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Meine Reise in die Zukunft

Hilfe! Wie soll ich jemals auf dem Teppich bleiben, wenn mir ständig schräge Gedanken im Kopf schwirren?

Ganz plötzlich will ich folgende Frage stellen:

Wissen Sie, was Sie im Januar 3016 machen werden? Vielleicht ist die Frage aber nicht so dumm. Zur Erklärung:

Letzte Woche blätterte ich eines stillen Abends in meiner Reclam-Ausgabe der Werke Catulls (Lateinisch/Deutsch). Falls Ihnen der Name nichts sagt – und das wäre heute ohne Weiteres möglich – : Gaius Valerius Catullus  (er stammte aus Verona) lebte im ersten vorchristlichen Jahrhundert und war Lyriker. Eine Art römischer Herbert Groenemeyer etwa.

Nun las ich im sehr informativen Nachwort zu diesem Bändchen vom Alphilologen Michael von Albrecht einige Sätze über die Überlieferung des Manuskripts aus der Antike. Ein sehr kompliziertes Thema, und ich kann die Sache hier nur kurz erläutern: Die Erzeugnisse der römischen Literatur und Wissenschaft, die die Zeiten am glimpflichsten überdauert haben, waren stets diejenigen, die man bereits in der Antike als Schulbücher verwendet hat. Schullektüre wurde nämlich ständig neu kopiert und weitertradiert. (Druckereien gab es damals nicht). So erging es, zum Beispiel, den Werken Vergils, Horaz', Julius Cäsars, Ciceros usw.

Catulls Lyrik war hingegen keine Schullektüre. Dafür hat er zuviel Unanständiges geschrieben, und die Schulen der frühen christlichen Zeit waren, gelinde gesagt, sehr prüde. Catulls Werke wurden also lediglich von Liebhabern weitergegeben. Sie haben dennoch bis zur Zeit von Karl dem Großen ihre Spuren hinterlassen. Man findet in Schriften aus der karolingischen Zeit diverse Zitate aus Catulls Gedichten. Dann herrscht aber Funkstille. Allerdings: Im 10. Jahrhundert erwähnt ein gewisser Bischof Rather in Verona, dass er auf ein Exemplar der Werke Catulls gestoßen sei. Der Bischof gibt zu, dass diese Lyrik alles anders als „fromm“ sei. Er findet sie dennoch köstlich.

Dann ist wieder Funkstille – bis am Ende des 13. Jahrhunderts erneut ein Exemplar der Gedichte in Verona auftaucht. Das weiß man so genau, weil ein Mann namens Benvenuto de Campexani 1290 zur Feier der Wiederentdeckung ein Gedichtlein über Catull verfasst hat. Darin tut er kund, dass jemand, dessen Name wie „Schilfrohr“ auf Franzosisch klinge (so steht es im Gedicht), das Manuskript im Ausland unter einem Fass entdeckt und nach Verona mitgebracht habe. Das Manuskript, das in diesen Versen gefeiert wird, ist übrigens längst verschollen. Es wurde aber offenbar mehrmals kopiert. Von diesen Kopien stammen alle heutigen Ausgaben der Werke Catulls.

Aber zurück zu Michael von Albrecht. Nachdem er diese abenteuerliche Geschichte erzählt hat, erlaubt er sich ein paar Gedanken über das risikoreiche Überleben der antiken Literatur. Ich zitiere:

„Die Tatsache, dass das Überleben sogar erstrangiger Autoren oft an einem seidenen Faden hing – Catull teilt dieses Los mit Lukrez und Tacitus - , bringt uns zum Bewusstsein, dass ‚Überlieferung’ kein anonymer Strom, sondern ein von Individuen getragener, aktiver Prozess ist, zu dem jeder Leser das Seine beiträgt.“

Ist das nicht schön?

Ich musste sogleich an mein Lieblingskinderbuch denken, ein Buch, das mir vielleicht noch mehr Freude gemacht hat als meinen Kindern, denen ich es abermals vorgelesen habe: „Im Zauberwald“ von Josephine Hirsch. Dieses Werk ist 1989 erschienen und leider vergriffen. Neue Titel von Frau Hirsch gibt es seit 2000 keine mehr. Die Autorin zählt, meiner Meinung nach, zu den großen Zauberern der deutschen Sprache. Hier eine kleine Kostprobe aus einem Gedicht „Verschobenes Gesindel“:

„Schwarze Nächtegeister

ziehn durch Geisternächte.

Es hat Meisterrechte

jeder rechte Meister.“

 

Oder aus dem Gedicht „Räuberlied“:

 

„Schnurre, schnarre,

knurre, knarre,

zurre, zarre,

Hexenbein! Motzli,

matzli, schotzli,

schatzli, trotzli, tratzli,

Gift im Wein!“

Ja, reine Zauberei! Finden Sie nicht? Wie gesagt, nur eine Kostprobe. Schauen Sie selber mal rein. Gibt es genügend Interesse, wird der Verlag (Herder) das Buch vielleicht neu auflegen!

Nun habe auch ich meinen Beitrag geleistet. Indem ich Michael von Albrecht und Josephine Hirsch hier erwähne, verlängere auch ich den „seidenen Faden“ der Überlieferung.

Somit bin auch ich ein Glied in jener Kette geworden, die beide Autoren womöglich ins Jahr 3016 katapultieren wird. Man kann nie wissen, wozu etwas, was man tut, gut ist.

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