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Heute: ein Blick hinter die Maske

Kennen Sie die schöne Redewendung "bad hair day“? Sie ist zwar reines Englisch, lässt sich dennoch 22.000 Mal – nach Google – auf deutschsprachigen Webseiten belegen. Es ist nur eine Frage der Zeit, so denke ich, bis eine elegante deutsche Übertragung in Umgang kommen wird, so wie einst aus "le dernier cri“ "der letzte Schrei“ entstanden ist. "Schlechtehaaretag“ oder „Schlechthaartag“ überzeugen nicht ganz. Das Englische klingt in meinen Ohren anarchischer, ironischer. Vielleicht haben Sie Vorschläge?

"Bad hair day“ gewinnt täglich an Terrain, weil dieses Idiom in knappen Worten ein sehr verbreitetes Problem anspricht: An manchen Tagen steht man auf, schaut in den Spiegel und stellt entsetzt fest, die eigene Frisur ist zu einer Erzfeindin geworden, man kann mit ihr nichts anfangen. Sie beleidigt das positive Selbstbild so sehr, dass man sich wieder hinlegen möchte. Auch wenn dieses Problem sicherlich wetterbedingt ist, reicht der Anblick im Spiegel, um einen schrecklichen Missmut auszulösen.

Klar, dass diese Redewendung auch im übertragenen Sinn verwendet wird, um jene rabenschwarzen Tage zu beschreiben, wenn einem so gut wie gar nichts gelingt.

So einen Tag hatte ich nämlich vorgestern. Ich stand unter Termindruck, das Telefon klingelte ununterbrochen, ebenso klingelte es ständig an der Tür: Einer wollte Werbung in die Briefkasten werfen, einige Nachbarn zogen mich ins Gespräch, um über das Problem des schlechten Fernsehempfangs zu reden usw. Nach der Arbeit hastete ich dann schnell in die Stadt, um mir eine neue Schreibtischlampe zu kaufen, die alte hatte vor ein paar Tagen das Zeitliche gesegnet. Ich schleppte den schweren Karton nach Hause, nur um an der Montage zu scheitern.

Sicherlich kennen Sie auch solche haarigen Untage.

Gestern war bei mir, Gott sei dank, etwas Ruhe wieder eingekehrt. Nicht aber lange. Der nächste Streich folgte sogleich: Denn nun brach der Wortfummeltag an. Diesen Begriff habe ich soeben erfunden, weil ich mir sonst nicht zu helfen wüsste, dieses grausame Phänomen zu veranschaulichen: Es sind die Tage, an denen ich sehr darunter leide, zwischen zwei Sprachen zu leben. Ich weiß nicht, wie es passiert, aber plötzlich wollen die Synapsen nicht so richtig funktionieren – mit dem Resultat, dass bei mir große Vokabellücken zum Vorschein treten. So, zum Beispiel, war ich gestern nicht in der Lage das Wort "Schreiner“ zu finden, als ich mit meiner Nachbarin über Wohnungstüren sprach. "Sie wissen schon“, sagte ich, "nicht Zimmermann meine ich, ahhh…sondern denjenigen, der ja Dinge aus Holz macht…“

"Sie meinen ‚Schreiner’“ antwortete die Nachbarin langsam und geduldig – und vielleicht ein bisschen mitleidig.

"Ja genau, Schreiner“, sagte ich erleichtert und war wahnsinnig irritiert. Wie sagt man so schön? Herr Alzheimer lässt grüßen. Im Englischen nennt man eine solche Situation einen "senior moment“.

Tja. Das ist wohl der Preis, den man zahlt, wenn man zwischen den Sprachen lebt. Manche mehrsprachige Menschen haben dieses Problem allerdings nicht. Mir ergeht es manchmal aber ebenso im Englischen. Das Deutsche sitzt in solchen Augenblicken so fest im Hirn, dass ich mich außerstande finde, einen klaren englischen Satz hervorzubringen und bin – auch in der Muttersprache – genötigt, um den heißen Brei zu reden, wenn ich nur die einfachsten Dinge erzählen will. Mir fällt momentan – natürlich – kein Beispiel ein.

Aber jetzt habe ich Sie immerhin ein bisschen hinter die Maske des fließendschreibenden Wortschmieds blicken lassen. Sie sehen: Der Schein trügt schon wieder – wie halt so oft im Leben.

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