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Washoe und Franzl

Eben erreicht mich die Nachricht, dass Washoe tot ist. Wissen Sie, wer Washoe war? Dieses Schimpansenweibchen, um 1965 in Afrika geboren, war seit 1980 die Nummer eins an der Central Washington Universität im US-Bundesstaat Washingon.

Washoe wurde wegen ihrer Fähigkeit, 250 englische Vokabel durch eine Gestensprache, "American Sign Language“, zu gebrauchen, weltbekannt – ein Talent, das sie mit einigen wenigen "sprechenden“ Primaten teilte, zum Beispiel mit Koko, der Gorillendame, der ich bereits einmal wegen ihres Könnens auf diesem Gebiet eine Glosse gewidmet habe. Koko verfügt sogar über einen vielfach größeren Wortschatz als Washoe es tat.

Während ich diese Zeilen schreibe, fällt mir ein, dass erst vor wenigen Wochen auch Alex, der clevere Papagei, verendet ist. Alex konnte zählen, Farben auseinanderhalten, seine Wünsche nach Befriedigung artikulieren und seine unausstehbare Patzigkeit zum Ausdruck bringen. Anders als Washoe, der Gesten verwendete, um sich zu verständigen, war Alex ein richtiges sprechendes Tier – auf Papageienart, versteht sich.

Als ich gestern bei CNN von Washoes Ableben erfuhr, fiel mir ein, dass ich vor vielen Jahren einmal einen bösen Brief von Washoes Betreuer Roger Fouts erhalten hatte. Damals hatte ich einen Artikel über "sprechende“ Primaten geschrieben und mein Bedenken geäußert, ob es wirklich eine so große Errungenschaft der Wissenschaft sei, dass manche Tiere eine Anzahl Begriffe der Menschensprache mitzuteilen vermögen. Um meinen Text zu illustrieren, hatte die Redaktion den Washoe-Betreuer Fouts um Bilder gebeten. Er verweigerte die Herausgabe der Bilder, weil er meinen Text für sensationslustig hielt. So habe ich diesen Vorfall jedenfalls in Erinnerung, vielleicht war das alles auch ein bisschen anders. Ich erinnere mich dennoch, dass ich ihm einen unfreundlichen Brief zurückgeschrieben habe, in dem ich noch betonter meinen Zweifel an dem Wert der Sprachübungen mit Primaten mitteilte. Zudem kritisierte ich die Tatsache, dass es – zumindest damals – wir schreiben das Ende der 80er Jahre – einen regelrechten Handel mit Schimpansen gebe und dass etwa 25% der aus Afrika importierten Tiere während des Transports verendeten. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob wir die Bilder bekommen haben oder nicht.

Der Tod Washoes erweckt das Befürfnis, noch einmal die Frage zu stellen: Wozu brauchen Affen Menschensprachkenntnisse? Die Forscher behaupten selbstverständlich, dass man anhand solcher Experimente viel über die Evolution unserer eigenen Sprachfähigkeit erfahre.

Ich bleibe trotzdem skeptisch und wiederhole, was ich immer gemeint habe: Affen haben kein Bedürfnis, unsere Sprache zu erlernen. Und zwar aus einem einfachen Grund: Sie haben einander wenig zu erzählen. Fakt ist: Affen leben streng hierarchisch miteinander. Jeder kennt seine Rolle. Es gibt nichts zu diskutieren.

Prompt fällt mir Franzl ein. Er war das allseits beliebte Alphatier unter den Schimpansen des Tierparks Hellabrunn in München. Vor zwei Wochen hechtete Franzl, vermutlich auf Entdeckungsreise, über einen elektrischen Zaun und landete unverrichteter Dinge in einem tiefen Wassergraben, wo er ertrank.

Hahn-im-Korb Franzl starb mit 22 Jahren ohne die „Sprachfähigkeit“ einer Washoe. Er galt dennoch – zumindest für seine Bedürfnisse – als redseliges Wesen. Seine "Patin“ Christel Güthling erzählte der Münchner Abendzeitung einst: "Der Franzl flirtet gern. Dann macht er so einen bestimmten Zungenschnalzer.“ Wozu braucht ein Affe eine künstliche Sprache, frage ich, wenn er so überzeugend mit der Zunge schnalzen kann? Außerdem berichtete Frau Güthling, "Wenn ich gehe, klatscht er oft in die Hände: Das heißt, dass ich dableiben soll.“ Diese Geste hat Franzl wohl von keinem Menschen gelernt. Sie kam ihm im wahrsten Sinn aus dem Bauch.

Naturforscherin Jane Goodall hat vor vielen Jahren das Verhalten von Schimpansen im Freien akribisch beobachtet. Was sie in ihrem faszinierenden Buch zum Thema (den Titel habe ich leider vergessen) veranschaulicht, sind, unter anderen, Grundzüge einer unverfälschten Primatensprache. Meiner Meinung nach erfährt man in Goodalls Buch mehr über die Wurzeln der menschlichen Sprachfähigkeit als durch jegliches Experiment mit Gestennachäffenden Tieren. Washoe ade.

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