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Die Erfindung der Unsprache

Kennen Sie Jenna McCullough? Oder vielleicht Bobby Koehler oder Judson Alfaro, Neda Johnston, Juanita Betts? Ich nicht. Diese machen nur eine kleine Auswahl der Namen aus, die im Absender meiner täglichen Spams stehen. Manchmal frage ich mich, wer diese Menschen sind, bzw., ob es sie überhaupt gibt. Oft werden diese oder ähnliche Alltags- oder nicht so ganz alltägliche Namen an eine absurde Absenderadresse brxxdr@fnyxzdsz punkt com oder so angehängt. Sicherlich erzähle ich Ihnen nichts Neues.

Einen Namen hat jeder. So war es schon immer. Und normalerweise haben Namen zwei Hauptaufgaben: Sie sollen einen Mitmenschen auf einer persönlichen und familiären Ebene kenntlich machen. In manchen Kulturen wird anhand des Namens auch auf die Stammeszugehörigkeit hingewiesen. Abdullah ibn Hussein al-Hashemi – so heißt der jordanische König Abdullah vollständig – ist der Sohn ("ibn“) von Hussein und zählt zum Stamm der Hashemi. Ein Name soll auf jeden Fall ein Informationsträger sein. Auf dem Sockel des längst verschollenen Zeusstandbildes in Olympia hatte der Bildhauer seine Identität unmissverständlich eingraviert: Phidias Sohn des Charmides. Damit sollte jeder wissen, um wen es sich handelte.

Bis heute werden wir von diesem Erkennungssystem geprägt. Ohne Namen gäbe es kein Kreisverwaltungsreferat.

Im Zeitalter des Internets ist alles plötzlich ganz anders geworden. Vielleicht gibt es tatsächlich eine "Jenna McCullough“ oder einen (eine?) "Bobby Koehler“, einen "Judson Alfaro“ usw. Doch wenn schon, ich bin fast sicher, dass keiner von diesen Menschen mir willentlich eine Mail geschickt hat, um mir Viagra zu verkaufen oder um gegen Geld die Dimensionen meines "besten Stücks“, wie man sagt, zu meinem Vorteil zu verändern.

Nein, es sind Namen im Leerlauf. Vermutlich handelt es sich, wenn diese Identitäten nicht gerade aus dem Hut gezogen worden sind, um "Cybermulis“. "Mulis“ (englisch "Mules") nennt man jene armseligen Wesen, die im Auftrag skrupelloser Drogenhändler Kondome voll mit Kokain oder Heroin schlucken, um Rauschgift über internationale Grenzen zu schmuggeln. Falls das Kondom platzt, sind die Konsequenzen häufig fatal.

Im Internetzeitalter wirft das "Muli-tum“ aber neue, exotische Blüten. Mit Hilfe eines "Wurms“ oder "Trojaners“ nehmen Spamtreiber fremde Rechner im Besitz und versehen sie mit einem "Bot“ (d.h., "Programm“ – kurz für "Roboter“). Der Rechner von "Bobby“, "Judson“ und Co. wird dann offiziell zu einem "Spambot“, das heißt, zu einem Rechner, der – ohne es zu wissen – Mengen von Spams durch die Welt versendet.

Doch im Cyberspace führen Namen auch aus anderen Gründen ins Leere. Mit der eigenen Identität Versteck zu spielen, ist längst zum Normalfall geworden. Denn die Sichtbarkeit des Netzes erfordert, dass man stets gegen Unbekannte auf der Hut bleibt. Mitunter fürchtet man sich vor dem "Identity theft“ ("Identitätsklau“): Unholde kapern die Identität eines anderen Menschen, um sein Bankkonto zu leeren – oder um in seinem Namen Spams zu verschicken. Das Internet ist längst zu einem endlosen Karneval geworden. Fast jeder ist maskiert. Mittlerweile kann auch der Lustmolch nicht mehr sicher sein, dass er selbst einem Lustmolch zum Opfer gefallen ist.

Stellen Sie sich eine Sprache vor, in der kein Wort einen erkennbaren Sinn ergibt. Ban snipper pluteb drakni flut? Zu Deutsch: Würden Sie gerne in so einer Welt leben? Diese kleine Sprachprobe habe ich gerade erfunden. Andere Dialekte sind aber schon lange zur Handelssprache im Internet geworden.

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