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Ausführliches übers „Social Distancing“

Sie wollten schon immer wissen, was das „Social Distancing“ für eine Bewandtnis hat? Dann sind Sie hier richtig!

Seit ein paar Monaten ist dieser fremde Begriff urplötzlich in aller Mund. Wer den Supermarkt oder die Bäckerei betritt, kennt schon die Regeln: Abstand halten und zwar deshalb, um die Kurve abzuflachen („flatten the curve“) – ein Konzept übrigens aus der Gauss’schen Mathematik.

Man steht an der Kasse 1,5 bis 2 Meter vom Nachbar entfernt. In den Gängen, dort also, wo eine Zeitlang das Toilettenpapier gänzlich verschwunden war, macht man tunlichst einen Bogen um die Miteinkaufenden, damit bloß keine opportunistischen Viren den mikroskopischen Salto mortale probieren, um sich in Ihre Schleimhäute einzuverleiben.

Auf der Straße geht es ähnlich vonstatten. Begegnet man zufällig Bekannten, hält man besagten Abstand. Trifft man den Nachbar am Lift, steigt jeder getrennt ein. Dafür aber muss der Zweite den exhalierten Atem des ersten inhalieren. Prost Neujahr! Aber am Schluss ist man endlich im eigenen coronafreien vier Wänden.

Dieses Abstandhalten bezeichnet man in der Fachsprache als „Social distancing“. Zugegeben ein Wortungeheuer – auch für einen Englischmuttersprachler wie mich. „Abstandhalten“ klingt allemal schöner, knapper…und deutscher? Upps! Nein, ich bin weder Deutschnationalist noch Nazi. Ich habe nicht einmal einen deutschen Pass! Manche sagen auf Deutsch „Sicherheitsabstand“. Auch keine Schönheit aber praktisch.

Aber zurück zu „Social distancing“. Notabene: keine soziale Distanzierung. „Social“ hat mit dem dt. „sozial“ nix zu tun – auch nicht mit „Sozialismus“. Schließlich stammt der Begriff aus Amerika, wo das Wort „Sozialismus“ unter Ausgangssperre steht. „Gesellschaftlich“ wäre eine mögliche Übersetzung, oder vielleicht „gemeinschaftlich“. „Distancing“ hingegen ist ein sog. „Gerund“, ein Nomen, der vom Partizip präsent gebildet wird. „Social distancing“ ist also das „Abstandhalten, wenn man in der Gesellschaft anderer ist“. Letztendlich lässt sich so ein Begriff nicht eins zu eins übersetzen. Manche native speaker sagen lieber „physical distancing“, was eigentlich verständlicher ist.

Nebenbei: Dieser Begriff wurde zum ersten Mal 2003 schriftlich belegt. Es ist also reines Neuenglisch, auch wenn die Idee, die dahinter steckt, uralt ist. Seit der Antike haben Menschen in Zeiten einer Seuche es für ratsam gehalten, einen gewissen Abstand zum Nächsten einzuhalten. Die Vorstellung einer Herdenimmunität hingegen (s. meinen Beitrag von der vorigen Woche) scheint eine Erfindung neuzeitlicher Schlaumeier zu sein. Wenn ich mich entsinne, haben Leprakranke im Mittelalter Glocken getragen.

Höchstwahrscheinlich wurde der Begriff des „Social distancing“ aus der Soziologie entlehnt. Dort geistert seit langem (ich weiß aber nicht, wie lang) der ähnlich klingender Begriff des „Social distance“ herum, womit Soziologen den körperlichen Abstand meinen, den man in einer jeweiligen Kultur gewöhnlicherweise (bzw. gezwungenermaßen) zum Nächsten einhält. Skandinavier und Engländer – und Amerikaner – kommen sich einander nicht so ganz nahe (ohne Beklemmungen zu verspüren) als etwa Franzosen, Italiener oder Araber. Notabene: Obiges bezieht sich auf Männer untereinander. Frauen unterliegen in verschiedenen Kulturen andere Regeln.

Wie dem auch sei. „Social distancing“ sollte man mit „social distance” nicht verwecheln.

Übrigens: Während der Ebolaseuche 1995 haben französische Mediziner den Begriff „cordon sanitaire“ verwendet, um den nötigen hygienischen zwischenmenschlichen Abstand zu verdeutlichen. Geht auch.

Nun wissen auch Sie ziemlich alles, was ich zu diesem Thema weiß. Fühlen Sie sich frei, diese Fakten und Faktoiden, wenn Sie das nächste Mal zu einer Corona-Partei eingeladen werden, weiter zu geben – egal ob mit oder ohne einen Hinweis auf den Urheber. Manchmal will man sich besonders schlau in Szene setzen, indem man eine Quelle nicht zitiert.

Wer noch immer gierig nach Fakten hungert, gebe ich Folgendes als Beigabe hinzu: die mathematische Formel, die veranschaulicht, wie man die Kettenwirkung des Nichteinhaltens des „Social distancing“ errechnet:

R= [1- (1-a²)f]Ro

Mein Tipp: Bleiben Sie brav auf Distanz!

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