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Die Geimpften und die Verungeimpften

„Die Ungarn werden das russische Vakzin verimpfen.“ Diese Nachricht habe ich letzte Woche vielleicht im Spiegel-Online gelesen. Schön für die Ungarn möchte man sagen. Denn Sputnik V, der russische Impfstoff, scheint wirklich ordentlich gegen Covid19 zu schützen.

Doch Hand aufs Herz. Haben Sie das Wort „verimpfen“ gekannt? Wahrscheinlich nicht. Auch mein Word-Programm reagiert verschnupft, wenn ich es schreibe. Ein roter „He!-ich-kenne-diese-Vokabel-nicht“-Strich erscheint unter dem Wort.

Mein Duden ist nicht weniger ahnungslos.

Mit gutem Grund: „Verimpfen“ existiert in der dt. Sprache nicht.
Oder sagen wir lieber: „Verimpfen“ existiert nicht mehr in der dt. Sprache. Denn wer im Grimmschen Wörterbuch, einem Werk des dem 19. Jhs., schmökert, stößt sehr wohl auf diese Vokabel.

Hier der Eintrag im O-Ton:

„VERIMPFEN verb. impfend verbrauchen: die vorräthige lymphe verimpfen, durch impfung übertragen, dann überhaupt übertragen: seinen hasz auf den sohn verimpfen.“

Schon im 19. Jh. also, konnte man in Deutschland eine „vorräthige Lymphe“ – gemeint ist wohl ein Impfstoff – verimpfen. Man konnte allerdings auch Hass und sonstige Ideen und Gefühle auf Beliebigen verimpfen, d.h. übertragen. Im letzteren Sinn ähnelt diese Vokabel das heutige „einimpfen“, das übrigens ebenfalls im Grimmschen Wörterbuch zu finden ist.

Warum will ich dies mitteilen? Ganz einfach: Ich will kundtun, was für ein Wunderwerk die dt. Sprache ist! Bedenken Sie: Sie sind noch nie mit dem Wort „verimpfen“ konfrontiert worden und wissen trotzdem, was gemeint ist, wenn Sie lesen, dass die Ungarn Sputnik V verimpfen.

Sprachwissenschaftler würden sagen, dass das Präfix „ver-“ noch produktiv ist. Das heißt: Man kann mit ihm jederzeit neue deutsche Wörter produzieren, und jeder wird sie verstehen. Sagte ich, z.B., dass der ehemalige US-Präsident seine Zeit „vertwittert“ hatte, verstünde jeder, was da gemeint ist.

By the way: Wissen Sie, woher dieses Wort „impfen“ kommt? Die Sache erfordert allerdings Kenntnisse über das Gesetz der faulen Zunge. Dieses Gesetz besagt, dass Wörter kein Genussmittel sind wie Schokolade oder Sorbet, die man gern auf der Zunge zergehen lässt. Wörter will man so schnell wie möglich konsumieren, um rasch zum nächsten zu gelangen.

Dieses Gesetz wirkt auch, wenn fremdsprachliche Begriffe verdeutscht werden. Man nimmt keine Rücksicht auf die ursprüngliche Aussprache.

Von den Römern lernten die Germanen die feine Kunst des Veredelns und Pfropfens von Obstgehölzen. „Imputare“ nannte die Römer diese botanische Technik. Das Wort war aber für die germanische Zunge zu umständlich. Daraus wurde „impfen“.

Nun wissen Sie mehr über dieses Thema als Sie jemals erhofft haben. Aber warum nicht? Während eines Lockdowns hat man Zeit.

Stellen Sie sich vor: Bald wird es die Geimpften und die Verungeimpften geben. Und eines Tages paff! Corona wird so plötzlich verschwinden, wie sie gekommen ist. Das war schon immer der Fall mit Pandemien.

Ach du lieber! Jetzt fällt mir ein: Ich wollte auch über „Vakzination“ und „Inokulierung“ erzählen, hab mich aber in der Verimpfung verfangen. Wahrhaftig: Es gibt auf dieser Welt so viel zu erklären!

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