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Die Geschichte vom Zahn

Mein Zahnarzt schaute gestern skeptisch auf meinen letzten Weisheitszahn. "Sollen wir ihn gleich ziehen?“ fragte er auf einmal.

"Jetzt gleich? Geben Sie mir lieber ein paar Wochen Zeit. Ich will von ihm gebührend Abschied nehmen. Immerhin, wir kennen uns so lange, und er hat mir immer treu gedient.“

Klar, dass ich an den Gebrauch von "Zahn“ in der Bedeutung von "Mädchen“ bzw. "Freundin“ dachte, als ich wieder auf der Straße stand.

Ich gebe zu: "Zahn“ in diesem Sinn klingt heute ein bisschen altbacken. Doch Küpper ("Worterbuch der deutschen Umgangsprache“) erzählt, dass der "Zahn“ circa 1950 als "Halbwüchsigenvokabel mit hohem Beliebtheitsgrad“ galt. Können Sie sich das vorstellen? "Zahn“ als Begriff der Jugendsprache? Diverse Großväter reden wahrscheinlich noch immer gerne vom "steilen Zahn“ oder wohl noch von einer süßen "Biene“. Letzteres Wort entstammt übrigens der Jugendsprache von 1920. Seien Sie aber sicher: Die "Tuse“ und die "heiße Fege“ der letzten Jahre werden ebenso in die Jahre kommen, wenn sie nicht schon jetzt eine Frührente beziehen.

Warum heißt ein Mädchen ausgerechnet "Zahn“? Es gibt den Ausdruck im Deutschen seit ca. 1920 und er bedeutete im damaligen Slang "Prostituierte“. Man hat es in diesem Sinn aus dem jiddischen "sona“ aufgeklaubt – eigentlich ein althebräisches Wort, das man in der Bibel in der Bedeutung von "käuflicher Frau“ findet.

Das mit dem "Zahn“ und der "Biene“ und der "Tuse“ usw. bringt mich aber auf einen anderen Gedanken. Ich staune darüber, wie viele Namen "er“ sich für "sie“ im Lauf der Zeit ausgedacht hat. Im "Duden sinn- und sachverwandten Wörter“ füllt die Liste der Frauenbegriffe beinahe eine halbe Seite. Köstlichkeiten wie "Pusselchen“, "Gewitterziege“, "Tuschkasten“, "Scharteke“, "Fregatte, "Spinatwachtel“ fallen sogleich auf. Letztendlich kann man aber sämtliche Frauenwörter leicht einordnen: Die Frau wird als Sexobjekt, Zicke, Schönheit, Greisin, Mutter, Geliebte oder als ungenießbare Ware verstanden.

Auffallend ist nur, dass dieser Wortschatz die Frau fast immer vom Standpunkt des Mannes schildert. Deshalb behaupte ich: Die Urheber von Frauenvokabeln waren (sind?) ausschließlich Männer.

Und was ist mit den verschiedenen Begriffen für den Mann? Hier eine kleine Auswahl aus dem "Duden“: "Tattergreis“, "Miststück, "Fritze“, "Knacker“, "Sackaffe“, "Brutalo“, "Weltmann“, "Sonnyboy, "Hüne“, "Lebemann“, "Playboy“, "Adonis“. Auch diese Wörter lassen sich leicht nach Kategorien aufreihen. Sie bezeichnen den Mann als Muskelpaket, als potent, impotent, alt, schön oder grausam.

Auch hier behaupte ich: Männer waren, bzw., sind die Urheber dieses Wortschatzes.

Vielleicht gehe ich jetzt etwas zu weit, aber ich frage mich, ob Männer überhaupt größeren Einfluss auf die Wortschöpfung gehabt haben als Frauen? Momentan stelle ich diese Frage nur als frivolen Gedanken. Die Sache klingt aber verdächtig nach Doktorarbeitsthema. Hat jemand Interesse?

Eigentlich wollte ich heute lediglich von meinem Zahnweh erzählen. Stattdessen habe ich wilde Spekulationen über den Ursprung der Sprache freigesetzt. In zwei Wochen verliere ich meinen letzten Weisheitszahn. Hoffentlich verdumme ich danach nicht zu sehr .

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