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Wortzauber (exotisch exotisch)

Der Comic „Touché“ des Zeichners „Tom“ (geb. Thomas Körner) erscheint in verschiedenen Zeitungen. Ich kenne ihn aus der Münchner AZ.

Toms Spezialität: knollennasige, nicht gerade hübsche Menschen in Szene zu setzen. Mal die heilsarmeeartigen Damen, die mit der Zeitschrift „Hanni und Nanni“ hausieren gehen. Mal der gefährliche Junge, der für sein Leben Sandschlösser baut. Wer ihn daran hindert, o je. Mal der Teufel und sein Handlanger, Schulz, die die Frischverdammten willkommen heißen. Mal das kleine Großmaul in der Badeanstalt, der Schiss vor der Nässe hat aber ständig über diejenigen, die vom Zehnmeterbrett runterspringen, lästert. Und letztlich die alte Dame auf der Post, die endlos lang auf ihre Briefmarken wartet, weil der Postbeamte (gibt es ihn noch?) nur faulenzt.

Diese Omi, wenn sie endlich dran ist, sagt oft: „Eine Einmarkmarke“.

Nebenbei: Manche jungen Leute wissen nicht mehr, was eine Mark ist. Hab neulich gelesen, dass nur 15% der 12 bis 18jährigen eine Ahnung haben, was ein Fax ist, und nur etwa 50% verstehen, was ein Telefon mit Wahlscheibe für eine Bewandtnis hat. Der Pager ist so gut wie unbekannt.

Max Wey, Sprachkolumnist in der Schweizer Weltwoche, meint, dass „keine müde Mark“ allmählich zu „kein müder Euro“ mutiert und dass der „Pfennigfuchser“ peu à peu zum „Centfuchser“ wird. Übrigens: 1998 hat ein Journalist in der „Welt“ behauptet: „Der Pfennigfuchser dürfe sich kaum in einen Centfuchser verwandeln…“ Ha! Falscher Prophet.

Aber zurück zu „eine Einmarkmarke“. Ich habe dieses Beispiel des Wortzaubers Toms stets bewundert. Schöne Sprachtrickserei oder?

Und dann hatte ich letzte Woche selbst einen Einfall in dieser Richtung: ein Äquivalent mit zwei! Nämlich: „zwei Zweifelsfälle“. Sie hören es erst richtig, wenn Sie die Worte langsam sprechen.

Und dann fiel mir spontan „vier Viertelteller“ ein. Man sage es bitte gemächlich, so dass es über die Zunge rollt.

Zu „drei“ fällt mir leider noch immer nix ein.

Warum erzähle ich all dies?

Es geht wirklich ums Wortzauber. Haben Sie gewusst, dass Worte mehr sind als bloße Werkzeuge, die man benutzt, um Tagtägliches mitzuteilen? Worte können noch viel mehr! Im Ernst!

Beispiel Inder. In ihrer Religion kennt man die „Mantras“. Das sind Sprachfloskel, die man so lange runterleiert, bis der wörtliche Sinn unwichtig wird. Das mit dem Rosenkranzgebet ist ähnlich. Mittel für die Meditation sind das.

Eigentlich komme ich heute auf dieses Thema, weil ich neulich auf ein kurzes Gedicht in ungarischer Sprache gestoßen bin, das auf mich wie wirkliche Wortzauberei wirkte. Ich hab es in einem alten ungarischen Märchen über eine Prinzessin entdeckt, die von ihren Schwestern im Wald umgebracht wird, weil sie fleißiger Erdbeeren gesammelt hatte als ihre faulenzenden Schwestern. Die Schwestern verscharren die Leiche im Wald, und da wächst an der Stelle ein Ahorn. Eines Tages erspäht ein Schäfer den Baum und schneidet sich ein Ast ab, um eine Flöte zu machen. Dann bläst er in seine angefertigte Flöte und hört Folgendes:

Fújjad, fújjad, juhászlegény!
Én is voltam királylányka,
Királylányból jávorfácska,
Jávorfából furulyácska.

Lesen Sie obige Zeilen laut vor sich – auch wenn Sie kein Ungarisch verstehen. Hier etwas Ausprachhilfe: Hat ein Vokal einen Akzent ist er lang. „ny“ ist auf Deutsch „nj“. „ly“ ist auf Deutsch „j“, „sz“ ist „scharfes Ess“, „cs“ ein „tsch“, „s“ ein „sch“, „v“ ein „w“.

Hier auch eine Übersetzung des Textes:
„Blas, blas, junger Schäfer,
auch ich war ein Königsmädchen;
von Königsmädchen zu Ahörnchen,
von Ahorn zu Flötchen.“

Wortzauber, oder?

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