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Eine kurze Anleitung zum Orgasmus

Wieso über „Orgasmen“ (Einzahl: „Orgasmus“) schreiben? Weil ich auf Spiegel-Online (auch „SPON“ genannt) auf etwas zu diesem Thema gestoßen bin. Genauer gesagt, auf eine Überschrift zu einem „Bento“-Artikel. „Bento“ ist der Name des SPON „Jugend“-Magazins. Warum es Bento“ heißt, weiß ich nicht.

Bento Themen zielen auf ein junges Publikum. Es sind Themenbereiche, wie zum Beispiel Sex, Sexualität, sexuelle Orientierung und sexuelle Ab- und Zuneigungen – wie einst bei „Bravo“. Mit dem Unterschied: Das Bento-Publikum dürfte zehn bis zwanzig Jahre älter als das frühere „Bravo“-Publikum.

Offensichtlich ist die Jugendzeit in die Verlängerung gegangen.

Aber zurück zu den Orgasmen. Die Bento-Überschrift, von der hier die Rede ist, lautete: „Warum Gleichberechtigung beim Orgasmus anfängt?“

Sicherlich eine gute Frage. Leider bin ich auf diesem Gebiet kein Experte. Ich nehme aber an, dass sich Bento einen bzw. eine (oder mehrere) gefunden hat, um dieser spannenden Frage auf den Grund zu gehen. Näheres kann ich nicht berichten. Ich habe besagten Artikel nicht gelesen.

Dennoch wurde mir die Überschrift zum Anlass, übers Wort „Orgasmus“ nachzudenken. Und deshalb hab ich mir eine ganz andere Frage gestellt: Seit wann gibt es den „Orgasmus“?

Notabene: Ich frage nicht, seit wann der Mensch (gemeint sind beide GeschlechterInnen) jene körperlichen Wonnezuckungen erleben, die wir „Orgasmus“ nennen. Es geht nur ums Wort.

Die Antwort auf meine Frage wird Sie überraschen. Fakt ist: Es gibt den „Orgasmus“ erst seit dem 18. Jahrhundert. Ja, ich weiß, was Sie denken. Sie möchten wissen, wie man diese Sache vor dem 18. Jh nannte.

Auch diese Antwort wird Sie bestimmt überraschen. Sie lautet: Vielleicht hatte sie gar keinen Namen (zumindest keinen in der Literatur).

Wenn es, z.B., um den Orgasmus im „Alleingang“ (Sie wissen, was ich meine) handelte, wurde dies ganz einfach als „Besudelung“ oder „Selbstbefleckung“ verunglimpft. Die Bibelkundigen sagten lieber „Onanismus“ – auch da keine Spur von einem wonnigen Gefühl. Beim Terminus „Selbstbefriedigung“ war die Betonung stets auf das „selbst“. Fazit: Man findet wenig Freude in diesen Terminen. Was Frauen auf diesem Gebiet verübten, wurde (zumindest schriftlich) gar nicht beachtet.

Wenn – zumindest vor dem 18. Jh. – zwei Menschen (sprich: je einer von den zwei traditionellen Geschlechtern) miteinander dergestalt involviert waren, diente (wenn überhaupt davon die Rede war) eine blumige Umschreibung, etwa „Brandungen“ oder „Regungsgewitter“, um die Fakten zu verschleiern. Hier lehn ich mich allerdings ein bisschen aus dem Fenster. Denn letztendlich hab ich die Sache nicht so ganz doktorarbeitmäßig recherchiert, und ohnehin hab ich keine Pornographie aus dieser frühen Zeit gelesen. Nein, stimmt nicht. Als Teenager hab ich mal „Fanny Hill“ eifrig verschlungen. Es war in der Tat eine sehr scharfe Lektüre. Leider hab ich vergessen, wie der Autor, John Cleland, den „Höhepunkt“ schilderte. Gleiches gilt für Cassanova. Bin trotzdem überzeugt, dass die weibliche Wonne, wenn überhaupt angedeutet, eine unterordnete Rolle spielte.

Eins steht jedoch fest. Keiner Graf Porno hat den Begriff „Orgasmus“ gebraucht. Wäre ohnehin unmöglich. Denn der „Orgasmus“ ist eine Erfindung der anfänglichen Jahre des 18. Jh und tauchte vorerst ausschließlich in französischen medizinischen Kreisen auf. Das Wort sollte dem allgemein bekannten, oben beschriebenen Vorgang eine gewisse Würde verleihen.

Die Doctores ließen sich vom altgriechischen „orge“ inspirieren, das „Temperament, „Wut“, und auch „Leidenschaft“ bedeutet, was noch immer weit von jeglichem wonnigen Höhepunkt steht. Näher ist das altgriechische Verb, „orgán“, das im Sinne von „anschwellen“ und „aufgegeilt werden“ im Lande Platons in Gebrauch war. Daraus schufen die Doctores das Wort „orgasmus“ und verendeten es in neulateinisch verfassten medizinischen Handbüchern.

Die Deutschen übrigens mussten bis zum 20. Jh warten, bis sie in den Genuss dieser Vokabel kamen. Die Amerikaner und die Engländer kamen schneller zur Sache.

Inzwischen haben alle Orgasmen – vielleicht auf der ganzen Welt. Allmählich hat sich die Sache ziemlich rumgesprochen. Und jetzt erfährt man, zumindest Bento zufolge, dass dieser Orgasmus nunmehr einen wichtigen Schritt in Richtung Gleichberechtigung gegangen ist.

P.S. „Orgasmus“ hat mit „Orgie“ nichts zu tun. Doch das ist ein ganz anderes Thema.

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