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Sprechen Sie „Entfristung“?

Es kommt nur selten vor, dass ich auf eine deutsche Vokabel treffe, die ich nicht kenne, zumal ich so lange in Deutschland bin, dass ich bestimmt mehrmals jedem Wort dieser Sprache mindestens einmal über die Lippen gebracht habe. Darüber hinaus lese ich beinahe täglich Spiegelonline und auch die Münchener Abendzeitung.

Dennoch habe ich neulich ein mir unbekanntes Wort entdeckt. Noch überraschender: Ich verstehe dessen Sinn immer noch nicht. Meine Frage: Was ist mit „Entfristung“ gemeint?

Klar weiß ich, dass dt. Wörter, die mit „ent-“ anfangen, darauf hinweisen, dass etwas weggenommen oder abgezogen wird, und zwar vom Wortstamm, an den das „ent-“ hingehängt wird. Wenn etwas „entwickelt“ wird, ist mit dem Aufzuwickeln Schluss. Ist ja logisch. „Entschließt“ man sich zu etwas, geht das „Schließen“ zu Ende. Man ist für Neues…aufgeschlossen.

Notabene: „Entebbe“ ist ein Fremdwort und hat nix mit „Ebbe“ zu tun. „Entebbt“ man eine „Ebbe“, steht man in der Flut. Etwas „entsteht“, wenn es nicht mehr steht. Plötzlich gerät alles in Bewegung. Irgendwie ist das Prinzip nett.

Aber genug der Beispiele. Lieber wende ich mich jetzt dem eigentlichen Thema zu: die „Entfristung“. Das Wort gibt mir keine Ruhe. Es entruht mich.

Jeder weiß, was eine „Frist“ ist. Sogar ich. Ist der Frist einmal um, fängt der „Frust“ an. Verzeihung. Manchmal bin ich wie ein Kind. Ich spiele zwanghaft mit Worten, wie mit Legos, auch wenn das Ergebnis sinnlos ist. Schreiben ist ein Risikoberuf.

Aber das mit der „Entfristung“ hat einen ernsten Hintergrund…

Ich habe nämlich in den letzten Tagen viel über ein neues Vorhaben der Post erfahren, um sich unliebsamer Mitarbeitenden zu entledigen. Wenn ich die Sache richtig verstanden habe, will die Post all jene Mitarbeiter entlassen, die im Lauf von zwei Jahren mehr als zwanzig Tage krank waren.

Dieses Entlassen der Zustellenden wird offiziell als eine „Entfristung“ bezeichnet.

Bitte, liebe Deutschmuttersprachler, helfen Sie mir. Wie ist dieser Begriff zu deuten? Ich verstehe, dass die Post solche Mitarbeiter, die häufig krank sind, feuern will, was mich ohnehin nicht einleuchtet. Ich kenne meine Briefträger. Aber wieso nennt man das eine „Entfristung“. Mein Problem ist Folgendes: Wird etwas oder jemand „entfristet“, dann geh ich davon aus, dass vorher ein „Frist“ bestand. Doch dies scheint hier nicht der Fall zu sein. Hier geht es lediglich um das Entlassen von Mitarbeitern, die bisher offenbar einen „unbefristeten“ Vertrag hatten. Zu häufige Krankheit hätte also die Folge, dass dieser unbefristete Vertrag aufgelöst wird. Wenn es so ist, dann müsste man eigentlich sagen, dass der Vertrag solcher Mitarbeiter „entunbefristet“ wurde.

Oder?

Oder bedeutet „Frist“ und „Entfristen“ in diesem Zusammenhang etwas anders, als ich es mir vorstelle? Leider kann ich das nicht mit Sicherheit beurteilen. Ich habe nämlich einen Migrationshintergrund. Nebenbei: Ich habe im Duden nach der Bedeutung dieses Wortes gesucht. Doch auch die Duden Definition hat mich nicht weitergebracht. Denn dem Duden zufolge entsteht eine „Entfristung“, wenn eine „Befristung“ gelöst wird. So habe auch ich es mir eigentlich vorgestellt. Das wäre logisch.

Vielleicht kann mir jemand aus diesem arkanen Schlupfwinkel des deutschen Wortschatzes heraushelfen. Es bedarf eines Experten, und ich fürchte, dass meine Kenntnisse dieser mir fremden Sprache viel zu limitiert sind, um zu kapieren, warum eine „Entfristung“ irgendwie etwas damit zu tun hat, dass Postler, kein Recht haben, länger als 20 Tage innerhalb zwei Jahre krank zu sein.

Nebenbei: Dem Klugeschen etymologischen Wörterbuch zufolge weiß keiner, woher besagtes Wort „Frist“ kommt. Lediglich im Tocharischen finden die Sprachforscher eine ähnlich klingende Vokabel. Wer keine Kenntnisse des Tocharischen hat, der hat, so denk ich, schlechte Karten dieses Rätsel jemals zu lösen…

Kommentare

Lieber Sprachbloggeur, ich fürchte, Sie haben dieses Mal tatsächlich etwas falsch verstanden. Unter Entfristung in diesem Zusammenhang ist lediglich gemeint, dass Arbeitnehmer, die einen befristeten Arbeitsvertrag haben, nach Ablauf der Frist einen unbefristeten Vertrag erhalten. Das wäre dann die Entfristung. Die Post will nun diese Entfristung in bestimmten Fällen nicht mehr vornehmen. Also nicht jeder Postler, der zu lang krank ist, wird rausgeschmissen. Das verhindert schon das Arbeitsrecht. Das gilt nur für Leute mit befristetem Arbeitsvertrag. Wer zu lange krank ist wird nicht in eine normales Arbeitsverhältnis übernommen. Herzliche Grüße

Liebe Mizzi Quinto, danke für die Entwirrung des Wirrsals! Manches ist einfacher als man denkt! Trotzdem wäre ich von allein nicht darauf gekommen. Und nun wurde auch mein Nichtwissen entfristet. Ein befreiendes Gefühl. Viele herzliche Grüße PJB

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