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Tom Cruise und die "Charme-Offensive"

Ich weiß nicht, was Sie von Tom Cruise halten. Wenn ich eine Tochter hätte und sie mir einen neuen Freund vorstellte, der ausähe wie Tom Cruise, würde ich spontan denken: netter junger Mann.

In jüngster Zeit ist Tom Cruise viel ins Gerede gekommen, nicht nur weil er den Hitlergegner Graf von Stauffenberg in einem neuen Hollywoodstreifen mimt, sondern auch wegen seiner Mitgliedschaft in der Scientology-Bewegung.

Für all jene, die die letzten Jahrzehnte zufälligerweise verschlafen haben, hier in aller Kürze ein Vademecum über die Scientology, die Anfang der 50er Jahre vom Science-Fiction-Schriftsteller L. Ron Hubbard aus der Taufe gehoben wurde. Die Organisation, heute gilt sie amtlich als Kirche, verspricht ihren Anhängern mittels Kursen und sonstiger Techniken eine Läuterung. Man wird, wie es bei den Scientologen heißt, zum "Clear“. In Deutschland gelten die Methoden der Scientology – wörtlich: "Wissenschaftskunde“ – als antidemokratisch. Darüber zu spekulieren ist nicht mein Thema.

Mir fallen Tom Cruise und die Scientology heute ein, weil ich in einem Zeitungsartikel über den Schauspieler und seine Religion auf ein Fremdwort gestoßen bin, das sich, so scheint es mir, erst seit kurzer Zeit in der deutschen Sprache heimisch gemacht hat: "Charme-Offensive“. Es geht hier – wie so oft – um einen Amerikanismus ("charm offensive“), der eine Sache so sehr auf den Punkt bringt, dass man ihn gleich verdeutschen will. Wobei es sich mitnichten um einen neuen Begriff handelt. "Charme-Offensive“ wurde bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in den USA gebraucht.

In den Zeitungen wird über Tom Cruise gemunkelt, dass seine Rolle als Graf von Stauffenberg seitens der Scientology Teil einer "Charme-Offensive“ sei: Indem der Filmstar einen Helden der Antinazibewegung spiele, versuche er in Deutschland das angeschlagene Image seiner Kirche aufzupolieren. Das gleiche Wort entdeckte ich übrigens in Zusammenhang mit einem neuerlichen Wirbel in Österreich. Nachdem sich eine dortige Politikerin abschätzig über Muhammed geäußert habe, so heißt es, wollten Muslime im Nachbarstaat eine "Charme-Offensive“ starten.

Verwandt mit der "Charme-Offensive“ ist übrigens das "love-bombing“ ("Liebesbombardement“). Nach Auskunft der "Münchener Abendzeitung" handelt es sich hier um einen wahren terminus technicus aus dem Scientology-Wortschatz.

Tom Cruise wird in jüngster Zeit in der deutschen Boulevardpresse des öfteren mit Goebbels verglichen. Ich halte den Vergleich für missraten. Denn: Hätte ich eine Tochter, die einen Goebbels mit nach Hause schleppte, würde ich mir auf der Stelle ernsthafte Sorgen machen. (Vor vielen Jahren sagte mir eine ältere Dame: "Eins muss man Herrn Dr. Goebbels lassen, er war sehr intelligent.“)

Wie dem auch sei. "Love Bombing“, "Charme-Offensiven“ und dergleichen sind letztendlich Mittel der Propaganda, und Propaganda ist ohne Zweifel ein Missbrauch von Sprache. Freilich: Propaganda ist weder die Erfindung von Liebesbombern noch "intelligenten“ Nazis. Man weiß über Hitler, der nicht zu den hellsten Köpfen zählte, dass er amerikanische Werbungstechniken studierte, um eigene Techniken der Propaganda zu verfeinern. Daran zweifele ich nicht. Hier ein Zitat aus "The Advertiser’s Handbook“ ("Handbuch für Werbungstreibende“), 1922 erschienen: "Es gilt als absolut sicher: Die wirksamste Werbung geht mit einem Wissen einher darüber, wie man einen Menschen mit Hilfe von seinen Pflichtgefühlen, seiner Eitelkeit, Neugier, Angst, Hoffnung, seinem Mitleid…beeinflusst.“

Jeder, der Propaganda macht, egal was er verkaufen will, hat dieses Prinzip ganz sicher verinnerlicht. Die Sprache bleibt nach wie vor das bewährteste Mittel, die Botschaft der Werbung an den Mann, bzw., an die Frau, zu bringen.

Ende meiner Charme-Offensive.

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