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Des Sprachbloggeurs Neujahrsgruß

Was ist zum Jahresende passender als über die "Zeit“ nachzudenken – ein Wort, dass ursprünglich gar nichts mit einer Messung des Andauerns der Dinge zu tun hat? Zwar gibt es von alters her den Kalender. Die Babylonier, die Römer, die Azteken, die Stonehenge-Erbauer haben ihn sogar erstaunlich genau errechnen können. Ich erzähle Ihnen aber nichts Neues.

Doch die "Zeit“ selbst, zumindest als deutsches Wort, bezeichnete einst nur etwas Einfaches: einen Rhythmus, genauer gesagt, das regelmäßige Auf und Ab der Flut. "Gezeit“ sagt man immer noch oder nordeutsch (und englisch) "Tide“ ("tide"). Auch "time“ und lateinisch "tempus“ sind damit verwandt.

Hinter all diesen Begriffen steckt ein ursprachliches "ti“ im Sinn von "teilen“ und "einteilen“. Die Zeit ist also eine Art Einteilung.

Früher hat man die Tageszeit recht ungenau gemessen: Man schaute nach dem Wetter, nach der Flut, nach den Jahreszeiten, nach den Sternen, nach Sonne und Mond. Man war aber auf Exaktheit nicht angewiesen. "Nanosekunden“ gab es noch nicht.

Erst die Klöstermönche hatten das Bedürfnis, den Tag genauer einzuteilen, damit die Brüder die Messe zur richtigen Zeit lesen konnten. Die ersten Turmuhren läuteten aber lediglich die Stunden ein. "Stunde“ in den alten germanischen Sprachen hatten den Sinn von "Zeitabschnitt“. Es war jedenfalls kein so genauer Begriff. "Minuten“ gab es erst als ein kluger Uhrmacher dem Zifferblatt einen neuen Zeiger verpasste. Das lateinische „Minuta“ bezeichnet so etwas wie "Kleingehacktes“. Man hat die "Stunde“ zerkleinert, – doch noch nicht "auf die Sekunde“. Die ist eine Erfindung des 17. Jahrhunderts, eine Abkürzung des lateinischen "secunda pars“, d.h., "Teil zweiter Ordnung“, was nur bedeutet, dass diese Messung den Minuten untergeordnet war. Bevor die Uhrmacher des 17. Jahrhunderts dieser neuen, kurzen Messeinheit ihren Namen verliehen hatten, bezeichnete man eine winzig kleine Zeitdauer als einen "Augenblick“. Ein hübsches Wort, leider als Begriff der genauen Messbarkeit ungeeignet.

Über die Zeit zu schreiben macht mich jedenfalls nachdenklich. Denn mir fällt auf, dass wir mit ihr anders umgehen, je genauer wir sie in Bruchstücke einteilen können. Im Zeitalter der allgegenwärtigen Uhr, lebt man von Termin zu Termin, als Sklave der Uhrzeit. Immerhin kann man noch immer die Zeit "totschlagen“ und auch "verlieren“.

Das Jahresende ist aber die passende Zeit, Bilanz zu ziehen und auch über die vergangene Zeit zu sinnieren. Seit Januar 2007 habe ich etwa einhundert Sprachglossen gepostet. Glauben Sie mir: Das Schreiben hat mir großen Spaß gemacht – aber nur weil ich nie an die Zeit gedacht habe. Man schreibt am besten in der Zeitlosigkeit.

Eigentlich wollte ich Ihnen heute nur ein gutes und gesundes 2008 wünschen. Aber die Zeit hat gedrängt. Ich freue mich schon jetzt, das Rätsel namens Sprache mit Ihnen weiter zu erforschen. Prost Neujahr.

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