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Grausame Geschichten, die man jeden Tag lesen kann

Schade. Ich hab Baschar al-Assad um ein Interview gebeten. Er hat es nicht einmal für nötig gehalten, auf meine Bitte zu antworten. Freundin I. meint, das sei schon wieder ein Beispiel der verrohten Manieren unserer Zeit.

„Jeder ist mit sich beschäftigt“, sagt sie, „und jeder hält sich für den Mittelpunkt der Schöpfung. Die Leute benehmen sich wie die Säuglinge…ohne allerdings niedlich zu sein!“ Sie lacht.

Ich bin zwar kein Psychologe. Aber vielleicht ist was dran. Wie die Säuglinge. Das gilt auch für diverse Wichtigtuer aus allerlei Branchen: zum Beispiel, wenn man Probleme mit dem Handy oder Festnetz hat. Oder man will jemanden bei Google, Facebook etc. erreichen oder möchte mit einem Redakteur oder Verleger sprechen, um die eigene Meinung (oder den eigenen Text) zu vermitteln. Mal landet man bei einer Wichtigtuerin mal wird man behandelt wie Luft.

Wichtigtuer**Innen sind aber nicht mein Thema. Heute geht es lediglich um Verbrecher und diejenigen, die es gerne wären.

Ich hab Baschar al-Assad um ein Interview gebeten, weil ich neugierig war, wie ein Verbrecher seines Kalibers nachts schlafen kann.

Wahrscheinlich hätte er gekontert: „Verbrechen? Welches Verbrechen? Im Gegenteil. Ich habe mir eine große Verantwortung aufgebürdet: meine Heimat vor den wahren Verbrechern und Fanatikern zu retten!“

Ja, das hätte er entgegnen können. Das hätte er entgegnen müssen, und wahrscheinlich deshalb schläft er so gut.

Auch andere dieser Sorte würde ich gern interviewen. Zum Beispiel die Narcotraficantes, die neulich in Nordmexiko ein Autokorso (drei Wagen) voll mit Frauen und Kindern angegriffen hatten. Ihre Opfer waren Mitglieder einer mormonischen Sekte, die sich vor Generationen nach Mexiko abgesetzt hatten, weil sie noch an der Vielehe glauben. Vielehe bedeutet, dass ein Mann mehrere Frauen haben darf…nicht umgekehrt. Sorry girls.

Ja, diese Narcotraficantes haben aus reinem Blutgelüst gemordet. Ein paar Kinder konnten sich verstecken oder haben sich schnell – und instinktiv – aus dem Staub gemacht.

Wäre wirklich interessant zu wissen – in einem Interview, meine ich – was diese Mörder dabei dachten und ob auch sie, nach so einem grausamen Verbrechen nachts noch ruhig schlafen können.

Assad kann sich als Patriot rechtfertigen, aber die Narcotraficantes?

Oder noch ein Beispiel: die zwei Banditen, über die ich neulich in einem Bericht aus dem Zweiten Weltkrieg (inzwischen liegt dieser Krieg weit in der Vergangenheit zurück) gelesen habe. Zwei Frauen, eine Mutter und ihre erwachsene Tochter, sind auf der Flucht und gehen durch einen Wald im besetzten Polen. In der Ferne erblicken sie zwei Männer mit Stöcken. Nein, ausnahmsweise keine Deutsche, und nein: hier folgt keine Horrorvergewaltigung. Die zwei Männer treten an die Frauen heran, den Blick auf die rechte Hand der älteren Frau, die eine Tasche trägt, fixiert.

Nun drischt einer (oder waren es beide?) mit Stock solange gegen die Hand, bzw. das Handgelenk der älteren Frau, bis sie ihre Tasche fallen lässt. Seelenruhig schnappen die Unholden die Tasche und entfernen sich wieder.
Wäre interessant gewesen, die Banditen zu interviewen, sie zu fragen, ob sie mit dem Inhalt der Tasche (ich glaube es waren Lebensmittel) zufrieden waren. Oder ob sie gut schlafen.

Vielleicht hätten sie geantwortet: „Was weißt Du? Es war Krieg. Wir hatten Hunger! Was hättest Du an unserer Stelle getan?“

Warum mich heute ausgerechnet dieses Thema beschäftigt, verstehe ich selber nicht. Wahrscheinlich lese ich zu viel Internetnachrichten.

„Was, Herr Sprachbloggeur? Kein Wort heute über Sprache?“ fragt ein Leser.

„Schon“, antworte ich. Heute ging es um die Metasprache. Man redet sie sstets, wenn einem die Worte fehlen.“

Nächste Woche Triviales.

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