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Sneaker oder Sneakers?

Freund M. schlenderte letzte Woche an einem Modegeschäft irgendwo im Münchner Schwabing vorbei. Nicht ganz vorbei. Denn es stand eine schier endlose Schlange maskierter Menschen, die auf Einlass ins Geschäft warteten. M. wurde neugierig.

Da er weder schüchtern noch auf den Mund gefallen ist, fragte er einen Anstehenden höflich, worum es hier ging.

„Die neuen Sneaker von [Piiiip!! Piiiip!! Notabene: Keine Schleichwerbung beim Sprachbloggeur! Wir bleiben selbstständig und frei!] sind eingetroffen“, antwortete der Befragte, ein Mann, der – so hab ich’s verstanden – zwischen 25 und 30 war.

„Man steht an, um Sneaker zu kaufen? Sind sie so besonders?“ fragte M.

„Es handelt sich um eine limitierte Edition der Firma [Piiip!!]“, erklärte der maskierte Kunde.

„Darf ich fragen, was diese Sneaker kosten?“

„220 Euro.“

„Im Ernst?“

„Klar.“

Am nächsten Tag rief mich M. an: „Du. Ich hätte für dich ein Thema für dein Bloggeur-Dings.“ Dann erzählte er mir obige Geschichte. Nicht nur. Er hatte die Sache noch ausführlicher recherchiert.

„Stell dir vor“, sagte er. „Manche dieser Sneaker können bis über 400 Euro kosten!“

Ich gebe zu. Das habe ich nicht gewusst.

„Nix aber für mich“, setzte er fort. „Ich mag lieber die schlichten Sneaker, weißt du, im klassischen Stil. Diese teuren – du sollst dir die Bilder anschauen – sind so klobig, so als würdest du die Schuhkartons anziehen. Potthässlich, wenn du mich fragst.“

„Ich besitze keine Sneaker“, antwortete ich. „Und du?“

„Nein, eigentlich nicht. Aber es wäre ein tolles Geschäft. Vor allem zu Corona-Zeit. Zum Beispiel für arbeitslos gewordene Künstler und Hoteliers…“

„…Du meinst: Sie könnten Sneaker verkaufen?“

„Ich sehe. Du verstehst von der Sache nichts. Man kann da Millionen verdienen. Schau, ich habe gelesen, dass die meisten Sneaker in Asien hergestellt werden…aber dann…dann werden sie nach Asien re-importiert und als europäische Modeartikel nochmals verkauft! Und dazu noch teurer! Ich sage Dir…Millionen könnte man verdienen! Außerdem kann man Sneaker nicht nur anziehen oder verkaufen. Man kann sie auch sammeln!“

„Wie sammeln?“

„Ja, du kaufst dir verschiedene Sorten, und bald kannst du ein Museum öffnen. Ich schwöre: Die Leute würden Geld ausgeben noch und nöcher, bloß um seltene Auflagen zu begaffen.“

„Was ist, wenn die Leute dann das Interesse verlieren? In den USA vor 30 Jahren gab es diese mit Linsen oder so was gefüllten Kleintiere – sie hießen ‚Beanie Babies‘ und waren damals der letzte Schrei. Manche wurden nur in kleinen Zahlen produziert und erzielten Preise von über tausend Dollar (heute wären das zweitausend oder noch mehr). Und dann eines Tages: Paff! Der Zauber war weg. Die zu produzieren, kostete übrigens nur ein paar Cents; und plötzlich hatten sie wieder einen Wert von nur ein paar Cents. Könnte auch mit Sneakern passieren…“

„Mag sein, deswegen jetzt einsteigen und schnell wiederverkaufen“, sagte M. „Sonst könnte es werden wie die Tulpenmanie in den Niederlanden im 17. Jh..“

„Eben…“

„Oder vielleicht doch nicht…“

Liebe Sneaker-Fans. Ich werde dieses Gespräch jetzt abbrechen. Das Wichtigste wurde ohnehin schon gesagt, und bisher hatte all dies nix mit Sprache zu tun. Diesen Missstand werde ich nun richten. Schließlich bin ich ein Sprachbloggeur.

Fakt ist: Während des ganzen Gesprächs rebellierte mein englischsprachiges Ohr gegen das Wort „Sneaker“ im Sinne von ein Paar „Turnschuhe“.
Denn für mich klingt das Wort „Sneaker“ wie die Hälfte eines Paars“. Sneaker“ ist auf Englisch ein Singular. Nur auf Deutsch wird es als Mehrzahl gebraucht, was in Ordnung ist – im Deutschen. Man sagt: „ein Läufer“ und „zwei Läufer“. Nein, das ist kein gutes Beispiel. Heute hieße es zwei „LäuferInnen“. Bei „Räuber“ wirkt das Beispiel besser: „ein Räuber“, „zwei Räuber“. Für mein Ohr aber muss dieses Schuhwerk – wie auf Englisch – in der Mehrzahl „die Sneakers“ heißen. Sonst fehlt etwas Sinngebendes: wie eine Butterbreze ohne die Butter.

Nebenbei: Ich weiß nicht, warum diese Fußbedeckung „Sneaker“ (bzw. „Sneakers“) heißen. Denn „to sneak“ bedeutet auf Englisch „schleichen“. Mit Sneakern schleicht man aber nicht – erst recht nicht, wenn sie so klobig sind. In meiner Kindheit sagte man, dass du mit Sneakers schneller rennen könntest als mit normalen Schuhen, was wahrscheinlich auch gestimmt hat. Lederschuhe waren nämlich viel schwerer als Sneakers. Nebenbei: Können Sie sich erinnern, als die Sneaker in Deutschland „Sportschuhe“ und „Turnschuhe“ hießen?

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe nix gegen die neue Mode. Was ich hier schreibe, ist eigentlich nur ein Plädoyer für den Gebrauch des Wortes „Sneakers“ auch in der dt. Sprache. Ist das zu viel verlangt? Ich hoffe, ich habe Sie beeinflusst.

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