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Abschied vom Eszett

Es war Liebe auf den ersten Blick. Der mir unbekannte Buchstabe verkündete lautlos, dass die neue Sprache, das Deutsche, nicht nur fremd, sondern mit einer exotischen Individualität behaucht war. Dank diesem Schriftzeichen, das mich an ein griechisches "Beta“ erinnerte, wusste ich, dass ich ein Terrain betreten hatte, das weit entfernt von meiner amerikanischen Muttersprache lag.

Französische Wörter schmücken sich mit Zirkumflexhütchen und mickrigen Strichen, was mir neben dem geheimnisvollen Eszett wie bloße Wortschminke vorkommt.

Manche sagen dazu "scharfes S“. Das Wort "scharf“ imponiert sehr. Man erkennt gleich, es handelt sich um ein "S“, das würzig ist – so wie eine mexikanische Salsa –, oder bissig wie ein Pitbull, oder einfach restlos geil. So gesehen, wünscht man sich für ein Alphabet nicht nur ein "scharfes S“, sondern ebenso ein scharfes "P“, "N“, "L“ usw, um aus jedem Wort einen anregenden und erfrischenden Buchstabensalat kreieren zu können.

Als ich damals mit der deutschen Sprache zum ersten Mal konfrontiert wurde, wimmelte sie noch von Eszetten: "daß“, "wußte“, "läßt“, "Prozeß“. Jedes Vorkommen bereitete mir Freude. Den Buchstaben zu schreiben, war für mich stets eine Reise in ein fernes Land. Wie klug, dachte ich, dass eine Sprache zwischen einem stimmhaften und einem stimmlosen "S“ zu unterscheiden weiß – zwischen dem bedrohlichen Zischen der Schlange und dem lästigen Summen der Fliege also. Zugegeben: Das Konzept wurde nicht ganz konsequent durchgeführt. Immerhin: Man schrieb "es“, "das“, "Glas“, "prasseln“ "wissen“ usw. ohne meinen Lieblingsbuchstaben.

Bis zum 18. Jahrhundert war das Eszett noch vollblutig. Man "goß“ sich ein "Glaß“ und meinte "alleß“ sei "höchßt intereßant“.

Nur die Schweizer wollten, so erfuhr ich, nichts davon wissen. Ich kann mir dies bis heute nicht erklären. Freund René trauert dem Mangel nicht nach. "Ohne Eszett, lässt sich alles geradeaus schreiben“, behauptet er.

Dann kam die Rechtschreibreform. Sie sollte die vielen Widersprüche in der Buchstabierung deutscher Wörter endlich glatt bügeln, und dies betraf auch das Eszett. Die neue Regel war klar und logisch: Folgt ein stimmloses "S“ einem langen Vokal (bzw. Doppelvokal), dann verwendet man ein Eszett. Also "weiß“, "Muße“, "fräßest“, "Maß“ usw. Nach kurzen Vokalen aber wurde das alte Zauberzeichen in die Verbannung geschickt. Aus dem bitteren "Haß“ wurde ein lauwarmer "Hass“, das gierige "frißt“ war nur mehr ein langweiliges "frisst“ geworden. Der einst feierliche "Meßdiener“ verwandelte sich in einen drögen Kirchenbeamten.

Mit dem allmählichen Verschwinden des Eszetts geht aber ein Stück Lebensqualität verloren. Warum musste es aus dem Verkehr gezogen werden? Weil man in einer rauen Umwelt stets auf der Suche nach Ordnung, nach dem bequemen Angepasstsein ist. Für manche ängstliche Wortverwalter war das Eszett wohl zu sehr ein Buchstabenanarchist. Man strebte an, der Rechtschreibung Gehorsam beizubringen. Es kümmerte nur wenig, dass man dabei eine wunderbare Spontanäität eingebüßt hatte.

Mein Vorschlag: Künftig sollen alle stimmlosen "S“ als Eszett in Erscheinung treten. Daß wäre eine erßtklaßige Lösung für ein Problem, daß eigentlich keinß ißt. Ich weiß aber, dass ich nur träume.

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