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Warum mir das Kiefergelenk wehtut

Die Selbstdarstellung ist für den Schriftsteller wie der Striptease für die Reeperbahnkneipe: Es geht darum, die Hüllen fallen zu lassen.

Aus diesem Grund möchte ich von meinem Kiefergelenk erzählen.

Ich bin den Zahnärzten schon länger ein Ärgernis. Denn ich kann bei bestem Willen den Mund nicht weit aufmachen, ohne dass es mir wehtut. Leidensgenossen werden diesen Zustand sicherlich nachempfinden können.

Oft vernimmt der Neben-mir-Stehende, wenn ich den Mund aufmache, ein hörbares Knacksen, was für ihn wohl so unangenehm klingt wie das Kreischen der Kreide auf der Schiefertafel. Seit Jahren lebe ich mit der Angst, dass sich das Gelenk eines Tages beim Gähnen plötzlich ganz aushängen könnte. Mit dem Ergebnis: Ich würde den Mund nicht mehr zumachen können. Ein Alptraum für einen Schriftsteller. Denn die verschlossene Stille zwischen den Worten ist für ihn wie die Nachtruhe für die Blumen.

Ich habe Zeiten erlebt, wo ich nicht in der Lage war, Hartes zu kauen, ohne höllische Schmerzen zu empfinden. „Sie dürfen nur Weiches essen“, sagte mir einst ein Zahnarzt. „Sie müssen sich vorstellen: Wenn Ihr Kiefergelenk ein Ellenbogen oder ein Knie wäre, würde ich den kranken Teil als Arzt ruhig stellen, in Gips einpacken. Das kann man aber mit einem Kiefergelenk leider nicht machen, denn schließlich müssen Sie essen – und vielleicht auch reden, hihi.“

Zwei Wochen habe ich mich ausschließlich von weichen Kartoffeln, Haferschleim, Reis und Fisch ernährt. Nachts trug ich einen Beißring – mir kam der Fremdkörper im Mund vor wie ein Würgring.

Seit Jahren ertrage dieses Leiden mit Würde. Es bleibt einem Leidenden ohnehin nichts anderes übrig. Jeder hat seinen Schwachpunkt, so denke ich. Der meine ist halt der Kiefer.

Doch nun endlich weiß ich, woher ich diese Schwäche habe. Denn eins ist sicher: Es handelt sich in meinem Fall nicht um eine Erbkrankheit. Weder mein Vater noch meine Mutter haben unter einer derartigen Maladie gelitten. Auch mein Bruder nicht und ebenso wenig meine Großeltern.

Warum ausgerechnet ich? Die Antwort wird Sie überraschen.

Weil ich seit Jahrzehnten zwischen zwei Sprachen lebe. Genauer gesagt: Ich spreche täglich ebenso viel Englisch wie Deutsch. Was hat das für eine Bewandtnis, fragen Sie sich vielleicht?

Ganz einfach:

Diese zwei Sprachen beanspruchen die Kiefermuskulatur auf sehr unterschiedliche Weisen. Wenn man Deutsch spricht, wird der Kiefer überproportional nach vorne geschoben. Ist Ihnen wahrscheinlich nicht so ganz bewusst. Fakt ist aber: Die Sprachtätigkeit des Deutsch Sprechenden spielt sich häufig im Lippenbereich ab. Merke ich da eine gewisse Skepsis? Na schön. Sprechen Sie dann folgenden Satz vor: „Bübchen hat die Torte in die Tüte verstaut, und nun ist sie ganz matschig geworden.“

Habe ich recht, oder habe ich recht? Vorne laboriert der Mund, und man schürzt dabei die Lippen ungemein viel.

Wenn ich hingegen Englisch spreche, geschieht genau das Gegenteil. Englische Vokale tönen nämlich breiter und länger als die deutschen. Es spielt sich folglich Weniger im vorderen mündlichen Bereich ab. Die Lippen werden von daher weniger gespitzt. Die Kiefermuskulatur wird hauptsächlich hinten beansprucht. Hier ein Beispiel: „I’m a happy guy, and I’m having lots of fun.”

Bedenken Sie: Täglich wechsele ich zwischen diesen zwei Arten der sprachlichen Muskelbeanspruchung. Es kann nicht gut funktionieren. Armes Kiefergelenk.

Übrigens: Ich zähle Französisch zu den Kiefer-vorne-Sprachen (wie Deutsch), Spanisch hingegen zu den Kiefer-nach hinten-Sprachen (wie Englisch). Ich will hier aber keine Doktorarbeit schreiben. Das überlasse ich lieber einem anderen Kenner der Materie.

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