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Die "Antisprache"

Als Kind habe ich meinen älteren Bruder beneidet.

Ich hatte in einem Buch, ich weiß nicht mehr welches, über die verschiedenen Zeitalter der Menschheit gelesen. Sie wissen schon: Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit...Es ging aber viel weiter: Vom späten 18. Jahrhundert bis 1896, so erfuhr ich, habe man im Dampfmaschinenzeitalter gelebt. Ab 1896 – nachdem Henry Ford seinen ersten Benziner vorgestellt hatte (das Buch wurde wohl für amerikanische Kinder geschrieben, die Herren Daimler und Benz kamen drin nicht vor), – habe das Zeitalter des Benzinmotors begonnen. Ab 1945 sei das atomarische Zeitalter angebrochen.

Ich habe meinen Bruder beneidet, weil er noch im Zeitalter des Benzinmotors gelebt hat. Er hat also die frische Luft einer vergangenen Lebensart noch einatmen können. Auch ich wünschte, ich hätte damit prahlen können, ein Mensch eines untergangenen Zeitalters gewesen zu sein.

Heute habe ich dieses Bedürfnis nicht mehr. Ich bin längst ein Relikt mehrerer vergangenen Zeitalter geworden – erst recht, gemessen an der heutigen Zeit, weil ich viele Jahre vor der Informationsrevolution bei Bewusstsein war. Zugegeben, ich habe mir meinen ersten Computer schon 1984 gekauft. Damals betrachteten wir Käufer unsere Computer nur als kluge Schreibmaschinen. Dass man mit dem Rechner über die Telefonleitungen mit anderen Rechnern "reden“ konnte, war jenseits meiner Vorstellungen und meines Interesses – obwohl mir ein Freund damals sein "Modem“ vorgeführt hatte. Spielerei, dachte ich.

Bis heute bin ich – trotz Vernetzung – gewissermaßen ein Mensch eines anderen Zeitalters geblieben. Dass ich ausgerechnet Sprachbloggeur geworden bin, ändert nichts an der Tatsache. Denn so sehr ich im Internet schriftstellerisch tätig bin, verhalte ich mich noch immer, als würde ich Texte für die "Printmedien“ (um dies Neudeutsch auszudrücken) schreiben. Aus diesem Grund habe ich mir nur äußerst selten der üblichen Vorteile des Internets bedient wie andere, smartere "Blogger“ es tun. Man findet bei mir– zumindest bis jetzt – keine Bilder, keine direkten "Links“ und erst recht keinen Gebrauch der "Trackbacks“-Funktion.

Dies nur zur Einführung, um Ihnen von einer Entdeckung zu erzählen, die ich gestern gemacht habe: Es geht um die "Trackbacks“. Ganz zufällig stieß ich auf Seltsames bei der Überschrift "Trackbacks“, als ich nach einem früheren Beitrag dieses Blogs suchte. Bis dahin war mir das Wort "Trackback“ kaum ein Begriff. Ich habe es geflissentlich ignoriert. Was ich entdeckte aber, waren "Trackback-Links“, die mit absurden Titeln versehen waren. Etwa: "Daytona Beach Real Estate“, "Non-nude-pic“, "Cool Daddy“, "Birthday Spanking“, "chiang hotel rai“ usw. Unter diesen merkwürdigen Überschriften fand ich stets den gleichen Text: "shit-happens 621249“. Ich rätselte, was alldies zu bedeuten hätte.

Ganz hilflos bin ich aber nicht, auch wenn ich vor 1984 gelebt habe. Ich googelte nach der Definition von Begriffen wie "Trackbacks“ und "Backlinks“, um mich in den Stoff ein bisschen zu vertiefen. Solche Wörter zählen übrigens meiner Meinung nach weder zum englischen, denglischen noch zum deutschen Wortschatz. Sie sind reinste Maschinensprache, so überregional und esoterisch wie der Glaube an Gott.

Doch endlich wurde ich fündig: Diese lange Liste von Belanglosigkeiten, die ich in der "Trackback“-Funktion meines Blogbeitrags entdeckt habe, heißt in der kalten Maschinensprache "Referrer-Spam“, zu Deutsch in etwa "Verweisungsunfug“. Bei „Wikipedia“ konnte ich mich gründlich darüber informieren. "Referrer-Spamming“ sei eine Art "Suchmaschinen-Spamming“, so erfuhr ich. Das heißt: "Spammer“, die sich in dieser Praxis verbissen haben, dichten absurde Fantasielinks im "Trackback“ eines Blogs, die nichts mit dem Inhalt des Blogs zu tun haben. Manchmal führe dieser Nonsense dazu, dass Menschen, die nach einem bestimmten Begriff in einer Suchmaschine wie Google forschen – zum Beispiel nach "non-nude-pic“, oder "Cool Daddy“ – versehentlich einen Blog anklicken. Damit wird die statistische Erfassung des Blogs durcheinander gebracht, und der Suchmaschinensuchende wird ebenfalls frustriert. Mit anderen Worten: eine völlig überflüssige und destruktive Tätigkeit.

Eigentlich erzähle ich nur von einer kleinen Irritation. Dafür aber bietet das "Referrer-Spamming“ ein wunderbares Beispiel für die "Antisprache“. "Antisprache“? Das ist – nach meiner Definition – der Gebrauch von Wörtern mit dem Zweck NICHT zu kommunizieren. Ich würde gerne mit meinem lieben "Referrer-Spammer“ persönlich reden, um besser zu verstehen, warum er das Bedürfnis hat, meinen Blog mit "Antisprache“ zu vermüllen. Wenn er sich melden würde, um mit mir aus dem Nähkästchen zu plaudern, wäre ich ihm sehr verbunden, und ich würde seinen Mut zu respektieren wissen.

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