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„Cancel Culture“ = „Kerkerkultur“ (s. unten)

Schon mal von der „Cancel Culture“ gehört? Mit Sicherheit. In diesem zu Neige gehenden Jahr ist ihre Wirkung fast so sehr in Erscheinung getreten wie das Coronavirus.

Falls Ihnen aber das Glück zuteilwurde, diesen Begriff irgendwie doch verpasst oder gar im Hirn „gecancelt“ zu haben, hier nun eine kurze Zusammenfassung:

Alles, was die „Cancelnden“ für politisch unkorrekt halten (ob Menschen oder Ideen), wird von ihnen für ungültig erklärt, und zwar mit dem Ziel das Störrische radikal aus dem historischen Bewusstsein – so weit wie möglich – zu löschen. Ein kleines Beispiel aus den USA: Eine Schule in San Francisco mit dem Namen „Abraham Lincoln High School“ wurde neuerdings umbenannt, weil besagter US-Präsident einmal renitente Native Americans (früher „Indianer“) hinrichten ließ. Auch George Washington und Thomas Jefferson, genauer gesagt, jene öffentlichen Monumente, die diese Figuren darstellen, werden von denselben Cancelnden verfemt, weil diese hist. Figuren Sklaven hielten.

Zugegeben. Menschen zu versklaven ist aus unserer heutigen Sicht (zumindest in Europa) nicht mehr zeitgemäß. (In Afrika ist die Praxis komischerweise noch verbreitet!). Auch Lincolns Hinrichtungen, die im Laufe eines großen Aufstands geschahen, wirken auf uns anders als in der damaligen Zeit. In zwischen hat sich die Gesetzgebung sogar verändert.

Auch in Deutschland fasst die „Cancel Culture“ zunehmend Fuß. Proteste, z.B., gegen AfD-Gründer Bernd Lücke (notabene ein Wirtschaftskonservative kein Nazi und längst Ex-Mitglied dieser Partei) finden statt, weil er seine Lehrertätigkeit wieder aufnehmen sollte. Thilo Sarrazin, rotes Tuch für diejenigen, die an eine aus humanitären Gründen uneingeschränkte Migration nach Deutschland glauben, gelingt es kaum an öffentlichen Debatten teilzunehmen. Inzwischen schielen manche hiesige „Cancelnde“ auf Bismarckmonumente – aus Gründen, die ich vergessen habe.

Ach ja: J.K. Rowling: Sie wird von Anhängern der LGBTI etc. Bewegung boykottiert, weil sie sich über die Formulierung „menstruierende Menschen“ als Bezeichnung für „biologische Frauen“ lustig gemacht hat.

Achtung: Es gibt noch immer keine pfiffige dt. Umschreibung für „Cancel Culture“. Vorschläge?

Um gleich für Klarheit zu sorgen: Ich persönlich halte es für angebracht, dass es keine „Adolf Hitler Realschule“ oder eine Goebbels-Allee oder Heinrich Himmler Seniorenheim gibt. Gleiches gälte für Stalin, Osama bin Laden, Pol Pot, Mao, Saddam Hussein usw. also Namensstifter. Das waren aber richtige Verbrecher. Aber jeden, der irgendwie eine Sünde (notabene nach heutigen Maßstäben) begangen hat, gleich aus dem Gedächtnis löschen zu wollen…? Das würde…das Ende der Geschichte bedeuten! He! Kein schlechter Titel für ein Buch! Nebenbei: Mit gleichem Eifer hat die frühe Kirche die Errungenschaften der römischen und griechischen Antike dem Erdboden gleichgemacht – oder der ISIS und die Taliban bezüglich der Zeugnisse der Vorgängerkulturen…

Doch halt! Jetzt steig ich gleich von meiner Kanzel herab. Denn schließlich bin ich Sprachennarr und kein Pamphleten Schreiber. Mich interessiert vielmehr das Wort „cancel“ selbst. Ja, es ist Englisch, doch im ganzen annum Coronae I benutzen es eifrig und dankend jede Menge dt. Feuilletonisten und Medienfritzinnen.

By the way: Ist Ihnen was aufgefallen? Ich meine: Im vorigen Absatz habe ich das Wort „Kanzel“ und dann ein paar Sätze weiter „cancel“ geschrieben. Kann es sein, dass diese zwei Vokabeln verwandt sind?

Die Antwort lautet natürlich ja! Was eine „Kanzel“ ist, weiß jeder. Da oben steht ein Pfarrer und dröhnte eine Sonntagsrede ins gelangweilte Publikum hinein. Was Sie wahrscheinlich nicht wissen: Ursprünglich stand dieses Lesepult vor der eigentlichen „Kanzel“.

„Kanzel“ nannte man nämlich das Gitter, das in einer Kirche den Chorraum vom Mittelschiff trennte. An dieser Stelle hat man dann ein Lesepult errichtet. Im Lauf der Zeit, dem Gesetz der Sprechfaulheit folgend, bezeichneten die Leute das Pult selbst als „Kanzel“. Ein ganz normaler sprachlicher Vorgang.

Und dann gab es auch den „Kanzler“ (und heute die Kanzlerin). Dieser Kanzler war der Vorsteher einer „Kanzlei“, will sagen, einer Behörde, die – durch ein Gitter – vom Gerichtshof getrennt wurde.

Nochmals von Vorne: Die „Kanzel“ war einst lediglich ein Gitter.

Und jetzt Szenenwechsel nach England. Dort in der „chancellery“ schrieb der „chancellor“. (Das „ch“ haben die Engländer von den Franzosen übernommen). Manchmal machte der „chancellor“ einen Schreibfehler. Da er nicht einfach löschen oder mit Radiergummi wegmachen konnte, kritzelte er das falsche Wort mit einem gitterförmigen Muster durch. Das nannten die Engländer „to cancel“, also „mit einem Gitter versehen“.

Alles klar? Wir sind allerdings noch nicht ganz mit unserem Latein fertig. Dieses Wort „Kanzel“ leitet sich nämlich von einem lateinischen Wort „cancelli“ ab, das logischerweise „Gitter“ bedeutete. „Cancelli“ wiederum ist eine Verkleinerung des lat. „cancer“ (sprich „kan-ker“)…nein hat nix mit „Krebs“ zu tun.

Dieses „cancer“ ist eine spätlateinische Verballhornung einer lat. Vokabel „carcer“, „Gefängnis.“ Ja, von daher das deutsche „Kerker“.

Und jetzt wissen Sie es: Die „Cancel Culture“ ist irgendwie die Einkerkerung der Geschichte (und der Kultur) im Namen eines ideologischen Denkens!

Frohes Fest!

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