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Wofür ich dankbar bin (gefolgt von ein paar geheimnisvollen Versen)

Kaum ist 2009 zu Ende gegangen, und schon suchen alle Wortschmiede dieser Welt nach einem passenden Namen fürs erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts.

Die Possenreißer unter den amerikanischen Journalisten haben sich geschwind auf die „naughties“ geeinigt. „Naught“ bedeutet auf Englisch „Null“– ist übrigens mit dem deutschen „nicht“ sprachverwandt. In der Mehrzahl aber denkt man an „naughty“, also „ungezogen“, „unartig“. Und so war das vergangene Jahrzehnt allemal.

Im Deutschen ist die Rede von den „Nullen“. Auch das finde ich passend. Man denkt an die vielen Nullen, die dazu beigetragen haben, die letzten zehn Jahren zum Chaos ausarten zu lassen. Auch „nullnull“ wäre geeignet, wenn man die Kloaken der letzten Jahre bloß noch reinigen könnte. Die letzten Jahre als „die Nullnummern“ zu bezeichnen, wäre ebenso angebracht.

Aber genug. Allen Widrigkeiten zum Trotz bin ich noch immer der Meinung, dass es auch vieles gibt, wofür man dankbar sein könnte.

Hier nun meine kurze – und keinesfalls vollständige – Liste:

Ich bin dankbar, dass ich kein Banker bin. Notabene: Hier ist die Rede von „Banker“ und nicht von „Bankier“. Letzteres war und bleibt ein ehrwürdiger Beruf.

Ich bin dankbar, dass ich nicht zu denen zähle, die auf Kosten der Arbeitsplätze anderer einen zweistelligen Gewinn anstreben.

Ich bin dankbar, dass ich nie den Berufswunsch hatte, Selbstmordattentäter und Märtyrer zu werden.

Ich bin dankbar, dass ich trotz allen erlebten Bosheiten – und diese werde ich an dieser Stelle nicht aufzählen – weiterhin an meinen Prinzipien festhalte.

Ich bin dankbar, dass ich kein Trickdieb bin, der mittels fieser Lügen 90jährige Frauen um ihre Rente oder ihren Schmuck erleichtert.

Ich bin dankbar, dass ich nicht zu denen zähle, die naive Jugendliche im Namen einer jenseitigen Belohnung (inklusive Jungfrauen) zu Selbstmordattentätern ausbilden.

Ich bin dankbar, dass ich keine verfälschten Medikamente herstelle, um sie an ahnungslose Menschen zu verkaufen – ungeachtet der Konsequenzen.

Ich bin dankbar, dass ich kein Spammer bin, der die Kommunikationskanäle mit Müll verstopft, um der internationalen Verständigung einen Riegel vorzuschieben.

Ich bin dankbar, dass ich kein Botnetprogramm geschrieben habe, um fremden Menschen das Bankkonto zu leeren, obwohl ich nichts über die jeweilige Situation dieser Menschen weiß...

Auch die reichen Drogenhändler fallen mir ein, aber genug. Ich kann hier nicht alle Bosheiten dieser Welt wiedergeben.

Übrigens: Falls eine der oben aufgezählten Fiesheiten auf Sie zutreffen sollte, bitte nicht verzagen. Auch für Sie gibt es einen Trost: Sie können dankbar sein, dass nur eine dieser Gemeinheiten Ihnen zu eigen ist.

Sehen Sie. So kann jeder etwas haben, worüber er sich freut.

Ja, die Nullen sind nicht mehr zu ändern. Es waren wahrhaft „naughties“, und noch mache ich mir keine Gedanken über einen Namen fürs nächste Jahrzehnt.

Alles in Butter, Mutter? Das habe ich meine Frau neulich gefragt. Wie immer tut sie, als habe sie meine lahmen Wortspielereien gar nicht mitgekriegt.

Mein Sohn hingegen anwortete gleich: „Wo ist der Kater, Vater?“ Ja, das hat er gesagt. Ich glaube, es steckt was Geheimnisvolles in seinen Worten. Egal. Ich mache heute Schluss.

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