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Zähne und E-Reader – was sie gemeinsam haben

Über Zähne und E-Reader habe ich heute – vielleicht als einziger auf der Welt – Gedanken gemacht.

Vor zwei Monaten – es war an einem Sonntag – wollte ich vom karamellisierten Nougat, das meine Frau im Sommer aus Malta mitgebracht hatte, endlich einen Biss probieren. (Anmerkung für Sprachinteressierte: „Nougat“ bzw. „Nugat“ kann man als „das“ oder „der“ bezeichnen. Warum, weiß ich nicht).

Braun wie Tigerauge sah das Nougat aus, eine schöne, irgendwie mysteriöse, kaffeeartige Farbe. Ich nahm das süße Stückchen in die Hand und biss neugierig ab. Hart war es, so hart, dass ich meinte, ich habe gerade in ein Stück versüßtes Panzerglas gebissen. Dann war es schnell geschehen: Knirsch! Mein linker Schneiderzahn wurde augenblicklich demoliert. Knirsch! Ich habe die Lücke sofort mit der Zunge angetastet, und das Unbehagen kehrte ein. Nebenbei: Ich habe meine echten Schneiderzähne schon mit zehn Jahren kaputt gemacht. Ich war damals auf Rollschuhen und fuhr kopfvoran in den eisernen Pfosten eines Parkverbotsschildes. Ein dumpfes Gefühl im Mund und ich spuckte Teile meiner Zähne heraus. Ich sah mit meinen spitzen Zähnchen aus wie der junge Dracula. Meine Mutter weinte: „Mein Baby wird falsche Zähne haben!“ Der Zahnarzt, Dr. Simmel, hat uns beide schnell beruhigt und machte mir meine ersten Kronen. Diese dienten mir treu, bis mir Freund Fritz, Zahnarzt und Künstler, vor 30 Jahre einmal sagte: „Deine Kronen sind dir längst zu klein geworden. Ich mache dir neue.“ Es waren schöne Kronen, die er mir machte. Und nun hatte ich eine von ihnen an dem Stück Nougat kaputt gebissen.

Seit Ende Oktober, seit zwei Monaten also, laufe ich mit einer provisorischen Krone herum. Vielleicht fragen Sie sich, warum es so lang dauert, eine Krone zu ersetzen? Das hängt von vielen Umständen ab. Die Bürokratie der Kasse ist übrigens das wenigste Problem. Es geht vielmehr um die Ästhetik. Fakt ist: Es ist beinahe unmöglich die Farbe der neuen mit der Farbe der alten Krone, die Freund Fritz (der mittlerweile in Ruhestand ist) machte, genau abzustimmen. Bisher habe ich zwei Versuche hinter mir und war sogar zweimal im Zahntechniklabor. Man hielt diverse Farbmuster vor meinem offenen Mund; feinfühlig diskutierte man die Farbabstufungen, die mit Buchstaben und Zahlen wiedergeben werden – also A3, C2 usw. Trotz alledem hat es noch nicht geklappt. „Hier werden wir kaum sichtbare Streifen machen – genauso wie bei der anderen“, sagte mir munter und hoffnungsvoll die Zahntechnikerin –zweimal schon. Alles bisher vergebens. Denn als die neue Krone provisorisch in meinen Mund eingesetzt wurde, war nicht zu übersehen: Die Krone von Fritz hatte einen angenehmen gelben Teint. Die neben ihr, vom Labor eingesetzt, tendierte ins Graue.

Neulich habe ich mit Fritz telefoniert. Wir redeten mitunter über meinen Ärger mit der Krone. „Du, es ist fast unmöglich eine neue Krone farblich mit einer bereits bestehenden abzustimmen“, sagte er.

„Deine waren aber so schön – ein bisschen gelb, gar nicht grau wie diese.“
„Ich habe mir damals große Mühe gegeben. Wenn man es falsch macht, sieht der Zahn schrecklich künstlich aus – wie tot. Wenn man es richtig macht, wirkt sie lebendig. Sie gibt eine gewisse Transparenz her.“

Grau und gelb. Kalt und warm. Tot und lebendig. Das waren also, zumindest Fritz zufolge, die Parameter, die die gelungene von der misslungenen Krone unterschieden.

Bei diesem Gedanken fiel mir plötzlich mein neuer E-Reader ein. Ich habe ihn neulich zum Geburtstag geschenkt bekommen. Meine Einführung in das digitale Lesen sollte er werden. Ich war schon lange neugierig auf diesen neuartigen Textdatenträger und meinte, dass es vielleicht praktisch ist, mit dem gesamten Goethe oder Shakespeare in Urlaub zu gehen.

Praktisch für Brillenträger ist auch die Tatsache, dass man die Schriftgröße beliebig verändern kann. Dennoch ist das Ding sehr gewöhnungsbedürftig. Nicht von ungefähr heißt es, dass man „auf“ einem Reader liest, während man „in“ einem Buch liest. Und noch markanter: Man kann, wenn man ein Buch liest, jederzeit beliebig durchblättern oder eine Seite aufschlagen. Auf dem Reader liest man lediglich Seite für Seite. Zwar gibt es eine Suchfunktion, was sehr praktisch ist und dem Inhaltsverzeichnis eines Buches überlegen. Doch das Lesen auf dem Reader ist im Grunde wie einst die Lektüre in der Schriftrolle. Textspalte folgt Textspalte, bis das Ganze fertig ist. Bücher sind nach wie vor flexibler als Reader. Kein Wunder, dass diese Erfindung seit 2000 Jahren so unübertrefflich geblieben ist.

Und hier noch ein Unterschied: Auf dem E-Reader liest man einen Text auf einem hellgrauen Hintergrund. Papier hingegen ist immer leicht gelblich: kalt gegen warm, also, tot gegen lebendig. Wie bei meinen Kronen. Grau kann anstrengend werden.

Hoffentlich fällt dies den Herstellern bald auf. Machen Sie aber selbst die Probe aufs Exempel. Der Unterschied ist wirklich nicht zu übersehen – zumindest bei den neuesten Modellen. Ich wünschte mir einen warmen E-Reader und eine Krone, die schönes Leben ausstrahlt – und Ihnen wünsche ich einen guten Rutsch ins Neue…

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