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Grenzenlose Affenliebe: Beispiel Toto und Frau Hoyt

Kennen Sie die Geschichte von Toto dem Gorillababy? Wahrscheinlich nicht, es sei denn, Sie haben mein Buch „Kaspar Hausers Geschwister – auf der Suche nach dem wilden Menschen“ (Franz Steiner Verlag 2018) gelesen. Ach du Heiliger! Schleichwerbung in eigener Sache! Soll man verbieten.

Toto war ein putziges Gorillakind, genauer gesagt, Gorillamädchen. …Hat man eine Möglichkeit in der deutschen Sprache junge Primaten nach Geschlecht – ich meine nach dem Vorbild Mädchen und Bube – zu differenzieren? Ich kenne keine Entsprechung.

1932 wurde Toto von einer betuchten Dame namens Maria Hoyt in Pflege genommen. Ich glaube, es war in New York, damals eine wunderschöne Stadt, auch architektonisch.

Toto war ein kluges Affenkindchen und verstand es sehr schnell, sich auch Menschengepflogenheiten anzueignen. War es ihr kalt, zog sie sich einen Pullover und Strümpfe an. Und sie hat im Hoyt’schen Haushalt alles gegessen, was ihr serviert wurde – was bei Menschenkindern nicht immer der Fall ist.

Darunter gab‘s Steak, Huhn und sogar Bohnensuppe. Keine übliche Kost für Gorilla*Innen. Zur Erinnerung: Dies war die Zeit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Vielen Menschen - auch in den USA – ging es mit Abstand nicht so gut wie Toto.

Im Übrigen wurde Toto schnell stubenrein. Wahrscheinlich viel eher als die meisten Menschenkinder. Denn Primaten kapieren die Welt (mit Ausnahme der Menschen) sehr früh. Sie müssen das.

Eines lernte Toto allerdings nicht: zu sprechen wie ein Mensch. Sowieso unmöglich. Die Affenhard- und Software unterscheidet sich erheblich von der unseren. Soweit ich weiß, hat es Mrs. Hoyt gar nicht interessiert, ob Toto reden lernt oder nicht. Dieses Experiment machte erst Penny Patterson in den 1970er Jahren mit der Gorilladame Koko, die jüngst mit über 40 Jahren gestorben ist. Koko konnte zwar nicht im üblichen Sinn sprechen. Ihr wurde eine Art Zeichensprache beigebracht. Manche behaupten, sie hat mehr als 1000 Sprachbegriffe verstanden und gebraucht. Ich bleibe da etwas skeptisch.

Frau Hoyt war ohnehin keine Forscherin. Sie hat ihre Toto einfach geliebt.

Die gescheite Toto war noch klein und knuddelig, als sie lernte, wie man Steine und Stöcke in Waffen umfunktioniert. Das klingt hingegen sehr menschlich. Wir Menschen meinen allerdings, dass sich eine solche Charaktereigenschaft häufiger bei Menschenknaben als bei Menschenmädchen vorkommt. Gorillas sind wohl diesbezüglich etwas egalitärer.

Die Jahre vergingen, und Toto wurde immer größer und kräftiger. Und dann begann sie es mit dem Kräftemessen – ähnlich heranwachsenden Menschen, könnte man sagen. Ist ja letztendlich normal und gesund: ein Zeichen, dass man*Innen auf ein selbstständiges Leben zielt.

Wie reagierte Frau Hoyt? Eine Zeitlang hat sie ihren Zögling mit einem Stock zur Räson gebracht. Doch irgendwann klappte auch dies nicht mehr. Toto kam in einen Käfig. Obendrein engagierte Frau Hoyt einen Pfleger, der künftig über Toto wachte.

Wenn die junge Gorilladame zu aufmüpfig wurde, drohte dieser mit Elektroschocks, brennenden Fackeln, ja sogar mit lebendigen Schlangen.
Es hat alles nicht genutzt, und schließlich gab Frau Hoyt ihre Toto schweren Herzens an den Ringling-Brothers-Zirkus ab. In diesem Ambiente lernte Toto ihre große Liebe kennen. Er hieß Gargantua. Das Affenpärchen wurde ein beliebtes Duo beim Zirkus.

Ende der Story?

Aber nein. Frau Hoyt litt unterdessen Jahre lang an Gewissensbissen, weil sie ihre Tierfreundin so herzlos verstoßen hatte. 1956 – da war Toto bereits ca. 34 Jahre alt – kaufte die betagte Dame ihre Toto vom Zirkus ab. Das letzte Lebenszeichen, das ich über diese einzigartige Liebesgeschichte herausfinden konnte, stammt aus dem Jahr 1964. Frauchen und Äffchen lebten in New York zusammen in häuslicher Harmonie. Und wenn sie nicht gestorben sind…

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