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Die Sprache der Krankheitserreger

Mit Sicherheit haben Sie von der neuen Theorie über den Tod Mozarts erfahren. Alle Zeitungen, das Fernsehen und auch das Internet haben ausführlich über sie berichtet – dies, obwohl Mozart beileibe kein Michael Jackson war. Es heißt, der Salzburger Wunderknabe sei nicht aufgrund einer exotischen Krankheit gestorben, wie früher spekuliert hat, sondern einer gewöhnlichen Streptokokkeninfektion erlegen.

Diese kugelförmigen Eitererreger waren schon immer gefährlich. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Zeitalter der Antibiotiken hat man das aber schnell wieder vergessen.

Im Winter 1791-1792 grassierte in Wien offenbar eine Streptokokkenepidemie. Die meisten Opfer waren in diesem Jahr junge, robuste Männer. Krankheiten sind manchmal ebenso wählerisch wie Menschen. Damals hat niemand verstanden, dass es sich um eine bakterielle Erkrankung handelte. Wahrscheinlich hat man im 18. Jahrhundert gesagt, ein „Fieber“ mache die Runde.

Vielleicht fragen Sie sich, warum ich mich mit Bakterien beschäftige.

Weil auch sie eine Sprache haben.

Nein, dass habe ich noch viel zu unpräzise ausgedrückt. Genauer gesagt: Bakterien – und Viren – sind eine Sprache.

Bedenken Sie: Welche Überlebenschancen hätten ansteckende Bakterien oder Viren, wenn sie nicht in der Lage wären, von Tier zu Tier oder von Mensch zu Mensch zu überspringen? Keine natürlich.

Einen Krankheitserreger, der nicht ansteckend ist, könnte man mit einer Sprache vergleichen, die von nur einem Menschen verstanden, bzw., gesprochen wird. Einsam. Ohne Zukunft also.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will hier keineswegs die Daseinsberechtigung von gefährlichen Keimen rechtfertigen. Wirklich nicht. Ich denke lediglich über Sprache nach.

Und noch eine Gemeinsamkeit: Auch Menschensprachen können Schlimmes, Zerstörerisches verbreiten und unter Umständen ebenso tödlich wirken wie eine bakterielle oder virale Infektion.

Aber halt. Ich schreibe hier kein Wort zum Sonntag. Ich stelle lediglich ein paar Überlegungen über Sprache im weitesten Sinn an.

In meiner Jugend habe ich einen kurzen Roman – damals noch in englischer Sprache – mit dem Titel „Influenza“ geschrieben. Es handelte sich – zumindest vordergründig – um eine Reihe unerfüllter Liebeswünsche. Das heißt: Er liebt sie, und sie liebt einen anderen , der wiederum eine andere liebt usw. Ich habe eine Art Liebesreigen geschildert – das war lange bevor ich wusste, dass Arthur Schitzler ein Theaterstück namens „Reigen“ geschrieben hat. Damals wusste ich auch noch nicht, wer Arthur Schnitzler war. Was ich aber doch wusste: Die Beziehungen, die ich in meinem kurzen Roman beschrieben habe, wirkten influenzaartig .

Das Buch liegt schon über dreißig Jahre in der Schublade, bleibt aber nach wie vor aktuell und scheint immer noch recht unterhaltsam zu sein.

Doch kehren wir zu Mozart zurück. Was wäre geschehen, wenn die Streptokokken, die ihn damals töteten, Musikliebhaber gewesen wären? Ich weiß, ich stelle eine dumme Frage. Denn Streptokokken verstehen unsere Musik so wenig wie wir die Musik der Walfische.

Jeder ist fest davon überzeugt, dass seine Art die Dinge wahrzunehmen die einzig gültige sein müsse. Ob Bakterie, Virus oder Mensch, jeder spricht die Sätze, die ihm eigen sind. Ende der Predigt.

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