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Die deutsche Sprache im Jahr 2109 – eine Vorschau?

Ich mache es mir heute nicht einfach.

Ich versuche ein Phänomen zu erfassen, dass ich bereits seit vielen Jahren beobachte.

Das erste Mal vielleicht um das Jahr 1980 in Kalifornien. Damals galt es ausschließlich als Merkmal eines kulturellen Phänomens, das man nur bei den „valley girls“ vernahm. So nannte man jene jungen gewissermaßen verzogenen Frauen (und Mädchen) aus guter Familie, die damals im „San Fernando Valley“, einem riesigen Vorort von Los Angeles, lebten. Die „valley girls“ sind eine Art Prototyp der schnoddrigen, wohlhabenden „party girls“ à la Paris Hilton und Co. Besonders auffällig war ihre Art zu reden. Sie hatten nämlich die Gewohnheit, jeden Satz, den sie sprachen, so zu betonen, als wäre er eine Frage. „Mein Name ist Sandra? Ich wohne in Canoga Park? Ja, und ich gehe in die Hollywood High School?“ usw. Es klang, als würden sie alles in Frage stellen, was sie zu behaupten hatten.

Ich weiß nicht, woher das Phänomen stammte. Irgendwie glaube ich, dass die ersten „valley girls“ diese Tonlage von der kokettierenden Stimme eines damals beliebten Sternchen entlehnt hatten. Vielleicht war es die junge Madonna. Das sage ich nur ganz spontan. Möglicherweise irre ich mich. Diese Art zu sprechen machte jedenfalls Schule. Denn sie blieb nicht nur an den „valley girls“ hängen. Die zögernde, fragende Tonlage wuchs ständig an Einfluss unter der Jugend und breitete sich peu à peu in den ganzen USA aus. Und: nicht nur als Mode unter jungen Frauen. Auch junge Männer – Schüler und Studenten – drücken sich heute so aus.

Wenn ich jemanden so reden höre, kommt es mir vor, als wäre er (oder sie) nicht in der Lage, sich festzulegen – was ausgezeichnet zu einem Zeitalter passt, in dem alles als relativ gilt. Dies ist die Sprache der Zaudernden, der gespielt Schüchternen. Sie kann im Zuhörer aber kein Vertrauen erwecken.

Ich komme auf dieses Thema zu sprechen, weil ich eben diese Tonlage auch im Deutschen vernehme – nur unter jungen Menschen, versteht sich. Gestern, zum Beispiel, hörte ich einen Bericht im Radio über die Bischofskonferenz in Köln. Junge Katholiken wurden nach ihrer Meinung zum ungeschickten Bischof Williamson, dem Holocaustleugner, gefragt. Zunächst antworteten ein Student und eine Studentin auf die Frage. Beide redeten klar und – wie soll ich es sagen? – ganz „normal“. Dann sprach eine 15jährige Schülerin. Auch sie war nicht auf den Mund gefallen. Doch jeden Satz, den sie sprach, endete sie mit einer leichten Erhebung der Stimmlage, als würde sie eine Frage stellen anstatt eine zu beantworten.

Deshalb meine Frage: Werden Deutsch und Englisch künftig zu Tonsprachen wie Chinesisch? Erleben wir in der Gegenwart die ersten phonetischen Vorbereitungen zu einem künftigen Dinesischen oder Chinglischen? Notabene: Chinesisch ist nicht die einzige Tonsprache dieser Welt. Thai, Vietnamesisch, auch Schwedisch werden "vertont". Möglicherweise zählte auch das Altgriechische zu den Tonsprachen.

Eins steht jedenfalls fest: Während Sie diesen Text lesen, wird die Grundlage der deutschen Sprache des 22. Jahrhunderts in aller Ruhe vorbereitet. Kann man, soll man, was dafür oder dagegen unternehmen? Wenn Sie mich fragen: Das Beste, was man sich erhoffen kann, ist ein guter Platz in der ersten Reihe. Ich bin neugierig darauf?

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