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Erzählungen eines Schriftstellers mit Migrationshintergrund

"Ich war mal mit meiner japanischen Lehrerin im Auto unterwegs“, mailte mich Andreas vor ein paar Wochen an, "als der Wetterbericht im Radio für den nächsten Tag 'anhaltenden Regen’ versprach. Meine Lehrerin war daraufhin sehr zufrieden, und als ich verwundert nachgefragt hab, stellte sich heraus: Sie hat eben, wie sich das gehört, 'anhalten’ als 'stoppen’, 'aufhören’ übersetzt und geglaubt, am nächsten Tag würde der Regen endlich aufhören…“

Sie schmunzeln vielleicht, liebe Deutschsprechende. Doch man gerät schnell in die Bredouille, wenn man eine Sprache nicht genau versteht. Vor allem betrifft dies den armen Ausländer – oder wie man heute sagt, uns Menschen mit Migrationshintergrund. Ich habe schon einmal vom traurigen Schicksal des 16jährigen Austauschschülers Yoshihiro Hattori erzählt. Aber hier nochmals: Er war 1992 unterwegs zu einer Halloweenparty in Louisiana und wollte an einer Tür klingeln. Leider war ans falsche Haus geraten. Der Hauseigentümer sah vom Fenster, wie sich ein maskierter Mensch der Haustür näherte, und deutete die Situation als Überfall. Schnell machte er die Tür auf und richtete sein Gewehr auf Yoshihiro. "Freeze!“ rief er. Doch Yoshihiro wusste nicht, dass "freeze“ in Amerika nicht nur "frieren“ bedeutet, sondern zugleich "Stehen bleiben!“. Der Teenager blieb nicht stehen und wurde auf der Stelle erschossen.

Nachdem ich Andreas’ Mail erhalten hatte, erinnerte ich mich auch an eine Geschichte aus dem eigenen Leben, die gleichfalls mit einem sprachlichen Missverständnis zu tun hatte.

Beinahe schäme ich mich sie zu erzählen. Ich habe ohnehin viele Details vergessen. Es genügt zu sagen: Eine Freundin war bei Rot über die Ampel gefahren und wurde dabei geblitzt. Ihr Gesicht war aber im entstandenen Foto nicht klar zu erkennen. Sie bat mich darum, zu behaupten, ich sei der Fahrer gewesen. Jung, dumm und mit Migrantenhintergrund hatte ich wenig von der Situation verstanden und sagte zu. "Dir passiert nichts“, hatte sie mir versprochen. Ich lächelte freundlich, wie alle Vollidioten es zu tun pflegen.

Eines Tages erhielt ich Post von der Polizei und las darin, dass das Verfahren gegen mich "eingestellt“ sei. "Eingestellt?“ dachte ich nervös und schlug in meinem Wörterbuch unter "einstellen“ nach, um zu erfahren, dass dieses Wort "in Anschlag bringen“ oder "anstellen“ bedeutet und meinte nun, der Ball sei jetzt ernsthaft ins Rollen gebracht worden. Weiter habe ich im Wörterbuch nicht gelesen. Hastig rief ich die Polizei an, um meine Unschuld zu beteuern.

"Schon gut“, beruhigte der Polizist, "das Verfahren wurde ohnehin eingestellt.“

"Ja, eben, deswegen rufe ich an. Ich bin unschuldig. Sie sollen das Verfahren stoppen.“

"Ja, das habe ich eben gesagt. Das Verfahren wurde eingestellt, gestoppt. Nix mehr Verfahren. Verstehen Sie?“

Denkpause. Stille. "Kein Verfahren?“ fragte ich ahnungslos und konfus, den Tränen nahe.

"Ja genau, eingestellt!“

Seitdem kenne ich mich beim Wort "einstellen“ bestens aus. Ich bin ebenfalls sicher, dass auch Andreas’ Japanischlehrerin nie im anhaltenden Regen ohne Schirm spazieren geht. Nur für den armen Yoshihiro wäre jetzt aller Sprachunterricht leider Gottes zu spät.

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