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„Lockdown“ endlich verständlich gemacht!

Wer hat beschlossen, dass der „Lockdown“ ein Mann ist? Sie wissen, was ich meine.

Okay, schon möglich, dass ich eine dumme Frage stelle. Aber ich bin schließlich Migrantler, für den die dt. Sprache fremd ist! Wohingegen der „Lockdown“ und ich viel Gemeinsames haben. Wir sind nämlich Landsleute.

Das nur zur Einführung, und jetzt zum Erbaulichen…

„Lockdown“ ist ein relativ neuer Begriff in der amer. Sprache. In meinem dicken Webster’s Random House Wörterbuch von 1980 wird er nirgends erwähnt. Fakt ist: Er wird zum ersten Mal vor ca. 45 Jahren belegt – und zwar als Gefängnis-Terminus. Ein „Lockdown“ beschreibt den Zustand, wenn Häftlinge als Straf- bzw. Vorsichtsmaßnahme in ihren Zellen zwangseingesperrt werden. Das war aber nur der Anfang. Irgendwann ist der Funke übergesprungen. Heute wird das Wort für jede Art Zwangseinweisung verwendet.

Jetzt haben Sie was Neues gelernt. Und es ist ebenso nicht zu leugnen, dass man sich während des Lockdowns in anno Coronae I manchmal wirklich wie im Gefängnis fühlt. Noch schlimmer ist die Situation in Belgien, Frankreich, Spanien und Italien.

Aber zurück zum Sprachlichen: Nachdem die Amerikaner (wohl Journalisten) im März den Begriff aus der Wortschatzsparbüchse holten, um das Herunterfahren des öffentlichen Lebens zu schildern, verliebten sich auch manche Deutsche – wohl Journalisten oder Politiker – in die Griffigkeit des Begriffs und lud ihn nach Deutschland ein. (Nicht übrigens die Franzosen. Sie sagen „reconfinement“). Im Nu wurde er zu einem Vokabelpopstar und bekam reibungslos einen der begehrten Aufenthaltstitel, die sich so viele Migranten und Flüchtlinge wünschen! Die Einbürgerung ist nur eine Frage der Zeit.

Doch jetzt das Technische: Wie alles, das in Deutschland das Wohnrecht erwirbt, bedurfte auch „Lockdown“ eines Artikels, also ein der, die oder das, um hierzulande heimisch zu werden. Denn ohne Artikel wird man nie zum Deutschen. Das weiß jeder.

Ich, zum Beispiel, als ich vor vielen Jahren nach Deutschland kam, bekam am Flughafen in Frankfurt ein „der“ ausgehändigt. Und siehe da! Auf einmal sagten alle, wenn sie über mich redeten „der PJ“ bzw. „der Blumenthal“.

Genau dies ist dem Lockdown widerfahren.

Nur: Ich frage mich – vielleicht weil ich kein dt. Muttersprachler bin: Warum sagt man „der“ und nicht „die“ oder „das“ Lockdown?

Oder ich werde mich jetzt ganz anders ausdrücken: Wer genau hat „Lockdown“ zu einem „der“ erklärt? Das Kreisverwaltungsreferat? Ein Zollbeamter? Sorry. Ich muss hier meine Ratlosigkeit eingestehen.

Als ich neulich meiner Frau diese Frage stellte, sagte sie spontan: „Natürlich heißt es der Lockdown. Alles sonst klingt falsch! Die Lockdown hört sich schrecklich an. Das Lockdown wäre – vielleicht – möglich. Aber trotzdem ist es nicht sehr überzeugend.“

Gleiche Antwort habe ich auch von anderen bekommen.

Auch beim Vorsitzenden Google habe ich mich erkundigt. Meinen Sie, er konnte meine Frage beantworten? Fehlanzeige. Der weiß es auch nicht!

Was ich damit sagen will: Das Beispiel „Lockdown“ zeigt, dass hier Mysteriöses am Werk ist. C.G. Jung (können Sie sich an ihn erinnern?) hätte dieses „der“ vielleicht als Phänomen des „kollektiven Unterbewusstseins“ dargestellt. Will sagen: als hätten sich alle Deutschsprachige an einem gemeinsamen Projekt namens „deutsche Sprache“ zusammengetan, um eine kollektive Entscheidung zu treffen. Zugegeben: Das klingt irgendwie pathetisch, doch haben Sie vielleicht eine bessere Erklärung?

Ach, nur nebenbei: Es gibt auf Englisch nicht nur einen „Lockdown“, sondern auch einen „Lockup“. Letzteres findet statt, wenn man als Verbrecher eingekerkert wird. Das ist aber nicht das gleiche wie ein Lockdown, wo kollektiv eingesperrt wird. 2016 schwadronierte Donald Trump gegen seine Wahlkonkurrentin Hillary Clinton mit der Losung: „Lock her up, lock her up“.

Das mit „up“ und „down“ kann für Nichtmuttersprachler manchmal so verwirrend sein wie für uns das der/die/das im Deutschen. Beispiel: Man sagt „I cut the tree down and then I cut it up.” Oder “shut down” und „shut up“. Fragen Sie Vorsitzenden Google. Er wird’s Ihnen erläutern.

Ja, und noch etwas: Warum muss es unbedingt „Lockdown“ heißen? Gibt es kein dt. Wort für dieses Phänomen? Wenn Sie mich fragen, gäbe genügend Alternative. „Ausgangssperre“, z.B. (Oder vielleicht doch nicht. Denn manchmal darf man beim Lockdown raus aber nicht rein, während bei der Ausgangssperre man lediglich nicht raus darf). Oder „Abriegelung“. Hmm. Gar nicht schlecht. Leider nur ein bisschen lang. Oder wie wäre es mit „Sperrmodus“? Ja! „Sperrmodus“! Der klingt pfiffig…oder!? Und sooo modern auch!

Kommentare

Hallo PJ, Genau über dieses Wort wollte ich mich auch mal auslassen, das kann ich mir jetzt sparen, danke! Nur eines noch: es ist interessant zu sehen, wie Anfang des Jahres noch überwiegend das deutsche Wort "Ausgangssperre" in den Medien genutzt wurde und mittlerweile gar nicht mehr. Vielleicht aber auch deswegen, weil es nicht ganz zutreffend ist, wie Sie schreiben. Aber Sperrmodus passt doch gut. Den Artikel sollten die Medien mal lesen! Schöne Grüße gorg

Gorg. Danke Dir für die Blumen; ich bin aber der Meinung, dass Du über dieses Thema bei Lustwort.de ebenso unbedingt schreiben müsstest. Jedes Licht beleuchtet den Sachverhalt nur noch heller. Außerdem: Wozu warten, bis die Medien darüber schreiben? Auch wir sind die Medien! Viele schöne Grüße PJ

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