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Affe und Kind

Folgende Geschichte ist nicht gerade eine Weihnachtsgeschichte. Dafür ist sie zu traurig – aber interessant.

Sie erzählt von einem ehrgeizigen jungen amerikanischen Wissenschaftler namens Winthrop Niles Kellogg. 1930 wurde er Vater eines Sohns, Donald, und prompt hatte er die Idee, auch ein Schimpansenkind zu sich zu nehmen, um herauszufinden, was passiert, wenn ein Affenkind gleichberechtigt mit einem Menschenkind großgezogen wird.

Er nannte sein Projekt "Humanizing the Ape“ – den Affen vermenschlichen. Denn er war fest davon überzeugt, dass ein Affe, der die gleiche Fürsorge genoss wie ein Menschenkind, nur noch menschlicher werden könnte.

Zu diesem Zweck hat er im Juni 1931 ein Äffchen, Gua, vom Anthropoid Experiment Station in Orange Park, Bundesstaat-Florida ausgeliehen. Die putzige Gua war damals siebenundhalb Monate alt. Sohn Donald, nicht weniger putzig, war neun Monate alt.

Beide wurden in Zwillingslook angezogen, beide setzte man aufs Töpfchen, beide bekamen die Mahlzeiten im Kinderstuhl, sie lernten vom Glas zu trinken, mit einem Löffel zu essen. Beide trugen Schuhe, wurden gekitzelt, bespielt usw.

Währendessen setzte der kühle Winthrop Kellogg Söhnchen Donald und Pflegeäffchen Gua einer endlosen Reihe von Experimenten aus, um ihre Fähigkeiten wissenschaftlich zu prüfen, zu messen, zu vergleichen. Beispiel: Winthrop ließ einen Keks an einer Schnur von der Decke – außer Handreichweite – herunterbaumeln, um zu beobachten, wie sich Sohnemann und Ziehäffchen das Problem "Ich-will-Keks“ lösen würden. Donald ist leider nichts eingefallen. Gua rückte einen Stuhl unter den baumelnden Keks, kletterte darauf und holte sich den Keks. Kluges Äffchen.

Manche Expermente waren geradezu grausam – zumindest aus der Sicht eines jungen Lebens. dem Kind wie dem Affen wurde zum Beispiel ein Sack über den Kopf gestulpt, um ihre Orientierungsfähigkeit zu prüfen. Es gab oft viel Gejammer, viele Tränen – zumindest seitens des Menschenkinds. Winthrop war aber sehr kreativ, was das Ausdenken von Gemeinheiten betrifft – alles aber der Wissenschaft zuliebe.

Letztendlich ist der Affe Affe geblieben. Ein kluges Äffchen immerhin. Es trug Schuhe, konnte aufrecht gehen, aß mit einem Löffel und und und. Nur sein Verhalten war äffig geblieben. Und das Kind? Ja, das war die große Überraschung: Auch es wurde immer äffiger. Bald verwendete es kaum noch Menschensprache. Sein Wortschatz hatte sich nach neun Monaten mit Gua zusammen auf sechs Wörter reduziert. Fünfzig wären in diesem Alter normal gewesen. Donald grunzte und kreischte lieber, um seine Wünsche zu äußern. Er kaute an Schuhen und fasste Gegenstände im Mund wie ein apportierender Hund. Der Mensch hat den Affen nachgeäfft statt umgekehrt. Der Mensch war der bessere Nachäffer geworden.

Schlagartig brach Winthrop das Experiment ab. Gua kehrte zu den Artgenossen zurück, Donald ebenfalls. Ende der Geschichte? Leider nicht.

Und jetzt der traurige Schluss: Donald schaffte es in der Tat wieder Mensch zu werden, er hat sogar an der Harvard-Universität Medizin studiert und ist schließlich Psychiater geworden. Er war aber Zeit seines Lebens ein sehr depressiver Mensch . Anfang der 70er Jahre beging er Selbstmord. Und Gua? Nachdem sie zu den Affen zurückgekehrt war, konnte sie sich nicht mehr anpassen. Nach wenigen Wochen verendete sie.

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