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Happy Birthday, Personal Computer!


 

Vor genau 30 Jahren begann die PC-Revolution:

ein Augenzeugenbericht

 

 

Am besten fange ich mit der Audiokassette an. Sie tauchte vor wenigen Wochen wieder auf, begraben unter alten Pullis. Neunzig Minuten Zeitgeschichte, aufgenommen am 12. August 1981.

 

Es war ein Dienstag. Ich saß im Bus nach Cupertino, California, einem Ort, der in Deutschland besser bekannt ist als Silicon Valley, und war auf dem Weg zu Apple Computer, um Steve Jobs zu interviewen. Wie kam es dazu?

 

Ich, Amerikaner, wohnhaft in München, war auf Heimaturlaub. Junge Schreiber scheuen keine Mühe, um den Boss zu beindrücken. Ich fragte Gerhard Peter Moosleitner, Chefredakteur von PM-Magazin, ob ich während meines Urlaubs in California etwas für ihn machen könnte. Er, spontan: „Schauen Sie, ob Sie ein Interview mit Steve Jobs bekommen können.“

 

„Wer ist das?“

 

„Chef von Apple Computer in Silicon Valley.“

 

„Was soll ich ihn fragen? Ich verstehe nichts von Computern.“

 

„Umso besser.“

 

Soeben habe ich in Google-Maps Cupertino aufgerufen: ein dichtbesiedeltes Eigenheimstädtchen in California, wie es hunderte gibt: mit Malls, Swimmingpools und Verkehrschaos. Vor dreißig Jahren bin ich in leeren Feldern vom Bus ausgestiegen, marschierte in der Augusthitze etwa ein Kilometer zur Apple-Zentrale.

 

Am Empfang wurde ich von einer Pressedame abgeholt – sie hieß Marsha Klein. (Das erfuhr ich dank der Kassette) –  war großgewachsen, chic angezogen und all business. Ich habe sie als Respekt einflössende Person in Erinnerung. Umso mehr hat mich die fiepsige Stimme, die ich heute auf der Kassette vernahm, überrascht. „Steve Jobs ist heute nicht im Haus. Ich habe Ihnen einen anderen Gesprächspartner organisiert.“ Jahre lang habe ich mir eingebildet, dass sie dann sagte, „Auch er heißt Steve“. Ich war ja überzeugt, dass ich Steve Wozniak, den zweiten Mann bei Apple, interviewt hatte. Nein, er hieß der Tonbandaufnahme zufolge Bill. Nachname unbekannt.

 

Wir wollten zu ihm aufbrechen, Plötzlich bekam Marsha einen Telefonanruf und verschwand in einem anderen Raum. (Hinweis für jüngere Leser: keine Handys damals). Sie kehrte zurück und war völlig durch den Wind. „Ist was?“ fragte ich höflich besorgt.

 

 „Soeben erfahre ich, dass IBM ins Personal-Computer-Geschäft eingestiegen sei.“ Sie hielt kurz inne und fügte nachdenklich hinzu: „It’s going to be a new ballgame.“

 

Bis heute verstehe ich nicht, warum sie mir diese Nachricht anvertraute. Vielleicht ahnte sie, dass es mir ohnehin nichts bedeutete, hatte aber das Bedürfnis zu reden. Heute ist mir klar, dass ich Zeuge eines historischen Augenblicks war: Ausgerechnet an diesem Tag hat IBM seinen ersten wettbewerbfähigen Personal Computer, den 5150 mit Betriebssystem MS-DOS, in New York den Medien vorgestellt. Es war das Fanal zum Anbruch des  PC-Zeitalters.

 

Wir schlängelten durch ein Labyrinth von Gängen und gläsernen Trennwänden zu Bills Büro. Ein wohlernährter Mann mit vifen Augen und hochgekrempelten Ärmeln gab mir die Hand. Er sprach mit der Heiterkeit eines Versicherungsvertreters. Ich wiederum fantasierte, dass Marsha in ihn verschossen war. Sie hing an jedem Satz seines lebendigen Redeflusses. Mich hingegen fand sie unmöglich. Darf ich mich selbst vorstellen: ein junger Mann mit Schnauzbart, mystisch veranlagt, ein putziger lockiger Wuschelkopf, der sehr leger angezogen war, ein Technikskeptiker des 20. Jahrhunderts, der einem Visionär des 21. Jahrhunderts gegenübersaß. Ohne Vorbereitung und ohne Fotoapparat – nur mit Moosleitners Devise, Unwissen ist des Interviewers Vorteil, bewappnet – bin ich aufgetreten. Immerhin hatte ich mein Sony-Aufnahmegerät dabei.

 

Zu Anfang klärte mich Bill über den Unterschied zwischen „silicon“ und „silicone“ auf. Ersteres sei eine Art Sand, Letzteres eine „gummiartige Substanz, die Frauen verwenden, um ihren Reiz zu vergrößen.“ Marsha grinste begeistert. Es folgte bunte  Entstehungsgeschichten von Silicon Valley, von der Computerindustrie und natürlich von Apple. Er schilderte, wie die zwei Steves, Jobs und Wozniak, mit 19 Jahren den „Apple I“ für einen Techi-Laden, das „Byte Shop“, in Serie produziert hatten. „Bike Shop?“ fragte ich. „Nein, Byte, B-Y-T-E.“ Er verwendete häufig den Begriff  „Personal Computer“, bis ich endlich fragte, was das sei. Marsha seufzte und erhob die Augen. Bill zeigte geduldig auf seinen Arm: „Dies ist eine personal Armbanduhr, keine Arbeitsarmbanduhr, keine Heimarmbanduhr. Es handelt sich um ein Gerät, das einfach und billig genug ist, so dass ich allein die Entscheidung treffe, es zu kaufen…Auch ein Personal Computer ist einfach und billig genug, so dass Sie die Entscheidung treffen, ihn zu kaufen. Und: Sie brauchen keinen Experten, um ihn in Betrieb zu nehmen.“

