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Gaddafis Bäumlinge – und die meinen

Kleine Probleme helfen sehr, die großen zu vergessen.

In diesem Fall geht es um den „Bäumling“.

Beinahe schäme ich mich, über meinen „Bäumling“ zu berichten. Die Katastrophen, die unsere schöne Welt in jüngster Zeit heimsuchen, bedrücken mich so sehr, dass mir Worte für anderes zusehends fehlen. In Japan wüten momentan drei apokalyptische Reiter. Sie heißen Erdbeben, Tsunami und Atom-GAU. In Libyen wütet der vierte: Er heißt Muammar Gaddafi. Der vierte Reiter ist freilich keine Naturgewalt, sondern ein gewissensloser Gangster, der die mediale Aufmerksamkeit, die zunehmend auf die anderen Reiter gerichtet ist, geschickt ausnutzt, um die eigenen Pfründen durch Mord aufrecht zu erhalten.

Ich werde trotzdem die Sache mit dem „Bäumling „ erörtern. Das kleine Problem soll zu einer kurzen Erholung von den großen werden.

Gestern kam Karl zu Besuch. Er hatte vor kurzem und mit großem Vergnügen mein noch nicht veröffentlichtes „Hierons Gastmahl – oder das Wort als Ware“ gelesen. (Den „Prolog auf dem Olymp“ werden Sie auf dieser Seite unter der Rubrik „Wer bin ich“ finden).

Das Buch spielt in der griechischen Antike. Erzähler Diagoras, ein Gedächtniskünstler, sitzt im Jahr 432 v.Chr. in Olympia auf einer steinernen Bank und sinniert über die Vergangenheit – genauer gesagt: über einige ihm wichtige Ereignisse aus den Jahren 452 v.Chr. und 472 v.Chr., die eines Tages weltbewegende Einflüße auf die Menschheitsgeschichte haben sollten.

Diagoras zeigt im Jahr 432 v.Chr. auf die stattlichen Bäume, die in Olympia nahe dem Spielgelände wachsen, und er erinnert sich, wie sie im Jahr 452 v.Chr. noch „Bäumlinge“ waren. Das heißt natürlich, dass ich als Autor diese Jungbäume als „Bäumlinge“ bezeichnet habe.

Warum „Bäumlinge“? Weil ich das Wort mochte. Ich fand es schöner als „Bäumchen“ oder „Bäumlein“, Vokabel, deren Niedlichkeit mir an dieser Stelle nicht passte.

„Im Deutschen gibt es keinen ‚Bäumling’“, sagte mir Karl.

„Womöglich habe ich an ‚Sprössling’ gedacht“, antwortete ich. „‚Bäumchen’ + ‚Sprößling’ = ‚Bäumling’. Schön, nicht wahr?

„Die Rechnung gehe aber nicht auf, weil es keine 'Bäumlinge' gibt.“

„Darf ich der deutschen Sprache kein neues Wort schenken?“ fragte ich.

„Naja“, sagte er etwas zögerlich. „Dann kann der Leser eventuell denken, du benutzt das Wort nur, weil deine Deutschkenntnisse imperfekt sind oder der Lektor faul war.“

„Wenn ich Deutscher wäre, dann würden die Leser vielleicht meinen: ‚Mei, ist das ein schöner Neologismus.’ Diesen Doppelstandard finde ich schlichtweg ungerecht.“

„Tja“, sagte Karl.

Nun frage ich mich, ob ich meine „Bäumlinge“ trotzdem stehen lasse, auf die Gefahr hin, dass manche Leser meine Deutschkenntnisse in Zweifel ziehen werden, oder ob ich die „Bäumlinge“ lieber in „junge Bäume“ verwandele. Schließlich ist es mein Ziel, meine Sprache – dem Inhalt zuliebe – so unsichtbar wie möglich zu machen.

(Nebenbei gesagt: Würde ich den Spieß umdrehen, das heißt: Würde ich den englischen Text eines Nichtmuttersprachlers lesen und auf eine Ungereimtheit stoßen, wäre es denkbar, dass ich genauso reagieren würde wie Karl. Allerdings ist außer Karl noch niemandem aufgefallen, dass meine „Bäumlinge“ keine gültige Aufenthaltsgenehmigung haben!).

Das Leben ist halt ungerecht.

Aber jetzt habe ich Sie lange genug von den großen Problemen abgelenkt. Mit Japan kann man nur mitfühlen und mithoffen. Übrigens: Momentan ist mein Nachbar dort, ich weiß aber nicht genau, wo. Und stellen Sie sich vor: Ich gieße während seiner Abwesenheit seinen Bäumling und hoffe inständig, dass bald alle Bäumlinge in Japan wieder in den Himmel wachsen. Gaddafi besitzt, wie jeder weiß, keine Bäumlinge, sondern lediglich Erdöl. Nur deshalb darf er und seine Söhne – das weiß auch jeder – so lange wüten. Doch irgendwann wird auch das Kuschen der Ölhungrigen peinlich werden. Hoffentlich aber bald.

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