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Auch Sprayer sind Menschen

Sagt Ihnen "Kilroy was here“ etwas? Höchstwahrscheinlich nicht, wenn Sie ein gewisses Alter nicht überschritten haben.

Es handelt sich um einen der berühmtesten Graffiti ("Graffito“ in der Einzahl). Amerikanische GIs ("Government Issue“) zur Zeit des 2. Weltkriegs sind für die Verbreitung dieses Spruchs auf dem europäischen Festland verantwortlich. Überall, wo es möglich war, kratzten sie ihn mit Messer oder sonstigem Werkzeug oder schrieben sie ihn (damals gab es weder Spraydosen noch iPods noch Facebook) mit Bleistift, Wachscrayon usw. auf Oberflächen.

Bis heute streiten sich die Experten (auch auf diesem Gebiet gibt es Experten) darüber, wer dieser Kilroy war. Einer Variation zufolge hieß er James J. Kilroy und war Mitarbeiter der amerikanischen Großmanufaktur Bethlehem Steel. An allen Teilen, die er für die Firma angefertigt hatte, habe er als Nachweis für seinen Fleiß "Kilroy was here“ gekritzelt. Offenbar haben GIs, die früher bei Bethlehem Steel tätig waren, diesen lustigen Spruch des Mitarbeiters auf europäischem Boden verewigt.

Das ist, wie gesagt nur eine Version. Einer anderen zufolge geht der Spruch auf einen anderen GI namens Francis J. Kilroy zurück. Zur Zeit seiner Genesung in einem Militärkrankenhaus hätten seine Kameraden, so heißt es, "Kilroy will be here next week“ aufs schwarze Brett gekritzelt, um FJK aufzumuntern. In abgewandelter Form sei der Spruch dann nach Europa gekommen.

Im Grunde weiß man aber nicht, ob es Kilroy wirklich gegeben hat oder ob der Name eine Zufallserfindung war. Der Spruch mit seinem Namen wurde aber – bis in die 60er Jahre – millionenfach und weltweit von jungen amerikanischen Touristen auf Monumente geschmiert. Heute klingt er etwas altbacken.

Mir kam "Kilroy was here“ letzte Woche in den Sinn, als ich während eines Spaziergangs in meinem "Hood“ (für Nichtkenner heißt das "Nachbarschaft“) folgenden Graffito entdeckt habe: "Ich spaye, also bin ich“. Sieht man großzügigerweise vom Rechtschreibfehler des hastigen, anonymen Sprayers ab, hatte er uns, meines Erachtens, eine wichtige Botschaft hinterlassen: Er hat den ganzen Sinn des Sprayens auf den Punkt gebracht. Es geht hier um das dringende Bedürfnis, die eigene Existenz durch die Schriftsprache zur Schau zu stellen und bestätigt zu sehen.

Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts sind besonders üppige Schmierereien groß in Mode gekommen. Damals war vor allem die New Yorker U-Bahn zum bunten Träger exotischer Unterschriften und Namen geworden. Diese Mode erreichte alsbald auch Europa . Ich erzähle Ihnen bestimmt nichts Neues.

Doch nicht von ungefähr begann dieses neue Zeitalter der Graffiti zu diesem Zeitpunkt: Denn damals lehrte die Allgegenwart des Fernsehens immer nachdrücklicher, dass jeder das Recht und die Pflicht auf Renommee hatte. Andy Warhols "15 Minuten der Berühmtheit“ stammen termingerecht aus dieser Zeit. Was sind Graffiti? Es sind geschriebene Zauberwörter, die einen berühmt machen sollen.

"Prominente“ beglücken uns mit ihren Autogrammen. Graffiti sind die Autogramme der unsichtbaren Massen, die auch mal gerne prominent wären.

Jawohl, liebe Leser, liebe Leserinnen, ich habe ein Herz für Sprayer. Nur um eins bitte ich: Bitte nicht auf meine Wand.

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