 

„Ja, aber was macht man mit einem Personal Computer? Das würden meine Leser gerne wissen.“

 

Bill antwortete schneller als die Polizei erlaubt: „Hören Sie bei uns Schreibmaschinen?“ Ich verneinte. „Sie hören keine, weil hier alle auf Computer schreiben.“ Nun steckte er eine „Floppy-Diskette“ ins Laufwerk seines Apple II. Der Rechner machte bip bip pip klick klack, und er zeigte mir, wie man einen Text schreibt, wie man ihn löscht, aufruft, korrigiert, ausdrückt. Er benutzte Begriffe wie „cursor“, „cut and paste“, „tracks“, „slots“, „file“, „program“, „printer“, die ich zum Teil noch nie gehört hatte. Er konnte mich dennoch mit seiner Begeisterung nicht anstecken, er ließ aber nicht locker. Es sollte also noch spannender werden: Er legte den Telefonhörer in eine Art Wiege, die er als „Modem“ bezeichnete und erklärte mir, er würde sich jetzt mit Dow Jones in New Jersey in Verbindung setzen, um aktuelle Zeitungsartikel über Apple lesen zu können. Der Modem machte klick klick klack klick. Dann gab er ein Passwort ein und plötzlich erschienen lauter grünfarbige Textblöcke auf dem schwarzen Monitor. Ich war nicht bei der Sache, fragte lediglich: „Passiert das über die Telefonleitungen?“ Ein breites Lächeln seinerseits: „Genauso ist es, als würden Sie direkt mit Mit Dow Jones telefonieren.“ In einigen Jahren werde man alles Mögliche mit dem Computer tun können, erklärte er: Reservierungen im Restaurant machen, einkaufen mit nur einem Klick auf die Returntaste (damals gab es noch keine Maus), Bibliotheken besuchen.

 

„Machen Sie sich auch Gedanken über Computermissbrauch?“ wollte ich wissen. „Missbrauch? Wie, zum Beispiel?“ Marsha blickte äußerst skeptisch, und ich erklärte, dass für Deutsche die zentrale Speicherung von Information ein Alptraum sei. Geschwind leuchteten Bills Augen: „Mit einem Personal Computer haben Sie die Macht über Ihre eigene Information zurückerobert.“ Mit dem PC breche man das Machtmonopol der Firmen und der Ämter. So seine Argumente. Heute weiß ich, dass wir beide recht hatten: Ich als Unkenrufer, der die Gefahr eines künftigen gläsernen Menschen monierte, er der Prophet der Twitter-Generation. Power to the people. Nebenbei: man zählte damals weltweit nur 250.000 Apple-Computer. Ich gab aber mit meinen Bedenken nicht auf: „Gibt es Widerstand gegen den Vormarsch des Computers?“ Für Bill eine unvorstellbare Frage: „Nicht, wenn man die Sache versteht.“

 

Nach etwa 45 Minuten gingen mir die Fragen aus, was Marsha zu erfreuen schien. Bill war aber keine Memme. Er mochte den Technikfeind gegenüber und wollte wissen, wie ich mir das Computerzeitalter vorstelle. Es könnte tatsächlich eine Arbeitserleichterung bringen, räumte ich ein, so wie mein Sony-Aufnahmegerät die Arbeit erleichtert. Allein: „Mir kommt der Computer wie ein Spielzeug vor, das die Menschen noch weiter von der Wirklichkeit entfernen wird.“ Möglich sei es aber unwahrscheinlich, so Bill.

 

 „Nur noch eine Frage, PJ, dann ist Schluss“, unterbrach Marsha, als habe sie lange auf diesen Augenblick gewartet. Und dann nahm sie die Gelegenheit wahr, mich zu belehren, weil ich den Apple-Computer womöglich zu negativ darstellen könnte. „Ein Computer ist ein Werkzeug, das uns hilft, Zeit zu sparen. Das ist wichtig. Hoffentlich verstehen Sie das.“ „Oder denken Sie folgendermaßen“, fügte Bill mit heiterer Miene hinzu: „Es ist ein Fahrrad für den Geist…Es hilft einem, weiter und schneller vorwärts zu kommen…“

 

Letzte Woche rief ich bei Apple in Cupertino an, um zu erkunden, ob ich Marsha oder Bill noch erreichen könne. Man kannte diese Namen aber nicht mehr. Eine alte Audiokassette ist also der einzige Beweis, dass es dieses Gespräch über eine vernetzte Zukunft jemals gegeben hat. Bill hatte sich große Mühe gegeben, mich auf den Geschmack zu bringen. Vergeblich. Erst 1984 ist bei mir der Groschen gefallen. Ich kaufte aber keinen Apple, sondern einen Rechner der Konkurrenz, einen Commodore PC-10 mit MS-DOS-Betriebssystem. Marsha hatte es damals schon geahnt: Ab dem 12. August 1981 war es ein neues Ballgame. Herzliche Glückwünsche zum 30. Geburtstag, Personal Computer.

                                                                                                                                                                      

 

 

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