausenden) "mir träumte“ sagte, meinte dies wortwörtlich. Er wollte damit sagen: Nicht ich habe geträumt, sondern es hat in mir geträumt. Wer war dieses "es“? Wer sonst? Die Bewohner einer anderen Wirklichkeit, die die Menschen in ihren Träumen heimsuchten bzw. besuchten! Noch heute glauben die Ureinwohner Australiens an eine "Traumzeit“, so heißt die Welt, die parallel zu der uns bekannten existiert.

Mit den Gedankengängen war es nicht anders. Man nahm auch sie ähnlich unpersönlich wahr. Gedanken schwärmten einem durch den Kopf, als führten sie ein eigenes Leben. Und manchmal scheint es auch uns – noch heute – so zu sein. Noch immer behaupten Leute, "Ich hab’s nicht getan. Etwas in mir hat mich dazu getrieben.“ Das klingt, als würden im Kopf verschiedene "Ichs“ das Wort ergreifen, ohne das man selbst beteiligt wäre.

Naja, ich möchte niemandem mit diesen arkanen Gedanken, den Kopf verdrehen. Ich versuche lediglich zu erklären, warum man früher "mir träumte“ und "mich dünkt“ sagte.

Nächste Frage: Warum sagen wir heute lieber, "ich denke“ und "ich träumte“ anstelle der alten unpersönlichen Formen? Auch das hat etwas zu bedeuten. Und zwar: Endlich haben wir die Verantwortung für die eigenen Träume und Gedanken übernommen. Meinen Sie auch?

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