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Die Informationsrevolution: eine vorläufige Bilanz

Vorab eine Statistik. Es gibt in Deutschland genau dreitausendsiebenhundertdreiundfünfzig Fernsehsender und zwölftausendvierhundertneunundzwanzig Zeitschriften.

Die Frage: Wie schaffen sie es, genügend Inhalt – auf Neudeutsch „Content“ – zu finden, um abertausend Stunden Sendezeit und Millionen gedruckte Seiten zu füllen?

Ich übertreibe freilich maßlos mit meiner Statistik. Maßlos übertreiben tun wir Schriftsteller aber gerne, um die Aufmerksamkeit des Lesers auf unseren Text zu ziehen. (Nun habe ich Ihnen einen „trick of the trade“ verraten).

Zurück zu meiner Frage: Auch wenn es sich um nur dreißig oder vierzig Sender handelt und „nur“ mehrere Hundert Zeitschriften, Zeitungen usw., wie gelingt es ihnen, täglich, wöchentlich oder monatlich immer wieder Neues zu präsentieren?

Die Antwort liegt auf der Hand: Das tun sie nicht!

Das tun sie nicht, und trotzdem leben wir im Informationszeitalter. Vielleicht erinnern Sie sich: Vor zwanzig Jahren wurde in den Medien ständig darüber berichtet, dass sich die Menge an Information jährlich verdoppelt – oder hieß es verzehnfacht oder verhundertfacht? Ich weiß es nicht mehr. Es hieß jedenfalls, dass sich die Informationsmenge derart potenziere, dass der Menschen eigene Computer – sprich das Hirn – mit dem Angebot bald restlos überfordert werden würde. Überall stieß man auf aufrichtige Vorschläge (auch ich habe damals welche geschrieben), wie man mit der kommenden Datenlawine umzugehen habe.

Was ist aus dem drohenden Hirninfarkt im Infoüberflusszeitalter geworden? Hand aufs Herz. Fühlen Sie sich im Jahr der Terabytes vom Angebot überwältigt?

Ein kurzer Rückblick für jüngere Leser: Fernsehzuschauer in Deutschland hatten bis 1989 die Möglichkeit, zwischen ZDF, ARD und einem Regionalsender zu wählen. In Bayern hatten wir auch ORF. Mehr war nicht drin. Trotzdem guckte man nur eine Sendung auf einmal an. Damals gab es den Spiegel, den Stern, die Zeit, die Bunte oder Quick. Als „Wissensmagazin“ hatte man PM und das „Zeitmagazin“. Eigentlich schon damals zuviel für ein einziges Hirn zu verarbeiten. Man traf also eine Wahl.

Und heute? Ich glaube, es hat sich nichts auf dem Gebiet der Medien verändert – wenn man vom Internet absieht. Man konsumiert weiterhin nur soviel Informationen, wie man verarbeiten kann/will.

„Aber Herr Sprachbloggeur, das Angebot ist nunmal größer, und das bedeutet, dass es doch mehr Content gibt als früher“, sagt ein Skeptiker.

„Nein. Wenn überhaupt, dann vielleicht eher weniger“, antworte ich provokativ.

„Wie kann das sein, wenn das Angebot de fakto größer geworden ist?“

„Weil alle das Gleiche bringen: Berichte über aussterbende Tiere, Klimaerwärmung, Jubiläumsberichte (200 Jahre Darwin, 60 Jahre BRD, 70 Jahre 2. Weltkrieg), Leben nach dem Tod, Poltergeister, Islam etc.“ Jede Redaktion weiß ganz genau, was die andere macht. Man will nur selten Neues wagen. Denn die Marketingleute haben Angst, einen Fehler zu begehen.“

Lieber Leser, wirklich Neues finden Sie momentan nur im WehWehWeh – zum Beispiel, wenn Sie den Sprachbloggeur und alle seine Links lesen. Hier gibt es wirklich ein Überangebot, und Sie werden bestimmt Tolles verpassen. Momentan auch kostenlos – für Konsumer und Hersteller. Aber keine Sorge. Eines Tages bin auch ich ein Angesteller bei Google. Dann darf ich wieder schreiben, was die anderen gerade schreiben. Dafür habe ich dann mehr Geld in der Tasche. .

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