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Schwere Zeiten für Analphabeten

Während einer Wirtschaftskrise macht man sich Gedanken übers Geld.

Man wird schöpferisch, sucht nach Ideen, die sich gut verkaufen.

Wahrscheinlich deshalb erscheinen in letzter Zeit so viele Bücher, die den Verfall der deutschen Sprache anprangern. Es hat sich erwiesen: Solche Bücher verkaufen sich bestens. Das Lästern über die Sprache macht einfach Spaß. Sie wissen schon: Denglisch, Rechtschreibfehler in Emails, in Blogs in Chatrooms usw. Über so was liest man halt gerne.

Noch aufregender als der vermeintliche Verfall der Sprache ist aber das Thema des wachsenden Analphabetismus. Sprich: Man lese immer weniger . Insbesondere schielt man aufs Internet, und manche sagen uns schon eine vorschriftliche Zukunft voraus. Erste Anzeichen glaubt man etwa in den Emotiken und den Smileys zu erkennen. Noch gefährlicher seien die Online- Rollenspiele wie WoW (für Nichtkenner: „World of Warcraft“), die bewiesenermaßen süchtig machen. Und und und.

Ja, das Unken war schon immer ein befriedigender Zeitvertreib.

Kurzer Themenwechsel: Einmal bekam ich den Auftrag, einen Artikel über die Zukunft der Schrift zu schreiben. Der Auftraggeber las meinen Text und drückte geschwind seine Unzufriedenheit aus. „Herr Blumenthal“, sagte er, „wir sind zwar beide der Meinung, dass die Schrift sehr wohl eine Zukunft hat, Sie haben mir aber, zumindest am Schluss Ihres Textes, langweiliges und banales Zeug geliefert.“ Mein Artikel erschien also nicht.

Vielleicht hatte der Auftraggeber recht. Nein, nicht „vielleicht“. Er hatte recht.

Deshalb möchte ich heute an dieser Stelle den richtigen Schluss zu diesem damals lauen Text nachreichen.

Ich habe nämlich in der Weekend-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung einen Artikel vom Kollegen Thomas Steinfeld gelesen, der die Ergebnisse einer neuen Studie der Stanford Universität schilderte. Diese „Stanford Study of Writing“ liefert jedem Zweifler den endgültigen Beweis dafür, dass das Internet doch kein Verblödungsintrument ist. Im Gegenteil: Es wird womöglich ein goldenes Zeitalter des Schreibens einläuten.

Schon gut, ich übertreibe ein wenig. Vom goldenen Zeitalter ist im SZ-Artikel nirgends die Rede. Dennoch ist die Botschaft klar: Das Internet macht uns erst recht zu Teilhabern einer Schreibkultur. Die zahllosen Emails, die Facebook-Selbstdarstellungen, die Twitterkommentare, Chatroomgeschnatter, die Blogs usw., sie fordern von allen Anwendern eine neue Schreibfertigkeit. Dass man sich nicht unbedingt immer an den Duden usw. hält, ist nur Nebensache (und ein ganz anderes Thema).

Soviel für die gute Nachricht aus dieser neuen Studie der Stanford Universität. Jetzt die schlechte, die mich übrigens sehr überrascht hat: Die Gefahr in ein vorschriftliches Bewusstsein zurückzufallen, hat es in der Tat einst gegeben. Und zwar während der letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts. Vielleicht erinnern Sie sich: Damals wurde die Schriftkultur immer weniger befördert. Man hat kaum mehr geschrieben. Auch das Briefeschreiben wurde zur Seltenheit. Nur das Allernötigste haben viele Menschen – vor allem junge Menschen – schriftlich erfasst – meistens nur in der Schule. Kein Wunder, dass der kanadische Medienforscher Marshall McCluhan bereits um 1960 ein Nachschriftliches Zeitalter – ein globales Dorf – witterte. Man würde sich künftig nur noch durch Bilder verständigen, verkündete er.

So war es auch fast. Jeder glotzte, ging ins Kino oder hörte Musik.

Dann kam das WehWehWeh, die Emailkonten, das Socialnetworking usw. Man begann von alleine wieder zu schreiben.

Wie gesagt: Schwere Zeiten für Analphabeten kommen auf uns zu.

Ende des Artikels über die Zukunft der Schrift und Warnung an alle Unkenrufer.

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