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Von Strippenziehern und anderen Hintermännern

Seit langem suche ich nach dem Strippenzieher, nein, nicht nach demjenigen, der alles insgeheim lenkt – so sehr bin ich meinem Verfolgungswahn noch nicht erlegen – , sondern nach Fakten über die Geschichte des Wortes "Strippenzieher“.

Der Grund meiner Suche: Ich bilde mir ein, dass ich dieser Vokabel vor etwa fünf Jahren zum ersten Mal begegnet bin. Das heißt: Ich vermute, es handelt sich um eine Neuerscheinung auf der deutschen Hochsprachbühne. "Drahtzieher“, "Hintermann“ (meist in der Mehrzahl als "Hintermänner“ verwendet) hat es stets im Überfluss gegeben. Aber "Strippenzieher“. Dieses Wort hielt sich – zumindest mir gegenüber – lange versteckt: Es steht in keinen meiner Lexiken mit Ausnahme des neuen "Duden“ (2006).

Auch durchs Googeln, habe ich im Informationsozean des Internets nichts über die Geschichte dieses Wortes entdecken können. Unter diesem Stichwort lässt sich alles Mögliche finden, nur nicht eine Etymologie dieses Begriffs.

Umso mehr vermute ich, dass es sich hier um ein Wort ursprünglich beschränkter geographischer Ausdehnung handelt, das fast lautlos im großen Sprachreservoir aufgetaucht ist. Sicherlich könnte man eine Doktorarbeit darüber schreiben, wenn man die lange Reise des "Strippenziehers“ detailliert erläutern könnte.

Die "Strippe“ sei jedenfalls – so "Kluge“ ("Etymologisches Wörterbuch“) – in der Gegend um Berlin heimisch und bedeute "Schnur“ oder "Riemen“ – offenbar ein Derivat des niederdeutschen "Struppe“, was mich übrigens an das Englische "strap“ ("Riemen“) erinnert. Ich schätze, dass der "Strippenzieher“ im Sinn von "Drahtzieher“ lange am Kiez im Gebrauch war, bevor es die Hochsprache erreichte. Ich wäre dankbar, wenn mir ein(e) Berliner(in) dies konstatieren könnte.

Ganz anders "Drahtzieher“ in der Bedeutung von "Hintermann“: Man kann diese Vokabel bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Ursprünglich bezog sich der "Drahtzieher“ auf einen Puppenspieler. Er war derjenige, der sich im Hintergrund aufhielt und seine Marionetten in Bewegung setzte. Es ist naheliegend, dass jemand auf die Idee kam, aus dem Puppenspieler einen "Hintermann“ zu machen.

Und dann ist es eines Tages passiert. Auf welchen Weg auch immer: Der "Strippenzieher“ überquerte die Mark-Brandenburg-Grenze – mündlich oder schriftlich und machte von sich bald reden und hören. Wann dies geschah, vermag ich nicht zu sagen. Ich vermute aber, dass es nicht so lange her war, sonst wäre das Wort längst in den Lexiken zu finden. Mittlerweile ist der "Strippenzieher“ ein fixer Bestandteil der Hochsprache geworden.

Wie gesagt, es handelt sich nur um eine Theorie. Sie besticht aber.

Übrigens: Ich habe während meiner Suche nach dem "Strippenzieher“ erfahren, dass "Draht“ früher den Sinn von "Geldmünze“ hatte. Um das Jahr 1800 bezog sich das "drahtziehen“ nicht nur auf das Spiel mit Marionetten. Es hatte ebenfalls den Sinn von "geldbetteln“. Dass "Draht“ "Münze“ bedeutet, ist irgendwie nachvollziehbar. Der metallene Rohstoff, aus dem Münzen produziert werden – ob Gold, Silber oder Kupfer – wurde in Form von Drahtrollen gelagert. Man lernt nie aus.

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