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Werden Sie Bürgerreporter! Kostet nichts!

Über die Wutbürger habe ich erst vor wenigen Wochen berichtet. Damals fiel mir auf, dass diese, nachdem die ungarische Regierung das neue, dreiste Medienzensurgesetz verabschiedet hatte, fast völlig verstummten.

Übrigens: Falls es sich noch ein paar Wutbürger finden lässt, und diese momentan nicht auf Sarrazinjagd sind oder für Gaza sammeln, gäbe es noch immer genügend Gründe, um über die Situation in Ungarn wütend zu werden. Gerade gestern erreichte mich eine Mail aus Budapest. Ich zitiere: „Es ist momentan ganz schlimm, was in Ungarn passiert. Nur die internationale Öffentlichkeit hilft. Ich hoffe, dass Orban gebremst wird, denn viele Freunde sind vollkommen verzweifelt, manche wollen gar nicht mehr weiterleben. Der Druck ist so massiv, dass ich es auch nachvollziehen kann. Ich glaube, so müssen sich Menschen in der Weimarer Republik gefühlt haben, die nicht völkisch dachten.“

Soviel zu den Wutbürgern, und jetzt zu den „Bürgerreportern“, die heute mein eigentliches Thema sind. (Wie ich schon mal gebeichtet habe: Für mein amerikanisches Ohr klingen die „Bürger“ noch immer wie ein beliebtes Fastfoodgericht. Aber das nur nebenbei).

Ja, der Bürgerreporter. Ich komme darauf, weil ich gestern folgende Überschrift auf der Webseite der Münchner Abendzeitung entdeckt habe: „Werden Sie ein myheimatler: Die Plattform für Bürgerreporter“.

Vielleicht kennen Sie die Begriffe „Bürgerreporter“ und „myheimat“ schon. Für mich waren es Neuheiten. Ich bin halt nicht immer so sehr auf dem Laufenden wie andere Menschen.

Ich habe jedenfalls spontan mit Hohn und Entrüstung reagiert. Nach dem Motto: Das ist ja der Gipfel! Nun will die Abendzeitung die allerletzten freien Mitarbeiter (und vielleicht auch ihre Angestellten, wenn es welche noch gibt) endgültig zum Stempeln schicken oder aus ihnen Hartzvierler machen und die Seiten künftig mit den Ergüssen von „Bürgerreportern“ füllen!

Der Gedanke ist freilich nicht ganz abwegig. Hier ein Zitat aus besagtem „Werden Sie ein myheimatler“-Text: „Hobby-Reporter können Nachrichten und Fotos aus München und den Stadtteilen einstellen.“ Und weiter heißt es: .“Die Teilnahme ist kostenlos“. Kostenlos! Stellen Sie sich vor, dass „Hobbyreporter“ auch zahlen müssten, um ihre Berichterstattungen in veröffentlichter Form zu bewundern. (Eigentlich kein so schlechtes Arbeitsmodel. Vielleicht kann ich es einem Verlag – gegen Beratergeld – unterbreiten).

Genug der bösen Fantasien. Als erfahrener Schriftsteller, Stubengelehrter und Journalist weiß ich, dass man die Pflicht hat, Quellen zu recherchieren und nicht nur Sprüche zu klopfen. Also habe ich selbst die „myheimat“-Webseite besucht, um die Sache auf den Grund zu gehen. Sie kennen sie vielleicht schon. Ich nicht.

Die ist jedenfalls bunt eingerichtet und voll mit Reportagen über regionale Ereignisse. Sie wissen schon: Katze im Baum, Wohnungsbrand, Hochzeiten, Verbrechenbekämpfung u.v.a.m. Mit anderen Worten: Alles, was man erfährt, wenn man die Nase in die Angelegenheiten anderer steckt und darüber berichten will. Journalismus halt.

Aber: Meine spontane Abneigung ist schnell einer Akzeptanz gewichen. Ich habe gedacht: Eigentlich keine schlechte Idee: eine Art aktuelles Berichtserstattungsforum, das unter Umständen schneller vor Ort berichtet als die Profis von CNN und Al-Dschasira. Das ist nicht nur als Witz gemeint. Erst gestern, so erfuhr ich, stammten die ersten Berichte über das Selbstmordattentat am Moskauer Flughafen von Bürgerreportern via YouTube und TwitVid. Gleiches passierte seinerzeit während der Demos, die der geschummelten Wahl im Iran folgten.

Und dann fiel mir obendrein ein, dass auch ich heute in dieser Glosse eine Art „Bürgerreporter“-Rolle gespielt habe. Immerhin habe ich Ihnen einleitend einen wichtigen Stimmungsbericht aus Ungarn übermittelt.

Hmmm.

Haben Sie die Botschaft verstanden, liebe Medienkonsumenten des 21. Jahrhunderts?

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