You are here

Wie der Schein trügt: Ein Beispiel

Eine Studie aus jüngster Zeit beweise, so berichtete gestern eine Nachrichtsprecherin im Bayerischen Rundfunk, dass die neue Gesundheitsreform ein Schuss in den Ofen sei. Mag sein, dass sie recht hat. Die anstehende Reform ist aber heute nicht mein Thema. Mich interessiert viel mehr der "Schuss in den Ofen".

Ich habe überall im Internet nach einer passenden Etymologie für diese sehr bildliche Redewendung gesucht. Stephan Goehring, Betreiber von "GlatzoPatzo.de", wagt folgende grausame Deutungen. Er versteht den "Schuss" entweder als "explosive Geschichte eines Brennholzdiebes“ oder, falls es neueren Datums entstanden sei, das leidige Schicksal eines Zufallsüberlebenden der "Vergasungsöfen“.

Ich teile seine Meinung nicht. Redewendungen sind volkstümliche Wortschöpfungen. Goehrings Deutungen halte ich für zu wenig volkstümlich. Der Gebrauch von "Vergasungsofen“ im Sinne von "Gaskammer“ ist übrigens sehr selten.

"Ein Schuss in den Ofen“ bedeutet schlichtweg ein "Misserfolg“. Erschossene Brennholzdiebe und KZler (falls einer jemals eine Vergasung überlebt hat) erleiden ein Ende, das viel dramatischer ist als ein gewöhnlicher Misserfolg.

Da ich selbst mehrere Jahre ein Haus im US-Bundesstaat Maine mit Holzofen bewohnte, erinnerte ich mich (nachdem mir klar war, dass kein Mensch seine Flinte auf den Ofen richtet), wie das "grüne Holz“ manchmal harmlos im Ofen knallte. Meine Deutung ähnelte mehr oder weniger dem sprichwörtlichen "knarrenden Pups in der Wüste“-Bild, d.h.: viel Luft um nichts.

Letztendlich konnte weder Herr Goehring noch ich mit unseren Auslegungen einen Erfolg verbuchen. Auf der Internetseite "wer-weiß-was“ wurde ich bald eines Besseren belehrt. Ich entdeckte zwei Redewendungen, die unserem "Schuss in den Ofen“ verdächtig ähnelten: "Ein Brot in den kalten Ofen schießen“, und "in einen kalten Ofen blasen“. Sie bedeuten beide – was sonst – „vergebliche Mühe“. Ich vermute, dass der "Schuss in den Ofen“ ein verkürzter Ableger dieser Sprüche ist. Wobei das "Brot“ bzw. die "Kälte“ implizit zu verstehen sind.

Nota bene: Diese Redewendungen teilen etwas Wichtiges: Der "Schuss“, von der hier die Rede ist, hat gar nichts mit einer Schusswaffe zu tun, obwohl man spontan ans Schießen denken will, wenn man das Wort „Schuss“ hört. Doch, wie so oft, trügt der Schein.

Ursprünglich war meine Absicht heute neben dem "Schuss in den Ofen“ auch über das "Hornberger Schießen“, die "Flinte ins Korn werfen“ usw. zu erzählen. Diesmal wohl ein Schuss nach hinten. Fazit: Nicht jeder Schuss kommt aus der Waffe, und nicht jede Gesundheitsreform hat mit der Gesundheit zu tun. So ist das Leben.

Add new comment

Filtered HTML

  • Web page addresses and e-mail addresses turn into links automatically.
  • Allowed HTML tags: <a> <p> <span> <div> <h1> <h2> <h3> <h4> <h5> <h6> <img> <map> <area> <hr> <br> <br /> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd> <table> <tr> <td> <em> <b> <u> <i> <strong> <font> <del> <ins> <sub> <sup> <quote> <blockquote> <pre> <address> <code> <cite> <embed> <object> <param> <strike> <caption>

Plain text

  • No HTML tags allowed.
  • Web page addresses and e-mail addresses turn into links automatically.
  • Lines and paragraphs break automatically.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.
Image CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.